Bandsalat: Flash Forward, Grow Grow, Jx Arket, Racquet Club, Rainer Maria, Terry Green, The Unfinished Sympathy, Yumi

Flash Forward – „Revolt“ (Uncle M) [Stream]
Das Motiv des Digipack-Albumcovers könnte einigen von euch schon mal in ähnlicher Form unter die Augen gekommen sein, denn hier wurde das weltberühmte Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrichs ein wenig überarbeitet. Das symbolträchtige Werk wurde durch eine kleine Abwandlung bzw. Beigabe in Form einer roten Fahne erweitert, so dass das Albumcover zu Revolt dadurch einen direkten Aufruf zu sozialem Miteinander ausdrücken soll. Flash Forward waren mir bisher kein Begriff. Aus dem Presseinfo geht hervor, dass die Jungs aus dem Ruhrgebiet im Laufe ihrer seit 2010 andauernden und kräftezehrenden Bandlaufbahn schon einige Rückschläge durchmachen mussten und sich für das neue Album Revolt mit neuer Kraft und einigen Änderungen erneut in den Kampf wagen. Die Wende kam wohl nach der Erkenntnis, dass das im Jahr 2016 erschienene Album Who We Are wohl eher durchwachsen ausfiel. Okay, Revolt hat insgesamt zwölf Songs an Bord und klingt beim ersten Durchlauf eher nach solidem und handwerklich gut gemachten Alternative-Rock. Aber bereits bei der nächsten Hörrunde versteht man die im Pressetext genannten Referenzen wie z.B. Anberlin, Billy Talent oder The Used. Von Produktion, Mastering und den Songarrangements her gibt es eigentlich nichts zu meckern, mir persönlich fehlte zu Beginn beim Gesang etwas der Biss, da würde etwas Dreck sicher ganz gut kommen. Aber das ist ja Geschmacksache. Erstmalig aufhorchen lässt jedenfalls der ohrwurmtaugliche Refrain bei Deadline und auch das ebenfalls ins Ohr gehende und gleich darauf folgende Paralyzed weiß zu überzeugen, da wippt doch gleich das Füßchen mit. Beim Song Perfectionist wird sogar ohne auch nur mit der Wimper zu zucken völlig ungeniert die Boyband-Keule geschwungen. Der Refrain, ich brech ab! So etwas muss man sich erstmal trauen! Nichtsdestotrotz funktioniert das ausgesprochen gut, da es ja auch noch etwas bissigere aber dennoch ins Ohr gehende Songs wie z.B. Payback gibt. Läuft mir nach anfänglicher Skepsis jedenfalls ganz gut rein!


Grow Grow – „Buffet D’Or“ (DIY) [Stream]
Aaaargghhh, auf diese Band hier bin ich leider erst vor einiger Zeit beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Spät ist dennoch besser als nie. Warum ist mir kein einziges Review von Buffet D’Or in den einschlägigen Zeitschriften sofort ins Auge gestochen? Wie dem auch sei, der zappelige Sound des Trios aus Berlin schafft das problemlos innerhalb weniger Sekunden und dockt direkt ans Ohr an. Das selbstreleaste Debutalbum haut mich direkt beim ersten Durchlauf von den Socken und lässt mich bis zum letzten Ton aufmerksam an den Lautsprechern kleben! Unglaublich viel pulsierende Energie, Wahnsinn! Die Jungs sind wirklich bereits seit 2009 unterwegs, drei EP’s gibt es mittlerweile auch schon. Ähnlich wie der Köter auf dem Albumcover verbeiße ich mich gierig in den unbequemen, vertrackten Post-Hardcore, der mit massig Noise, Hardcore, Punk, Math-Rock und Screamo-Elementen und sogar Post-Rock-Klängen ausgestattet ist und dabei auch noch äußerst emotional und intensiv aus den Lautsprechern kriecht. Auch wenn in deutscher Sprache gesungen wird, die Vorbilder dürften allesamt im 90’s-Dischord-Umfeld zu finden sein. Die Band selbst gibt zu, dass sie gern mit Bands wie Jesus Lizard, Shellac, Ten Volt Shock, At the Drive-in, den Dead Kennedys oder Fugazi verglichen werden. Das ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch ist das hier mehr als eine Kopie dieser Bands. Man spürt direkt die unbändige Energie, dazu setzen die intelligenten Texte noch eins drauf. Polternder Bass, schepperndes Schlagzeug, messerscharfe Gitarren, aufwühlendes Geschrei, manchmal sogar im Doppel. Diese Textzeile aus dem Song Kirche, Staat und Grenzen spiegelt eigentlich die Wucht dieses Albums ganz gut wider: Ich spuck Gift und Galle, hab Schaum vor dem Mund, hier riecht’s nach Ärger, hier kommt die Wut. Boah, ich bin sowas von begeistert!


Jx Arket – „Meet Me Abroad“ (Entes Anomicos u.a.) [Stream]
Diese Band aus Italien hat sich erst letztes Jahr gegründet, daher ist es erstaunlich, dass die Jungs gleich auf Albumlänge debutieren und dem momentanen Standard der zahlreichen EP’s cool den Rücken zuwenden. Zudem wurde die Bandgründung weder im Knast noch nach einem Aufeinandertreffen nach einem ausschweifenden Abend in der Ausnüchterungszelle beschlossen. In Italien geschehen Bandgründungen ganz klassisch: man trifft sich, während man z.B. in Turin auf einem öffentlichen Platz sitzt und sich ’nen Lappen (salopp für Pizza) gönnt. Da gleiten die fettigen Finger nach dem obligatorischen Pizzagelage viel schneller als sonst übers Griffbrett. Wenn ihr jetzt an so Zeugs wie Negazione, Raw Power, Upset Noise oder Kina denkt, dann vergesst das schnell wieder, denn Jx Arket klingen eher amerikanisch, denn auch in Turin scheint der Sound von Bands wie Touche Amore, La Dispute oder Defeater angekommen zu sein, At The Drive-In und die Get Up Kids scheinen ebenfalls Spuren hinterlassen zu haben. Die Mischung aus Melodic Hardcore, Screamo, Post-Hardcore, Punk und etwas Metalcore knallt jedenfalls ganz gut. Wenn ihr euch ein klitzekleines erstes Bild von den Italienern machen wollt, dann hört euch einfach mal das vielschichtige Fragments an. Bei diesem Song ist alles drin: Tempo, Härte, Gefrickel, Emotion, Melodie. Danach dürfte es euch ziemlich leicht fallen, auch die restlichen Songs von Meet Me Abroad  schnell mal zu verschlingen.


Racquet Club – „Selftitled“ (Rise Records) [Stream]
Du drückst auf Play und fühlst Dich sofort wieder ähnlich geborgen wie damals Mitte der Neunziger, als Du völlig fasziniert der Stimme von Blair Shehan gelauscht hast. Selbst heute, Jahrzehnte später, hält diese Bewunderung kontinuierlich an. Knapsack und The Jealous Sound waren mit ihren zeitlosen Songs in all den Jahren pausenlose Wegbegleiter. Umso erfreulicher, dass sich alte Helden wie eben Blair Shehan, Sergie Loobkoff, Bob Penn und Ian Smith zusammengefunden haben, um mit der Band Racquet Club durch unbeschwertes Songwriting neue zeitlose Songs zu kreieren. Aber Vorsicht: die Songs lassen nicht gleich auf den ersten Höreindruck diese unbändige Durchschlagskraft von einst durchsickern und scheinen eher monoton vor sich hinzuplätschern. Etwas Geduld ist aber hilfreich, denn wer hartnäckig dran bleibt und dem Album ein paar Durchläufe gönnt, der wird entdecken, dass unter der Oberfläche verborgen ein kleiner Schatz schlummert.


Rainer Maria – „Selftitled“ (Polyvinyl) [Stream]
Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die einst liebgewonnene 90er-Midwest-Emo-Band Rainer Maria ihr letztes Release veröffentlicht hat. Und dieses Comeback wäre mir fast durch die Lappen gegangen. Puh, nochmal Glück gehabt! Nun, die Band aus Wisconsin ist zwischenzeitlich nach Brooklyn übergesiedelt. Für das mittlerweile sechste Album hat sich das Trio in der Original-Besetzung wiedergefunden, mit dem kleinen Unterschied, dass Gitarrist Kyle Fischer in der Zwischenzeit sein Coming-Out als Transgender hatte und nun Kaia heißt. Ansonsten ist bei der Band alles beim Alten, die Songs klingen exakt so, als ob die Band immer noch in den Neunzigern stehen geblieben wäre. Bevor ihr das jetzt als gescheiterte Weiterentwicklung wertet: das ist es nicht. Vielmehr überzeugen die Songs durch vielschichtiges Songwriting, treibende, fast hypnotische Beats und natürlich durch fast verborgene Melodien, die erst nach ein paar Durchläufen an die Oberfläche gespült werden. Dabei sind genügend Ecken und Kanten vorhanden, die neun Songs klingen rau und frisch zugleich. Diese neuen Songs werden alten Fans das Herz wärmen, neu hinzugekommene Fans können sich mit der aktuell entdeckten Band auf einen umfangreichen Backkatalog freuen. Rainer Maria ist mit diesem Album sozusagen eine Win-Win-Situation gelungen!


Terry Green – „Selftitled“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Um eine dieser 12inches zu ergattern, müsst ihr schnell sein. Denn zilpzalp records ist das einzige Label in Deutschland, bei dem das Release erscheint, zudem ist wohl nur noch eine begrenzte Stückzahl vorhanden. Terry Green kommen aus Ontario/Kanada und nach einer EP und einem Split-Tape steht nun das selbstbetitelte Debut bereit. Schön jedenfalls, dass es kleine DIY-Labels gibt, die ihre sauer verdiente Kohle in die Veröffentlichungen von hierzulande noch völlig unbekannten Bands steckt. Und im Falle von Terry Green, die ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatte, lerne ich mal wieder eine tolle neue Band kennen, deren Schaffen ich ab nun an verfolge. Denn die sechs schlicht mit römischen Zahlen betitelten Songs hauen mich bereits nach dem ersten Durchlauf aus den Latschen. Die vier Jungs machen eine mitreißende Melange aus Screamo, Post-Hardcore, Emo und Hardcore, dabei gibt es immer wieder Passagen, die zum Träumen einladen. So eine Musik hat das Zeug dazu, die in den Bann gezogenen Hörer völlig gefangen zu nehmen. Die sehr persönlichen Lyrics passen zu solch emotionaler Musik natürlich wie die Faust aufs Auge, dementsprechend verzweifelt werden sie über die gefühlvoll gezockten Gitarren drüber geschrien. Ab und an gibt es mehrstimmige Unterstützung der anderen Bandmitglieder im Hintergrund. Das ganze wird durch bedächtige Passagen oder frickelige Gitarren, gegenspielenden Basslines und arhythmisches Drumming aufgelockert, so dass der anschließende Verzweiflungsausbruch umso abrissmäßiger erscheint. Geil kommen auch die über die leiseren Gitarrenpassagen heftig gebrüllten Gefühlsausbrüche des Sängers, live rutscht dieser sicherlich viel auf den Knien rum. Dürfte Fans von Kodan Armada, Yaphet Kotto, On The Might Of Princes oder Kidcrash die Freudentränen in die Augen treiben!


The Unfinished Sympathy – „It’s A Crush“ (Bcore) [Stream]
Nach den ersten drei Bcore-Alben der sympathischen Band aus Barcelona/Spanien habe ich irgendwie die Spur der Jungs verloren, obwohl mir gerade die erste Platte der Band und verschiedene Besuche von Shows der Band Anfang der Jahrtausendwende ziemlich gut in Erinnerung geblieben sind. Nun, wie ich nun recherchiert habe, wechselten die Spanier nach den ersten drei Alben zum Label Subterfuge Records und veröffentlichten dort noch zwei weitere Alben, bevor sie sich im Jahr 2010 quasi auflösten und teilweise Solo-Projekte gestartet wurden. Im Jahr 2015 rappelte sich die Band für das 25-jährige Bcore-Jubiläum für einen Auftritt nochmals zusammen und offenbar wurde bemerkt, dass das noch nicht alles sein kann. Zwei Jahre später ist also nun das mittlerweile sechste Album am Start. Und das ist gewohnt gut geworden. Zwischen 90’s Emo-College-Rock und Indierock passt auch mal ein reiner Punk-Song rein, die Akkustik-Lagerfeuer-Ballade findet ebenfalls Platz. Und die Hymnen sind auch im Jahr 2017 noch da, gerade die ersten fünf Songs haben bereits beim zweiten Durchlauf angedockt. Dann kommt der schon erwähnte punkige Einschub, die Songs Christen Me und The Welfare State sind mein persönlicher Hänger des Albums. Danach wird es aber wieder emotionaler, so dass der Hänger schnell überwunden ist und man bis zu den letzten akustischen Klängen von Vapor Stairs gespannt lauscht. Schönes Comeback-Album!


Yumi – „Epoch“ (Lithe Records) [Stream]
Das letzte Album dieser Band aus Singapur hab ich seinerzeit rauf und runter gehört, so geil fand ich das! Und nun gibt es doch schon seit längerem das zweite Album dieser geilen asiatischen Screamo-Band, allerdings komm ich erst jetzt mal dazu, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Im Grunde genommen hat sich im Vergleich zum Debut auch nicht allzuviel verändert, denn das Ding poltert seit einiger Zeit nahezu in Dauerschleife aus meinen Kopfhörern. Immer, wenn ich ein bisschen Frust abbauen will, sind mir die sieben Songs ein willkommener Gast. Die zwei Gitarren spielen Dich schwindlig, das Schlagzeug fetzt Dir schön druckvoll um die Ohren, der Sänger schreit sich den Hals blutig und der Basser hat ein Gespür für diese typischen Emocore-Bassriffs. Auf der einen Seite sind diese brutal scharfen Riffs, auf der anderen Seite kommt aber immer wieder diese melancholische Kante in Form der zweiten melodischen Gitarre um die Ecke, die das ganze so verdammt intensiv macht. Zu so ’nem Sound kann man moshend, stampfend, brustklopfend, kopfnickend, zappelnd und auf 1000 andere Arten abgehen. Verdammt abwechslungsreich ist das Ding obendrein. Wenn ihr Zeugs wie Envy, Instil, Serene, Children Of Fall, ganz frühe Standstill oder Honeywell mögt, dann dürftet ihr mit Yumi nur noch zufrieden grinsend durchdrehen!


 

Advertisements

Ruined Families – „Education“ (Adagio830)

Dieses feine Album hab ich euch schon Anfang des Jahres in einer Bandsalat-Runde vorgestellt, damals anhand der digitalen Version. Daher machte ich fast ’nen Luftsprung, als ich Education im zugeschickten Plattenpaket von Adagio 830 entdeckte. Schön schwer liegt der dicke Plattenkarton in der Hand, aus dem Inneren kommt ein stabiles Inlay zum Vorschein. Auf diesem sind die Texte zu lesen, zudem kann man einige Fotokollagen betrachten, die in Anlehnung an das Albumcover arrangiert sind. Bei den kunstvollen Fotografien in schwarz-weiß-Optik steht das Thema Bildung (Education) und der daraus resultierende permanente Fortschritt im Vordergrund. Fischt man dann das Vinyl aus dem Karton, wird man von der knallroten Farbe im Kontrast zur Resterscheinung fast geblendet. Es gibt wohl aber auch noch eine andere Ausgabe mit schwarzem Vinyl.

Dass ich die Platte jetzt in meine Sammlung stellen darf, ist eigentlich gar nicht so selbstverständlich. Das Plattenpaket von Adagio 830 brachte nämlich einige schlaflose Nächte mit sich, und das bereits im Vorfeld. Es kommt ja glücklicherweise nicht sehr oft vor, dass Paketsendungen verloren gehen, aber die „erste“ Lieferung des Pakets kam leider niemals an, der Status in der Sendungsverfolgung blieb konstant bei „Die Sendung wurde im Start-Paketzentrum bearbeitet“. Bis ein Nachforschungsauftrag gestellt werden konnte, dauerte es auch wieder ein paar Wochen, so dass man irgendwann davon ausgehen konnte, dass das Paket verloren gegangen sein musste. An dieser Stelle erneut tausend Dank an Adagio830, dass abermals ein Paket geschnürt wurde. Was für eine Odyssee! Und irgendwie verschafft mir diese Geschichte jetzt eine perfekte Überleitung zur griechischen Mythologie und damit zu Ruined Families, zudem mache ich es mir etwas einfach, indem ich große Teile aus dem ursprünglich geschriebenen Review per Copy & Paste bei mir selbst stibitze und noch ein wenig ausschmücke. Denn das trifft die Sache perfekt, zudem haben die großen griechischen Philosophen auch ständig irgendwo abgeschrieben.

Zugegeben, Athen und Griechenland verbindet man in Gedanken ja immer eher mit der antiken Architektur und Mythologie, aber heute beschäftigen wir uns doch lieber mal mit der dortigen HC/Punk bzw. Screamo-Szene, die zwar nicht so ausgeprägt zu sein scheint, aber wohl dennoch sehr gut funktioniert. Ruined Families z.B. existieren jetzt auch schon wieder sieben Jahre und mit den bisherigen Veröffentlichungen (zwei LP’s und eine 7inch) eroberten sich die fünf Jungs einen festen Platz in der europäischen Screamo-Szene. Mit Education bolzt die Band insgesamt zehn Songs in knapp 18 Minuten runter, so dass Wissenschaftler ihre Theorie über das Zerbröseln der Akropolis nochmals überdenken sollten. Von der Wut auf die Zustände in Griechenland und der restlichen Welt angetrieben, stecken die fünf Jungs eine Menge Frustration und Intensität in ihre Songs. Die Gitarren rotieren messerscharf, der Schlagzeuger beherrscht jedes Tempo perfekt, da wird zerhackt und chaotisch und arhythmisch im Blastbeat-Modus geholzt, der Sänger packt all seine angestaute Wut in seine Stimme. Würde mich nicht wundern, wenn er live mit Wutschaum-Sabber vor dem Mund rumkreischt. Die Mischung aus Screamo, Emoviolence, schnellem Hardcore und Punk mit unterschwelligen Melodien dürfte v.a. für Fans von Bands wie z.B. Union of Uranus, Reversal of Man, Orchid und Born Against interessant sein. Mein absolutes Lieblingsstück ist dann das zweiminütige Wholecar, da gefallen mir halt einfach diese melancholisch gespielten Gitarren. Überhaupt fällt auf, dass Ruined Families auf diesem Release im Vergleich zu dem bisher erschienenen Zeugs viel zugänglicher unterwegs sind und einiges an unterschwelligen Melodien am Start haben. Das klingt dann gleich viel runder, wenn nicht nur permanent die düstere Crust-Schiene runtergerasselt wird. Zudem entfaltet sich der Sound auf Vinyl nochmals ganz anders.

Und jetzt – mit den vorliegenden Texten – erschließt sich auch der Kontrast der Bilder im Layout des Albums. Der Zwiespalt zwischen Bildung, Fortschritt, Wissenschaft und Technik ist allgegenwärtig. Jede neue Erfindung kann noch so praktisch sein, gerät sie jedoch in die Hände der falschen Leute, kann sie zur Bedrohung werden. Und dass selbst in einer gebildeten Gesellschaft anno 2017 immer noch Kriege, Gewalt und Fremdenhass allgegenwärtig sind, sagt alles über den kaputten Zustand unserer Welt aus.

8/10

Facebook / Bandcamp / Adagio 830


 

Eldstad – „Hamnstad, Hemstad“ (Miss The Stars Records/Through Love Rec.)

Auf Eldstad aus Göteborg stieß ich erstmals vor ein paar Jahren, als ich ihr Debutalbum Att hata livet men älska att leva beim Bandcamp-Surfen entdeckte. Seither hatte ich die vier Jungs aber leider nicht mehr auf dem Schirm. Vermutlich auch deshalb, weil Eldstad eher nicht zu der Sorte Bands gehören, die das Kleinformat bei Releases bevorzugen und lieber auf Albumlänge veröffentlichen. Mit Hamnstad, Hemstad liegt nun also Eldstads zweites Album vor. Und welch Überraschung, gleich zwei renommierte DIY-Label sorgen hierzulande dafür, dass das gute Stück auf Vinyl erhältlich ist und ich sogar eines der feinen Scheibchen als Bemusterungsexemplar mein eigen nennen darf. Am Co-Release sind die Labels Miss The Stars Records und Through Love Rec beteiligt, was eigentlich schon zeigt, dass Eldstad nicht von der Hand zu weisende Qualitäten haben.

Eigentlich lustig, wenn man Eldstad in die Internetsuchmaschine eingibt, bekommt man etliche Suchergebnisse von Schwedenöfen, denn Eldstad wird eigentlich mit „Kamin“ übersetzt. Mit diesem Wissen zucken doch bei der Aussage „Eldstad heizen mit ihrem Sound gewaltig ein“ gleich die Mundwinkel steil nach oben. Nun, Hamnstad bedeutet „Hafenstadt“ und Hemstad heißt in der Übersetzung „Heimatstadt“. Bei meiner Übersetzungs-Recherche erfuhr ich zufällig, dass es wohl ein in schwarz-weiß gedrehtes schwedisches Filmdrama gleichen Namens von Ingmar Bergmann gibt. Darin spielt ein Matrose eine wesentliche Rolle. Dieser entscheidet sich nach Jahren auf der See, sich im Heimathafen niederzulassen. Ich hab den Film nie gesehen, aber laut Inhaltsangabe könnte der Albumtitel und das Albumcover entfernt im Zusammenhang mit dem Film stehen. Das in irgendeinem Hafen – vermutlich Göteborg – aufgenommene schwarz-weiß-Foto zeigt nämlich einen melancholisch dreinblickenden Matrosen. Kann mir gut vorstellen, wie unbeständig so ein Leben auf See doch sein kann, ohne festem Boden unter den Füßen und ohne stetige Bleibe im Heimathafen. Bei all der Hafenromantik schwappt auch eine große Welle Tristesse und Aussichtslosigkeit ans Ufer. Da fragt man sich dann, was trauriger ist. Meilenweit von zuhause weg auf hoher See in Einsamkeit, oder kehrt man dort gerade in sich, weil in der Heimat einen absolut nichts mehr hält? Die Texte geben diese ungewisse Zerrissenheit irgendwie wieder, zumindest meine ich anhand der Internet-Übersetzung der schwedisch gesungenen Lyrics solche Tendenzen zu erkennen. Auch scheinen die Texte irgendwie ineinander verwoben zu sein und eine Geschichte zu erzählen, eventuell steckt sogar ein Konzept dahinter. In der Übersetzung lesen sie sich jedenfalls wie sehnsuchstvolle Tagebucheinträge auf hoher See. Es gibt ja diesen einen Matrosenspruch, der passt hierauf ziemlich gut, ich zitiere: Wenn der Wind der Veränderung weht, suchen manche im Hafen Schutz, während andere die Segel setzen!

Sobald die Nadel auf die gischtweiße Vinylscheibe aufsetzt, umsprudelt diese Traurigkeit und Melancholie sogleich auch musikalisch den Raum. Das knapp über eine Minute dauernde Intro Känn Bara Sorg bedeutet wohl übersetzt soviel wie „sei einfach traurig“ und zeigt auch gleich die Richtung auf, in die es in den insgesamt acht Stücken gehen wird. Es wird eine abwechslungsreiche Seefahrt, die einerseits von wildem und ungestümen Wellengang begleitet wird, aber andererseits auch etliche ruhige Momente hat. Ähnlich wie bei Seegang lebt der Sound durch unregelmäßige Wellenbewegungen, die durch unterschiedliche Wetterstimmungen hervorgerufen werden. Dabei verzücken immer wieder die melancholisch und melodisch gezockten Gitarren und die eigenwilligen Songarrangements, auch der ab und an doppelstimmige Gesang wie z.B. beim hitverdächtigen Videoband weiß zu gefallen. Dieses Leiden bei der Schreistimme, diese Zerbrechlichkeit bei den cleanen Vocals, diese wunderbaren Gitarren! Und dann kommt die Band wieder mit einem Groove um die Ecke, wie z.B. beim Beginn zu ZTV, nur um im Mittelteil mit diesen glockenklaren Postrock-Gitarren aufhorchen zu lassen. Dass der nachfolgende Part vor Spannung zu platzen droht, brauche ich eigentlich nicht zu erwähnen. Bei all der Melancholie bricht auch schon mal ein unkontrollierter Sturm wie z.B. bei Sjumilaskogen los, so dass Hamnstad, Hemstad in seiner Gesamtheit bei Anhängern von emotive Screamo, Post-Hardcore, Post-Rock und Emocore einige glänzende Augen hinterlassen wird. Und zum Schluss noch eine Seefahrtsweisheit, die auf dieses Album eigentlich ganz gut passt: wer in einem wankenden Schiff versucht, still zu stehen, der wird es schwerer haben als derjenige, der sich permanent bewegt. Nun denn, bevor hier noch mehr Seemannsgarn von ’ner seeunerfahrenen Landratte von der Leine gelassen wird, komme ich lieber zu den Sachen zurück, für die es sich zu leben lohnt: ich setze durstig nach dem Sound von Eldstad erneut den Tonarm an den Anfang dieser tollen 12inch!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Miss The Stars Records / Through Love Rec


 

12inch-Dreier: Ànteros, Keep On Living, LØVVE

Ànteros – „Cuerpos Celestes“ (Dingleberry Records u.a.)
Boah, was für ’ne Optik, ich brech ab! Diese 12inch sieht von vorn bis hinten dermaßen geil aus, dass Vinylfetischisten der Sabber auf den Plattenteller zu tropfen droht. Wie ein edler, bordeauxroter Wein, ergießt sich ein Meer aus roten Rosen, im Kontrast dazu wird daran erinnert, dass auch die größte Schönheit vergänglich ist. Das Textblatt ist dann im gleichen Stil illustriert. Und fischt man das Vinyl aus dem schwarzen Inlay, dann entfleucht einem der nächste Jauchzer. Das rote Vinyl ist in einem etwas helleren rot mit schwarzen Sprengseln durchzogen, die bordeauxroten Labels stellen wieder den Bezug zum Albumcover her. Die Band aus Barcelona wurde im Jahr 2015 von ehemaligen Mitgliedern der Bands Toundra, Syberia und Viva Belgrado gegründet, nach einer EP erscheint nun also mit Cuerpos Celestes das Debutalbum der Jungs. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch die Labels Aloud Music, Pundonor Records, Lar Gravacións, Basement Apes Industries und TimTamRecords. Ästhetik scheint der Band jedenfalls sehr am Herzen zu liegen. Nicht nur optisch, auch musikalisch sticht der atmosphärisch dichte Sound mit Hang zum Detail sofort ins Ohr. Die Band hat mit drei Gitarristen ja auch die Möglichkeit dazu, hohe Soundwände zu basteln. Schicht um Schicht, fett und heavy produziert und dennoch mit emotionaler Grundstimmung. Gerade die unterschwelligen Melodien bringen hier eine deutliche Melancholie zum Ausdruck. Die Lyrics werden in Spanisch herausgelitten, oftmals entfalten sich längere Instrumentalpassagen, die im Prog und Post-Rock verwurzelt sind. Experimentierfreude ist ebenfalls gegeben, hört mal z.B. beim fast neunminütigen zweiten Stück den Mittelteil an, der die anschließende Wall Of Sound so mächtig wie eine riesige Staumauer erscheinen lässt. Die epischen Klangfelder kommen über Kopfhörer und laut aufgedreht natürlich umso heftiger. Dass das Album so dicht, melancholisch und ausgetüftelt erscheint, kommt wohl auch daher, dass die Bandmitglieder die letzten Jahre teils schwere Zeiten durchgemacht haben, persönlicher Verlust inklusive. In solchen Zeiten hilft es, sich an etwas zu klammern. Und Musik eignet sich besonders dazu, solch harte Schicksalschläge zu verarbeiten, was durch Cuerpos Celestes eindrucksvoll bewiesen wird.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Keep On Living – „A Light At The End“ (Dingleberry Records u.a.)
Bereits das Coverartwork lässt erahnen, dass Keep On Living trotz des optimistischen Albumtitels eher in düsteren Gefilden unterwegs sind. Die Band hat sich im Jahr 2014 aus Mitgliedern der Bands Valve, Xnoybis, Le Deadprojet und Reign zusammengetan, bei der A Light At The End 12inch handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Paris. Und wie erahnt, erklingen düstere Töne, sobald die Nadel in die Rille rutscht. Unborn beginnt mit hektischem Getrommel und heavy Metalgitarren, bis sogar ein Double-Bass-Gewitter die Nadel fast zum Hüpfen bringt. Der Sänger kreischt auch schön derbe und etwas kehlig tiefergelegt. Und bevor es mir zu eintönig wird, kriegen die Jungs doch noch die Kurve und lockern das chaotische Brett mit unterschwelligen Gitarrenmelodien. Und was dann aber richtig aufhorchen lässt, sind diese Post-Rock-artigen, sehr melancholischen instrumentalen Einschübe, die von Zeit zu Zeit das Ganze schön abwechslungsreich machen. Klar, bei Songlängen, die weit über die vier-Minuten-Marke hinausgehen, muss man sich als Band schon was einfallen lassen. Wenn ihr euch einen Mischmasch aus Crust, Blackmetal, Hardcore, Screamo, Metal, Sludge und Post-Rock vorstellen könnt, dann solltet ihr diese 12inch mal antesten. Keep On Living stelle ich mir v.a. live ziemlich mächtig vor.

7,5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


LØVVE – „Povver.Violence“ (Dingleberry u.a.)
Ach nee, das ist ja geil! Die Band Lovve hat sich ein wirklich schönes Bandlogo gebastelt, dazu gefällt mir das für diese Art von Musik ungewöhnliche Coverartwork für diese erste 12inch unheimlich gut. Und dennoch kann man anhand des Albumtitels erahnen, in welche musikalische Richtung es wohl gehen wird. Bei Lovve leben Mitglieder der Bands Nine Eleven, Verbal Razors, Ed Warner, Sisterhood Issue, Alma und Sueurs Froides ihre Vorliebe für thrashigen Powerviolence aus. Und dass die Jungs ihr Handwerk von der Pieke auf gelernt haben, das kann man eindrucksvoll auf diesen zehn Smashern begutachten. Schön nach vorne gehend, werden die Songs direkt auf den Punkt gebracht. Hier wird nicht lange gefackelt. Weit unter zwei Minuten – wenn nicht sogar unter einer Minute – zu bleiben, ist hier Pflicht. Und trotzdem haben die Jungs ’ne Menge zu sagen. Die intelligenten Lyrics sind kämpferisch, persönlich, selbstkritisch und angepisst, sie fügen sich somit perfekt in den Sound ein. Denn die Franzosen fahren ein schönes Oldschool-Brett auf und würzen rasend schnellen Powerviolence mit reichlich Hardcore und Thrash. Das Ganze ist schön druckvoll produziert, Langeweile scheint der Band ebenfalls ein Fremdwort zu sein. Schneidend scharfe Riffs lassen eure Gehirnknospen explodieren, während ein Tier am Schlagzeug dafür sorgt, dass durch die Druckwelle eure Basecap vom Kopf gepumpt wird. Yeah, so liebe ich das! Ist live sicher ganz schön geil, gerade auch weil immer wieder tolle Mitgröhl-Passagen mit an Bord sind und bei all dem Tempo auch mal Zeit für moshige Parts ist, zu denen man brustklopfend durch den Pit stampfen kann. Wohlgemerkt, weit entfernt von irgendwelchen affigen Beat-Down-Clowns. Aus jedem einzelnen Song sprudelt die Energie, der Spaß und die Freude der Bandmitglieder förmlich heraus. Die 12inch ist in Zusammenarbeit der Labels Dingleberry Records, Dirty Guys Rock und KLVR Records erschienen und dürfte euch vor Freude die Tränen in die Augen und den Schweiß auf die Stirn treiben.

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

 

Highlights des Jahres 2017

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche. Immer dieser Zwang am Ende des Jahres, geht es nicht auch mal ohne eine End-Of-The-Year-Liste? Das frage ich mich wirklich jedes Jahr auf’s neue. Eigentlich werden auf diesen Seiten doch eh nur Releases besprochen, die ausgesprochen gut gefallen, wozu denn da noch ’ne Liste? Diesen Eindruck hatte ich direkt, nachdem ich die letzten besprochenen Sachen hier betrachtete und diese eigentlich fast alle für listenwürdig befand. Außerdem gibt es sicher die ein oder andere tolle Platte, die mir mal wieder durch die Lappen gegangen ist. Oder Zeugs, das ich zu wenig gehört habe, um es lieb zu gewinnen, von den zwischen-den-Jahren-Erscheinungen oder den zu spät entdeckten Juwelen möchte ich gar nicht erst anfangen. Dass Hammerzeugs wie z.B. die geniale Faltre-Doppel 12inch, die Cavalcades-EP oder die They Sleep We Live 12inch (alles z.B. 2017 besprochen, jedoch bereits 2016 erschienen) dabei leider verloren gehen, stört mich enorm. Was ist mit dem Zeug, das noch auf dem Schreibtisch wartet, um ausgiebig gehört zu werden, damit ein angemessenes Review geschrieben werden kann? Dem ersten Höreindruck zufolge sind da auch noch geniale Sachen dabei, die für so ’ne Liste prädestiniert wären. Für Zwangsneurotiker wie mich ist das alles eigentlich total ungesund, keuch…röchel. Und dann, immer so kurz vor knapp, nagt dann doch das schlechte Gewissen und in Gedanken rattern die ganzen Releases durch, die es schafften, öfters als der gewöhnliche Rest über die Anlage zu laufen. Soll ich doch noch?
Warum ich dann doch immer wieder in Versuchung gerate? Naja, dieses End-Of-The-Year-Ding eignet sich hervorragend dafür, um all den netten Menschen, die diese Seite hier durch ihre kraftvolle Unterstützung am Laufen halten, mal gebührend Danke zu sagen. In erster Linie geht mein unendlicher Dank natürlich raus an euch treue und geduldige Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid komplett irre! Überhaupt, wie karg und leblos wäre diese Szene doch ohne all diese von massig Herzblut angetriebenen Bands und DIY-Labels! Eine anerkennende Verbeugung geht natürlich auch an meine Schreiber-Kolleginnen und Kollegen raus. In Zeiten, in welchen sich z.B. Katzenblogs allgemeiner Beliebtheit erfreuen und die darauf veröffentlichten niedlichen Posts ohne großen Input abertausende Klicks bzw. Likes bekommen, kann der Kampf ums Überleben sehr zermürbend sein, denn hier verfliegt ein gut geschriebener Text schneller als der Geruch eines Furzes in der freien Natur bei windigem Wetter. Ups, jetzt hab ich mich mal wieder verrannt und hab dabei sicher noch irgendwen in der Thankslist vergessen, daher bitte ich einfach mal vorsorglich um Verzeihung.
Und ja, es gab sie, die wichtigen Platten 2017. Hier, auf dem oben zu sehenden Foto sind zumindest die, die sicher in meiner Best Of 2017-Liste zu finden gewesen wären, wenn ich denn eine ferig gestellt hätte. Leider sind da jetzt etliche Download-only-Releases nicht mit dabei, ein paar weitere sind gar nicht zu erkennen, weil verdeckt. In diesem Sinne: bleibt gesund, seid alle lieb zueinander und hofft, dass auch 2018 ein schönes Jahr wird, das mit reichlich interessanter Musik gefüllt werden wird.

Sore Eyelids & Факел – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)

Huch, was haben wir denn da für ein wunderschönes 7inch-Scheibchen? Beim Cover bin ich unschlüssig, ob das eine entsprechend bearbeitete Fotografie oder eine Zeichnung ist, jedenfalls sieht man darauf einen in eine mystische Unterwasserwelt eintauchenden Menschen. Die Unterwasserwelt verwandelt sich auf dem Backcover in ein gischtartiges Wolkengebilde. Man hat beim Betrachten sofort dieses verträumte Shoegaze-Feeling im Kopf. Die im vorliegenden Besprechungsexemplar purpurne Vinylfarbe hat ebenfalls etwas traumhaftes an sich. Die Split gibt es aber wohl auch noch in schwarzer Farbe, die Auflage beträgt insgesamt 200 Stück. Jedenfalls sind beide Plattenlabels in Handarbeit schön bestempelt, neben einem Textblatt findet sich im Inneren auch noch ein Download-Kärtchen.

Die A-Seite gehört Sore Eyelids aus Göteborg. Das letzte Release der Schweden ist aber auch schon wieder ein Weilchen her, dennoch hat das 2014er Album For Now (u.a. auf Through Love Records erschienen) seit meiner Besprechung – damals noch auf Borderline Fuckup – immer wieder mal von Zeit zu Zeit ’ne Runde auf dem Plattenteller gedreht. Nun also Nachschub der Band, die übrigens Leute der Band Suis La Lune in ihren Reihen hat. Es sind zwar nur zwei Songs, aber die machen unheimlich Apettit auf mehr. Wie die Person auf dem Cover taucht man mit den ersten Klängen zu What if… in die Traumwelt des Trios ein und verliert sich ziemlich schnell in den melancholischen und einlullenden Melodien. What if… hat mich jedenfalls mit einer Spielzeit von knapp über zwei Minuten direkt am Wickel. Zwischen Indie, Shoegaze, Post-Rock und Emo entwickelt die Band ihre ganz eigene Magie. Die mit den ersten Klängen zum Song Stay Silent ihre volle Wirkung zeigt. Da flirren Bassläufe wie durch einen Wattebausch gejagt durch die Lüfte, während die Gitarren leiern, was das Zeug hält. Die selbstreflektierenden Lyrics lesen sich im Einklang mit der Musik wie eine therapeutische Sitzung. Bittersüß und von wahrhaftiger Schönheit!

Auf der B-Seite kommen Факел aus Sankt Petersburg/Rußland mit ihrem mittlerweile dritten Release auf lifeisafunnything um die Ecke. Und sie kommen rasant, intensiv und noch ’nen Ticken emotionaler als bisher um die Kurve geschlittert. Wow! Die beiden Songs lassen mich mit offenem Mund staunend vor dem Plattenspieler niederknien. Bitte, bitte, nehmt in Bälde neue Songs für ein ganzes Album auf! Das hier klingt so unverbraucht und frisch. Auch wenn die übliche Sprachbarriere zwischen uns steht, musikalisch trifft das Quintett jedenfalls direkt in mein Herz. Emotive Screamo vom Feinsten! Google translate überrascht mich übrigens mit den aus der russischen Sprache übersetzten Texten ausnahmsweise einigermaßen positiv, die Übersetzung liest sich eigentlich mal richtig poetisch und weckt Assoziationen mit der bildhaften Sprache der klassischen Romantik. Und ja, wie auch schon auf den vorangegangenen Veröffentlichungen ist auf beiden Songs diese Teufels-Violine zu hören, die vom unverkennbaren Stil der Band nicht mehr wegzudenken ist. Ich hab’s zwar schon im letzten Review zur Band geschrieben, aber ich finde es so passend und witzig, auch wenn’s ein wenig platt und ausgelutscht ist: auf zum Violin Dancing!

8,5/10

Sore Eyelids Bandcamp / Факел Bandcamp / Stream / lifeisafunnything


 

WuZeTian & Uwaga – „Pin de Siècle 7inch“ (1000Milesintomyheart & Taste The Sword Records)

Okay, wo soll ich anfangen? Bei dieser Split 7inch gibt es so viele Ansätze für ’ne Einleitung, dass ich mich nicht entscheiden kann, welche wohl die beste sein könnte. Daher schreib ich jetzt einfach mal nach vorn galoppierend drauf los, denn all das nachfolgende Geblubbere fühlt sich irgendwie gut an, zumindest für mich. Es gab mal ’ne Band namens Secretos Del Corazon, die mich ziemlich faszinierte. Um die Jahrtausendwende herum kontaktierte ich die Band – nachdem ich die geniale EP Des Fois Il Faut Que J’y Pense entdeckt und lieb gewonnen hatte. Warum? Ich hatte damals Freude daran, unbekannte Bands zu unterstützen, indem ich vollkommen DIY und auf non-profit-Basis Tape-Sampler zusammenstellte, die ich auf Konzerten zum Selbstkostenpreis vertickte, oft wurden die Dinger auch einfach nur an freundlich aussehende Menschen verschenkt. Man kannte sich, ohne sich eigentlich wirklich richtig zu kennen, trotzdem hatte man das Gefühl, miteinander verbunden zu sein. Kleiner Zeitsprung: Vor einiger Zeit gab es hier auf diesen Seiten eine Erinnerung an die Band Secretos Del Corazon im Rahmen der Rubrik „Mottenkiste“, wodurch der einst analoge Kontakt mit ehemaligen Mitgliedern der Band in digitalen, virtuellen Ebenen neu belebt wurde. Spätestens jetzt befürchte ich, dass dieser Text wohl unangemessen lange wird. Naja, scheiß drauf!

Jetzt kommt die kleine Überleitung in die Gegenwart: Marco, der früher bei Secretos Del Corazon mitgewirkt hat, betreibt mittlerweile das Label 1000milesintomyheart, zudem singt er bei der Band WuZeTian. Nachdem die Band releasetechnisch im Jahr 2012 erstmalig mit einer Demo in Erscheinung getreten ist und bis dato immer mal wieder Shows gespielt wurden, erscheint nun ein paar Jährchen später eine Split mit der französischen Band Uwaga, die für mich auch keine Unbekannten sind (siehe Review zur EP A Peine). Immer wieder schön, wenn man wie in der Einleitung beschrieben nach all den Jahren auf Leute trifft, die immer noch aktiv die Szene beleben und dabei klar ist, dass der Spaß immer noch der Hauptfaktor bei der Sache ist und viel Herzblut und DIY-Ethos entgegenschwappt. Das Scheibchen erscheint als Co-Release auf den bandeigenen Labels 1000milesintomyheart und Taste The Sword Records und ich muss zugeben, dass die Split 7inch äußerst hübsch geworden ist. Der stabile, goldfarbene Karton, der mit einer kupferstichmäßigen Zeichnung bedruckt ist, macht optisch schon mal ordentlich was her. Klappt man das Ding auf, so hat man – nachdem einige Zettelchen rausgepurzelt sind – freie Sicht auf die Lyrics (plus französisch/deutscher Übersetzung) beider Bands. Keine Ahnung, ob das bei meinem Exemplar ’ne Ausnahme ist, aber die beigefügten Aufkleber beider Bands und v.a. das selbst gezeichnete Cartoonbildchen sind schon so richtig persönlich gestaltete Gimmicks, die man nicht in jedem 7inch-Release findet. Und fischt man erst das Scheibchen aus der Hülle, dann bekommt man aufgrund der weißgoldenen Vinylfarbe ein ähnlich großes Auge, wie die Cartoonfigur. Geil! Und auch beim EP-Titel haben sich die Bands was gedacht, wie ich aus dem beiliegenden handgeschriebenen Briefchen entnehme. Fin De Siècle wird auch Dekadentismus genannt und bezeichnet die künstlerische Bewegung in der Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg, in der kultureller Verfall zum Objekt gemacht wurde. Die Bands ziehen mit dem Titel Parallelen zu unserer jetzigen Epoche.

Okay, die A-Seite gehört Uwaga aus Straßburg. Und die haben sich die Wandertipps des Alpenvereins sicher nur flüchtig durchgelesen. Überall steht doch geschrieben: langsam beginnen, Tempo immer gleichmäßig, Pausen einlegen usw. Die Franzosen marschieren aber mit schneidigem Schritt los und werden immer schneller, bis sie fast rasend die letzten Meter der Strecke hinter sich haben und den Gewaltmarsch mit festem Tritt beenden. Ob das an der ungewissen Zukunft liegt? Jedenfalls ist es von Vorteil, die Texte auch in der deutschen Übersetzung vor sich zu haben. Der Song Teenage Politics beginnt dann unterschwellig-melodisch und zündet ebenso gewaltig wie der Opener. Auch wenn hier leise Parts mit eingebaut sind, lebt der Song von seiner chaotischen, arhythmischen Dynamik. Und zum Ende hin kommen noch diese Gitarren zum Zug, die in der Lage sind, zentimeterdicke Steinbrocken zu zerschneiden. Screamo-Fans sollten die Band im Auge behalten.

Nun aber zu WuZeTian, deren Mitglieder übrigens aus diversen Kleinstädten Baden-Württembergs kommen. Ich erwähnte bereits, dass der 7inch ein handgeschriebener Brief beigefügt war. Nun, ein Glück, dass Marco den Brief überhaupt schreiben konnte, denn offenbar scheint auf der Band ein Fluch zu liegen (steckt etwa Wuzetian, die chinesische Kaiserin dahinter?). Diverse Mitglieder der Band quetschten oder verletzten sich jedenfalls diverse Extremitäten, mussten operiert werden. Danach konnten sie es nicht abwarten, wieder zu trommeln oder zu schrammeln, wodurch die Wunde erneut aufgeplatzt ist und eine neue OP notwendig war. Boah, sowas ist schon ätzend. Angesichts des angepissten Sounds von WuZeTian hätte man meinen können, dass diese krankheitsbedingten Hürden bereits gemeistert wurden und die zwei Songs nach dem Dahinsiechen auf dem Krankenbett entstanden sind. Coca Cola und Chemotherapie! Kennt jemand von euch noch die Band Stagnations End? Das hier erinnert mich total an diese geile Band! Wenn euch das Ding beim Durchstöbern von Distro-Kisten in die Hände fallen sollte, dann nehmt es mit. Oder noch einfacher: bestellt das Scheibchen gleich direkt beim Label, so liebevoll gemachte Releases findet man nicht alle Tage.

8/10

Bandcamp / 1000milesintomyheart