Bandsalat: Cassus, Empowerment, Exploding Head Syndrome, Futbolín, Ghost Spirit & Frail Hands, Revaira, Sans Visage, Whiteriver

Cassus – „Separation Anxiety“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Manche Juwelen verschwinden auf der Festplatte und werden erst wieder beim lange auf die Bank geschobenen Ausmisten entdeckt. Obwohl mir die This Is Dead Art; This Is Dead Time; But We May Still Live Yet sehr gut im Gedächtnis geblieben ist und auch ’ne IFB Records-Anfrage zu diesem Release im Postfach landete, fand ich für dieses Album bisher irgendwie kein Gehör. Verdammte Hacke, das ist echt mal traurig! Da draußen sind sicher so viel geile unterstützenswerte Bands, die man leider aufgrund permanenten Zeitmangels weder selbst entdeckt noch an interessierte Leute weiterempfehlen kann. Jahre später hörte ich also erstmals in Separation Anxiety rein und war sofort hin und weg! Die Gitarren schwurbeln, plinkeln, drehen durch und schneiden scharfe Schnitte in die Landschaft, dazu gesellen sich arhythmmische Drums, wildes Geschrei und oft auch cleane, fast gesprochene Passagen. Wenn sich dann auch noch der Bass seine Bahn spurt und im nächsten Moment ein Blackmetal-Part losbricht, dann gibt es kein Halten mehr. Allerfeinster Screamo mit ’nem fetten Emocore-Touch! Ancheckpflicht, am Besten natürlich auf Vinyl (um das ich mich auch mal schnell kümmern sollte).


Empowerment – „Bengalo“ (End Hits Records) [Stream]
Falls ihr mal die Möglichkeit haben solltet, Empowerment irgendwo in Stuttgart live zu sehen, dann versteht ihr, warum die Schwabenmetropole auch vielerorts als Kessel bekannt ist. Die Live-Shows sind schweißtreibend, meistens knäueln sich mehrere verschwitzte Leiber irgendwo rund ums Mikro von Sänger Jogges, der in der durchdrehenden Meute all seine Wut und Frustration raus lässt. Was mit der Band Sidekick einst begann und wuchs, wird jetzt bei Empowerment intensiviert. Stu York-Hardcore vom Feinsten! Die Typen leben das wirklich, was sie da singen und haben über die Jahre eine feste Szene aufgebaut, die ohne Freundschaft und Zusammenhalt längst nicht mehr existieren würde. Zudem haben die Jungs ihren eigenen Kopf und sagen auch direkt raus, was ihnen gegen den Strich geht, da brauchen sie keine Social Media-Kanäle dafür. Die Message kommt auch so an! Das für kompromisslosen Hardcore-Punk unübliche Coverartwork weckt Erinnerungen an ein x-beliebiges 90er-Pop-Album. Aber Bengalo ist mit seinen 13 Songs alles andere als Pop, wenn man mal das Hip Hop-Stück Mensch ist Mensch außen vor lässt. Das Album gleicht eher einem Hass-Batzen, der direkt aus der Gosse kommt, sich brachial und ehrlich gegen alles abgrenzt, was im Hardcore und auch anderswo absolut nichts zu suchen hat. Das ist nicht nur ein allgemeines Gesellschaftsproblem, denn auch in der Hardcore-Szene ist es viel zu selten geworden, dass unmissverständlich klar gemacht wird, dass Faschismus, Rassismus, Diskriminierung oder anderweitige Ausgrenzungen nicht geduldet werden. Vom Sound her bewegen sich die Stuttgarter auf altbewährten New York-HC-Pfaden. Die Cro-Mags waren ja schon zu Sidekick-Zeiten ein großer Einfluss, Merauders Master Killer-Album scheint es den Jungs auch enorm angetan zu haben. Neben den walzenden fetten Gitarren kommen auch die manchmal eingestreuten melodischen Gitarren wie z.B. bei 161 oder Nichts als Instinkt  ziemlich geil. Ach ja, im Digipack-Textheftchen ist es ein bisschen störend, dass die Reihenfolge der Songs ein wenig durcheinander ist, aber mit ein wenig Logik packt man das schon! Übrigens: dass der Zusammenhalt und die Freundschaft unendlich groß ist, zeigen auch die vielen Gastbeiträge (z.B. Marcel/ABFUKK und Sniffing Glue, Matti/NASTY, Florian/AYS). Fettes Album, macht mal wieder Lust, die Jungs live zu sehen!


Exploding Head Syndrome – „Everyone’s A Target“ (Big Day Records) [Stream]
Hier kommt mal wieder ein Hardcore-Leckerbissen aus Norwegen, genauer gesagt aus Oslo. Wow, zwei Songs, die großen Appetit auf mehr machen! Die Gitarren kommen so scharf um die Ecke, mal dissonant, mal melodisch, die Drums prügeln sich den Weg frei und der Sänger hat genau den Dreh zwischen Wut und Melodie raus. Dazu kommen diese melodischen Momente, die man auch bei anderen norwegischen Bands wie z.B. den großartigen Amulet zu schätzen wusste. Überhaupt, Amulet dürften sicherlich zu einem der Haupteinflüsse des Quintetts zählen. Obwohl die Band schon seit 2010 unterwegs ist und bereits zwei Alben und eine EP erschienen ist, brauchte es doch den Schlag mit dem Hammer in Form einer Besprechungsanfrage, um auf die Band aufmerksam zu werden. Bumm, Exploding Head Syndrome sind ab sofort gespeichert, bin sehr gespannt, was man von den Norwegern nach dieser EP zu hören bekommt!


Futbolín – „Shy Guys, Malmo Days“ (diNotte Records) [Name Your Price Download]
Das farbenfrohe Pop-Art-Cover springt direkt ins Auge und wenn man die durchdrehenden und etwas dissonanten Gitarrenläufe des Openers hört, dann glitzern erstmal die Äuglein auf. Nach den wilden Gitarren vom Anfang bleibt es spannend, ein abgedrehtes Keyboard gesellt sich zum Zappelsound, keifender Gesang und treibende Gitarren dürfen auch nicht fehlen. Ganz schön groovig und tanzbar, geht sofort ins Ohr. Obwohl die Songlängen der fünf Songs zwischen eineinhalb und zweieinhalb Minuten liegen, verwurstet die Band in einem Song mehrere Ideen, so dass es wirklich ein sehr kurzweiliger Spaß ist. Twinkle Gitarren dürfen natürlich auch nicht fehlen und dann immer wieder diese experimentellen Keyboardeinschübe. Und immer wieder regiert Noise und Chaos, trotzdem bleibt es eingängig wie Sau. Knapp zehn Minuten Spielzeit sind in diesem Fall natürlich viel zu wenig, von dieser Band will man noch viel mehr zu hören bekommen. Also, schaut mal bei Youtube ein paar Videos an, live brennt da wahrscheinlich die Bude. Kaum zu glauben, das nur drei Jungs so eine Energie freisetzen! Also erstmal vom Name Your Price Download Gebrauch machen und dann hoffen, dass man irgendwie an die sicher geil aussehende 10inch der Band aus Verona ran kommt!


Ghost Spirit & Frail Hands – „Split“ (Twelve Gauge Records & Blue Swan Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr mal wieder zwei interessante Bands aus dem emotive Screamo-Bereich entdecken wollt, dann solltet ihr euch dieses Split-Album hier mal reinziehen. Mir blieb jedenfalls beim Antesten des Downloadlinks der Anfragemail erstmal die Spucke weg! Beide Bands haben schon vor der Split jeweils ein Album veröffentlicht. Nun, Ghost Spirit kommen aus Los Angeles und zünden mit sechs Songs ein richtig emotionales Feuerwerk. Die Bandmitglieder haben jedenfalls schon reichlich Erfahrungen in anderen Combos gesammelt (Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More und Letters to Catalonia), das erklärt einiges. Dieses leidende und fast flehende Geschrei, dazu diese zauberhaften Gitarren, das arhythmische Getrommel und die tollen Basslines. Intensiv, melancholisch, spannungsgeladen, ein Sturm! Frail Hands aus Halifax/Kanada bringen ebenso die Äuglein zum Leuchten. Auch hier haben die Bandmitglieder schon Band-Erfahrung (King’s Girls und Heisse). Die matschigen Gitarren, das hektische Getrommel mit viel Crashbecken, die leidende Sängerin am Mikro schreit sich den Hals blutig! Heftig geil! Frail Hands sind ein wenig krasser unterwegs, kommen aber nicht minder überzeugend rüber. Ein richtiges Fest ist das hier! Eine Wucht von Split, die hätte ich gerne auf Vinyl!


Revaira – „In Between“ (Redfield Digital) [Video]
Obwohl die Band aus Hamburg auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, war mir Revaira bis zum Zeitpunkt der Redfield Digital-Besprechungsanfrage bisher kein Begriff. Also, kurz mal reingehorcht und direkt hängengeblieben. Revaira machen ziemlich fetten Metalcore, auf der einen Seite regiert das Brett, auf der anderen Seite werden immer wieder melodische Momente und atmosphärische Parts mit eingebaut. Vom Songwriting her bleibt das Ganze schön abwechslungsreich. Dort ein Break, da ein paar fette Grooves, als Kontrast zum bösen Gegrowle immer wieder cleane Vocals, die mit Leidenschaft gesungen werden. Auch textlich hat sich die Band Gedanken gemacht, es geht um die Höhen und Tiefen im Leben, wobei der erste und der letzte Song die Höhen und die Tiefen verkörpern und alle Songs dazwischen das symbolisieren, was zwischendrin läuft. Hier wären wir wieder beim Albumtitel In Between angekommen. Verschachtelt, ausgeklügelt im Sound und den Lyrics, dazu eine oberfette Produktion. Das ist so ziemlich das spannendste, was ich in dem Genre in den letzten Jahren von einer deutschen Band gehört habe, das kann locker international mithalten!


Sans Visage – „Moments“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Nach zwei Demos, zwei Splits und diversen Samplerbeiträgen kommt nun das Debutalbum der Band aus Tokio. Insgesamt elf Songs hat das Trio in den letzten drei Jahren geschaffen. Und die dürften jeden Screamo-Fan begeistern, denn hier ist alles drin, was das zerbrochene Herz begehrt. Der Gitarrensound hat diese 2000-er Nostalgie und lässt an Bands wie Loma Prieta, Battle Of Wolf 359 oder La Quiete denken. Zwischen chaotischen Ausbrüchen mit wildem, arhythmischem Getrommel und gekreischten Vocals wird auch immer mal mit Cleangesang gearbeitet und das Tempo rausgenommen, so dass die Gitarren interludeartige Parts von der Rippe brechen. Das sind dann die besonderen melancholischen Momente. Wer auf intensiven, emotionsgeladenen Screamo abfährt, wird mit diesem Album glücklich werden!


Whiteriver – „Warmth“ (Redfield Digital) [Stream]
Die Band aus Siegen hatte wohl nach dem Release des 2016er Debutalbums einige Besetzungswechsel inklusive zweifachem Sängeraustausch zu verkraften. Praktisch ist es ja eigentlich schon, dass sich im Melodic Hardcore fast alle Sänger ähnlich anhören und einfach mal kurz ausgewechselt werden können. Jedenfalls ist so eine Bandlaufbahn natürlich extrem frustrierend. Wenn man das beim Anhören der insgesamt zwölf Songs im Hinterkopf behält, dann kann man sich an der Hartnäckigkeit der Jungs freuen, viele Bands werfen schon nach dem ersten Mal entnervt hin und lassen die Songs vergammeln. Whiteriver klingen auf Warmth trotz der Besetzungsprobleme erstaunlich frisch. Der Melodic Hardcore schielt auch hin und wieder Richtung Ambient, wird atmosphärisch und geht Experimente ein, wirkt fast schon progressiv. Dadurch kommt reichlich Abwechslung in die Sache. Auch textlich haben sich die Jungs Gedanken gemacht, hinter Warmth steckt eine Art Konzept. Die Songs Vesna, Lato, Fall und Hiver spiegeln die vier Jahreszeiten wieder, durch die bildhafte Sprache wird Bezug auf Gesellschaftskritik, Rache, Reue, Orientierungslosigkeit und Sehnsucht nach Freiheit hergestellt. In einer Spielzeit von 41 Minuten wird es jedenfalls selten langweilig, durch die oben beschriebenen Stilelemente sind die Songverläufe nicht vorhersehbar. Ach ja, und die Gitarren haben ein schönes Spektrum drauf, von ruhig bis episch bis hin zur zerstörenden Gitarrenwand! Hört da doch mal rein, die Band hat da viel Arbeit reingesteckt!


 

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Nervöus – „Selftitled“ (Moment Of Collapse)

Mit dem Schreiben einer Rezension des 2013er-Albums Konfetti & Mutwillige Zerstörung – damals noch für Borderlinefuckup – lernte ich die Band aus Berlin einst kennen. Seitdem ist bei der 2011 gegründeten Band releasetechnisch eine EP und ein weiteres Album erschienen. Mit dem sebstbetitelten Album liegt nun Album Nummer drei vor.

Und wie bei den vorangegangenen LP’s erscheint die Vinylversion als einseitig bespielte 12inch. Was sich bei der Band ebenfalls wie ein roter Faden durch alle Releases zieht, sind die kurzen, meist nur aus einem Wort bestehenden Songtitel. Kurz, knapp und knackig auf den Punkt kommend, wie auch die Songs selbst, die sich teilweise unter zwei Minuten oder knapp darüber bewegen. Und wer jetzt denkt, in dieser kleinen Zeitspanne kann in einem Song eigentlich gar nicht allzuviel passieren, der hat sich ordentlich getäuscht. Denn Nervöus schaffen es, einen Song auch in dieser kurzen Zeit komplex klingen zu lassen, so dass es einige Durchläufe braucht, bis man sich mit dem Sound angefreundet und die zu einem auf den ersten Blick breiige Masse entschlüsselt hat. Hier hat die Tonmeisterei mal wieder ordentlich gemastert, denn bei genauerem Hinhören entdeckt man viele Details, die man oberflächlich erst mal überhört.

Die acht Songs klingen erstmal verdammt wütend. In diese Wut schleicht sich v.a. beim Gesang aber auch immer wieder Verzweiflung und Alltagsangst ein. Die Texte schlagen in die gleiche Kerbe. Durch die Tempowechsel kommt zusätzlich Spannung mit rein, die Rhythmusmaschine aus Schlagzeug und wummerndem Bass wirbelt jedenfalls genügend Dreck auf. Dazu kommen messerscharf gespielte Gitarren, die mal rotieren oder auch mal etwas zurückgefahren werden. Das Gebräu aus Hardcore, Punk, Noise, Post-Hardcore und Screamo erinnert an Bands wie Refused oder A Case Of Grenada, bei der Instrumentierung entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie Drive Like Jehu, ganz frühe Milemarker oder Craving. Kurzweilig ist das Album ebenso, in etwas über 17 Minuten steckt jedenfalls einiges drin, wofür andere Bands doppelt so lange brauchen. Checkt das an, das ist brilliant!

8/10

Facebook / Bandcamp / Moment Of Collapse


 

moss rose / caton & ophélie / duct hearts / child meadow – „Split 12inch“

Hier haben wir mal wieder ein astreines DIY-Release, das obendrein auch noch richtig gut aussieht. Vier Bands, sieben Labels (time as a color, Dingleberry Records, Dreaming Gorilla Records, HC4LZS, Keep Hope Productions, Adornorecords und Friendly Otter). Das Artwork stammt von Yasmin Ensor, die auch Mitglied bei der Band Moss Rose ist. Die 12inch gibt es in zwei Ausführungen. Die einseitig bespielte 12inch ist in beiden Varianten auf der B-Seite mit einer hübschen Zeichnung besiebdruckt. Mein Besprechungsexemplar ist schwarz, es gibt jedoch auch hellbraun marmoriertes Vinyl. Der Siebdruck stammt übrigens von Blakk Meadow, einer kleinen Siebdruckwerkstatt aus Leipzig.

Den Auftakt machen Moss Rose aus dem Vereinigten Königreich. Die Band kannte ich bis dato nicht, bisher sind zwei EP’s erschienen, soweit ich das im Netz richtig recherchiert habe. Moss Rose beginnen das über fünfminütige Stück Drowning In Fire mit ruhigen Klängen, die wie durch einen Wattefilter etwas gedämpft klingen. Die Gitarren kommen gefühlvoll, dazu wird verzerrter Schreigesang und arhythmisches Getrommel beigesteuert. Das lässt eine schöne Atmosphäre entstehen, die sich fast hypnotisierend langsam steigert und nach ca. zwei Minuten in rasendes Chaos ausbricht. Hierbei sticht v.a. auch das Wechselgeschrei der zwei Bandmitglieder Yasmin und Shaun hervor. Das Stück ist jedenfalls ein richtiger Grower, der etwas Zeit braucht, bis er so richtig zündet! Sehr starker Auftakt! Wer mit einer Mischung aus Post-Hardcore, Blackened Screamo und Ambient klarkommt, sollte diese Band im Auge behalten. Moss Rose wird übrigens mit Portulakröschen übersetzt, das sind so nelkenartige bunte Blümchen, also ein zur Musik des Duos totaler Gegensatz.

Caton & Ophélie aus Kanada sind ebenso Neuland für mich. Bisher ist eine EP erschienen. Hinter dem Bandname steht auf der einen Seite Cato, der Widerstandskämpfer gegen Caesar, der den Freitod wählte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auf der anderen Seite wurde mit Ophelia eine Figur aus Hamlet gewählt, die am Ende in völliger Verzweiflung in den Wahnsinn verfällt. Dieses psychologische Mischungsverhältnis spiegelt sich auch im emotionalen Sound des Quartetts wider. Beim Song A Safe Place Pt. 2 sticht zuerst die etwas raue und matschige Produktion hervor. Und trotzdem lassen sich aus dem Soundbrei einzelne Instrumente wahrnehmen, hierbei gefällt mir der Gegensatz der Gitarren, die auf der einen Seite schrammeln und auf der anderen Seite aber auch immer wieder unterschwellige Melodien einstreuen. Dazu passt natürlich der verzweifelte Schreigesang, der sehnsüchtige Text und der Schlagzeuger, der mit viel Crashbecken sein Drumkit zermamlt.

Dann folgt mit Duct Hearts aus München der erste Act, bei dem mir der gesamte Backgroundkatalog geläufig und lieb ist. Das Stück The Sun Downed. And So Did We. (Excerpt B) hätte sich vom Stil und Feeling her auch noch gut auf dem letztjährigen Debutalbum der Münchener gemacht. Größtenteils geht das Trio hier instrumental zur Sache, in den Linernotes erfährt man, dass es sich um einen Auszug aus einem größeren Song handelt, an welchem die Band immer noch arbeitet. Geboten wird hier ausgeklügelter Post-Rock mit emotionaler Tiefe. Die Gitarren schwirren durch die Lüfte und entwickeln diese besondere Atmosphäre, zwischen laut und leise dominiert hier v.a. die Melancholie. Und dass die Band auch intensiv explodieren kann, zeigt dieses Stück mal wieder mehr als deutlich. Hier ist pure Leidenschaft zu hören.

Child Meadow aus Frankreich sind ja auch längst keine Unbekannten mehr. Zur Zeit der Aufnahmen zum Song Anders war die Band noch ein Duo, mittlerweile sind die Jungs aber zum Sextett angewachsen. Jedenfalls stimmt auch bei diesem Song das Verhältnis von rauer Härte und gefühlvoller Schwere. Zwischen Emopunk und Screamo geht es auf der einen Seite ungestüm zur Sache, auf der anderen Seite verkörpern die melancholisch gespielten Gitarren so eine gewisse Zerbrechlichkeit, die natürlich noch von den von Selbstmitleid zerfressenen Lyrics unterstrichen wird. Dieses Release eignet sich jedenfalls für Fans und Neu-Entdecker gleichermaßen. Die einen bekommen das, was sie von den Bands zu schätzen wissen und die anderen haben die Chance, gleich vier Bands kennenzulernen. Ein gelungenes Split-Release, bei dem das Herz auf der richtigen Seite schlägt!

8/10

Bandcamp / Time As A Color


 

La Petite Mort & Maskros – „Split 7inch“ (lifeisafunnything)

Zwei der derzeit hottesten Post-Hardcore-Bands der deutschen Szene teilen sich ein kleines Scheibchen – als Zeichen ihrer Freundschaft. Dass solche Freundschafts-Releases bleibenden Eindruck hinterlassen, haben auch schon andere Bands bewiesen, ich denke dabei an Svalbard und Pariso, We Never Learned und Human Future oder an Coalesce und Boy Sets Fire. Wenn dann auch noch ein dritter Verbündeter (Marcus/lifeisafunnything) diese Freundschaft tatkräftig unterstützt, dann passt das Ergebnis optimal. Beide Bands haben sich durch etliche Live-Auftritte einander angenähert und sich für sympathisch empfunden. Anstelle eines gegenseitigen Poesiealbumeintrags sollte es wohl etwas Persönlicheres sein: es waren Songs vorhanden, die in einer gemeinsamen Videosession aufgezeichnet werden sollten. Ein Glück, dass diese Songs nun auch auf Vinyl erhältlich sind!

Vom Artwork her ist das Ganze sehr schlicht gehalten. Es wird mit der Neugier gespielt, ein eventuell im Studio entstandenes Foto vom Crashbecken eines Schlagzeugs sagt doch wirklich absolut gar nichts zur auf der 7inch verewigten Mucke aus. Könnte durchaus auch eine Jazzband am Start sein, die keinen Bock hat, ’ne Jazztrompete auf’s Cover zu packen. Dazu sind die Bands plus Songtitel und Songlängen auf der zusammenhaltenden Cellophanhülle aufgedruckt. Nette Idee! Obendrein gibt es natürlich neben einem Downloadkärtchen ein zusätzliches Schmankerl in Form von zwei Text-Blättern, bebildert und mit weiteren Infos versehen. Neben den Texten ist dann auch noch die Entstehungsgeschichte der 7inch dargestellt. So grob habt ihr das bereits weiter oben gelesen. Die Labels der kleinen Scheibe (A-Seite weiß, B-Seite schwarz) sind jeweils mit einer netten Zeichnung versehen.

La Petite Mort / Little Death rocken buchstäblich die A-Seite. Nach dem Rückkopplungsintro von The Brief Loss, Or Weakening Of Consciousness groovt die Hölle los, was für ein geiles Gitarrenriff! Der Song geht gleich ins Ohr und besteht dennoch aus verschiedenen Songfragmenten. Der Sound lässt Erinnerungen an Bands wie Refused oder At The Drive-In aufleben, als die in ihrer Höchstform waren. 4 Minuten und 12 Sekunden voller Power! Zappelig, energiegeladen, intensiv! Besser kann man’s wirklich nicht machen! Maskros schließen direkt am Song von La Petite Mort / Little Death an. Bearer beginnt mit diesen flächigen Gitarren und bahnt sich schleppend seinen Weg. Gequälter Gesang trifft auf kräftig und präzise gespielte Drums und melancholisch gezockte Gitarren und spätestens beim Refrain, als im Hintergrund noch eine zweite Stimme dazukommt, ist die Gänsehaut perfekt!

Die B-Seite beinhaltet ein fast siebenminütiges, improvisiertes Stück, an dem beide Bands zusammen in einem Raum eine Art Jam-Session abgehalten haben, ohne vorher etwas abgesprochen zu haben. Nette Idee! Zwei Drum-Sets, zwei Gitarren, zwei Bässe, kein Gesang. Das Stück zeigt, wieviel Potential in beiden Bands steckt. Trotzdem wird in Zukunft hauptsächlich die A-Seite mit dem Gesicht nach oben auf dem Plattenteller liegen! Und hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis beide Bands neues Material am Start haben! Schaut euch also mal kurz das Video weiter unten an und holt euch anschließend dieses energiegeladene Scheibchen, bei dem das Herz am richtigen Fleck sitzt!

9/10

Bandcamp / lifeisafunnything


 

Ingrina – „Etter Lys“ (A Tant Rever Du Roi u.a.)

Es kommt nicht alle Tage vor, dass analoge Post aus Frankreich ins Haus flattert. Wenn man dann auf die Postmarke dieses schweren und liebevoll verpackten Päckchens guckt, dann reibt man sich mal schnell ungläubig die Augen. Wahnsinn, da ist es aber jemandem sehr ernst, seine Musik an interessierte Menschen zu bringen. Das zeugt von einem gesunden DIY-Spirit mit ’ner Menge Herzblut, absolut irre! Das Ding aufgerissen, blitzt auch schon eine wunderbar aufgemachte und schwer in der Hand liegende Doppel-12inch auf. Das Gatefoldcover ist auf der Frontseite mit einem äußerst hübschen Siebdruck versehen. Wenn mich nicht alles täuscht, dann dürfte es sich um eine Art Kupferstich handeln. Das ganze Artwork ist in schwarz-weißer Optik gestaltet und kommt mit seiner Untergangsthematik ein wenig düster rüber. Im Kontrast dazu erfahre ich durch ein Übersetzungsprogramm, dass Etter Lys auf Norwegisch in etwa “durch Licht“ bedeutet.

Wurde noch bei der Besprechungsanfrage zum EP-Vorgänger etwas wortkarg mit Infos gegeizt, so packt die Band für das Debütalbum etwas mehr Infos in die Anfrage-Mail. Man erfährt z.B., dass die Band aus zwei Schlagzeugern, drei Gitarristen und einem Bassisten besteht. Zudem wird erklärt, dass es sich bei Etter Lys um eine Art Konzeptalbum handelt. Das Album wurde nach der letztjährigen EP und zahlreichen Shows in Frankreich und Europa in Angriff genommen, dabei entschlossen sich die Jungs zu längeren Songarrangements, so dass die sechs Songs letztendlich auf eine beachtliche Spielzeit von 50 Minuten gekommen sind. Etter Lys ist textlich auf eine Novelle aufgebaut, es geht um Themen wie Kolonialismus, Hochwasser und über die Tatsache, dass letzten Endes eh alles den Bach runterzugehen droht. Neben der Vinylversion ist das Album auf Tape und CD erschienen, übrigens in Zusammenarbeit der Labels A Tant Rever Du Roi, Tokyo Jupiter Records , Vox Project, I love Limoges Records, No Way Asso, Medication Time, HC4LZS, Bus Stop Press, Trace In Maze und Ideal Crash.

Die Eröffnung zum ersten Song namens Black Hole erinnert mich ein wenig an die South Of Heaven-Platte von Slayer. Schleppende Drums, gespenstische Gitarren, ein Bass mit Aussage. Aber dann wird es ganz anders. Wo Tom Araya hasserfüllt rumbrüllt, kommen bei Ingrina verspielte Post-Rock/Post-Hardcore-Gitarren ins Spiel, dazu gesellt sich leidender und schmerzvoller Gesang mit einer gesunden Portion Melancholie. Die dichte Soundwand, die sich schleichend ihren Weg bahnt wird zwischendurch zurückgefahren, es kommen atmosphärische, ruhigere Klänge zum Einsatz. Dadurch entsteht im letzten Drittel des Songs nochmals ein Spannungsbogen zwischen laut und leise. Matschige Sludge-Gitarren treffen auf Delay-Gitarren. Beim zweiten Song der A-Seite wird es episch aber nicht weniger spannend. Etwas über zehn Minuten dauert die Reise durch ein verwunschenes Tal. Wie ein unberechenbarer Fluss plätschert der Sound aus den Lautsprechern, gerade auf Vinyl ist das ein wahrer Genuss. Auch wenn im Moment das Wasser gediegen und ruhig plätschert, könnte man hinter der nächsten Flussbiegung von gefährlichen Stromschnellen überrascht werden.

Auch auf der B-Seite geht es abwechslungsreich zur Sache. Und immer wieder diese fast gar orchestralen Soundscapes, diese verträumten Melodien, die düstere Grundstimmung, diese dichte Schwere und das Fünkchen Hoffnung, das es doch noch zu geben scheint. Und so nach und nach erkennt man, dass die Songs alle aufeinander aufbauen und sich ineinander verweben. Spätestens beim Aufsetzen der Nadel auf der zweiten Scheibe merkt man, dass Etter Lys wirklich am Stück genossen werden sollte, denn das Album ist als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Auf der B-Seite wird es noch ein letztes Mal richtig episch, Surrender bringt es auf eine Spielzeit von etwas über fünfzehn Minuten und fasst nochmals die bereits geschilderten Eindrücke zusammen. Dem Untergang geweiht lauscht man den letzten Klängen und kommt sich vor wie im Kino, wenn man völlig geplättet von einem Endzeit-Film ohne Happy End beim Abspann noch sitzen bleibt, bis die Leinwand schwarz ist und kein Ton mehr aus den Lautsprechern zu hören ist. Ja, ein harter Brocken, aber absolut zu empfehlen!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Reikä – „Frangenti“ (TimTam Records)

Reikä ist finnisch und bedeutet so viel wie Loch. Wenn man das Wort durch die Bildersuchmaschine jagt, dann sieht man äußerst unappetitliche Bilder, hauptsächlich kariöse Zähne. Nun, der finnische Bandname führt ohne Vorkenntnis etwas in die Irre. Im Booklet wird nämlich deutlich, dass die vier Damen aus Italien kommen, genauer gesagt aus Neapel. Die Mädels singen auch in ihrer Landessprache. Schön wäre gewesen, wenn die Texte irgendwo im Booklet in der Übersetzung vorliegen würden, aber dafür kann man die englische Übersetzung auf der Bandcampseite von Reikä nachlesen. Die Lyrics sind sehr persönlich gehalten, sie beschreiben Gefühle wie z.B. Schmerz, Unsicherheit und Verlust. Zu dieser Melancholie passt dann auch das Artwork der CD. Wenn man das Cover der CD betrachtet, dann hat man schon eine Vorahnung, dass bei der dargebotenen Musik eine gewisse Traurigkeit vorherrschen wird.

Und diese Traurigkeit zieht sich durch die sieben Songs wie ein roter Faden. Nach einem eher schleppenden Beginn mit ordentlich schlingerndem Bass wird klar, dass hier astreiner Screamo der alten Schule geboten wird. Es sind v.a. die eigenwilligen Songarrangements und die unterschwelligen Melodien, die mich immer wieder aufhorchen lassen. Die Sängerin pendelt zwischen leidgeplagten Schmerzgeschrei und resigniert wirkenden Spoken Words. Zwischen den dissonanten Gitarren verzücken immer wieder die traurig gespielten Bassparts. Gerade wenn das chaotische Geknüppel mal einen Gang runterschaltet, dann baut sich wieder langsam eine Spannung auf, die sich alsbald mit herausgekreischtem Gekeife entlädt. Reikä machen es den Zuhörern nicht ganz einfach, denn eingängige Songstrukturen, die einen gewissen Wiedererkennungswert besitzen, sucht man im Sound der Mädels vergebens. Und das macht letztendlich auch den Reiz dieses Albums aus.

Das Release ist in Zusammenarbeit einiger DIY-Labels erschienen, ich zähle einfach mal auf: Tim Tam Records, Cheap Talks, Dischi Decenti, Controcanti, Dreamingorilla Rec, Blessedhands records, È un brutto posto dove vivere, Insonnia Lunare Records und Dischi Leuci. Hört mal rein, wenn ihr Zeugs wie Shizune, Ojne oder La Quiete mögt.

7,5/10

Facebook / Bandcamp / Tim Tam Records