Bandsalat: 60659-c, Frail Body, Lift, Save Ends, Shipwrecks, Small Hours, Treble Lifter, Vel

60659-c – „The Next Part Is A Blur“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Übelst heftigen Screamo/Emoviolence mit Schnappschildkrötenvocals und schön zwirbelnden Gitarren bekommt ihr von dieser neuen Combo aus Richmond, Virginia auf die Mütze. Klar, hier sind wieder ein paar Leute mit dabei, die man aus allerlei in der Szene etablierten Bands wie z.B. .Gif From God, Caust, Kaoru Nagisa, Yusuke, Gas Up Yr Hearse!, Ostraca und ’ner Menge anderer Kapellen her kennt. Schön intensives Brett mit teils mehrstimmingen Heul-Keif-Kreisch-Orgien. Dazu immer wieder Highspeedgeknüppel und pures Chaos. Kann man auf Anhieb liebgewinnen, wenn man auf Zeugs wie Nayru, Ostraca, Neil Perry oder Orchid steht!


Frail Body – „At Peace“ (DIY) [Name Your Price Download]
Wahnsinn, auf welch geile Bands man beim Bandcamp-Surfen hin und wieder stößt. Frail Body kommen aus Rockford, Illinois und machen eine schöne Mischung aus fuzzigem Screamo und intensivem emotive Hardcore. Wenn nach nur drei Songs auch schon wieder vorbei ist, dann zwirbelt euch mal schnell noch die etwas länger geratene Debut-EP des Trios auf die Festplatte, denn das gibt es ebenfalls als Name Your Price-Download. Bin gespannt, was man von diesen Jungs in Zukunft noch zu hören bekommt.


Lift – „Lessons Learned In Pain“ (DIY) [Stream]
Kennt jemand von euch noch die Band With Honor? Bezüglich With Honor herrscht schwere Begeisterung bei mir. Nun, auf die Band Lift bin ich eben durch die Facebook-Verbundenheit von With Honor aufmerksam geworden. Und das zu einer Zeit, als dieser Shit-Algorythmus noch nicht alle Posts von relevanten Seiten verbarg. Ich könnte direkt kotzen mit der Erkenntnis, dass mir in Zukunft anstelle der liebgewonnenen Posts befreundeter Seiten eher Scheiß-Werbung für aufbauende Muskelpräparate in der beschissenen Timeline angepriesen werden, obwohl ich selbst nie danach gesucht habe. Ich hoffe, dass wenigstens die Crossed Letters-Facebook-Posts nicht für’n Arsch sind und bei euch angezeigt werden. Man muss wohl technisch ziemlich begabt sein, wenn man in Zukunft irgendwelche Nachrichtenseiten, Fanzines oder Blogs stalken will. Die zwei Songs von Lift sorgen jedenfalls sofort dafür, dass ich mich nicht mehr so schlecht fühle. Geile Gitarren, satte Drums, Songwriting passt auch, der Sänger hat es ebenfalls drauf. Stellt euch ’ne abgehende Mischung aus Snapcase, frühen Boy Sets Fire und With Honor vor. Ich bin angefixt und möchte bald mehr von den Jungs hören.


Save Ends – „A Book About Bad Luck“ (Black Numbers) [Stream]
Wenn ihr auf catchy Midwest-Emo-Punk mit wechselndem female/male-Gesang steht, dann dürfte das neue Album von Save Ends eigentlich ein gefundenes Fressen für euch sein. Mich erinnert der Sound der Band aus Boston/Massachusetts her desöfteren an Zeugs von den Get Up Kids, The Anniversary, Rocking Horse Winner und manchmal sogar ganz selten an etwas gediegenere Thursday (bei Way Back z.B.). Freunde von Bands wie Signals Midwest, Annabell, The Hotelier oder Moose Blood sollten sich die zehn Songs mal schleunigst zu Gemüte führen. Gefühlvoll gespielte Gitarren treffen auf leidenschaftlichen Gesang, dabei ist das Ganze top produziert.


Shipwrecks – „Selftitled“ (Maniyax Records) [Stream]
Solltet ihr mal wieder nach einem Highlight im Bereich Instrumental-Post-Rock suchen, dann müsst ihr unbedingt mal in Shipwrecks Debutalbum reinhören. Die Band aus Köln hat nämlich ein Gespür für verträumte Melodien und ist dabei durchaus sehr melancholisch unterwegs. Auch wenn die fünf Songs jenseits von siebenminütigen Spielzeiten sind wird es niemals langweilig, da immer wieder gewisse Spannungen erzeugt werden. Ausgeklügeltes Songwriting trifft auf ganz viel Atmosphäre. Fans von Zeugs wie Caspian oder Explosions In The Sky sollten das nicht verpassen!


Small Hours – „Reconstruction“ (Laserlife Records) [Stream]
Obwohl die Band Small Hours aus Wien schon seit 2013 besteht und die Jungs davor schon seit Jahren in anderen Bands gespielt haben, wurde bisher erst eine EP im Jahr 2014 veröffentlicht. Mit Reconstruction hat sich das Trio nun aber endlich an sein Debutalbum gewagt, das Ding ist als Digital-Download und als doppelseitige 12inch erschienen. Musikalisch sind die Jungs im Post-Hardcore zu verorten, ab und an schimmern ein paar Oldschool-Punk-Tunes á la Wipers durch. Die sechs Songs sind mit schönen Gitarren, druckvollen Drums und pumpendem Bass geschmückt, dazu gesellt sich fieses Reibeisen-Gegröhle. Bei manchen Songs erinnert die Band rein instrumental an Bands wie At The Drive-In (hört mal bei Modern Disease), es kommen aber auch Bands wie die ebenfalls aus Österreich stammenden Kurort in den Sinn. Vielleicht letztere gerade auch, weil zwei der Songs deutsche Texte haben und es gerade bei Konsequenz schön vertrackt und groovig zugeht. Die Band erwähnt auf ihrer Facebook-Seite auch noch Bands wie Comadre, Touché Amore und Self Defense Family als Einflüsse, was eigentlich auch noch sehr gut passt. Hört mal rein, klingt interessant!


Treble Lifter – „The Noise We Leave“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Treble Lifter aus Washington DC kann man nicht allzu viel ernst gemeinte Informationen auf der Facebook-Seite der Band finden. Als Einflüsse werden Queen und Earth Crisis genannt, die eigene Musik wird mit Schizophrenic Rock umschrieben und die Story, wie sich die Jungs kennen gelernt haben, kann man eigentlich auch nicht glauben. Egal, denn die Musik von Treble Lifter klingt spannend. Schön eigenständig machen die Jungs eine druckvolle Mischung aus metallischem Emocore, Post-Hardcore, etwas Stop’N’Go und AmRep-Noise, die matschigen und dissonanten Stoner-Gitarren blasen ordentlich. Bereits im ersten Track wird man schon ganz heftig an die Wand gedrückt. Der Drummer scheint ein Tier zu sein, beim Gesang werden auch keine Gefangenen gemacht, Disharmonie scheint eine Vorliebe der Jungs zu sein. Testet das mal an!


Vel – „Obsidian“ (DIY) [Stream]
Irgendwann im Jahr 2015 haben sich ein paar langjährige Freunde – die auch schon zusammen gelegentlich Musik gemacht haben – dazu entschlossen, im Würzburger Proberaum ein wenig zu jammen. Es dauerte nicht lang und die Band Vel war gegründet. Aus den Jams wurden ausgetüftelte Songs, die alsbald auch professionell aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist dieses erste Album mit insgesamt fünf Songs und einer Spielzeit von etwa 45 Minuten, das die Band über diverse Kanäle zum digitalen Download anbietet. Doch kaum war das Release draußen, entschlossen sich zwei der Bandmitglieder zum Ausstieg, um sich auf ihre anderen Bands (Bait und Der Weg einer Freiheit) zu konzentrieren. Sowas ist zwar immer doof, aber glücklicherweise hat die Band schnell Ersatz gefunden, so dass seit März wieder Shows gespielt werden können. Nun, Obsidian fühlt sich jedenfalls wie eine zusammengepuzzlete Jam-Session an, die Reise führt dabei durch unterschiedliche Genres wie z.B. Post-Rock, Screamo, Blackmetal und Shoegaze. Der Gesang kommt keifend, die Gitarren matschen einerseits ordentlich, andererseits kommen sie aber auch ab und zu glockenklar aus den Lautsprechern. Der Schlagzeuger hat von wildem Gehacke bis hin zu groovigen Beats alles drauf. Wer gern etwas Zeit für ein Release mit sich bringt und dabei auf melancholischen Sound abfährt, der technisch einiges auf Lager hat, der dürfte Obsidian wie einen Schwamm aufsaugen.


 

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atmen, weiter… – „Leichtigkeit des Scheins“ (Meta Matter Records/30 Kilo Fieber Records)

Mich haut es ja immer wieder von den Socken, wenn ich von einer mir noch nicht bekannten Band eine nette Besprechungsanfrage bekomme, die Mucke auch noch hundertprozentig meinen Geschmack trifft und der Tonträger obendrein nach freundlicher und genehmer Mailkonversation ein paar Tage später völlig unkompliziert an der Haustür vom Postboten feierlich überbracht wird. Ich glaube, dass es für den Postboten immer das persönliche Highlight seiner Tagestour ist, wenn plattenförmige Pakete an meine Anschrift geliefert werden müssen. So deute ich jedenfalls sein freundliches Grinsen, wenn ich mit entrückten Blick die Tür aufreiße und meine zittrigen Griffel behutsam das Paket entgegennehmen, während mir beim unterschreiben auf dem Display fast der Stift aus den schwitzenden Fingern flutscht. Und kaum ist der Postbote außer Sichtweite, friemle ich auch schon umständlich das Paket auf und befreie den Inhalt. Und wie so oft bekomme ich dann meistens Stilaugen, wenn ich den Inhalt in den Händen halte. So auch im Fall der 12inch der Band atmen, weiter…Das Ding kommt in einer auf dickem Karton besiebdruckten Plattenhülle und liegt schön schwer in der Hand. Das schwarz-weiße Artwork wurde von Micha – Schwarzer Rand/We Had A Deal – entworfen. In der Hülle findet sich ein auf stabilen Karton gedrucktes Textblatt, das auf der Rückseite ebenfalls mit einer schönen Zeichnung bedruckt ist, zudem purzelt ein Download-Code und ein Aufkleber raus. Und dann natürlich auch die schwere Vinylscheibe, die sich ganz klassisch in einer wattierten schwarzen Innenhülle befindet. Yeah! Und seit ich das Ding vor einiger Zeit bekommen habe, dreht es nahezu täglich ein paar Runden auf dem Plattenteller, dennoch fehlte mir seither die Zeit zum Schreiben, obwohl es mich in den Fingern juckte.

Was für eine Farce, dass mir ausgerechnet eine abscheuliche TV-Casting-Show ein bisschen Zeit verschafft, um heimlich über Platten zu schreiben, die unbedingt gehört werden müssen! Solche Shows gehören zum Alltagsleben? Wenn man diesen Unterschicht-Scheiß nicht guckt, kann man nicht mitreden und wird zum Outsider? Pffffhh, da kann man sich dann schon mal kurz als Phrasenmonster oder wahlweise als Punk outen und der Liebsten ein Zitat eines weisen und leider schon verstorbenen Mannes (Roger Willemsen) unter die Nase reiben, nur um sich schnell aus dem Staub zu machen. Auch wenn ich Gewalt in jeglicher Form verabscheue: die Vorstellung, „sechs Sorten Scheiße aus Heidi Klum rauszuprügeln“ hat schon was! Und danach jedem in die Scheiß-Fresse rotzen, der diese üble Szene mit „Nice!“ kommentiert! Verlier ich langsam den Verstand? Kann schon sein, in dieser kranken Welt! Also: „Fickt euch alle mal! Ich werd weiter tanzen wie wild!“ Neben dem Roger Willemsen-Zitat hab ich mir jetzt ein paar explizite Passagen aus dem Textblatt gepickt, die mir zwar in meiner Wut über die Geschmacksverirrung meiner Liebsten sofort ins Auge gestochen sind, die aber keinesfalls den tiefgehenden Inhalt der lesenswerten und durchdachten Texte wiedergeben. Denn abgesehen von den zitierten deutlichen Worten bleibt für die restlichen Textfragmente reichlich Interpretationsspielraum. Und bevor diese Rezi hier noch auf dem Hate-Speech-Index landet, kommen wir mal lieber zur Musik, obwohl wir genaugenommen eigentlich schon mittendrin sind.

atmen, weiter… kommen aus Landau und Mainz und existieren seit ca. vier Jahren. Bisher wurde im DIY-Kontext eine Demo-Kassette veröffentlicht, zudem waren die drei Jungs in den letzten Jahren recht viel in den Jugendzentren, AZ’s und natürlich in besetzten Häusern in Deutschland und der Schweiz unterwegs. Und sobald die Nadel aufsetzt, fühlt man sich doch gleich um mindestens 15 Jahre jünger! Emopunk mit deutschen Texten, die heiser und leidenschaftlich herausgeschrien werden, dazu geile Bassparts, gefühlvolle Gitarren, Rückkopplungen und treibende Drums. So geil! Neben US-Emo aus Washington DC dürften die Jungs hier ganz viel Boxhamsters, EA 80,…But Alive (die drei Punkte im Bandnamen kommen sicher von da?), Düsenjäger, alte Turbostaat und auch ganz alte Boy Sets Fire (erste 7inch) gehört haben, bevor sie das Ding hier komplett live eingespielt haben und dabei auf jegliche Overdubs verzichteten. Entfernt kann man auch Parallelen zu Bands wie Drive Like Jehu und At The Drive-In entdecken. Ich mag diesen rohen Klang der Platte. Hier scheppert es, dort wippt das Beinchen zu einem treibenden Post-Punk-Rhythmus, dazu gesellen sich viele Post-Hardcore-Elemente und Emo-Passagen, Noise und Stop And Go-Parts sorgen für die nötige Spannung. Dass die Jungs auf dem richtigen Weg sind, dürfte auch die Tatsache sein, dass die erste Pressung bereits nach drei Monaten vergriffen ist. Also, haltet euch ran, um von der zweiten Pressung noch was abzubekommen, es lohnt sich!

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Bandsalat: The Baboon Show, The Bennies, Chaviré, Heritage Unit, Lemuria, Nervus, Templeton Pek, Tiny Moving Parts

The Baboon Show – „Radio Rebelde“ (Kidnap Music) [Video]
Dass The Baboon Show eine großartige Live-Band ist, das pfeifen die Spatzen wohl schon seit längerem von den Dächern. Okay, ob es so eine gute Idee ist, hochschwanger im 8.Monat noch die Bühne zu rocken, sei mal dahingestellt. Jedenfalls zeugt das von einer gewissen Hingabe. Ich hatte bisher live noch nie das Vergnügen, der Backgroundkatalog der Schweden ist mir ebenfalls nicht geläufig. Radio Rebelde ist das mittlerweile 8. Studioalbum und geboten wird mitreißender und sauber produzierter, rockiger Garage-Punk mit reichlich Pop-Appeal. Coole Gitarren treffen auf groovige Parts, eingängige Refrains und rockige Mucke inklusive. Dabei ist natürlich der weibliche Gesang einer der herausragendsten Stilmerkmale. Und weil es in den einschlägigen Musikzeitschriften über dieses Album eh ’nen Haufen zu lesen gibt und ich auch nicht so richtig mit der Musik warm werde, fasse ich mich kurz und möchte nur noch anmerken, dass mir das schlichte Artwork der CD ganz gut gefällt.


The Bennies – „Natural Born Chillers“ (Uncle M) [Stream]
In Australien müssen The Bennies wohl schon ein bisschen mehr sein als ein Geheimtipp. Mit drei Alben und zwei EP’s im Rücken legen die Jungs mit Natural Born Chillers Album Nr. 4 vor. Und dank Uncle M kommt mir nun die Band erstmals in Form des Digipacks unter die Ohren. Und ich muss sagen, obwohl das jetzt nicht so meine Musikrichtung ist, gefällt mir das Album bis auf den nervigen Song Trip Report sehr gut. The Bennies machen eine spannende und ausgereifte Mischung aus Punk, Reggae, Ska, Rap und etwas Elektro. Powerchords treffen auf treibende Rhythmen, Trompeten und flirrige psychedelische Passagen deuten darauf hin, dass die Jungs sich sicher desöfteren die ein oder andere Sportzigarette gönnen. Abgerundet wird das ganze durch catchy Gesangsmelodien und Mitgrölpassagen. Und mit einer Spielzeit von etwas über zwanzig Minuten bleibt es schön kurzweilig. Da kommt Sommerfeeling auf! Stellt euch ’ne Mischung aus den Beatsteaks und NOFX vor, das trifft es ungefähr. Die Mucke zündet live sicher ganz schön durch, als Begleitung im Ghettoblaster zur Strand-Party taugt das Ding sicher auch sehr gut.


Chaviré – „Interstices“ (Stonehenge Records) [Name Your Price Download]
Es gab ja eine Zeit, da wimmelte es nur so von französischen Screamo-Bands, man denke nur an Zeugs wie Amanda Woodward, Belle Epoque, Daitro, Aussitot Mort oder Mihai Erdrisch. In letzter Zeit ist es in der französischen Szene etwas leiser geworden, dennoch stößt man hin und wieder auf interessante neue Bands wie z.B. Uwaga oder aber auch Chaviré, die ja schon positiv durch ihr Demo und das letzte Album namens Des Bruits Qui Restent in Erscheinung getreten sind. Nun entdeckte ich neulich per Zufall das neue, schon im Juli letzten Jahres erschienene Album der Band aus Nantes. Manche Nischenbands mogeln ihre Releases an interessierten Fans vorbei. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass die Jungs kein Facebook-Profil haben, haha. Jedenfalls bietet Interstices insgesamt acht Songs mit mitreißendem französischsprachigem Screamo. Schön intensiv, mit tollen Gitarren, druckvollem Schlagzeug und heiserem Geschrei, alles schön in der Tradition der weiter oben erwähnten alten Helden.


Heritage Unit – „Enjoy Moving On“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mal wieder eine dieser Entdeckungen beim Bandcamp-Surfen gemacht, Bingo! Richtig schönen und intensiven Emocore gibt es auf dem zweiten Release dieser Band aus Kalifornien zu hören. Insgesamt sind die Jungs sehr oldschoolig unterwegs, 90’s Emo mit ein paar emotive Screamo-Anteilen, dazu variiert das Tempo zwischen bedächtig, groovig schleppend und manchmal wird auch mal ganz schön auf’s Gaspedal gedrückt. Dazu kommen sehr emotionale und persönliche Lyrics. Wenn ihr gern Zeugs in Richtung der Ebullition und Gravity-Schule hört, dann seid ihr bei Heritage Unit genau richtig. Sehr geiles Release!


Lemuria – „Recreational Hate“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Obwohl Lemuria auch schon ein paar Jährchen unterwegs sind und schon eine riesige Fanbase am Start haben, ist mir die Band bisher noch nie so richtig unter die Ohren gekommen. Da muss erst ein Promo-Päckchen aus dem Hause Fleet Union ins Haus flattern, in welchem sich das neue Album von Lemuria befindet, bis ich mich mal mit der Band beschäftige. Dachte bisher wirklich, dass das ’ne Folk-Metal-Band wäre. Tja, so kann man sich täuschen, immer diese Bandnamen-Vorurteile, hehe. Jedenfalls gibt es Menschen, die nicht so oberflächlich wie ich veranlagt sind, denn die Fanbase der Band scheint so enthusiastisch zu sein, dass sie dem Aufruf der Band über die Social Mediakanäle, ein noch gar nicht fertig gestelltes Release käuflich zu erwerben, artig folgten. Durch diese Bereitschaft ermöglichten die Fans der Band, mit einem finanziellen Bonus im Rücken ein neues Studioalbum in Angriff zu nehmen, so dass auch der Wunsch-Produzent Chris Shaw für die Aufnahmen „gewonnen“ werden konnte, gleichzeitig war die Gründung eines bandeigenen Labels möglich. Und als Dankeschön bekamen die in Vorleistung gegangenen Fans das Album ca. zwei Monate vor der regulären Veröffentlichung ausgeliefert. Win win. Schöne Sache! Von der Musik her bekommt ihr melancholischen Indie-Rock geboten, gerade durch den männlich-weiblichen Doppelgesang erinnert mich die Band desöfteren an die kanadische Band Stars. Genau das Richtige für verkaterte Sonntage in den Jahreszeiten Herbst bis Winter.


Nervus – „Everything Dies“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf eine Mischung aus Indie-Rock, Emo und glattpolierten Pop-Punk steht, dann solltet ihr mal das zweite Album der Band Nervus anchecken. Flotte Gitarren treffen auf eingängige Refrains, dazu klimpert ab und an ein Piano, hymnische Melodien und knarzige Bassparts sind auch an Bord, selbst grungige Untertöne kann man entdecken. Wenn ihr schon immer mal wissen wolltet, wie sich frühe Coldplay anhören würden, wenn sie grungige Gitarren am Start hätten, dann solltet ihr unbedingt mal den Song Medicine auf die Kopfhörer packen.


Templeton Pek – „Watching The World Come Undone“ (Drakkar) [Stream]
Eins vorweg: das einzige, was mich am mittlerweile fünften Album der britischen Band Templeton Pek stört, ist die glasklare, auf dicke Hose gemachte Produktion. Stellt euch mal diese Songs in etwas roherer Form vor, das wär doch sicher um einiges fetter? Die Gitarren kommen viel zu hell, der Gesang ist zu overdubbed und etwas zu laut. Genau das ist mir auch schon auf den neueren Releases von Bands wie Rise Against, Ignite oder auch Boy Sets Fire aufgefallen. Wenn ihr wissen wollt, wie man diesen kickenden Gitarrensound hinbekommt, solltet ihr mal Joe D. Foster zu Rate ziehen. Und wenn man sich die Gitarren matschiger, den Gesang intensiver und das Schlagzeug etwas kräftiger, dunkler und lauter vorstellt, dann ist das hier echt mal der Wahnsinn! Die zehn Songs fetzen ungemein und gehen auf Anhieb ins Ohr. Und wahrscheinlich geht das mit dem glattpolierten Sound auch nur mir so, nach dem dritten Durchlauf habe ich mich an die Produktion gewöhnt und ertappe mich bereits dabei, wie ich zufrieden mitsumme. Jedenfalls ein starkes Album, das mit seinen Vorbildern Rise Against locker mithalten kann.


Tiny Moving Parts – „Swell“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Die richtigen Actionhelden schaffen es auch noch mit ’nem appen Arm, sich ’ne Fluppe auf’m Sterbebett anzuzünden. Dabei haben sie sogar noch ein Lächeln im Gesicht. Dieser Gedanke schoss mir als erstes durch den Kopf, als ich das Cover zu Swell durch die Sozialen Medien geistern sah. Jetzt, da ich den Digipack vor mir habe, schwirren mir noch Bilder von lädierten Menschen vor Augen, die sich mit letzter Kraft vor die Krankenhaustür schleppen, um eine zu rauchen. Ist doch schön, wenn man den nötigen Antrieb hat, um eine Sache durchzuziehen. Im Fall von Tiny Moving Parts kann man dieses sich rausschleppen durchaus nachvollziehen. Die Jungs haben mit dem Vorgängeralbum Celebrate die Meßlatte nämlich ziemlich hoch gelegt, so dass für das fünfte Album ein wahnsinniger Leistungsdruck vorgelegen haben muss. Musikalisch hat sich im Vergleich zum Vorgänger nicht allzuviel verändert, das Wechselspiel zwischen laut und leise wird wieder mit flotter Fingerfertigkeit und mit einem Lächeln auf den Lippen dargeboten, dabei schwanken die Texte von innerer Zerissenheit bis zu enthusiastischer Hoffnung. Auf insgesamt zehn Songs verwursten die Jungs eingängige hymnische Refrains, tolle Gitarrenmelodien und nach vorne gehende, druckvolle Drums, die Twinkle-Emo-Gitarren sind natürlich auch an Bord. Also eigentlich nichts, das man von der Band noch nicht gewohnt ist. Obwohl der Sound sofort ins Ohr geht, entdeckt man bei weiteren Durchläufen immer noch neue Details, so dass Swell schön kurzweilig wirkt. Und ja, das liegt wahrscheinlich auch an der wahnsinnigen Spielfreude der drei Jungs. Da werden Midwest-Emo á la American Football und Algernon Cadwallader, Pop-Punk im Stil von Blink 182 und etwas Screamo/Post-Hardcore im Fahrwasser von Touché Amore kombiniert, so dass es eine wahre Freude ist. Also, mir gefällt’s!


 

Thisismenotthinkingofyou – „Obstructive Sleep“ (Dingleberry Records u.a.)

Ursprünglich als Solo-Projekt gestartet, hat sich Thisismenotthinkingofyou-Kopf Shaun Hancock mittlerweile zwei Mitstreiter ins Boot geholt, damit das intensive Screamo-Emoviolence-Mayhem auch live stattfinden kann. Vielleicht hatte ja irgendjemand von euch die Gelegenheit, dem letztjährigen Auftritt der Jungs aus Derby/UK beim Miss The Stars-Fest beizuwohnen. Wer’s wie ich verpasst hat, der kann sich hier einen ungefähren Eindruck verschaffen, wie großartig die Atmosphäre dort gewesen sein muss. Nun, diese sagenhaft hübsch aussehende 12inch wurde durch die Zusammenarbeit folgender DIY-Label ermöglicht: Dingleberry Records, Adorno Records, 3rd Planet, Middle-Man Records, Dasein Records, Friendly Otter, Grandad Records und À Fond d’Cale Prod. Die Plattenhülle besteht aus einem zusammengefalteten Blatt Papier, das dazu noch mit einer eindrucksvollen Tusche-Zeichnung besiebdruckt ist. Die Plattenlabels der A-und B-Seite sind ebenfalls mit Blumenzeichnungen verziert, sowas sieht beim Rotieren auf dem Plattenteller natürlich klasse aus.

Bei dieser ersten Full Length könnte man eigentlich fast von einer Art Diskographie sprechen, denn hier sind beinahe alle bisherigen Releases mit drauf. Auf der A-Seite sind die zuvor noch nicht erschienenen Songs der Obstructive Sleep-LP zu hören, die B-Seite beinhaltet die Songs der White Feathers EP, Control/Reform EP und Restlessness EP, so dass ihr mit insgesamt 30 Songs den Full-Service genießen könnt. Die Songtitel sind schlicht mit römischen Zahlen je Release durchnummeriert. Leider fehlt mir hier ein Textblatt, denn rein akustisch tut man sich sehr schwer, irgendwelche Textfetzen herauszuhören. Da wird einfach zu sehr gelitten, gerotzt und geheult, als dass man was verstehen könnte. Nun denn, die Musik selbst lässt jedoch erahnen, dass die Inhalte düster sein müssen.

Denn Thisismenotthinkingofyou zünden ein Screamo-Feuerwerk nach dem anderen. Die Songs sind schön kurz gehalten, selten wird die zwei-Minuten-Marke geknackt. Was gesagt werden muss, kann auch in knapp einer Minute auf den Punkt gebracht werden. Und so leben die Stücke durch die chaotischen Gitarren, die sich matschig und dissonant ihren Weg durch die wildwasserkanal-mäßigen Drums bahnen, so dass zum schieren Wahnsinn nur noch die bereits erwähnten intensiven Vocals fehlen. Wenn ihr Zeugs wie Loma Prieta, Orchid, Jeromes Dream oder Tristan Tzara bereits zum Frühstück abfeiert, dann dürftet ihr an dieser Scheibe eure wahre Freude haben. Das Ding ist ’ne Wucht!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Farrokh Bulsara – „Nieder mit den Thujahecken“ (Ape Must Not Kill Ape Records/Markus Records)

Na, klingelt’s bei dem Bandnamen bei irgendwem? Farrokh Bulsara war der bürgerliche Name von Freddie Mercury, der es bis heute aus seinem Grab heraus schafft, mit seiner Band Queen unsere Ohren zu strapazieren. Da Musik ja Geschmacksache ist, stehe ich mit meiner Meinung zu Queen sicher ganz alleine da. Was habe ich Queen gehasst, alleine dieses affige Verhalten, bei irgendeinem Erfolgserlebnis oder Sieg den Song We Are The Champions lauthals zu grölen. Einfach nur ekelerregend. Auf der anderen Seite ist es aber trotzdem ein schönes Gefühl, dass leidenschaftliche Menschen Musik hinterlassen, die lange Zeit nach ihrem Tod das Zeug dazu hat, Freude und Glück bei den Lebenden zu erzeugen. Ob die Band Farrokh Bulsara solche Gedanken bei der Namenswahl im Hinterkopf hatte? Jedenfalls ist der Name für eine Screamo-Band sehr passend und die Musik dieser Band gefällt mir persönlich um Längen besser als das Zeugs von Queen.

Farrokh Bulsara kommen aus der Schweiz und haben zum Teil ganz schön alte Szene-Hasen mit an Bord. Bands wie Never Built Ruins oder Ghettohund sagen mir jetzt persönlich weniger, aber an das ein oder andere Konzert von Bands wie Sundowner, Profax, Fuego oder Dying In Motion erinnere ich mich gern zurück, zudem steht manches Release dieser Bands im heimischen Platten/CD-Regal. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an eine Diskussion über Hardcore im Schweizer Fernsehen (Anfang der Neunziger?), bei dem sogar Profax und die Züricher Band Fleisch auftraten. Die Bands Mr. Willis Of Ohio und The Rabbit Theory konnte ich leider nie live sehen. Und auch mit The Rabbit Theory verbindet mich eine Erinnerung, die jedoch sehr schmerzhaft ist, selbst wenn ich Gitarrist und Sänger Nino Kühnis nie persönlich getroffen habe. Nino ist nämlich im Jahr 2013 bei einem Fahrradunfall mit einem Lastkraftwagen viel zu früh aus dem Leben gerissen worden. Von seinem Tod erfuhr ich ein paar Tage später durch meine Mitarbeit bei Borderline Fuckup. In den Credits des Tapes erfährt man, dass Nieder mit den Thujahecken Nino gewidmet ist. Zudem dürften die Lyrics vom Song Am Ende lacht der Geist ebenfalls unmittelbar mit dem Tod Ninos im Zusammenhang stehen. Und da wären wir wieder bei der eingangs gesponnenen Theorie bezüglich der Hintergründe der Namenswahl. Die Leidenschaft, die Ideen, die Güte und der Optimismus von Nino lebt in Farrokh Bulsara weiter. Das ist meine Interpretation, vielleicht liege ich damit völlig falsch. Was jedoch ziemlich sicher ist: bereits beim ersten Durchlauf des Tapes habe ich einen Narren am Sound von Farrokh Bulsara gefressen.

Das Tape kommt in klassischer DIY-Optik. Die schwarze Hülle ist mit einem schwarzen Karton ummantelt, der auf Vorder-und Rückseite weiß bedruckt ist. Die Vorderseite ist logischerweise mit einer Thuja-Detailzeichnung verziert. Die Labels der Kassette sind im ähnlichen Stil gestaltet. Auf dem eingelegten Faltblatt lassen sich alle Texte nachlesen, zudem gibt es zu jedem Song eine englische Übersetzung. Und natürlich liegt auch ein Download-Code bei, obwohl sich das Album auch kostenlos auf Bandcamp downloaden lässt. Das Tape dürfte mit einer Auflage von 100 Stück schnell vergriffen sein. Denn Farrokh Bulsara haben es musikalisch ziemlich drauf und wissen ab dem ersten Ton, wie man gefangen nehmen kann. Und die deutschen Texte schlagen in die gleiche Kerbe, sie sprechen zumindest mir aus der Seele. Hier bewegen sich die Schweizer abseits jeglichen Punk-Klischees, machen sich tiefschürfende Gedanken und bleiben dabei trotz der ganzen Hoffnungslosigkeit optimistisch. Da wird Kritik an den Zuständen in der Welt geübt, die Verrohung und Abstumpfung durch die eigene Machtlosigkeit scheint auswegslos und zermürbend. Was bleibt, ist der Appell an die menschlichen Gedanken. Und die Revolution im eigenen kleinen Umfeld. Viel mehr als Punk und Liebe braucht man nicht im Leben! Und trotzdem versteht man die vom Wohlstand geprägte Gesellschaft kaum. Gerade in einem reichen Land wie der Schweiz, in der jeder nur auf seinen eigenen Profit schaut und die Ausbeutung von Menschen schulterzuckend in Kauf nimmt, mümmeln sich die Reichen in ihren gepflegten Anwesen und verstecken sich hinter abschirmenden Schutzwällen aus Thujahecken in feudalen Villen. Eine ähnliche Problematik wird wohl in dem aktuellen Schweizer Punk-Film Lasst die Alten sterben behandelt, den ich bald mal zu gern sehen würde. Aber auch an der eigenen Szene wird gemäkelt, zudem dürften nicht nur den älteren Semestern unter uns die beschriebenen Szenen aus dem Song 1988 bekannt sein. Die Melancholie findet sich nicht nur in den Lyrics, auch die Musik jagt den einen oder anderen Gänsehaut-Schauer über den Rücken. Die Gitarren kommen so gefühlvoll rüber, dazu der gegenspielende Bass. Wow! Ach ja, es gibt auch noch ’nen Schlagzeuger, der auch mal innehalten kann aber sonst alles gibt, schrammelnde Gitarren sind ebenfalls noch mit dabei. Und on the top kommt der anklagende und leidenschaftliche Gesang sowie hyperventilierende Gangshouts dazu. Ups, schon wieder abgeschweift und zu wenig über die Musik geschrieben…aber ihr werdet Farrokh Bulsara eh abgöttisch lieben!

9/10

Bandcamp / Homepage