Bandsalat: Augen, Dream Nails, Greet Death, Krimi, Reflection, Renàra, Tolls, The Yaupon Holly

Augen – „Winter“ (DIY) [Name Your Price Download]
Neulich bei Bandcamp hängengeblieben: Augen kommen aus Köln und klingen auf ihrer aktuellen EP aber eher nach Bremen in den späten Neunzigern. Erstaunlich oldschoolig geht das Quartett zur Sache und erinnert mit seinem derbem Bremer-Schule-Hardcore und den deutschen Texten natürlich an Bands wie Loxiran, Carol, ACME, Systral, Metöke oder Lebensreform. Roh und ungeschliffen kommt der Sound um die Ecke, das heisere Geschrei und die scharfen Gitarren erzeugen zusammen mit den wuchtig gedreschten Drums und ein paar Rückkopplungen eine schöne Angst-und Verzweiflungs-Atmosphäre. Hört da mal unbedingt rein, wenn ihr oben genannten Bands was abgewinnen könnt!


Dream Nails – „Selftitled“ (Alcopop! Records) [Stream]
Nach ein paar Single- und EP-Veröffentlichungen legen die Londoner Mädels von Dream Nails endlich ihr Debütalbum vor. Und wie man es von den Damen gewohnt ist, wird es auf der einen Seite schön schrill und schroff, auf der anderen Seite bohren sich aber die catchy Songs tief ins Gehör. Der Bass fuzzt wie blöde, dazu gesellen sich catchy Hooklines, kraftvoll gespielte Drums und lässige Chewing-Gum-Vocals. Natürlich fehlt es auch auf diesem Release nicht an queer-feministischen Inhalten, zudem wird gegen kapitalistische Ausbeutung, Dating Apps, den Umgang mit Opfern seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt und andere Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft gewettert. Die ernsten Themen sind mit reichlich Ironie und Witz gewürzt, zudem bekommt man die Songs nach ein paar Durchläufen wirklich kaum mehr aus den Ohren. Zieht man die fünf Spoken-Word-Tracks ab, dann bleiben insgesamt zehn Gassenhauer zurück, die jede Party in Gang bringen können! Zwischen poppigem Punk und etwas Post-Punk klingt der Sound der Mädels nach ’ner Mischung aus Le Tigre, Colour Me Wednesday, X-Ray-Spex, Orchards und Diet Cig. Mal sind die Damen hibbelig und aufgedreht unterwegs, dann gibt es zwischendurch aber auch durchaus wütende Ausbrüche zu hören, unterm Strich bleibt es aber hitlastig ohne Ende. Das Album macht jedenfalls tierisch gute Laune, hört einfach mal Songs wie z.B. Text Me Back, People Are Like Cities oder das mit einem groovigen Rage Against The Machine-Riff ausgestattete Payback an, dann werdet ihr leuchtende Augen bekommen!


Greet Death – „New Hell“ (Deathwish) [Stream]
Wenn ihr eure Herbstdepression noch ein bisschen in den Sommer retten wollt, dann empfehle ich wärmstens das zweite Album der Band Greet Death. Die Band aus Michigan verzaubert mit ihrem stark verzerrten Sound, der auf der einen Seite trostlos und düster rüberkommt und dabei noch tiefe Melancholie verbreitet. Hört nur mal den Song Do You Feel Nothing? an, der erklärt alles. Wenn ihr euch schon immer vorgestellt habt, wie Citizen mit stark verzerrten Gitarren klingen würden, dann solltet ihr unbedingt Greet Death antesten. Die Mischung aus langsamem Shoegaze mit Emo, Grunge, Slo-Mo-Post-Hardcore und Rock erinnert mich nämlich nicht selten an die Band aus Ohio, auch Zeugs wie HRVRD oder Sore Eyelids klingen ähnlich atmosphärisch, allerdings bei weitem nicht so distortionlastig. Irgendwie bitter, aber wunderschön!


Krimi – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ohne Krimi deht die Mimi nie ins Bett! Haha! Bin mir sicher, dass kein einziges Review über irgendwelche Releases der Band aus Bielefeld ohne diesen bescheuerten Satz auskommem werden wird! Aber eigentlich ist das ja egal, denn diese fünf Songs hindern Dich sowieso daran, ins Bett zu gehen! Deutschpunk trifft auf Hardcorepunk, basslastig, Sturm nach vorne, melodisch wie Hölle und irgendwie hat das Ganze was von As Friends Rust. Undbedingt mal antesten!


Reflection – „Different Paths“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus irgendeinem Kaff in der Nähe von Belgrad stammt die serbische Band Reflection, auf die ich neulich beim Stöbern in Bandcamp aufmerksam wurde. Die Jungs machen schönen melodischen Hardcore, Post-Hardcore und Screamo-Einflüsse sind ebenfalls vorhanden. Mir gefällt v.a. die abgefuckt leidende Stimme des Sängers, die ziemlich viel Emotion und Schmerz in sich trägt. Dazu kommt massig Spielfreude, geile Gitarrenriffs, nach vorne gehende Drums und schön gegenspielende Basslines. Auch die Message stimmt, natürlich gibt es gesellschaftskritische Inhalte, Dinge werden hinterfragt, man gibt nicht kampflos auf. Neun Songs sind es zusammen mit dem Intro, und die machen absolut Bock, die Band irgendwann mal live zu erleben. Die Band sticht irgendwie aus der Masse an Melodic Hardcore-Bands heraus, testet die Jungs ruhig mal an!


Renàra – „Selftitled“ (dischi decenti) [Stream]
Hach, diese 5-Song-EP macht richtig Laune auf den Sommer! Renàra kommen aus dem Badeort Massa in Italien und das hier ist das erste Lebenszeichen des Quartetts. Und weil das Ding schon so in sich stimmig ist, kann auch gleich noch erwähnt werden, dass die Jungs natürlich keine lausigen Anfänger sind. Zuvor spielten die Mitglieder in Bands wie z.B. June Miller, Do Nascimiento und Son, dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass Renàra auch in Richtung Emo unterwegs sind. Und zwar in richtig schmissigem Flip-Flop-Twinkle-Emo, der gern auch mal knarzend und punkig um die Ecke linst und sich auch mal für einen Ausflug in die Neunziger durchringen kann. Auch die Herzschmerz-Fraktion wird gefüttert, dazu bringen die italienischen Texte einen gewissen Exoten-Bonus. Sehr schön!


Tolls – „Past Selves“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es sind zwar nur zwei eigene Songs und eine Jimmy Eat World-Coverversion, aber dieses Release hat definitiv mehr Pfeffer im Arsch als so manch ganzes Album! Klangen die Songs auf dem Demo noch ein bisschen schwach in Punkto Aufnahmequalität, ist hier eine deutliche Verbesserung zu hören. Laut aufdrehen bitte, dann beamt ihr euch direkt in den Proberaum des Trios aus Eugene/Oregon. Bei geschlossenen Augen meine ich echt, den Wind der Crash-Becken und den Druck der Drums in der Baseballkappe zu spüren. Tolls gehen ihren Sound mit ganz viel Leidenschaft und Spielfreude an. Wer emotive Screamo mag, kommt hier jedenfalls voll auf seine Kosten! Unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


The Yaupon Holly – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Beim Bandcamp-Ausflug neulich entdeckt: the Yaupon Holly aus Gainesville. Nach ein paar Hörrunden wollte ich etwas mehr über die Band in Erfahrung bringen, aber das Internet gibt keinerlei Informationen her, nicht mal ’ne Social Media-Seite gibt’s. Wahrscheinlich bin ich auch zu doof, ich bekomme nur Ergebnisse über Stechpalmen-Gewächse auf den Schirm. Egal, die fünf Songs dürften alle Leute bedienen, die diesen 90’s-US-Emocore der rauen Sorte mögen, der mit Elementen aus Post-Hardcore und Punk angereichert ist und stark düster und verzweifelt klingt. Ein bisschen Ebullition, ein bisschen Gravity, ein bisschen Planes Mistaken For Stars. Schönes Artwork!


 

Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

drych – „Selftitled“ (Pike Records)

Hier kommt mal wieder ein Debut-Release einer Band um die Ecke, bei dem man stutzig wird, warum immer wieder Bands aus dem Nichts in Erscheinung treten und es dazu schaffen, mit ihrem Debut alles niederzureißen. Eine oft zutreffende Erklärung ist hier natürlich der Hinweis, dass die beteiligten Mitglieder schon jahrelang miteinander Musik gemacht haben und zuvor auch durchaus mit namhaften Bands in Erscheinung getreten sind. Im Falle von drych kennt man die Beteiligten von Bands wie z.B. Elmar, ISWH oder Aslov Kinski. drych ist also ein junges Quartett aus Dresden, erste Facebook Aktivitäten stammen aus dem Jahr 2018. Genretechnisch geht der Sound der Dresdner eher in die Richtung der Band Aslov Kinski, grob gesagt machen die Jungs düster angehauchten Hardcore. drych ist übrigens laut einer Onlineübersetzung der walisische Begriff für „Spiegel“.

Ich habe lange gerätselt, was hinter dem Coverartwork stecken könnte.Irgendwie sieht der Hintergrund aus, wie die verbrannte Rinde eines Baumes. Auch die Bilder auf dem Backcover und im Poster-Textblatt deuten darauf hin, als ob ein Brand über eine ehemals intakte Natur gefegt wäre. Da auf dem Backcover eine Zeichnung eines toten Vogels abgebildet ist und auf dem Frontcover ein weinender Mensch zu sehen ist, der auch langsam dahinzuscheiden scheint, erscheint mir diese Vermutung zusammen mit den Texten betrachtet am schlüssigsten. Erst stirbt der Wald, dann der Mensch! Die Texte zu entziffern ist übrigens gar nicht so einfach, die etwas krakelige Handschrift liest sich in weißer Farbe auf teils hellem Hintergrund nicht so gut. Dafür sieht das Poster mit der Zeichnung einer brennenden Fackel ganz hübsch aus. Soweit ich es verstanden habe, ist die große gemeinsame Kuscheldecke des Kapitalismus ein zentrales Thema. Die Frage, wo sich in diesen orientierungslosen Zeiten denn noch Halt finden lässt, wird letztendlich nicht beantwortet. Vielmehr wird der Menschheit ein Spiegel vorgehalten, schließlich tragen wir alle permanent zur Zerstörung der Umwelt bei. Jedenfalls gibt es hier eine große Portion apokalyptischer Endzeitstimmung zu entdecken. Passend dazu kommt rotes und mit Rauchschwaden durchzogenes Vinyl zum Vorschein. Willkommen im Inferno! Das Ding ist einseitig bespielt, sechs Songs sind darauf zu hören.

Dementsprechend düster wabert der Sound aus den Lautsprechern. From Graft wütet direkt galoppierend und crustig los, der Schlagzeuger hackt zusammen mit dem Basser einmal kurz die vom Fegefeuer übriggelassenen Holzklumpen zu Staub, während die Gitarren die paar verbliebenen Bäume gnadenlos umsägen. Ganz schön flächiger Sound, auffallend sind hier die dissonanten Töne im Mittelteil, die von den Gitarren erzeugt werden. Natürlich schreit der Sänger zum höllischen Inferno seine Verzweiflung raus, so als ob er am Steuer eines brennenden Tanklastwagens das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken würde, nur um den brennenden Tanker über die Klippen in den Abgrund zu jagen. Auch im nachfolgenden To Gravel bleibt es rasant, es wird mit reichlich Adrenalin gepumpt. Mir gefallen v.a. die immer wiederkehrenden unterschwelligen Melodien, die die Gitarren an die Oberfläche bugsieren. Zudem bauen die Jungs im Verlauf des Albums immer wieder chaotische, rasend schnelle Parts in ihre Songs mit ein, metallische Untertöne sind ebenfalls rauszuhören. Überhaupt ist das ganze schön abwechslungsreich und energiegeladen, melancholische Untertöne sind ebenso mit dabei und die satte Produktion von der Tonmeisterei drückt auch gewaltig! Wenn ihr crustig angehauchten Blackened Hardcore mit Screamo-Referenzen im Stil von Bands wie z.B. Rise And Fall oder Nails mögt, dann seid ihr bei drych genau richtig!

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Pike Records


 

Bandsalat: A Paramount A Love Supreme, Cirlces, The Cold, Husbands, Labor Hex, Loveline, Numb World, Ria

A Paramount, A Love Supreme – „Crisis Meditations“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Aus Newark, Delaware kommt diese ziemlich junge Screamo-Band, die hier ihre Debut-EP mit vier kraftvollen und intensiven Songs zum Besten gibt. Obwohl die Band aus nur drei Leuten besteht, fahren die Jungs einen dichten Sound, der sich aber auch ab und zu mal ein bisschen zurücknimmt. Die teils moshigen Gitarren brezeln ordentlich, die Drums wummern mit viel Crashbecken, der Bass fuzzt ohne Ende und der Sänger schreit sich die Stimmbänder wund. Sehr emotional klingt das alles, bestens nachzuprüfen beim Song I Am Young Without Wilderness! Wenn ihr auf Bands wie Majority Rule, PG. 99, Ostraca oder ganz frühe Boy Sets Fire steht, dann zippt euch mal schnell diese EP auf die Festplatte.


Circles – „Resonate“ (Swell Creek) [Stream]
Seit 2017 ist das Quintett aus Nantes, Frankreich am Start. Auf Resonate sind die vier Songs der Resonate-EP und das 7-Song-Demo enthalten. Die Band macht eine oldschoolige Mischung aus Hardcore, Emocore und Post-Hardcore und erinnert dabei an goldene Zeiten, als Bands wie Dag Nasty, Embrace, One Step Ahead oder Reason To Believe neuen Wind in die Hardcore-Szene brachten. Wenn man nicht ständig über den französischen Akzent des Sängers schmunzeln müsste, könnte man glatt meinen, es würden verschollene Aufnahmen einer US-Band aus den Lautsprechern poltern. Hört euch nur mal den Song Knife an, dann wisst ihr, was ich meine. Die Songs vom Demo wissen auch durch die raue und knackige Produktion zu gefallen. Auch inhaltlich steht man mit politischem Themen auf der richtigen Seite. Geiles Ding!


Cold, The – „Certainty of Failure“ (Moment Of Collapse) [Stream]
Wenn man immer mal wieder auf der Suche nach interessanten Bands aus dem Post-Hardcore bzw. Melodic Hardcore-Bereich ist, dann braucht man eigentlich gar nicht allzuweit gehen. Gerade hierzulande tummeln sich einige geile Bands, die sich vor Bands aus Übersee absolut nicht verstecken müssen. The Cold aus Hamburg gehören mit Sicherheit zu dieser Sorte, was mit dem Debutalbum der Jungs eindeutig bewiesen ist. Bei so starken Debutalben ist es meistens so, dass die Bandmitglieder zuvor schon reichlich Banderfahrung gesammelt haben. Und so ist es dann auch bei The Cold. Cataract, Heretoir, King Apathy, Grand Griffon und Sunlun heißen die Bands, bei denen sich die Jungs schon betätigt haben. Insgesamt gibt es elf Songs zu hören, die allesamt durch Angepisstheit und Wut ins Gehör stechen. Die druckvolle Produktion ist dabei alles andere als ein Hindernis. Auch die unterschwelligen Melodien wissen zu gefallen, dadurch schimmert auch so ein bisschen ’ne Emo-Kante durch. Ein wütend gehauener Bass und kräftig gebolzte Drums bilden zusammen mit den satt klingenden Gitarren die Basis. Die Vocals sind schön derbe rausgeschrien, dazu passt der kämpferische und vorantreibende Sound der fetten Gitarren natürlich bestens. Titel wie Shithole Governments (geiler Song übrigens) oder Profit Warning zeigen auch, worüber die Jungs so angepisst sind, die Themen reichen von Kapitalismuskritik und Polizeigewalt bis hin zu Gentrifizierung und den immer spürbareren Rechtsruck der Gesellschaft. Wenn ihr gern Zeugs wie Modern Life Is War, Endstand, Newborn oder Bridge To Solace hört, dann werdet ihr The Cold sicher auch mit offenen Ohren aufnehmen!


Husbands – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Manche Bands gehen schwer zu googlen, so auch Husbands aus Toronto, Kanada. Auf selbige bin ich daher beim Browsen auf Bandcamp gestoßen, logischerweise war ich direkt beim ersten Song angefixt. Denn Husbands machen eine intensive Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore und Screamo. Insgesamt bekommt man sechs Songs zu hören, die allesamt spannende Songarrangements besitzen, superfett produziert sind und durchweg sehr emotional und mitreißend klingen. Die Gitarren sind sehr gefühlvoll gespielt, dazu gefällt der gegenspielende Bass und vorantreibendes und kraftvolles Getrommel. Leidenschaftlicher Schreigesang rundet das Ganze ab. Erinnert mich ein bisschen an Boy Sets Fire meets Counterparts.


Labor Hex – „Nothing Is Real“ (DIY) [Name Your Price Download]
Über Labor Hex aus Boston und ihre Nothing Is Real-EP bin ich neulich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge gestolpert. Bereits beim Eröffnungspart zum Opener The Twist hatte ich das Gefühl, dass mir das hier sehr viel Spaß bereiten könnte. Als dann die Stimme des Sängers einsetzte, war es auch schon um mich geschehen! Wow, das hier klingt wie ’ne Mischung aus Verbal Assault, Dag Nasty, Amulet (Norwegen) und frühen Hot Water Music. Der Sänger erinnert mich irgendwie auch ein bisschen an den Typen der Band Day Of Contempt auf der The Will To Live-EP. Jedenfalls hat er ’ne kraftvolle Stimme, die nach Leidenschaft und Herzblut klingt. Die Songarrangements sind ausgeklügelt, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Und immer wieder kommen überraschend geile Gitarren- und Bassriffs um die Ecke, obendrein ist das Ganze schön druckvoll abgemischt! An Ideenreichtum mangelt es den Jungs ebenfalls nicht, so dass die sechs Songs mit einer Spielzeit von knapp 22 Minuten ruckzug durchgelaufen sind, ohne dass dabei Langeweile aufkommen würde.


Loveline – „Selftitled“ (Tief in Marcellos Schuld) [Name Your Price Download]
Neulich mal wieder bei Bandcamp gestöbert und direkt fündig geworden: Loveline kommen aus Essen und legen direkt nach Bandgründung eine spitzenmäßige 2-Song-EP vor, die direkt nach mehr lechzen lässt. Die fünf Jungs zaubern ein hochmelodisches Hardcore-Punk-Gebräu, das seine Vorbilder um die Jahrtausendwende herum hat. Strike Anywhere, As Friends Rust, Good Riddance, Brand New Unit oder Grey AM schwirren mir dabei im Schädel rum. Sehr geil abgeliefert, denn auch textlich hat das Quintett was zu sagen! Neben persönlichem Seelen-Stuff gibt’s ’ne Portion Gesellschaftskritik auf die Mütze, so gehört sich das! Und auch das Coverartwork kann sich sehen lassen, auch wenn es ein bisschen an die Boy Sets Fire-Hand von While A Nation Sleeps erinnert. Irgendwann dieses Jahr soll noch ein Album folgen, da bin ich jetzt schon heiß drauf!


Numb World – „Numb World Tapes“ (Rizkan Records) [Stream]
Die Verwirrung ist groß: eine kanadische Band, die bisher unter dem Namen Cuddlefish oder Cuddlefish 3000 bekannt war, heißt nun Numb World. Außer einer mit Infos sparender Facebook-Seite der Band Cuddlefish 3000 bekommt man kaum Details zur Band Numb World geliefert. Nun, auf Numb World Tapes, das von dem indonesischen DIY-Label Rizkan Records als Tape veröffentlicht wurde, befinden sich alle bisherigen Aufnahmen der Band. Die Songs von zwei Split-Releases auf den Labels Debt Offensive und Deadbroke Rekerdz und zwei bisher unveröffentlichte Songs sind darauf zu hören. Und die haben’s allesamt in sich! Geboten wird mitreißend melodischer Punk, Einflüsse aus Grunge, Hardcore und Emocore sind auch rauszuhören. Kid Dynamite treffen auf die Pixies oder so ähnlich! Die Songs reißen mich aufgrund ihrer Unverbrauchtheit direkt mit, einzig die Soundqualität könnte ’nen Ticken besser sein. Aber irgendwie macht auch gerade das den Reiz aus. Sehr geile Band, wie auch immer sie jetzt heißen mag!


ria – „Mono No Aware“ (Callous Records u.a.) [Stream]
Müsste ich ein paar Post-Hardcore-Bands aus der Türkei aufzählen, dann hätte ich so ziemlich meine Schwierigkeiten. Auf Anhieb fallen mir gerade eigentlich nur Proudpilot, Emergency Broadcast, Burn Her Letters oder die extrem coolen Lost In Bazaar ein. Umso freudiger, wenn ’ne Besprechungsanfrage einer türkischen Band reinflattert und man im Anschreiben auch noch erfährt, dass bei ria Leute der Bands Burn Her Letters (siehe oben), Saatleri Ayarlama Enstitüsü und Pourbon mitwirken. Und neben Callous erscheint das Album auf dem türkischen DIY-Label Mevzu Records, das eine umfangreiche Bandcamp-Seite hat. Das lädt natürlich nach anschließendem Hörgenuss zum Stöbern ein! Nun, ria machen so ’ne recht düstere Mischung aus Post-Hardcore, Screamo und Emo, dabei wird man an Zeugs aus der italienischen und französischen Screamo-Szene genauso erinnert wie an Sachen wie z.B. Envy, Asthenia oder Gattaca. Geschrien wird in türkischer Sprache, was das Ganze natürlich interessant macht. Auch die Spoken Word-Samples zwischendurch sind gut platziert, wirken gar angsteinflößend. ria gehen zwar ziemlich dissonant vor, dennoch schwappen immer wieder unterschwellige Melodien ans Licht. Die rohe Aufnahme kommt auch ganz geil rüber. Checkt das unbedingt mal an!


 

Bandsalat: Atlanta Arrival, Coilguns, Drawbacks, Ghost Spirit, Hippie Trim, lowmeninyellowcoats, Lessoner, Smile And Burn

Atlanta Arrival – „A Tale Of Two Cities“ (Midsummer Records) [Youtube Stream]
Die Emo-Band The Satellite Year dürfte einigen von euch sicher noch bekannt sein, Atlanta Arrival sind aus der Asche eben jener hervorgegangen. Bei A Tale Of Two Cities handelt es sich um das Debutalbum der Band aus Saarbrooklyn. Und hinter diesem steckt eine tragische Geschichte: wenige Wochen nach den Schlagzeugaufnahmen zum Album verstarb Drummer Björn in Folge eines Hirntumors. Dass dieses Album trotzdem fertiggestellt wurde, macht dieses Release umso herzlicher! Die zehn Songs bewegen sich hauptsächlich zwischen den Pfeilern Emo, Pop und Alternative-Rock. Die Stücke leben von abwechslungsreichem Songwriting und leidenschaftlicher Spielfreude. Neben den rockigen Gitarren wird auch teilweise mit Synthies gearbeitet, was dem Sound nochmal einen zusätzlichen emotionalen Touch verleiht. Da kommen natürlich Bands wie The Juliana Theory (z.B. bei Colliding Stars oder Fiction, Once Again), Taking Back Sunday (z.B. Highwire Act), Thrice, Motion City Soundtrack oder frühe Thirty Seconds To Mars (z.B. Why) in den Sinn. Intensiv und aufwühlend!


Coilguns – „Watchwinders“ (Hummus Records) [Name Your Price Records]
Kennt ihr das? Ihr liegt nachts wach, die völlige Stille wird vom immer lauter werdenden Ticken der Wanduhr unterbrochen. Ihr entwickelt langsam aber sicher einen abgrundtiefen Hass und steigert euch rein, bis das Ticken sich fest und bedrohlich in eurem Kopf festgesetzt hat. So ein ähnlich beängstigendes Gefühl bekommt ihr vom Schweizer Uhrwerk Coilguns auf der mittlerweile dritten Full Length zu spüren. Die zwölf Songs mahlen sich langsam walzend in eure Gehörgänge, ein richtig aufbrausendes Noise-Gewitter am Rande des Wahnsinns habt ihr zu erwarten. Krachig und teils sperrig sind die Schweizer unterwegs, die Basis wird aus rituell hämmernden Drums, knarzendem Bass und durchdrehenden Gitarren gebildet, dazu kommen psychotisch wirkende Vocals, die mantra-artig vorgetragen werden. Der Schlagzeuger hat echt mal verrückte Moves drauf! Die Stücke brezeln ordentlich, hier regiert der Krach und das Chaos! Laut, unbequem und bedrohlich!


Drawbacks – „How We Feel“ (Pundonor Records) [Stream]
Jippiee! Endlich hat die Band aus Lille/Frankreich ihr langerwartetes Debutalbum draußen! Obwohl auch schon wieder seit 2012 in der Umlaufbahn, sind bisher nur zwei EP’s erschienen, wobei die Common Impairments-EP die Band gerade hierzulande durch die Mitbeteiligung der Labels Miss The Stars und Dingleberry Records etwas bekannter gemacht haben dürfte. Auf How We Feel bekommt ihr zehn mal die volle Melodic Hardcore-Breitseite ab. Wundervolle Gitarrenriffs treffen auf treibende Drums und leidenschfaftlich gebrüllte Vocals, dieser Sound hat das Zeug dazu, Dich mitsamt allem um Dich rum mitzureißen! Man merkt einfach, dass hier Leute am Start sind, die für ihren Sound brennen und mit Haut und Haaren darin aufgehen. Die Band aus Frankreich muss sich dabei keineswegs hinter den bekannteren Kapellen des Genres verstecken. Inspiration dürften sich die Jungs natürlich von Bands wie Verse, Comeback Kid, Modern Life Is War, Defeater oder Counterparts geholt haben, aber das hier ist viel mehr als eine reine Kopie. Dieses Album macht so verdammt viel Laune, da bekommt man direkt große Lust, sich mit empor gereckter Faust durch einen kleinen, familiären Moshpit zu jagen. Ein richtig intensives, emotionales Brett mit massig Groove an Bord!


Ghost Spirit – „Hourglass“ (Twelve Gauge Records) [Stream]
Das Ding hier zeigt eigentlich mal wieder deutlich, wie unsinnig Jahres-Best-Of-Listen sind. Im Oktober 2019 erschienen, bei mir erst Mitte Dezember angekommen. Da aber direkt und mit voller Wucht eingeschlagen, wie eine zentnerschwere Bombe! Zweifelsohne, diese Platte wäre in meiner Best Of 2019-Liste gelandet, hätte ich denn eine gemacht! Ghost Spirit aus Los Angeles sind mir letztens schon auf dem Split-Release mit Frail Hands äußerst positiv aufgefallen. Die Band setzt sich aus Leuten zusammen, die auch schon in Bands wie Lord Snow, Tower of Silence, Seeing Means More, Nuvuloscura, Calculator  und Letters to Catalonia in Erscheinung getreten sind. Aber was wichtiger ist: die vier Jungs brennen auf Hourglass mit insgesamt acht Songs alles nieder! Und plötzlich traut man seinen Ohren nicht mehr, nachdem die ersten vier Songs wie ein regelrechter Sturm mit wahnsinnig emotionalem und intensivem Screamo über einen hinweg gezogen ist und nur noch verbrannte Erde hinterlassen wird, kommt mit Desire Lies schon fast ein kleiner Stilbruch. Wie geil ist das denn? Richtig schön emopunkig und fluffig, mit verträumten Melodien. Diese Vorgehensweise rückt auch noch bei den Songs Look To The Stars und Remebering in den Vordergrund und macht ganz schön neugierig auf hoffentlich bald folgenden neuen Stoff des Quartetts. Wirklich ein mehr als gelungenes Album!


Hippie Trim – „Cult“ (Redfield Records) [Stream]
Was die fünf Jungs der Band Hippie Trim auf ihrem Debutalbum abziehen, gefällt mir richtig gut. Die Band aus Nordrhein-Westfalen wirkt eigentlich mit ihrem Mix aus Melodic Hardcore, Pop-Punk und etwas Screamo sehr amerikanisch. In der Tat klingt das dann wie eine spritzige Mischung aus alten Helden wie z.B. As Friends Rust, Grade oder Alexisonfire mit Pop-Punkern á la Title Fight, Such Gold oder The Story So Far. Herrlich frisch und unverbraucht wirbeln die zehn Songs an einem vorbei, so dass man sich nach knapp 25 Minuten Minuten wundert, dass das Ding schon wieder rum ist und man sich dabei ertappt per Tastendruck eine neue Runde anzufordern! Die Songs sind stimmig arrangiert und verdammt catchy, zudem strotzen sie vor unbändiger Spielfreude, auch der Doppelgesang weiß zu gefallen. Da wird man sofort mitgerissen, freut sich an den wundervollen Gitarrenriffs, die auch schon mal andeutungsweise shoegazige Untertöne anschlagen, wenn sie gerade mal nicht am brezeln sind. Man merkt hier einfach, dass bei den Jungs das Herz an der richtigen Stelle sitzt! Das wird sowohl durch ihr Auftreten und der Message in den Texten bestätigt. Bestens abgeliefert, da bekommt man direkt Appetit auf mehr!


lowmeninyellowcoats – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Holy Shit! lowmeninyellowcoats kommen aus Akron, Ohio und zünden auf ihrem Debutalbum das volle Retro-Screamo/Emoviolence-Inferno! Das Trio umschreibt seinen Sound eigentlich ganz zutreffend: cathartic creatures composing cacophony! Und das tun sie mit viel Hingabe und Herzblut. Die Gitarren haben diesen melancholischen Drive drauf, dazu gesellen sich rasend schnelle Drums und sich überschlagendes, heiseres Verzweiflungs-Geheul. Hin und wieder kommen diese fast unverzerrten cleanen Gitarren durch, das hindert den Sänger jedoch keinesfalls, alles aus seinen Stimmbändern rauszuholen, was es nur rauszuholen gibt. Emotive Screamo vom Feinsten! Merchant Ships treffen auf Coma Regalia, Funeral Diner und Who Calls So Loud lassen ebenfalls grüßen. Saustarkes und hochintensives Debut!


Lessoner – „Morgana“ (Seven Oak Records) [Stream]
Auf die Leipziger Band Lessoner bin ich neulich bei einem meiner in letzter Zeit etwas sparsamen Bandcamp-Ausflügen gestoßen. Spannend und sehr groovig röhrt die Maschine beim Opener Motor los, im Verlauf des Songs merkt man bereits, dass es hier schön abwechslungsreich werden wird. Und fünf Songs später sieht man sich bestätigt. Die Band bewegt sich irgendwo im Post-Hardcore, Elemente aus Screamo, Noise, Melodic Hardcore, Punk und etwas Emo sind auch vorhanden. Die Rhythmusmaschine aus kraftvoll gespielten Drums und polterndem Bass liefert das Grundgerüst, die Gitarren bröseln größtenteils und türmen sich auf, sorgen aber auch clean gespielt für große Momente. An Ideenreichtum fehlt es den Jungs jedenfalls zu keiner Zeit. Positiv sticht übrigens die professionelle Produktion heraus, die Texte sind auch alles andere als oberflächlich. Beim Gesang reicht das Spektrum von clean gesungenen Passagen bis zum unkontrollierten Schreiausbruch. Beim letzten Song staunt man dann, dass das Ganze auch mit deutschen Texten funktioniert. Mittlerweile verkündete die Band übrigens den Ausstieg des Sängers, aber so wie es aussieht, wird derzeit nach Ersatz gesucht. Ich drück mal die Daumen, dass die Jungs jemanden finden, denn diese Band hat’s echt drauf!


Smile And Burn – „Morgen Anders“ (OMN Label Services) [Video]
Die Berliner Band hab ich eigentlich erst aufgrund einer Besprechungsanfrage zum 2017er-Album Get Better Get Worse kennen gelernt, dabei war das auch schon Album Nummer vier, zudem spielt sich die Band bereits seit 2008 permanent den Arsch ab. Bevor das fünfte Album erscheinen konnte, hatten die Jungs auch noch mit Mitgliederschwund zu kämpfen, so dass man anstelle eines Quintetts plötzlich nur noch ein Trio war. Wie man sehen und hören kann, hat letztendlich aber doch noch alles geklappt. Hinzu kommt, dass Smile And Burn auf ihrem fünften Album auch noch einen weiteren Schritt wagen: gesungen wird auf Morgen Anders in deutscher Sprache. Und was auch schon bei den Donots hervorragend geklappt hat, klingt auch bei Smile And Burn erstaunlich authentisch. Die klischeefreien Texte darf man ruhig mal loben, stimmen sie doch nachdenklich und melancholisch! Nach wie vor gefällt mir die Schreistimme irgendwie besser als die Singstimme, wobei sie meiner Meinung nach hierbei viel selbstsicherer rüberkommt. Dass hier nur noch drei Leute musizieren, hört man übrigens überhaupt nicht, irgendwie spürt man, dass die Spielfreude durch den Wegfall nicht getrübt wurde. Im Gegenteil, die Gitarren klingen fett und haben ’ne Menge an geilen Riffs am Start, dazu liefert die Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug druckvoll und vorantreibend ab. Catchy Songwriting und hymnische Mitsing-Refrains runden das Ganze gebührend ab, beste Beispiele geben hier die Songs Leben lang oder Kalendersprüche ab. Gut gefallen mir auch die ruhigen Zwischentöne wie beispielsweise beim Titelstück oder bei Fühlt sich das nach Ende an. Und mit dem Song Weinschorle werden auch die Hardcorewurzeln nicht vergessen!


 

Bandsalat: Alan Alan, Brief Habits, Captain Cat, Counterparts, Crispr Cas Method, Hector Savage, Kafka, Lionheart

Alan Alan – „¯\_(ツ)_/¯ “ (DIY) [Name Your Price Download]
Welch eine Freude: bei Alan Alan handelt es sich um ein neues Quartett aus Darmstadt, bei dem Leute der Bands PSSGS und Rollergirls mitzocken. Beide Bands bedeuten mir nach wie vor so einiges! Und wie zu erwarten, schlägt auch die Debut-EP der vier Herren direkt ein. Bereits bei den ersten Gitarrenklängen des Openers fühlt man, dass hier das Herz an der richtigen Stelle sitzt. Melancholisch und locker aus dem Ärmel gespielt prägen sich die Instrumente schleichend lauter aus, die Drums werden kraftvoll und mit viel Crashbecken bearbeitet. Und dann dieser leidenschaftliche Gesang, in diesen Sound könnte ich mich förmlich reinsetzen! Alan Alan sind zwar weitaus ruhiger als die Vorgängerbands unterwegs, aber keineswegs fehlt es den vier Songs an Energie und Intensität. Hier bekommt ihr vertonte Gefühle zu hören, mitreißend, melancholisch, sehnsüchtig und tiefsitzend. Die Musik wird durch die persönlichen Texte über verflossene Liebe und vergangene Zeiten noch emotionaler. Auch das für Ratlosigkeit und Gleichgültigkeit stehende Schulterzucken-Emoji im EP-Titel passt hier wie die Faust auf’s Auge. Diese zeitlosen vier Songs sind mir jedenfalls in kürzester Zeit so sehr ans Herz gewachsen, da bleiben eigentlich nur drei Wünsche offen: erstens sollte diese Musik dringend physisch releast werden, vorzugsweise auf Vinyl. Dann bräuchte ich dringend Nachschub. Und natürlich wäre es dufte, die Band mal live zu sehen. Wenn in eurer Brust also ein 90er Emo/Post-HC-Herz pocht und ihr euch unter dem Begriff emotive Midwest-Emo (haha) was vorstellen könnt, dann kommt ihr an Alan Alan garantiert nicht vorbei. Ich bin restlos begeistert!


Brief Habits – „Teleport“ (Hobbledehoy) [Name Your Price Download]
Hab neulich gedankenverloren auf den Link in der Promomail geklickt, weil ich dringend irgendeine x-beliebige musikalische Hintergrundbeschallung für die Erledigung von angestautem persönlichen Papierkram brauchte. Wie sich ziemlich schnell heraus stellte, war ich schon bald vom Noch-zu-erledigen-Stapel abgelenkt. Was war das nochmals für eine Band, die da im Hintergrund lief? Erinnert mich irgendwie an…so Emozeugs aus den Nullern? Sachen wie z.B. Pale, Three Minute Poetry, Lungfish, Sometree oder Lockjaw schwirrten mir im Kopf und machten weiteres konzentriertes Arbeiten unmöglich. Alles ein bisschen indielastiger zwar, aber sehr warm klingend. Okay, Brief Habits aus Australien also! Teleport ist das zweite Album der vier Freunde, deren bisheriges Schaffen mir gänzlich unbekannt ist. Die neun Songs weisen jedenfalls einen intimen Charakter auf, wofür neben den melancholischen Klängen und den bittersüßen Melodien natürlich auch die persönlichen Lyrics sorgen. Als Anspieltipp empfehle ich mal das hymnische Call For Help oder das durchdringende In Itself Part 1. Oder zieht euch einfach gleich das ganze Album auf die Festplatte. Schön dramatisch, genau das richtige für die herbstlich/winterliche Jahreszeit!


Captain Cat – „Pure Obedience“ (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Songs hat das relativ junge Quartett Captain Cat für euch parat. Das Internet spart momentan noch mit Informationen zur Band, aber das wird sich garantiert noch ändern. Denn Captain Cat machen wunderbar verträumten Emo mit etwas Indie- und Post-Rock-Einflüssen. Die Songlängen überschreiten allesamt die fünf-Minuten-Marke, so dass genügend Zeit zur Entfaltung bleibt. Die Gitarren suchen sich schlängelnd einen Weg, dazu gesellt sich ein schön gegenspielender Bass. Die Drums takten auch verträumt vor sich hin, können aber durchaus auch mal etwas aufdrehen. Dazu stößt dann noch ein nachdenklich wirkender Sänger, der an den richtigen Stellen einsetzt und dem Ganzen noch die nötige Portion Melancholie beifügt. Der Sänger und auch der Sound erinnert mich ein bisschen an die US-Emo-Band The Close (deren Album 20,000+ bereitet mir auch heute noch Freude), vom instrumentalen Vorgehen kommt auch Zeugs wie Jullander oder Toe in den Sinn. Saugt euch das mal schleunigst auf die Festplatte!


Counterparts – „Nothing Left To Love“ (Pure Noise Records) [Stream]
Aber hallo! Counterparts klingen mit jedem neuen Album irgendwie noch knackiger und frischer, als man es von ihnen schon gewohnt ist. Wo nehmen die nur ihre Energie her? Anhand der Texte zum neuen Album könnte man glatt vermuten, dass die Musik hier mal wieder eine Art Ventil ist, düstere Gedanken und Stimmungen zu therapieren. Alleine das finstere Albumartwork mit der von einem Messer durchstochenen Hand erzeugt ein mulmiges Gefühl, die dramatischen und voller Verzweiflung und Resignation steckenden Lyrics tun ihr übriges. Nothing Left To Love hat textlich wenig Hoffnung im Gepäck, das wird ja bereits durch den Albumtitel angedeutet. Während die Texte traurig stimmen, zündet wenigstens die Musik umso mehr. Da werden beim Hören der zehn Stücke einige Äuglein begeistert aufblitzen. Wo andere Melodic Hardcore-Bands durch ellenlange Intros versuchen, Spannung aufzubauen, legen die Kanadier ohne diesen Schnickschnack direkt los und klingen dabei noch wuchtiger und intensiver. Messerscharfe, sich permanent duellierende Gitarren, supergeile Melodien, spannungsgeladene Songarrangements und kraftvoll gespielte Drums ergeben zusammen mit dem leidgeplagten und verzweifelten Geschrei des Sängers Brendan Murphy einen homogenen Sound, den man so intensiv dargeboten in den letzten Jahren bei wenigen Melodic Hardcore-Bands zu hören bekommen hat. Dazu kommen natürlich noch massig Breakdowns, Mosh-Parts und hymnische Passagen, nicht zu vergessen die glasklare und fette Produktion. Stellt euch einfach mal eine knackige Mischung aus ganz frühen Stretch Arm Strong, More Than Life , Saving Throw und Boy Sets Fire zur After The Eulogy-Phase vor, dann habt ihr ungefähr ’nen kleinen Schimmer, was euch hier erwarten könnte. Counterparts haben mit Nothing Left To Love einen weiteren Meilenstein in ihrer Biografie geschaffen.


Crispr Cas Method – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei dem etwas sperrigen Bandnamen stellt sich natürlich zuerst die Frage nach der Herkunft. Meine kleine Internetrecherche weitet sich aus, man kann sich in dem Thema wirklich mal für mehrere Stunden verbeißen und irgendwie wundere ich mich, dass die Mainstream-Medien über eine solch große Sache kaum berichten. Ich persönlich hab darüber jedenfalls noch nie irgendwas gelesen. Die Crispr Cas Methode ist eine ziemlich neue molekularbiologische Technik zur Veränderung der Gene. Klar, genmanipulierte Ackerkulturen kennen wir bereits, aber das hier geht noch ’nen ganzen Ticken weiter. Durch Genveränderungen lassen sich z.B. unheilbare Krankheiten ausschalten, sowas kannte man bisher nur aus billigen Science Fiction-Romanen. Aber jetzt mal genug zum Bandnamen!
Was für einige von euch sicher spannender sein dürfte ist, dass hier u.a. Leute von Days In Grief, KMPFSPRT und Mofa mit von der Partie sind. Und ja, musikalisch ist das ganz nah dran an dem Zeug von Days In Grief, was natürlich v.a. an der vertrauten Stimme am Mikrofon liegt. Man könnte sagen, dass der Sound im direkten Vergleich mit Days In Grief weitaus weniger Screamo/Metalcore-Elemente mit drin hat und ’ne ganze Schippe punkiger unterwegs ist. Locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarrenriffs treffen auf geile Melodien und viel Gefühl, was sich v.a. im Gesang hören lässt. Und dann diese leidenschaftliche Spielfreude, die aus jedem Ton auf dieser EP rauszuhören ist! Diese sechs Songs dürften echt jedem Jahrtausendwenden-Emopunk/Post-Hardcore-Fan die Freudentränen in die Augen treiben!


Hector Savage – „Es sieht nicht gut aus“ (Midsummer Records) [Stream]
Für mich völlig aus dem Nichts tauchen Hector Savage aus Köln mit ihrem Debutalbum auf, dabei sind die vier Jungs schon seit dem Jahr 2010 unterwegs. Bisher sind allerdings erst eine EP und eine Split-7inch erschienen, das letzte Release liegt auch schon ein Weilchen zurück. Könnte es sein, dass es für die Band eine Zeit lang nicht so gut ausgesehen hat und der Albumtitel irgendwie doppeldeutig zu verstehen ist? Möglich. Wenn man sich jedoch die Texte zu Gemüte führt und auch sonst nicht ganz blind durch die Welt torkelt, wird ganz klar, was mit dem Albumtitel gemeint ist. Hector Savage zeichnen ein düsteres von Endzeitstimmung geprägtes Bild unseres irdischen Lebens und spiegeln damit die Ängste und Sorgen vieler Menschen. Machtlos dem Untergang ausgesetzt, alles was bleibt ist Wut und Resignation. Dazu passt natürlich der dystopische Sound des Quartetts, das sich übrigens nach einer Filmfigur aus dem Streifen Die nackte Kanone 2 ½ benannt hat. Schon die Eröffnungspassage macht klar, dass hier gleich die Erde brennen wird. Verzerrte Gitarren, polternder Bass und an schwere Maschinen erinnernde Drums vermitteln eine Art kalte Dissonanz, fast schon bedrohlich. Was anschließend passiert, lässt sich eigentlich nur mit dem Wort „Gemetzel“ beschreiben. Die in deutscher Sprache verfassten Lyrics werden wutschnaubend ausgekotzt, dazu ziehen die Instrumente wie ein heftiger Wirbelsturm kreuz und quer und vor allem völlig unvorhersehbar durch die Hütte. Alleine die Drums sind der pure Wahnsinn: sprunghaft, mal rasend schnell, mal dampfwalzend und dann wieder vertrackt. Falls ihr mal wieder kurz davor sein solltet, vor lauter Frust eure Bude kaputtzuschlagen, dann gebt euch lieber dieses Energiebündel von Album, am besten volle Pulle aufgedreht! Wirkt Wunder! Wenn ihr Bands wie Escapado, Lebensreform oder Loxiran nachtrauert, dann werdet ihr mit Es sieht nicht gut aus voll bedient sein!


Kafka – „Selftitled“ (WOOAAARGH u.a.) [Name Your Price Download]
Angefixt durch die geile Eröffnungspassage zum Opener Rainfall blieb ich bei einem meiner Bandcamp-Ausflüge bei der Debut-EP der Band Kafka kleben. Wie viele Bands mit dem Namen des Schriftstellers existieren eigentlich? Oje, die kann man glaub ich alle gar nicht mehr zählen. Nun, die griechische Band Kafka bezeichnet ihren Sound mit dem Überbegriff Blackened Hardcore, was auch ganz gut passt, gerade aufgrund des tief herausgegröhlten Gesangs, der mir persönlich aber eigentlich ein kleines bisschen zu fies und zu dunkel klingt. Aber das Instrumentale gefällt mir hingegen außerordentlich gut, denn hier kommen auch Elemente aus Crust und Emo zum Einsatz. Gerade die melodischen Untertöne lassen mich aufhorchen. Da zwirbelt z.B. bei Full Of Hate eine dissonante Gitarre auf dem letzten Loch, dazu poltert der Bass unkontrolliert vor sich hin, aber trotzdem kommt ’ne Melodie zustande! Die Drums haben auch ordentlich wumms im Gepäck, so dass der Sound schön druckvoll und satt klingt. Die Tonmeisterei mal wieder. Abgerundet wird das Ganze durch ein düsteres Artwork, das in Vinylgröße sicher toll aussieht. Am Vinylrelease sind übrigens satte acht DIY-Labels beteiligt.


Lionheart – „Valley Of Death“ (Arising Empire) [Stream]
Mit manchen Bands hat man ja kaum Berührungspunkte, obwohl einem der Name schon irgendwie geläufig ist. So geht es mir mit Lionheart. Das einzige, was ich von der Band bisher mitbekommen habe, war die Bandauflösung im Jahr 2016 und die darauf folgende Reunion ein paar Monate später im Jahr 2017. Affig irgendwie! Naja, und ohne die Bemusterung mit dem Digipack des mittlerweile siebten Album wäre das wohl auch so geblieben. Obwohl Lionheart musikalisch auf Valley Of Death eine schön fette Breitseite präsentieren. Zehn Songs in 25 Minuten, da bleibt keine Zeit für Verschnaufpausen. Geboten wird testosterongeladener, metallischer Hardcore der Marke Hatebreed, Terror oder Biohazard. Jede Menge Mosh und Breakdowns am laufenden Band, da werden die Nackenmuskeln beansprucht. Dazu kommen wütende Vocals, natürlich werden dabei sehr persönliche Erlebnisse wie z.B. der permanente Kampf des Sängers gegen seine Depressionen verarbeitet. Eigentlich alles nix neues, aber echt stimmig und v.a. dick gemacht. Dennoch fehlt mir hier etwas die Abwechslung, ein paar Melodic-Hardcore-Ansätze sind zwar vorhanden, aber das wäre auch noch ausbaufähiger. Live hab ich mir so ’nen Bollo-Sound früher ja ganz gern reingezogen, mittlerweile braucht man aber zumindest eine Grundausbildung in Faustkampf, wenn man bei solchen Bands ein bisschen unbedarft im Moshpit rumhopsen will. Würde ohne dieses doofe Macho-Hau-Drauf-Gehabe bei Lionheart sicher ganz schön viel Spaß machen!


 

Bandsalat: Albatros, Anorak., Auszenseiter, Carrion Spring, CLEARxCUT, Elle, Hundreds Of AU, Secret Smoker, Senza, State Faults

Albatros – „Futile“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Die Band aus Quebec/Kanada überzeugte mich bereits mit ihren bisherigen Releases. Und ja, das im Juni erschienene Album hat mich auch vom ersten Ton an wieder am Kragen gepackt. Bei Albatros ist es einfach dieses unkontrollierbare Chaos, das ziemlich beeindruckend ist. Da werden messerscharfe Gitarren, verzweifeltes Geschrei, wildes Getrommel zusammen mit melodischen Bläsern gepaart. Ziemlich einzigartig, natürlich mit hohem Wiedererkennungswert. Das Ganze klingt wirklich so, als würde ’ne Screamo-Band zusammen mit ’ner Lumpen/Guggenkapelle musizieren.


Anorak. – „Sleep Well“ (Uncle M) [Video]
Beim zweiten Album der Kölner Band Anorak. lohnt es sich unbedingt, mal genauer hinzuhören. Beim ersten Durchlauf war ich noch nicht so richtig angefixt und nahm die Songs eher etwas oberflächlich wahr. Aber jede weitere Hörrunde öffnete mir mehr und mehr die Augen und ließ mich die wahre Schönheit dieser elf Songs erkennen. Anhand der bisherigen Releases kann man der Band jedenfalls eine gewisse Weiterentwicklung ihres Sounds attestieren, auf Sleep Well klingen die Kölner viel eigenständiger als noch auf ihrem Debut. Ausgeklügelte Songarrangements, tolle Melodien mit Hang zur Melancholie, experimentierfreudige Tonspielereien und die nötige Portion Herzblut machen das Album zu einem wahren Leckerbissen in Sachen Post-Hardcore, Emo, gediegenem Screamo und Post-Rock.


Auszenseiter – „Misère“ (I.Corrupt Records u.a.) [Name Your Price Download]
Irgendwie hab ich ja immer gehofft, dass mir das Debutalbum der Band aus Nordrhein-Westfalen von irgendjemandem zugespielt werden würde, weshalb ich eine Besprechung immer wieder nach hinten geschoben habe. Nun, länger sollte ich jetzt nicht mehr warten, denn dieses Album verdient Aufmerksamkeit! Auszenseiter konnten bei mir ja schon auf ihrem Split-Release mit Marais ordentlich punkten, mit Misère steigert die Band das nochmal um einige Bonuspunkte. Die zehn Songs dürften nämlich so ziemlich zum Besten gehören, was man im deutschsprachigen Hardcore-Punk, Screamo und Post-Hardcore-Bereich im Jahr 2019 zu hören bekommen hat. Was den Jungs sehr gut zu Gesicht steht, ist die ausgewogene Balance zwischen angepisstem, hemmungslosem Geballer und abgebremsten bis hin zu ruhigen Momenten reichenden Soundpassagen. Vertonte Verzweiflung könnte nicht besser klingen! Die raue und kantige Produktion (Tonmeisterei mal wieder) und die nachdenklich stimmenden Texte unterstreichen dies zusätzlich. Alles vom Feinsten hier!


Carrion Spring – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Ein richtig fieser Batzen Dreck wird euch mit dem neuesten Output der Band Carrion Spring ins Gesicht geschleudert! Falls ich das richtig verstanden habe, dann handelt es sich bei diesen dreizehn Songs um die finalen Aufnahmen der Band aus Portland, Oregon. Und die haben ordentlich Pfeffer im Hintern, wie schon erwähnt. Euch erwartet ein wahnsinniges Gebräu aus messerscharfen Gitarrenriffs, melancholischer Verzweiflung, charismatischen Schrei-Vocals und schierem Noise-Chaos. Und über all das legt sich dieser Killer-Groove drüber! Wenn ihr euch das Ding in voll aufgedrehter Lautstärke gebt, dann garantiere ich für nix! Dieses Album ist die absolute Wucht!


CLEARxCUT – „For The Wild At Heart Kept In Cages“ (Catalyst Records) [Name Your Price Download]
Irgendwann auf Bandcamp entdeckt und sofort begeistert hängen geblieben: CLEARxCUT aus München machen herrlich altmodischen Vegan Straight Edge Hardcore. Melodisch, mit wunderbar moshigen Gitarren geht der Sound schön treibend nach vorn. Ich steh total auf die Stimmen der zwei Damen, die sich die Gesangsparts aufteilen! Schön wütend und rau herausgepresst! Erinnert mich vom Sound her total an die österreichische Band Hope Dies Last, die waren um die Jahrtausendwende herum aktiv und zählen auch heute noch zu meinen Faves, Gather kommen auch noch in den Sinn. Wie zu erwarten lesen sich die Texte kämpferisch. Man könnte sich nur wünschen, dass sich mehr Menschen ähnliche Gedanken über den Zustand unserer Erde machen würden. Die angesprochenen Themen reichen von Gesellschaftskritik über Tierrechte, dem Kampf gegen das Patriarchat und Konsumkritik. Ach ja, meine kleine Internetrecherche hat ergeben, dass hier Leute von Heaven Shall Burn, King Apathy und Implore mit an Bord sind. In Sachen Straight Edge anno 2019 haben mich zusammen mit dieser EP nur noch die Releases der Bands Sunstroke und Remission ähnlich begeistert! Sehr geile EP!


Elle – „…“ (DIY/Zegema Beach Records) [Stream]
Fans von Beau Navire und Loma Prieta wissen sicher von der Band Elle, die eben Mitglieder beider Kapellen in ihren Reihen hat. Das Quartett steht für ziemlich emotionsgeladenen und intensiven Screamo, eben im Stil der bereits genannten Bands. Das aktuelle und im August erschienene Album ist jedoch alles andere, als nur eine Kopie des altbewährten Sounds. Hört euch nur mal den wahnsinnig intensiven Song Throes an, der ist einfach der absolute Hammer! Und auch der Rest ist nicht zu verachten: bei all der Verzweiflung und Dramatik werden immer wieder unterschwellige Melodien aus der Krachorgie herausgespült, zudem faszinieren die hypnotisch wirkenden leisen Passagen, teilweise kann man sogar ein Piano raushören. Für die wuchtige und dreckige Produktion durfte mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden an den Knöpfchen drehen. Verdammt intensives Album, für emotive Screamo-Fans absolut zu empfehlen!


Hundreds Of AU – „Mission Priorities On Launch“ (zilpzalp records u.a.) [Name Your Price Download]
Aaaaaarrgggghhh! Ha, so wollte ich schon immer mal ’nen Text beginnen lassen! Passt jedenfalls bestens zum zweiten Album der Band aus New Jersey. Denn das perfekte Schlachtfeld hier eignet sich hervorragend dazu, solche Todesschreie auszustoßen. Die vier Jungs zünden hier nämlich ein atemberaubendes Feuerwerk und schlagen dabei mit riesigen Äxten morsche Zombie-Köpfe ein. Der Opener beginnt mit einer fiesen Rückkopplung und dann setzt auch schon das Massaker ein. Eine höllische Soundwand wird innerhalb weniger Sekunden hochgezogen. Auch wenn es irgendwie so aussieht, dass hier alles zusammengematscht ist, entdeckt man die eigentlich saubere und satte Produktion, zudem dringen immer wieder melodische Untertöne an die Oberfläche. Die Gitarren sind auch dann klar auszumachen, wenn sie fast vom wilden Getrommel und vom klagenden Geschrei übertönt werden. Die absolute Macht! Im Verlaufe der neun Songs kommen aber auch immer wieder „ruhigere“ Momente ins Spiel. Mission Priorities On Launch ist jedenfalls ein hoch emotionales und sehr intensives Werk, das man keinesfalls verpassen sollte. Schönes Artwork, sieht auf Vinyl sicher toll aus! Kommt man nicht dran vorbei, wenn man auf emotive Screamo mit Post-Hardcore-, Crust-und Emoviolence-Einflüssen steht. Unfassbar geiles Album!


Secret Smoker – „Dark Clouds“ (Belladonna Records) [Stream]
Schon Secret Smokers Debut Terminal Architecture gefiel mir ziemlich gut und auch die zweite Full Length der Band aus Baton Rouge, Louisiana kann ich allen da draußen empfehlen, die auf intensiven, oldschooligen 90’s Emocore/Post-Hardcore stehen. Insgesamt zwölf Songs sind darauf zu hören. Die Band hat es drauf, mit kreisenden Gitarren, dynamischen Drums und polternden Bassläufen zu hypnotisieren. Und über allem schwebt dieses verzweifelte und leidgeplagte Geschrei. Wenn ihr Bands wie z.B. Policy Of 3, City Of Caterpillar, Garden Variety oder Native Nod zu euren Faves zählt, dann könntet ihr auch an Secret Smoker Gefallen finden.


Senza – „Even a Worm Will Turn“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr auf richtig fiesen emotive Screamo mit Hang zu Emoviolence und Schnappschildkrötenvocals stehen solltet und Bands wie z.B. 60659-c oder Nayru was abgewinnen könnt, dann dürfte die erste Full Length der Band Senza ein gefundenes Fressen für euch sein. Hier geht es mit zwölf Songs richtig geil zur Sache, da wird die Bude klein gehackt, die Gitarren geschreddert, Rotz und Wasser geheult! Wildes, arhythmisches Getrommel trifft auf sägende Gitarren, mit leise/laut wird auch mal gespielt, der schiere Wahnsinn (z.B. bei Swarm) scheint hinter jeder Ecke zu lauern! Psychotischer Krach, der noch teuflischer als Blackmetal wirkt! Muss man gehört haben!


State Faults – „Clairvoyant“ (Dog Knights Productions u.a.) [Stream]
Was freute ich mich ein Loch in den Bauch, als State Faults nach einer sechsjährigen Pause zurück auf den Bildschirm kamen und dazu noch ein ganzes Album im Gepäck hatten. Die Platte erschien irgendwann im Sommer und irgendwie kam es so weit, dass der Stapel an physischen Bemusterungen immer größer wurde und ich kaum Zeit zu schreiben hatte. Deshalb blieben ein paar Releases auf der Strecke, von denen ich annahm, dass ihr sie sowieso auf dem Schirm habt. Außerdem ärgere ich mich jetzt noch, dass ich so ’ne Lusche bin und mich nicht zum Fluff Festival aufraffen konnte. Denn da legten State Faults laut Augenzeugenberichten und ein paar Youtube-Livevideos einen beeindruckenden Auftritt hin. Außerdem hab ich’s auch nicht auf die Reihe bekommen, mir das Album auf Vinyl zu besorgen. Eigentlich total daneben, denn Clairvoyant schafft es locker in die Jahresbestenliste. Das Ding ist eigentlich schon jetzt ein Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Screamo mit Post-Rock-Verweisen. Hier passt einfach alles: Intensiv, herzzerreißend, bittersüß, spirituell, beeindruckend, dazu stimmt auch noch die Message. Immer wieder wird man von den sich auftürmenden Gitarren und dem verzweifelten Schreigesang Jonny Andrews gefangen genommen. Falls irgendjemand von euch Post-Hardcore-Fans State Faults noch nicht kennen sollte, dann checkt das hier unbedingt an!


 

 

Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

Bandsalat: Caleya, Crumb, Dispassionate, Floating Woods, Flexing, Lagwagon, Mr. Linus, Norse, R.Josef

Caleya – „Lethe“ (Black Omega Recordings) [Stream]
Die Hamburger Post-Hardcore-Band Caleya hat jetzt auch schon wieder zehn Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurden natürlich zahlreiche Konzerte runtergezockt, auf einen schönen Backkatalog lässt sich mit einer Split-Veröffentlichung und drei Alben auch zurückblicken. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, so dass es endlich Zeit für Album Nummer vier wird. Lethe heißt das gute Stück, in Anlehnung an einen der angestaubten Flüsse aus der Unterwelt der griechischen Mythologie. Im alten Griechenland glaubte man, wer vom abgestandenen Wasser der Lethe trinken würde, würde seine kompletten Erinnerungen verlieren. Nun gut, was ihr auf Lethe zu hören bekommt, wird euch freudig jauchzen lassen, falls ihr auf gut durchdachten Post-Hardcore mit ausgeklügelten Songarrangements steht. Knapp 25 Minuten dauert die Reise durch die krassen Soundlandschaften der Hamburger. Fette Gitarrenwände türmen sich auf zu einer walzenden Planierraupe, leidendes Geschrei mit jeder Menge Herzblut lässt den ein oder anderen Schauer über’n Rücken jagen, es ist eine wahre Freude. Und dann schleichen sich immer wieder diese ruhigen, fast melancholischen Momente in den brachialen Sound ein und sorgen damit für Spannungsaufbau, so dass das nachfolgende Gewitter noch heftiger erscheint. Wehmütige Spoken Words, bei denen man erstmals merkt, dass überhaupt in deutscher Sprache gesungen wird, wechseln sich mit leidendem Schreigesang ab. Wenn man sich dazu die klischeefreien deutschen Lyrics mit Köpfchen und Poesie zu Gemüte führt, hat man obendrein noch was zum Sinnieren. Sehr geiles Album! Wenn ihr Zeugs wie frühe Envy, New Day Rising, We Never Learned To Live oder Oathbreaker mögt, dann seid ihr hier genau richtig! Schade, warum gibt’s das nicht auf Vinyl?


Crumb – „Jinx“ (DIY) [Stream]
Auf die New Yorker Band Crumb wurde ich in einer der anschauenswerten Umbaupausen der Band Leoniden aufmerksam. Die Leoniden haben immer so geile Umbaupausenmusik am Start, das muss aber auch mal gesagt werden! Dank einer Audioerkennungssoftware auf dem Smartphone meiner Liebsten kam ich also über den Song Vinta auf Crumb und dann über Bandcamp an die beiden EP’s der Band ran. Gleich voll hängen geblieben! Kann ich mal wirklich nur dick empfehlen! Und jetzt endlich der erste Longplayer! Crumb schlängeln sich wie auch schon auf den EP’s soundtechnisch durch chillige Beats und shoegazige Traumlandschaften, dennoch gibt es immer wieder diese fast noisigen Ausbrüche und diese mit reichlich Symbolik versehenen Lyrics. Nicht von dieser Welt, oder? Hört euch das mal an, zehn Songs voller Schönheit!


Dispassionate & Floating Woods – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei junge Screamo-Bands teilen sich hier ein digitales Release, das später wohl auch noch als Tape erscheinen soll und man sich bis dahin zum Name Your Price-Download schon mal auf die Festplatte zippen kann. Nun, Dispassionate kommen aus Trier und machen schön nach vorne gehenden Screamo mit hektischem Getrommel und geilen schrammeligen Gitarren. Da passt natürlich heiseres und leidendes Geschrei wie die Faust auf’s Auge. Zwischendrin wird es immer wieder mal unterschwellig melodisch, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Zwei englischsprachige und ein Song mit deutschen Lyrics gibt’s von den vier Jungs auf die Ohren. Fetzt ganz ordentlich, gerade auch wegen der scheppernden und rauen Produktion. Das Screamo-Duo Floating Woods kommt aus Münster und wenn man sich den zerfahrenen Sound der beiden so anhört, denkt man, man hätte eine dieser zahlreichen neuen Bands auf Zegema Beach Records auf den Ohren. Und plötzlich merkt man, dass bei zwei der drei Songs in deutscher Sprache gekeift wird. Also, zippt euch das Ding schnell mal, wenn ihr auf chaotischen Screamo abfahrt, hier habt ihr zwei neue Bands, die den Ami-Skramz-Kollegen in nichts nachstehen!


Flexing – „Modern Discipline“ (Secret Pennies / Phat ’n‘ Phunky) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und sofort hängen geblieben, gerade auch wegen dem tollen und ansprechenden Artwork: Flexing ist eine neue Band aus Corvallis, Oregon, die musikalisch im Hardcore/Punk zuhause ist, Einflüsse von Oldschool-Emo und Post-Punk sind ebenfalls vorhanden. Was ganz erfreulich ist, sind die Texte, die sich hauptsächlich mit politischen Themen beschäftigen, so wie sich das für HC/Punk eigentlich ja auch gehört. Faszinierend ist der rohe und knarzige Sound und das wütende Geschrei der Sängerin. Irgendwie hat das was von dem Zeug früher Dischord-Veröffentlichungen. Knarzender Bass, disharmonisches Gitarrengeschrammel, treibende Drums und vertrackte Passagen machen die neun Songs zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Checkt das mal an! Anspieltipp: A Display Of Force.


Lagwagon – „Railer“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Irgendwie hat es den Anschein, dass zur Zeit alle erfolgreichen Bands des 90er-Melodycore-Skatepunk-Booms daran arbeiten, eine Art Skatepunk-Revival auf die Beine zu stellen. Neben Good Riddance, Satanic Surfers, Pennywise und Konsorten haben nun auch Lagwagon ihre Instrumente abgestaubt, um das neunte Studioalbum aufzunehmen. Okay, ich muss zugeben, dass mir Lagwagon in den Neunzigern nie so richtig was bedeuteten, aber es gibt einige Leute im Freundeskreis, die die Kalifornier fast schon vergötterten und sich für neue Songs ’ne Hand abgehackt hätten. Und gerade die werden sich jetzt die Finger lecken, denn Railer hat alles, was das treudoofe Lagwagon-Herz begehrt. Das fängt eigentlich schon beim witzigen Cover und Backcover an, geht mit den zynisch-sarkastischen Texten weiter, dazu legen Lagwagon bis zum letzten der zwölf Songs eine Energie an den Tag, wie sie man sich für manch aufstrebende junge Band nur wünschen könnte. Die Gitarren zwirbeln Melodien am laufenden Band, dazu kommt dieser schön gegenknödelnde Bass, treibende Drums und natürlich Joey Capes unverwechselbarer Gesang. Die Band hat es jedenfalls nicht versäumt, Songs zu schreiben, die sofort im Ohr kleben bleiben und dazu noch eine melancholische Note besitzen. Hört z.B. mal The Suffering an, da wird das mehr als deutlich. Wenn ihr euch also das Album schön auf Tape überspielt habt und das Ding in euren alten Walkman klatscht, dann gebt fein acht, dass ihr euch im Skatepark nicht überschätzt und eure alten Knochen brecht. Ihr seid nicht mehr so jung, wie sich das anfühlen mag!


Mr. Linus – „Revue“ (DIY) [Stream]
Die zwei Damen der Band Mr. Linus kommen aus der Schweiz und irgendwie ärgere ich mich gerade, dass ich neulich nicht den Weg nach Ulm ins Hemperium geschafft hab. Verdammt! Also erstmal nur auf digitaler Konserve, hoffentlich auch bald auf Vinyl in irgendeiner Distrokiste. Denn die zwei Mädels haben’s richtig geil drauf und machen so ’ne Art neunzigerlastigen Emo-Math-Core mit wunderbar melancholischen Gitarren, gegenspielendem und eigenwilligem Bass und gnadenlos übersteuerten Drums. Dazu kommen tiefgehende deutsche Texte. Boah, das berührt mich so sehr, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Stellt euch vor, Monochrome und Dawnbreed würden mit Blue Water Boy und Karate Karussell fahren! Anspieltipps: lasst einfach die ganze EP mit ihren vier Songs durchlaufen! Ich brauche mehr davon!


Norse – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses relativ neue Trio aus dem Piemont macht auf seinen Debutaufnahmen eine ziemlich düstere und sphärische Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Post-Rock mit Einflüssen aus Noise und Punk. Norse stammen genauer gesagt aus Biella, einem malerischen Städtchen im Piemont am Fuß der Alpen. Mich wundert es ja immer wieder, wie man in einer so schönen Urlaubsregion so ultramies draufkommen kann. Die italienischen Lyrics stehen nämlich dem düsteren Sound des Trios in nichts nach, dementsprechend verbittert klingen die verzweifelten Todes-Schreie des Sängers. Dank einer Internetübersetzung würde ich mal sagen, dass die Texte obendrein reichlich Poesie mit im Gepäck haben. Erfreut euch an fünf dichten Stücken, die euch mit ihrem wuchtigen Sound und dem knarzenden Bass mit ins unendliche Verderben reißen. Die Stücke haben mit ihren über vierminütigen Spielzeiten aber auch reichlich Zeit, sich zum Monster zu entfalten. Als Einstieg in die düstere Welt Norses empfehle ich mal das vielschichtige Baratto, danach zippt ihr euch das Ding sowieso gleich auf die Festplatte!


R.Josef – „Panoptic“ (Bharal Tapes) [Stream]
Aus der Asche der Leipziger Band Oaken Heart ist die neue Formation R.Josef (Ranz Josef, wie geil!) entstanden. Mit Panoptic schleudern die Jungs ihre erste EP raus, und die kann sich absolut hören lassen. Die vier Songs sind schlicht mit römischen Zahlen betitelt, diese Kargheit ist im Sound der Band jedoch nicht zu finden. Denn in den nächsten 23 Minuten passiert so manches, das einen mit offen stehendem Mund dastehen lässt. Nach einem schönen Rückkopplungs-Intro mit darauffolgendem groovigen Übergang scheppert es treibend voran und man hat kaum eine Vorahnung, was in diesen ersten sieben Minuten noch alles passieren wird. Plötzlich wird es melodisch, dann wachsen meterhohe Soundwände mit dichter Atmosphäre, zudem schleichen sich Blackmetal-mäßige Parts mit ein! Was für eine Macht! Und es geht so weiter! Im achtminütigen Song Nr. II wird es noch düsterer und doomiger, auch die nachfolgenden zwei fast schon kurzen Songs bauen sich Schicht für Schicht auf, schleppen sich voran, bis alles wieder richtig geil zerbröselt. Hammermäßiges Debut, das unwahrscheinlich viel Appetit auf mehr macht! Für Fans von ISIS, AmenRa oder Hope Drone ein wahres Fest!


 

The Prim – „Selftitled“ (DIY/Lower Class Kids Records)

Den Kontakt mit der größtenteils aus Thüringen stammenden Band The Prim (die fünf Mitglieder kommen aus Jena, Weimar, Erfurt und Berlin) habe ich der Band Luciente zu verdanken, in der The Prim-Gitarrist Stefan nebenher auch noch die Saiten schwingen lässt. Die im Jahr 2015 gegründete Band hat zudem noch Leute aus den Bands Barren und Zann an Bord. Wahrscheinlich wäre ich von selbst niemals auf The Prim aufmerksam geworden. Umso besser, dass es solche Vernetzungen innerhalb der DIY-Szene gibt, so dass ein paar Tage nach dem netten Mailkontakt auch schon lecker Vinyl in die Bude geflattert kommt.

Die Debut-12inch der vier Jungs und der Dame am Mikro kommt mit einem schönen schwarz-weiß-Comic-Artwork im Manga-Stil daher, logischerweise dann mit seitenverkehrter Plattenkarton-Öffnung. Das fällt eigentlich nur durch die Songtitel auf dem Backcover auf, da auch das Backcover mit einer eindrucksvollen Comic-Zeichnung ausgestattet ist, die das Zeug zum Plattencover hätte. Dazu passt dann auch der im Manga-Schriftzug aufgedruckte Bandname wie die Faust auf’s Auge und wenn dann aus dem Inneren noch das Textblatt zum Vorschein kommt, bleiben ausstattungstechnisch keine Wünsche offen. Echt mal geil! Die Texte können sich übrigens auch sehen lassen: das ist so ’ne Mischung aus Gesellschaftskritik und politischen Themen, die mit Comics, Playstation, TV und sozialen Netzwerken fusionieren. Mir gefällt das ja, wenn Bands den gewohnten Trampelpfad verlassen und eigene Wege gehen. Mit dem eigenen Kopf durch die Wand, so muss das!

Nun, sobald die Nadel auf’s Vinyl setzt, zwirbelt es auch schon ordentlich los, so dass man unweigerlich die Lautstärke nach oben dreht. The Prim knattern wie ein wütender Bulldozer drauf los, das Ziel stur im Auge, auf Zerstörung programmiert. Heraus kommt eine aggressive Mischung aus New School Hardcore, Powerviolence, Grind und Thrash-Metal. Die Gitarren matschen sich schön breiig auf der einen Seite und rasiermesserscharf auf der anderen Seite durch die Erdschichten, während Schlagzeug und Bass die Felsen zertrümmert und der Bulldozer immer mehr Verderb anrichtet. Dazu brüllt sich die Frau am Mikro die Seele aus dem Leib. Dass es da ein paar Durchgänge braucht, bis sich ein Song im Hirn festgesetzt hat, versteht sich von selbst. Denn die Songs sind mit vielen verschiedenen Passagen und ein paar technisch kniffligen Tricks ausgestattet, ein hoher chaotischer Hardcore-Anteil ist ebenso ständiger Begleiter. Slayer-Gitarrenriffs paaren sich mit Destruction-Gitarrenriffs, irgendwie hat das wegen der Dame am Mikro auch etwas von Holy Moses. Natürlich kommen gerade aufgrund der moshigen Gitarrenriffs auch Bands wie Earth Crisis, Strife oder Integrity in den Sinn. Stellt euch die genannten Bands etwas roher und hardcorelastiger und mit einem Schuss Grind und Blackmetal vor, dann kommt das ungefähr hin. Fetzt live sicher alles nieder!

8/10

Facebook / Bandcamp


 

Bandsalat: Belitzki., Cape Light, Cultdreams, Gender Roles, Keele, Montreal, Slaughter Beach Dog, Yarostan

belitzki. – „Jetzt“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dass die Kölner Band belitzki. sehr im DIY verankert ist, zeigt schon das lustige Foto im Innenteil des schön gestalteten und selbst releasten Digipacks: hier sind nämlich die zwei Damen und die beiden Herren der im Jahr 2017 gegründeten Band zu sehen, wie sie mit Farbklecksen übersät wahrscheinlich kurz zuvor das Albumcover gemalt und mit Wasserfarbenpfützen verziert haben. Scheint Spaß gemacht zu haben. Auf ihren Debutaufnahmen kann man diesen grundsätzlichen Spaß dann auch auditiv wahrnehmen. belitzki. machen grob gesagt deutschsprachigen Indie-Punk oder auch Indie-Rock, in den Texten zeigt sich das Quartett kämpferisch, politisch und kritisch, hier ist die Nähe zur linksalternativen DIY-Szene erkennbar. Wenn ihr jetzt stumpfe Parolen erwartet, dann muss ich euch enttäuschen, denn belitzki. gehen textlich poetisch und mit Köpfchen zur Sache. Der Gesang bewegt sich zwischen gesprochenen Passagen, gesungenen Teilen und herausgeschrienen Ausbrüchen, was das Ganze ziemlich unvorhersehbar macht. Die Gitarren sind schön verspielt, kommen mal clean mal deftig verzerrt um die Ecke, dazu bauen die Drums und der polternde Bass ein solides und rockiges Grundgerüst. Die Schreistimme und auch manch musikalische Begleitung klingt dann teilweise ein bisschen wie die Beatsteaks, andere Einflüsse dürften sicherlich Bands wie Ton Steine Scherben, Mando Diao, Von Wegen Lisbeth oder Gisbert zu Knyphausen sein. Zwischendurch gibt es aber auch mal völlig reduzierte Sounds wie z.B. bei Dienstag morgens auf dem Amt oder Fredas Song (Selbstgespräch), bei dem passenderweise dann auch Freda den Gesang übernimmt. Klingt etwas nach Judith Holofernes von Wir sind Helden. Ihr seht schon, das alles sorgt für die nötige Abwechslung. Spannungsaufbau mit Post-Rock-Referenzen gibt es z.B. beim sich hochsteigernden Song Brenn zu bewundern, zudem ist der Refrain schön hymnisch angelegt. Alles in allem bekommt ihr von einer sympathischen Band mit Leidenschaft und Herzblut neun Songs in etwas knapp über einer halben Stunde Spielzeit zu hören. Checkt das mal zum Spendenpreis an, ihr Indie-Rocker!


Cape Light – „A Discography“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, ob Cape Light aus Tokio/Japan noch aktiv sind, hier sind jedenfalls mal alle bisher aufgenommenen Songs der Band zu hören. Dabei handelt es sich um drei Songs der Debut-EP, drei Songs der Split-EP mit der Band 5000 und vier bisher unveröffentlichte Songs aus dem Jahr 2018. Cape Light machen ziemlich abgefahrenen zappelig-chaotischen Screamo mit unglaublich weirden Gitarrenläufen und hektischem, arhythmischen Getrommel. Obwohl es manchmal ziemlich zur Sache geht und sich der Sänger die Emotionen aus dem Leib kreischt, schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien ins Chaos mit ein. Für Fans von Bands wie Loma Prieta, Raein, La Quiete oder auch Beau Navire dürfte das hier sicher ein Festmahl darstellen!


Cultdreams – „Things That Hurt“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Viele von euch werden es wahrscheinlich sowieso wissen, aber ich trete das jetzt einfach trotzdem mal breit: Die Band Cultdreams startete im Jahr 2014 unter dem Namen Kamikaze Girls. Unter diesem Namen erschien eine EP (Sad) und ein Album (Seafoam), beide Releases wurden nicht nur in der britischen Heimat abgefeiert, das Duo wurde auch international wahrgenommen. Lange vor der MeToo-Kampagne machte Sängerin Lucinda Livingstone sexuelle Belästigung und alltägliche Frauenfeindlichkeit zum Thema, zudem konnten sich viele Menschen mit den aufwühlenden Lyrics über Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen identifizieren. Anfang 2019 entschloss sich die Band im Rahmen der Ankündigung zu Studioarbeiten eines zweiten Albums zur Umbenennung. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben: Auch auf Things That Hurt lässt die stimmige Mischung aus Post-Hardcore, Shoegaze, Post-Rock, Punk, Grunge und Indie-Rock aufhorchen! Die Songs wabern bewusst roh und kantig aus den Lautsprechern, dabei drängeln sich immer wieder eingängige Refrains und melancholische Momente in den Vordergrund, so dass man bereits bei der ersten Hörrunde meint, den Song aus einem früheren Leben zu kennen, z.B. gleich beim Opener Born An Underdog. Und auch textlich wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die politische Entwicklung in Großbritannien und dem Rest der Welt versetzt Land und Leute in Aufruhr. Und nagt gewaltig am Nervenkostüm, was man den wiederum treffend formulierten Textpassagen anmerkt. Die Giftwolke (?) vom Albumcover steht vermutlich symbolisch für das vergiftete politische und gesellschaftliche Klima in diesen Zeiten. Dass diesmal auch wieder feministische Inhalte angesprochen werden, versteht sich bei einer Band wie Cultdreams von selbst! Musikalisch geht es mal ruhiger zu (Brain Daze, Don’t Let Them Tell You Otherwise, Statement), dann gibt es aber auch genügend wütende Passagen (Not My Generation, Rest/Reflection, Repent, Regress) bevor mit dem Schlusstitel Toxins gespenstisch wirkende Gitarren das tosende Finale einleiten und der Gesang sich schön ins Ohr einbettet. Geiles zweites Album!


Gender Roles – „Prang“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf die Band Gender Roles stieß ich letztes Jahr eher zufällig beim Bandcamp-Surfen. Der Song Plastic von der Debut-EP Lazer Rush blieb sofort im Ohr kleben und wanderte schnurstracks auf eine selbstgebastelte Compilation. Nun flattert hier also das Debutalbum der Briten in Form einer Promo-CD rein. Und bereits beim ersten Song bleibt einem die Spucke weg! Gender Roles klingen so frisch und unverbraucht, dazu schütteln sie Ohrwürmer am laufenden Band aus den Ärmeln! Die Produktion ist fett und glasklar, die Gitarren fuzzen unwahrscheinlich locker daher, man wünscht sich von der ersten Sekunde an direkt in einen Punkrock-Pogomob im bunten Bällebad! Man hört dem Sound des Trios den Spaß und die Spielfreude an, da wird Punkrock mit Indie, Grunge und Post-Punk gemischt und in eine hibbelige und energiegeladene Form gebracht, die dazu noch äußerst tanzbar und catchy ist. Wer von den neuen Foo Fighters-Sachen gelangweilt ist, frühen Blur hinterhertrauert und ab und an Bands wie Audio Karate sein Gehör schenkt, wird vom spannungsgeladenen Sound der Gender Roles begeistert sein! Ich feier die zehn Songs jedenfalls übelst ab!


Keele – „Kalte Wände“ (Rookie Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Hamburg hat jetzt auch schon wieder zwei Jährchen auf dem Buckel und schon jagen die Jungs ihr zweites Album hinterher. War das Debut schon schön glatt produziert, klingt der Nachfolger noch mal ’nen Zacken wuchtiger und flächiger. Auch vom Soundschema her gibt es ein paar neue Entwicklungen zu entdecken. Zum deutschsprachigen Punk der Marke Captain Planet, Turbostaat, Willy Fog und Muff Potter gesellen sich fast Post-Hardcore/Post-Rock-mäßige Passagen, was das Ganze schön abwechslungsreich macht. Gefällt mir persönlich sehr gut, dazu gehen alle Songs ziemlich gut ins Ohr und die Songarrangements sind auch stimmig. Die Texte sind völlig klischeefrei und spiegeln persönliche Geschichten aus dem Umfeld der Band wider. Musik war schon immer die beste Therapie, um ungewöhnliche und frustrierende Geschehnisse zu verarbeiten. So hat man mit Verlustängsten zu kämpfen, steckt in berufsbedingten Identitätskrisen und befindet sich dadurch ständig am Rande einer Depression. So hat die Band jedenfalls genügend inhaltlichen Stoff zusammengetragen, der für insgesamt elf Songs in einer Spielzeit von 35 Minuten reicht. Das Albumcover verstehe ich persönlich nicht so ganz, meiner Meinung nach ist dort eine halbe Hand zu sehen, die in einen Eimer mit schwarzer Farbe eingetaucht wurde, da wäre der Albumtitel Kalte Hände angebrachter gewesen, aber vielleicht ist dieses Wortspiel ja gerade gewollt. So verdrehte Wortspiele scheinen ein Steckenpferd der Jungs zu sein. Anspieltipps: das vielseitige Kalte Wände knallt ganz gut, wenn ihr es dissonanter liebt, dann wäre Einer von den Großen zu empfehlen. Sucht ihr ein emotionales Gitarrenriff mit schön gegenspielendem Bass, dann müsst ihr unbedingt Schwarze Decken anchecken. Fazit: dieses Album toppt das Debut um Längen!


Montreal – „Hier und heute nicht“ (Amigo Records) [Youtube]
Ha, witzig, das hatte ich schon lange nicht mehr! Mein mp3-Rip-Programm (Audiograbber) meint doch tatsächlich bei Einlage der Montreal-CD, dass es sich um das Album Friends, Lies and the End of the World von der Band Reach The Sky handelt. Online in der freeDB wird das Album von Montreal zum Zeitpunkt des Verfassen dieses Textes auch noch nicht gefunden, also muss irgendwas bei der CD-Pressung falsch gelaufen sein. Und witzigerweise liebe ich das Reach The Sky-Album ja noch immer! Montreal haben musikalisch nicht mal ansatzweise was mit Reach The Sky zu tun. Bisher hab ich mich mit der Band in den 15 Jahren ihres Bestehens auch gar nicht wirklich befasst, ich kann mich nur noch an einen ganz okayen Auftritt im Vorprogramm der 2007er Tour von Samiam erinnern, der mich aber nicht wirklich von den Socken gehauen hat. Bei Hier und heute nicht handelt es sich um das siebte Album und man muss sagen, der Sound klingt verdammt frisch. Dem deutschsprachigen Pop-Punkrock scheint vom ersten Ton die Sonne aus dem Arsch, eine Hookline jagt die nächste, hymnische Mitsingrefrains gehören wohl zur Grundausstattung des Trios, hierbei gefällt besonders der an vielen Stellen auftauchende Doppelgesang und die melodischen Gitarren. Die Band fackelt aber auch gar nicht lange und kommt direkt zur Sache, musikalisch wie auch textlich. Die Formel lautet: es sind knapp drei Minuten Zeit, die muss man voll und ganz ausnützen! Hinter dem Albumcover mit dem Blumenkübel und dem Albumtitel steckt übrigens ein Schlüsselerlebnis der Band, wie man im Text zum gleichnamigen Song erfährt. Vorsicht, kleiner Spoiler: alles nochmals gut ausgegangen! Die zwöf Songs gehen jedenfalls allesamt sofort ins Ohr, wer Bands wie die Ärzte, Adam Angst, Donots oder auch englischsprachigen Punkrock wie die Bouncing Souls oder Millencollin mag, sollte hier mal reinhören.


Slaughter Beach, Dog – „Safe And Also No Fear“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Hinter Slaughter Beach, Dog steckt Jake Ewald von Modern Baseball, was mir bis zum Erhalt eines Besprechungsexemplars des mittlerweile dritten Albums Safe And Also No Fear noch nicht bewusst war, ich wusste nicht mal von der Existenz der Band. Da mir die bisherigen Veröffentlichungen also gänzlich unbekannt sind und diese laut Presseinfo zugänglicher sein sollen, stört mich das daher nicht die Bohne. Denn die zehn Songs des aktuellen Albums nehmen mich ab dem ersten Ton gefangen und ich weiß bereits bei den ersten paar Durchläufen, dass das Ding während des Herbstes noch öfter laufen wird. Der Sound mag auf den ersten Blick etwas sperrig wirken, dennoch arbeiten sich immer wieder eingängige Hooklines heraus, begleitet von der warmen Stimme Jake Ewalds. Versucht man, diese Musik in Sparten einzuordnen, dann passt wahrscheinlich gitarrenorientierter Indie-Rock noch am ehesten, Ausflüge in Emo, Folk und Punk sind ab und an auch vorhanden. Von der Grundstimmung dominiert die Melancholie, diese wird zusätzlich durch die persönlichen Texte unterstrichen. Textlich geht es ziemlich düster und depressiv zur Sache. Mentale Zustände werden hinterfragt, es geht um Zerbrechlichkeit, Unsicherheit, Furcht und um die Flucht vor unangenehmen Gedanken. Am Besten hört man  das Album also in einer ruhigen Minute am Stück an und erfreut sich dabei an Highlights wie z.B. dem fast siebenminütigen Black Oak, der Gitarren-Hookline bei Tangerine oder dem schleichenden Map Of The Stars. Und entdeckt bei jedem weiteren Durchlauf, was für ein Grower dieses Album doch ist!


Yarostan – „Selftitled“ (Crapoulet Records u.a.) [Stream]
Auf die Band Yarostan bin ich eigentlich schon vor einiger Zeit über Bandcamp gestoßen. Jetzt hat Dave von Zegema Beach Records die Songs des selbstbetitelten Debuts zusammen mit dem neulich besprochenen Aleska-Album auf ein Split-Tape gepackt, weshalb mir die Band nun erneut ins Visier geriet. Yarostan kommen aus Marseille, haben sich nach einer Person aus dem 1976 erschienenen Buch Letters Of Insurgents von Fredy Perlman benannt und spielen diese typische Art französischen Screamo, den wir von Bands wie Daïtro oder Amanda Woodward so zu schätzen gelernt haben. Zwischen den emotionsgeladenen Screamo-Ausbrüchen bleibt aber auch immer wieder mal Zeit für bedächtige, ruhigere Momente, die auch schon mal in die Post-Rock-Ecke schielen, was dann im Finale beim Song Commencement in einer zwölfminütigen Session intensiviert wird. Yarostan solltet ihr unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


 

Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!


 

Bandsalat: Chiefland, Deadbeat Fleet, Max Young, Migal, Of Grace And Hatred, Piet Onthel, Stars Hollow, Strommasten

Chiefland – „Wildflowers“ (Uncle M) [Stream]
Blumen scheinen für die Band Chiefland aus Göttingen ein zentraler Bestandteil zu sein, auch das Cover der selbstreleasten Debut-EP wurde seinerzeit von Blumen geschmückt. Schon auf ihrer EP attestierte ich der Band einen eigenständigen Sound, abwechslungsreiches Songwriting und damit einen gewissen Wiedererkennungswert in einer Masse an viel zu ähnlich klingenden Post-Hardcore-Bands. Und diesen Weg hat das Quartett weiter verfolgt, an den Songs des Debutalbums sticht als erstes die Detailverliebtheit ins Auge, da wechseln leidend gescreamte Vocals mit Spoken Words, da treffen harte und scharfe Gitarrenriffs auf melancholische Post-Rock-Gitarren. Zudem wissen die Texte zu gefallen, hier wird zum Nachdenken angeregt. Chiefland engagieren sich laut Pressemitteilung über Sea Shepherd, da wundert es nicht, dass das fahrlässige Verhalten der Menschen mit unserer Umwelt kritisiert wird, zudem sind die Lyrics sehr persönlich gehalten. Dass es auch gern mal hymnischer zugehen kann, zeigt der Song Indian Summer, der einen wunderbaren mehrstimmigen Mitsing-Refrain aufweisen kann. Das Album ist schön satt abgemischt und der Sound macht richtig Druck an den lauten Stellen und besticht durch glasklaren Klang an den leisen Stellen. Würde mal sagen, dass die Band locker mit internationalen Größen mithalten kann, dieses Album hier beweist es mehr als deutlich. Wenn ihr Bands wie La Dispute oder Touché Amore zu euren Lieblingen zählt, dann sollte euch diese Mischung aus emotive Post-Hardcore und Melodic Hardcore ebenfalls munden! Ein äußerst gelungenes Album, da hat sich Uncle M ’nen dicken Fisch geangelt!


Deadbeat Fleet – „III“ (DIY) [Name Your Price Download]
In den Genuss dieser selbstgebastelten CD in Vinyloptik kam ich durch den Kontakt mit der Band Agador Spartacus. Gitarrist Daens spielt eben auch noch bei Deadbeat Fleet mit. Die Band aus Recklinghausen existiert seit 2010 und bisher wurden drei EPs veröffentlicht. EP Nr. II war ebenfalls Bestandteil des Bemusterungpäckchens und man kann den Jungs attestieren, dass sie für ihre Veröffentlichungen originelle Verpackungen mit ’ner Menge DIY-Spirit angefertigt haben. Sehr schön! Musikalisch bekommt man eine Mischung aus Post-Hardcore, Punk und Emo geboten. Auf beiden Releases merkt man, dass hier Leute am Start sind, die voll und ganz hinter dem stehen, was sie da machen. Die Soundqualität hat sich natürlich zur 2012-er EP ein wenig verbessert, dennoch kann man auch die sieben Songs der zweiten EP empfehlen, wenn ihr auf rau produzierten Post-Hardcore mit tollen Melodien steht. Die Gitarren erinnern das ein oder andere Mal an Bands wie z.B. At The Drive-In und die Songs machen nach ein paar Durchläufen richtig gute Laune, auch wenn man sich anfangs ein bisschen mit dem Gesang anfreunden muss. Checkt die Band mal an, die Releases gibt’s zum Name Your Price Download.


Max Young – „Still Getting Better!“ (Midsummer Records) [Video]
Zehn Jahre musizierte Max Young als Sänger der saarländischen Punkband Small State, bevor er nach deren Ende und nach fünfjähriger Pause endlich wieder seine Leidenschaft zur Musik aufkeimen lassen wollte. Und weil er diese Leidenschaft zusammen mit viel Herz und Seele in seine punkrockgeprägten Songs steckt, hat sich mit midsummer records auch gleich ein Label gefunden, welches ermöglicht hat, dass Still Getting Better im schicken Digipack zu haben ist. Coole Sache! Das Mützen-Foto auf dem Albumcover lässt jedenfalls keine Zweifel, dass Max Young wahrscheinlich gar nicht mehr ganz so jung ist, wie sein Name uns glauben machen will. Nun, acht Songs wurden mit einer Band im Rücken eingespielt, vier dieser acht Songs werden im Anschluss noch in reinen Solo-Versionen dargeboten. Mit Ready Again legt Max schonmal einen astreinen Ohrwurm vor, der die nötige Portion Melancholie im Gesang und im Gitarrensound in sich trägt. Das Ding hat was Get Up Kids/New Amsterdams-mäßiges und ist nach mehrmaligen Durchläufen mein persönlicher Favorit des Albums. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass man die restlichen Songs getrost vergessen kann. Max Young schafft es nämlich im Verlauf des Albums immer wieder, dass aufgrund einer der vielen Hooklines ein breites Lächeln über’s Gesicht huscht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Songs live richtig gut funktionieren und äußerst charmant klingen, auch ohne begleitende Band im Rücken! Checkt das ruhig mal an, mir persönlich gefällt das tausendmal besser als aktuelles Zeug von z.B. Chuck Ragan oder Nathan Gray.


Migal – „Selftitled“ (DIY/HC4LZS) [Name Your Price Download]
Schön mitreißenden und nach vorne gehenden Post-Hardcore mit Screamo-Einlagen und Emocore-Referenzen bekommt ihr auf der Debut-EP der ziemlich neuen Band Migal aus Kiel zu hören. Die Gitarren wirbeln ordentlich Staub auf, kommen aber auch immer wieder schön melancholisch um die Kurve, dazu passt natürlich der leidende und heulende Schreigesang und die variiernden Drums, die zwischendurch auch mal zurückgenommen werden, nur um danach wieder umso heftiger aufzudrehen. Mir gefällt die raue Produktion, das hat irgendwas lebendiges an sich, gleichzeitig hört man hier die Spielfreude und Leidenschaft des Quartetts gut raus. Wer sich von den Livequalitäten der Jungs ein Bild machen will, kann dies übrigens auf dem im Mai stattfindenden Miss The Stars-Fest machen!


Of Grace And Hatred – „Toxic Vows“ (Loyal Blood Records) [Stream]
Also, wenn ihr das Elektro-Intro überstanden habt, dann werdet ihr mit offenen Mündern vor die Anlage knien! Warum ist mir die Band bisher noch nicht untergekommen? Die vier Jungs kommen aus Norwegen, sind bereits seit 2008 unterwegs und haben bisher zwei EP’s im Gepäck, zudem spielt irgend so’n Typ mit, der zuvor bei Social Suicide die Gitarre geschreddert hat. Nun, die zwölf Songs zwirbeln verdammt fett, da schwappt direkt die Suppe aus den Lautsprechern! Mein lieber Scholli, die Riffs erzeugen zusammen mit den straight nach vorne geknüppelten Drums, dem permanent knödelnden Bass und den aggressiven Vocals ganz schön viel Energie! Dabei ist trotzdem noch reichlich Melodie an Bord, hibbelige Chaos-Ausbrüche dürfen ebenfalls nicht fehlen! Hammeralbum, das dürft ihr euch nicht durch die Lappen gehen lassen!


Piet Onthel – „demo​(​loni​)​taksupo​(​mulo)“ (DIY) [Stream]
Hier kommt ein kleines Screamo-Massaker, das nur von einem Typ – wohnhaft in Malaysia, spielt auch noch bei Cantilever – dargeboten wird. Wahnsinn, klingt echt wie ’ne vollständige Band, wenn das nicht extra in der Besprechungsanfrage angegeben gewesen wäre, wäre ich da von allein nie drauf gekommen. Nun, die fünf Songs sind ordentlich produziert und dürften jedem Fan von Bands wie Orchid, Loma Prieta, Piri Reis und Daighila ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Es ist wohl geplant, aus dem one-man-Projekt eine vollständige Band wachsen zu lassen, so dass auch Shows gespielt werden können. Na, da drück ich mal die Daumen, dass das gelingt, denn die Songs gehen schön intensiv zur Sache!


Stars Hollow – „Happy Again“ (Head Above Water Records ) [Name Your Price Download]
Aus Iowa kommt das Trio Stars Hollow. Und wie so oft, entdeckte ich die Band bei meinen ausgiebigen Bandcamp-Ausflügen und war sofort begeistert. Die Jungs machen mitreißenden Midwest-Emo mit Screamo-Einlagen und wunderschön verträumten Twinkle-Gitarren. Sehr melancholisch und intensiv. Insgesamt bekommt man fünf Songs angeboten, die zum Name Your Price Download verfügbar sind. Wahrscheinlich, weil die auf 300 Stück begrenzte 7inch bereits ausverkauft ist. Wenn ihr euch eine Mischung aus Algernon Cadwallader und Merchant Ships vorstellen könnt, dann bitte hier entlang!


Strommasten – „Allerzweite Sahne“ (DIY) [Stream]
Auf die Dortmunder Band Strommasten wäre ich ohne die Beigaben im Bemusterungsumschlag zur dritten EP der Band Agador Spartacus womöglich nie aufmerksam geworden. Auch bei Strommasten wirkt Daens von Agador Spartacus und Deadbeat Fleet mit. Während bei den anderen beiden Bands der Fokus auf Post-Hardcore gerichtet ist, wird bei Strommasten die Vorliebe für poppigeren Sound ausgelebt. Die elf Songs des Debutalbums liegen irgendwo zwischen Elektropop, NDW und poppigem Indie, dabei kommt aber auch das ein oder andere Punk-Gitarrenriff zum Einsatz. Schön dabei sind die sarkastischen deutschen Texte, da bekommt echt jeder sein Fett weg. Die elf Songs gehen jedenfalls superschnell ins Ohr! Irgendwo zwischen Tele, Falco, UNS und Bilderbuch, hört da mal rein!


 

Infant Island – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Mal wieder reibe ich meine Äuglein und wundere mich, warum manche Bands erst meine Aufmerksamkeit bekommen, wenn analoge Post ins Haus flattert. Im Fall von Infant Island reibe ich gleich doppelt, denn die 12inch blendet fast. Der strahlend weiße Karton ist auf der Frontseite mit einem schwarzen Siebdruck verziert, kaum größer als ein gewöhnliches Foto. Die Zeichnung zeigt zwei Menschen (vermutlich Kinder), die auf einem Fels sitzen. Auf der Rückseite, dem Textblatt und den Labels sind Zeichnungen von Vögeln zu sehen, womöglich sind das Kolibris. Ach ja, Infant Island kommen übrigens aus dem lustig klingenden Fredericksburg, das ist eine Stadt im US-Bundesstaat Virginia. Und ich vermute mal, dass der Bnadname irgendwas mit dem japanischen Filmmonster Godzilla zu tun hat, denn da gibt es in irgendeinem Film eine fiktive Insel gleichen Namens. Die 12inch ist übrigens mal wieder ein Co-Release, neben Dingleberry Records sind noch Middle-Man Records und Conditions Records mit im Boot.

Mit dem Aufsetzen der Nadel kommen Geräusche aus den Lautsprechern, die durch die Lüfte zu schweben scheinen, bis dann dieser durchtriebene und distortionlastige Sound einsetzt. Leiernde Gitarren, ein wabernder und matschiger Delay-Soundbrei, abgehacktes Drumming und ein schreiender Sänger, dem nach den persönlichen Lyrics nach zu urteilen eine Unmenge an Angst und Verzweiflung im Nacken zu sitzen scheint. Im zweiten Song geht es vermeintlich flott weiter, die hektischen Drums und die wild gezockten Gitarren werden abermals mit derben Vocals und reichlich Krach ausgeschmückt. Irgendwie kann man das alles noch nicht so recht einordnen. Und wenn man meint, dass es endlich geklickt hat und man das Bandschema so halbwegs durchschaut hat, dann kommt doch noch die unvorhersehbare Kehrtwende. Und diese Kehrtwende macht die Band erst richtig interessant.

Das dritte Stück Broken Pieces strotzt nämlich nur so vor Melancholie, das ist der helle Wahnsinn. Man hat das Gefühl, als ob man alles durch einen extrem flauschigen Wattefilter wahrnehmen würde. Die eiernden Gitarren, der fuzzige Bass und die präzise gespielten Drums, dazu heulendes Geschrei am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was auf den ersten Blick so undefinierbar erscheint, nimmt nun langsam Form an. Denn die nachfolgenden Songs bringen nach und nach diese emotionale Seite ans Licht, obendrein kommen ein paar Überraschungen in Form von klassischen Instrumenten wie einem Cello, einer Violine und einem Klavier dazu. Und dann ist da dieses Slow-Motion-Midtempo, das einen mit jedem weiteren Durchlauf so richtig einfängt. So einen atmosphärischen Sound ist man sonst eher von skandinavischen Bands gewohnt. Gerade bei den melancholischeren Stücken denkt man z.B. an Kapellen wie Trachimbrod oder Sore Eyelids. Und wenn man beim ersten Durchlauf noch meint, dass hier mal wieder eine weitere Combo einen durchschnittlichen Mischmasch aus Screamo, Post-Hardcore, Emo, Shoegaze und atmosphärischen Tunes zusammengebastelt hat, dann wird man nach ein paar weiteren Hörrunden eines besseren belehrt. Und man reibt sich dabei ungläubig die Augen!

9/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Organa – „Selftitled“ (Pike Records)

Das Artwork dieser 12inch sieht trotz seiner Schlichtheit faszinierend und edel aus! Der schwarze, dicke Plattenkarton liegt schön schwer in der Hand, zudem kommt der Kontrast bei schwarzen Platten mit weißem Aufdruck einfach am besten rüber. Das symbolträchtige Motiv mit dem Stacheldraht, der das Auge umschließt, lässt erste Spekulationen zu, die sich – zumindest für mich – nach dem Studieren der Texte ganz plausibel anhören. Die Menschen werden immer mehr kontrolliert, die Freiheit und Losgelöstheit der Leute wird immer weiter eingeschränkt. Zudem kommt dazu, dass aufgrund dieser Kontrollmaschine und der geraubten Selbstverwirklichung innere Leere entsteht und die soziale Kälte immer mehr zunimmt. Der perfekte Nährboden für Depressionen und düstere Gedanken also. Schwarz dominiert übrigens auch noch im Inneren der Platte: schwarze Innenhülle, schwarzes, einseitig bespieltes Vinyl mit genial aussehendem Etching auf der B-Seite. Beim Etching sowie beim Label der A-Seite wird das Stacheldraht-Motiv wieder aufgegriffen und auch das stabile Textblatt ist mit Lyrics in vernünftiger Schriftgröße und mit den bereits bekannten Symbolen bedruckt. Alleine das ist eigentlich schon eine Anschaffung des Vinyls wert.

Nun, Organa haben sich im Jahr 2016 aus dem Dunstkreis der Bands Unrest, Weak Ties, Sømerset und Auszenseiter zusammengeschlossen, die sechs Songs plus Intro der Debut-12inch sind aber bereits im August 2017 digital über die Bandcampseite der Bielefelder erschienen. Dank Pike Records erblicken die Songs nun auch endlich physisch das dunkle Licht dieser Erde. Das Intro mit seinen Stör- und Fabrikgeräuschen könnte auch gut einem düsteren Horrorfilm entstammen und bereitet eigentlich das Brett vor, das man mit den nachfolgenden sechs Songs vor den Kopf geknallt bekommt. Im walzenden Crust-Bereich ist es ja in den letzten Jahren in der deutschen Szene eigentlich ziemlich still geworden, deshalb kann man es nur begrüßen, dass es Bands wie Organa gibt, die angepisst von den unguten gesellschaftlichen Entwicklungen die zerfetzte Crust-Fahne in den Wind halten.

Klar, man darf jetzt nicht erwarten, dass hier das Rad neu erfunden wird, dennoch wird nicht nur wild draufgeknüppelt. Auch wenn die Wut und Angepisstheit dominiert und alles sehr düster klingt, kommen doch auch ab und zu melodischere Gitarren zum Einsatz (z.B. bei Draisine oder Methode), auch sind starke Hardcore-Einflüsse zu entdecken. Hier erkennt man, dass die Band gut aufeinander eingespielt ist. Für den druckvollen und räudigen Sound ist mal wieder die Tonmeisterei eingesprungen, wie gewohnt hervorragende Arbeit! Vier der Songs sind übrigens komplett in deutscher Sprache verfasst, ein Song wird in englischer Sprache vorgetragen während ein weiterer so ein Mischmasch aus Deutsch und Englisch ist, wobei die deutschen Lyrics meiner Meinung nach authentischer rüberkommen. Und wie eingangs erwähnt behandeln die Texte ebensolche Themen, hier wird passend zur Musik ein düsteres und aussichtsloses Szenario gezeichnet. Vertonte Verzweiflung inmitten der Apokalypse sozusagen. Erinnert übrigens ein wenig an den Sound, den die Band Jungbluth so in ihren Anfangstagen rausgepfeffert hat und kann daher stark empfohlen werden!

8/10

Facebook / Bandcamp / Pike Records


 

Bandsalat: City Kids Feel The Beat, Insert Coin, Lift, Living With Lions, Matze Rossi, Muncie Girls, Pagan, Slumb Party

City Kids Feel The Beat – „Cheeky Heart“ (Uncle M) [Stream]
Bandname, Albumtitel und das etwas kitschig wirkende Artwork dieses hübsch aussehenden Digi-Packs könnten übrigens ganz schön in die Irre führen und die Vermutung aufkommen lassen, dass wir es hier mit einer Boy-Band aus den Charts zu tun haben könnten. Wenn man dann noch das Textheftchen auffaltet und plötzlich ein Poster in der Hand hält, auf welchem man fünf Boys in weißen T-Shirts erblickt, dann ist man doch etwas überrascht, wenn man die CD einlegt und hymnischer Pop-Punk aus den Lautsprechern ertönt. Komischerweise ist mir die Band bisher gänzlich unbekannt gewesen, obwohl die Jungs schon seit sechs Jahren unterwegs sind und Ulm ja eigentlich fast schon in der Nachbarschaft liegt. Cheeky Heart ist also Album Nummer drei und ich muss sagen, dass einige Songs sofort ins Ohr gehen. Auch wenn auf den ersten Blick das poppige im Vordergrund steht, gibt es zwischendurch trotzdem immer wieder schöne Abgeh-Parts mit fetten Gitarrenriffs und Schreigesang (beispielsweise bei Rewrite oder Worst Date). Die glasklare Produktion, für die der Typ eingespannt wurde, der auch Cro und Casper schon einen guten Sound verlieh, passt natürlich auch bei dieser Art von Musik ganz gut. Die Vorbilder für den melodischen Pop-Punk, der munter mit hymnischem Collegerock gemischt wird, dürften klar in der kalifornischen Pop-Punkszene zu finden sein. Die Texte beschäftigen sich mit dem Wahnsinn, den man zwischen Jugend und Erwachsenwerden so durchlebt und stehen damit ein wenig im Kontrast zum sonnigen Sound. Wer also auf Ohrwurmmelodien steht, die wirklich hartnäckig im Gehör kleben bleiben, dürfte hiermit gut bedient sein! Übrigens, jetzt hab ich’s: Beim Song Coming Home weist die Gesangsmelodie im Refrain eine enorme Ähnlichkeit mit Nenas Nur Geträumt auf.


Insert Coin – „Way Out“ (Uncle M) [Stream]
Bei Insert Coin aus Recklinghausen scheint es richtig gut zu laufen. Im Jahr 2007 gegründet sind bereits zwei Alben und eine EP erschienen, zudem wurden etliche Shows quer durch Europa gespielt. Den wohl besten Coup landete die Band mit einem Soundbeitrag zu einem TV-Werbespot für irgend so ’n komisches hauptsächlich aus Zucker bestehendes Energygesöff, das sich hyperaktive Leute ins Hirn schütten, nur um sich dabei ein bisschen cool zu fühlen. Ob man als Band seine Musik für solch fragwürdige Produkte hergeben sollte? Ich meine schon, denn dadurch kommen potentielle Konsumenten dieser Plörre vielleicht beim Anhören der Musik auf andere Gedanken, denn das was Insert Coin machen, dürfte auch die müdeste Schlafmütze wieder aus dem Koma befördern, da braucht es keinen Energy-Drink mehr! Zudem kommen die Leute vielleicht besser drauf, wenn sie sich mit den teils persönlichen aber auch gesellschaftskritischen Texten der Band beschäftigen, die sich mit Themen wie Fake-News, gleichgeschlechtliche Ehe oder Depressionen (die übrigens auch von übermäßigem Konsum des beworbenen Energy-Drinks ausgelöst werden können) befassen. Musikalisch wird dazu melodischer, nach vorne gehender Skatepunkrock geboten, der seine Vorbilder in Bands wie Anti-Flag, Pennywise oder Red City Radio hat. Bevor ihr eure Münzen in den nächsten Getränkeautomaten werft, solltet ihr die hart ersparten Moneten an die nächste Jukebox verfüttern und das Album Way Out anwählen. Danach wollt ihr das Ding eh in eure Punkrock-Sammlung integrieren, also könnt ihr das Ding auch gleich kaufen.


Lift – „Harsh Light of the Truth“ (Dropping Bombs/DIY) [Name Your Price Download]
Neulich gab’s an anderer Stelle einen kurzen Beitrag zur Debut-EP dieser neuen Band aus Connecticut. Das Ding hat mich mit seinen Songs schwer begeistert, so dass man nach mehr lechzend eigentlich gar nicht arg so lange warten musste, denn mittlerweile ist die zweite EP mit drei Songs als Name Your Price Download verfügbar, zudem gibt es das Ding als 7inch. Nun, das Cover ist wieder schön gestaltet. Das Gemälde erinnert irgendwie an die ersten Artworks von Snapcase-Releases (Progression Through Unlearning z.B.) und auch der Sound, v.a. das Instrumentale, erinnert an diese großartige Band aus Buffalo. Weitere Einflüsse dürften neben Snapcase frühe Boy Sets Fire, Refused und With Honor sein. Hier passt jedenfalls von der fetten Produktion bis zum ausgefeilten Songwriting alles. Ganz schön groovig und mitreißend, so muss druckvoller Hardcore klingen! Ich warte gespannt auf weiteres Material!


Living With Lions – „Island“ (No Sleep Records) [Stream]
Der Digipack kommt komplett ohne Plastik aus – bis auf die CD selbst natürlich – und ist echt mal aufwendig und schön gestaltet. Die Fenster der Fassade sind alle ausgestanzt, so dass man auf dem im Inneren befindlichen Textheftchen in die einzelnen Wohnungen schauen kann und dort ein paar außergewöhnliche Szenen des menschlichen Lebens entdecken kann. Kommt mir zwar irgendwie bekannt vor, aber eigentlich wiederholt sich ja in Albumartworks doch irgendwann alles mal, selbst im musikalischen Bereich wird das Rad oftmals nicht neu erfunden. Und auch die alltäglichen Szenen hinter den Fenstern können sicher auch außerhalb Kanadas hinter etlichen beleuchteten Fenstern erblickt werden. Zwölf Songs sind also auf dem dritten Album in einer Spielzeit von knapp 50 Minuten zu hören. Und obwohl man beim ersten Durchlauf eine Menge im dicken Textheftchen und den besagten Fenstern zu stöbern hat, will der musikalische Funke nicht auf Anhieb überspringen. Eben weil man – zugegebenermaßen – total übersättigt in diesem Mischmasch aus Alternative, melodischem Punkrock und etwas Emo ist. Schade eigentlich, denn eigentlich machen die fünf Kanadier alles richtig. Und nach ein paar Runden im Player kristallieren sich die Pfeiler heraus, die den Reiz des Albums ausmachen. Spielfreude, Emotionen, Melodien, Chöre, ein starker Schlagzeuger, der ordentlich Tempo macht und natürlich sauber gespielte Gitarren. Wenn das Album zwei Jahrzehnte vorher erschienen wäre, dann würden heutzutage sicher noch ein paar Menschen davon schwärmen. In der heutigen schnelllebigen Zeit haben solche Releases leider nur noch den absoluten Außenseiterstatus des absoluten Außenseiters. Oder man hört sie nicht, weil auf der einen Seite zu weichgespült für die Undergrounder und auf der anderen Seite zu unbekannt für die Mainstreamer. Doofe Situation. V.a., wenn man weiß, dass die Band kurz nach der Veröffentlichung des letzten Albums Holy Shit kurz vor der Auflösung stand, da der ehemalige Sänger das Weite suchte. Mittlerweile singt der ehemalige Gitarrist, dessen Posten wurde wiederum durch einen guten Freund der Band besetzt. Also, gebt den Jungs mal noch ’ne Chance, so ungeil ist das nicht!


Matze Rossi – „Musik ist der wärmste Mantel – Live im Audiolodge Studio“ (End Hits Records) [Stream]
Es ist ja immer so eine Sache mit Sängern, die mir früher in Punk/Hardcorebands gefielen und sich mittlerweile im Singer/Songwriter-Milieu austoben. Meist taugt mir persönlich das nicht so, weshalb der ganze Kram von mir gekonnt ignoriert wird. Tja, bis man kalt erwischt wird und ’ne Digipack-CD von Matze Rossi zwecks Besprechung im Briefkasten landet. Und dann handelt es sich bei dem Ding auch noch um ein Live-Album, diesem Medium begegne ich sowieso schon mit Skepsis. Okay, wenigstens bin ich völlig unvorbelastet, was die Songs von Matze Rossi betreffen, zudem zählen Tagtraum nicht zu den Bands, deren gesamter Backkatalog mir geläufig ist. Also, drücke ich auf Play, schnappe mir das Beiheftchen und lese bei den ersten Klängen den erklärenden Text zum Hintergrund des Releases. Mit dem Album erfüllt sich ein weiterer Lebenstraum Matze Rossis: die Musik zusammen mit einem tollen Publikum auf einem Tonträger festzuhalten. Nach 29 Bühnenjahren und über 2500 Konzerten durfte dem Live-Ereignis, das in zwei Aufnahmesessions im Audiologe Studio in Volkach abgehalten wurde, ein ausgewähltes Publikum von jeweils 30 Personen beiwohnen (die am Konzert teilnehmenden Menschen werden sogar im Booklet namentlich aufgeführt). Und gerade diese intime Konzertatmosphäre ist das, was mich dann bei aller Voreingenommenheit und Engstirnigkeit doch in den Bann zieht. Die sechzehn Songs werden mit viel Leidenschaft und Herz präsentiert, dabei jagen die aus dem Leben gegriffenen Texte zusammen mit dem warmen Klang den ein oder anderen Gänsehautschauer über den Rücken. Da mir die Studioaufnahmen der Songs nicht geläufig sind, kann ich nur mutmaßen, dass die Songs in dieser Liveaufnahme doch etwas anders klingen. Denn dem Sound kommt obendrein zugute, dass Matze Rossi von seinem Freund Martin Stumpf am Kontrabass, Klavier und anderer Percussion begleitet wird. Ein weiteres persönliches Highlight für Matze dürfte der gemeinsame Auftritt mit seiner Tochter sein, beim Song Und jetzt Licht, bitte! wird Papa kräftig beim Gesang unterstützt. Hmm, und ja, bisher hab ich Soloauftritte live nur bei Olli Schulz genossen, bei Matze Rossi könnte ich mir das aber – nachdem ich mich jetzt intensiv mit diesem Album beschäftigt habe – auch ganz gut vorstellen.


Muncie Girls – „Fixed Ideals“ (Specialist Subject Records u.a.) [Stream]
Das Sonne, Mond und Sterne-Cover des zweiten Longplayers der Band aus Exeter/UK ist jetzt zwar nicht so originell, dennoch macht es im 12inch-Format was her. Es gibt übrigens drei verschiedene Pressungen (blaues und gelbes Vinyl), mein Besprechungsexemplar ist durchsichtig und mit blauen und gelben Sprenkeln übersät. Sieht echt mal geil aus, die A-Seite ist durch eine Sonne auf dem Label verziert, von der B-Seite lacht dann logischerweise der Mond. Und natürlich sind auf der Innenhülle alle Texte abgedruckt. Am Release sind neben Specialist Subject Records auch noch die Labels Buzz Records und Lost Boy Records beteiligt. Insgesamt sind 13 Songs auf Fixed Ideals zu hören. Im Vergleich zum Debutalbum kommen die Songs um einiges glattpolierter um die Ecke, in manchen Songs schleicht sich sogar ein Glockenspiel ein, vermutlich in Anlehnung an das Sonne/Mond-Thema und an die vielen schlaflosen Nächte, die Sängerin Lande Hekt wach gelegen haben muss und ihr die Gedanken durch den Kopf gegangen sind, die sie zu den Texten inspiriert haben. Und diese sind wieder sehr persönlich ausgefallen und handeln von ernsten Themen wie z.B. Schlaflosigkeit, Angststörungen, Depressionen und natürlich vom unendlichen Kampf gegen den alltäglichen Wahnsinn. Negative Gefühle gedeihen im Dunkeln besonders, deshalb ist Ablenkung mit sonniger Musik ein gutes Mittel, der scheinbar auswegslosen Situation zu entfliehen. Songs wie z.B. High oder Picture Of Health bringen diese Sonne zum leuchten, dennoch liegt dieses Wechselspiel von Nervenzusammenbruch und Lebensfreude nah beieinander. Sehr gefühlvoll kommen dabei natürlich wieder die Vocals um die Ecke, aber auch instrumental sind einige melancholische Töne zu hören, gerade die ruhigeren Passagen berühren enorm. Und letztlich fügt sich alles zu einem tollen Album zusammen, das die richtige Balance zwischen einer guten Produktion, stimmigem Songwriting und intensivem Gefühlschaos hält. Hier kommen Emo-, Pop-Punk- und Indie-Fans gleichermaßen auf ihre Kosten!


Pagan – „Black Wash“ (EVP Recordings) [Stream]
Auf diese Band bin ich letztens beim Bandcamp-Surfen gestoßen. Und irgendwie hab ich mir beim Antesten nur so gedacht: wahrscheinlich wieder so ’ne weitere Band, die auf der aktuellen Blackmetalwelle mitsurfen will. Pfff, ein umgedrehtes Kreuz mit Kerzenflamme, eigentlich geht das doch heutzutage gar nicht mehr! Kann man nur hoffen, dass die Sängerin auf der Bühne keine Fledermausköpfe abbeißt. Zutrauen könnte man es ihr, so fies wie die Frau da rumbrüllt! Jedenfalls machen Pagan aus Melbourne/Australien ziemlich arschtretenden melodischen Post-Hardcore mit groovigen Gitarren, Einflüsse aus Blackmetal, Punk, Rock, Metal, Screamo und Hardcore sind ebenfalls vorhanden. Die Gitarren jagen ein Hammerriff nach dem anderen aus dem Ärmel, dazu dieser intensive aber dennoch melodische Schreigesang. Geht gut nach vorne, geht gut ins Ohr, jeder Song ist top arrangiert, so dass die elf Songs wie im Flug und ohne den geringsten Hänger abgehört sind und man danach nach einer weiteren Runde lechzt! Wahnsinn, dabei sehen die Bandmitglieder noch ganz schön jung aus, für ein Debutalbum in der Klasse hat die Band jedenfalls schonmal stark abgeliefert. Ob an der Entstehung des Albums etwa doch dunkle Mächte beteiligt waren? Womöglich, ich bin jedenfalls schon jetzt dem Pagan-Kult verfallen!


Slumb Party – „Selftitled“ (Erste Theke Tonträger) [Stream]
Auf diese Band bin ich eigentlich nur gestoßen, weil ausnahmsweise der Facebook-Flurfunk funktioniert hat und ich einem kleinen Hinweis der längst verblichenen Band Plaids nachgegangen bin. Nach der Auflösung von Plaids sind nämlich einige neue Bands entstanden, darunter Soul Structure und eben Slumb Party. Die Band aus Nottingham/UK setzt sich aus einer Frau und vier Typen zusammen und macht ’nen super catchy Mischmasch, der so in Richtung Post-Punk geht. Dabei ist sogar ein Saxophon mit an Bord, das sich hervorragend im Sound der Briten macht und dem ganzen einen eigenen Stempel aufdrückt. Verdammt, dieses Saxophon klingt so scharf wie eine frisch geschliffene Rasierklinge. Die fünf Songs erinnern dann desöfteren an Bands wie Fugazi (der Bass, die Gitarre, die Drums und der Gesang), The Robocop Kraus oder aber auch Gang Of Four. Eins ist sicher, auf dieser Party wird bestimmt nicht geschlummert. Diese wilde Mischung würd ich ganz gern mal live sehen, das ist bestimmt sehr tanzbar und abgefahren!


 

Nervöus – „Selftitled“ (Moment Of Collapse)

Mit dem Schreiben einer Rezension des 2013er-Albums Konfetti & Mutwillige Zerstörung – damals noch für Borderlinefuckup – lernte ich die Band aus Berlin einst kennen. Seitdem ist bei der 2011 gegründeten Band releasetechnisch eine EP und ein weiteres Album erschienen. Mit dem sebstbetitelten Album liegt nun Album Nummer drei vor.

Und wie bei den vorangegangenen LP’s erscheint die Vinylversion als einseitig bespielte 12inch. Was sich bei der Band ebenfalls wie ein roter Faden durch alle Releases zieht, sind die kurzen, meist nur aus einem Wort bestehenden Songtitel. Kurz, knapp und knackig auf den Punkt kommend, wie auch die Songs selbst, die sich teilweise unter zwei Minuten oder knapp darüber bewegen. Und wer jetzt denkt, in dieser kleinen Zeitspanne kann in einem Song eigentlich gar nicht allzuviel passieren, der hat sich ordentlich getäuscht. Denn Nervöus schaffen es, einen Song auch in dieser kurzen Zeit komplex klingen zu lassen, so dass es einige Durchläufe braucht, bis man sich mit dem Sound angefreundet und die zu einem auf den ersten Blick breiige Masse entschlüsselt hat. Hier hat die Tonmeisterei mal wieder ordentlich gemastert, denn bei genauerem Hinhören entdeckt man viele Details, die man oberflächlich erst mal überhört.

Die acht Songs klingen erstmal verdammt wütend. In diese Wut schleicht sich v.a. beim Gesang aber auch immer wieder Verzweiflung und Alltagsangst ein. Die Texte schlagen in die gleiche Kerbe. Durch die Tempowechsel kommt zusätzlich Spannung mit rein, die Rhythmusmaschine aus Schlagzeug und wummerndem Bass wirbelt jedenfalls genügend Dreck auf. Dazu kommen messerscharf gespielte Gitarren, die mal rotieren oder auch mal etwas zurückgefahren werden. Das Gebräu aus Hardcore, Punk, Noise, Post-Hardcore und Screamo erinnert an Bands wie Refused oder A Case Of Grenada, bei der Instrumentierung entdeckt man immer wieder Parallelen zu Bands wie Drive Like Jehu, ganz frühe Milemarker oder Craving. Kurzweilig ist das Album ebenso, in etwas über 17 Minuten steckt jedenfalls einiges drin, wofür andere Bands doppelt so lange brauchen. Checkt das an, das ist brilliant!

8/10

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