Lord Snow – „Shadwomarks“ (Adagio830 u.a.)

Irgendwie ist die TV-Serie Game Of Thrones bisher ja komplett an mir abgeprallt. Sobald im Freundeskreis die Diskussion auf die Serie kommt, suche ich schleunigst das Weite. Auch, um etwaigen Spoilern aus dem Weg zu gehen, falls ich die Serie doch noch irgendwann mal gucken sollte (am besten, in einem Rutsch). Jedenfalls hätte ich vermutlich bis heute keinen blassen Schimmer davon, dass Lord Snow aus Chicago ihren Namen so ’ner Figur aus Game Of Thrones zu verdanken haben, wenn ich nicht einst ein Interview mit der Band auf dem leider nicht mehr fortgeführten Blog Form und Leere gelesen hätte. Zudem erfuhr man dort auch, dass die Band total auf Fantasy-Videogames abfährt. Auch ein Bereich, in dem ich mich null auskenne. Die bisherigen Releases waren z.B. nach Orten benannt, die Bezug zum Videogame Skyrim haben. Shadowmarks reiht sich in diese Tradition ein. Mit Shadowmarks werden in Skyrim nämlich Symbole bezeichnet, die von einer Diebesgilde ähnlich wie die guten alten Gaunerzinken an Gebäuden angebracht werden, um bereits ausgekundschaftete Informationen an vorbeiziehende andere Kriminelle weiterzugeben.

Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, machte ich mich auf der Plattenhülle auf die Suche nach irgendwelchen Geheimzeichen, wurde aber nicht fündig. Das Coverartwork ist ziemlich schattenreich und düster ausgefallen und passt daher bestens zum Titel der EP, die übrigens im 12inch-Format in Zusammenarbeit der Labels Adagio830 und Dog Knights Productions erschienen ist. Erst dachte ich ja, dass es sich bei Shadowmarks um ein ganzes Album handeln würde, aber letztendlich sind leider nur fünf Songs enthalten. Beide Vinylseiten sind mit diesen fünf Songs identisch gepresst, so dass es letztendlich schnurz ist, welche Seite nach oben liegt. Die Labels unterscheiden sich jeweils nur durch die aufgedruckten Logos der beiden beteiligten Plattenlabels. Im Plattenkarton findet man neben einem Downloadcode auch ein Textblatt, was ganz praktisch ist, da man das Gekeife von Bassistin und Sängerin Steph Maldonado beim besten Willen nicht verstehen kann.

Und kaum setzt die Nadel auf’s Vinyl, wird nach einem polterigen kurzen Intro bereits klar, dass Lord Snow ihrem bisherigen Sound treu geblieben sind. Die Gitarre zwirbelt chaotisch drauf los und erschafft so Töne, bei denen man nicht glauben kann, dass die von einer Gitarre stammen. Es fiept und zirpt und quitscht, der Bass knödelt ordentlich, dazu spielt sich der Drummer in Extase, insgesamt klingt alles sehr hektisch. Wie machen die das nur technisch und spielerisch? Das klingt so roh, brutal und doch so melancholisch! Richtig intensiv wird es dann, wenn die gänsehautverursachende Kreissägenstimme von Sängerin Steph Maldonado pure Verzweiflung leidet. Zusammen ergibt das ein tiefstemotionales Screamo-Massaker, wie man es von Lord Snow bisher in dieser Qualität noch nicht gehört hat! Da merkt man einfach diese langjährige Verbundenheit und Verwurzelung der Bandmitglieder in der Chicagoer Screamo-Szene heraus. Die Mitglieder sammelten vor Lord Snow bei Bands wie z.B. Suffix, The New Yorker, Lautrec, und Raw Nerve reichlich Erfahrung. Das Trio ist also mit Haut und Haaren bei der Sache, das stellt man mit offenem Mund nach dem ersten Durchlauf von Shadowmarks zweifelsohne fest. Zappelndes Chaos mit Powerviolence-Referenzen trifft auf zig Rhythmuswechsel, zwischendurch kaum erwähnenswerte Verschnaufpausen, die einzig dazu dienen, immer wieder neue Spannungsbögen aufzubauen, bis sich alles in einer wahnsinnig intensiven Screamo-Orgie entlädt. Das Ding ist die absolute Wucht!

10/10

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