Shakers – „I Need You To Know“ (Konglomerat Kollektiv) [Name Your Price Download]

Nach der sagenhaften La Petite Mort/Little Death-12inch, die dank der doofen Corona-Krise und den dadurch fehlenden Distro-Kisten leider immer noch nicht meiner bescheidenen Plattensammlung beiwohnen darf, haut das ziemlich neue DIY-Label Konglomerat Kollektiv die zweite Hammer-Veröffentlichung in Folge raus, in Zusammenarbeit der Labels I.Corrupt.Records, La Agonia de Vivir, Saltamarges, La Soja und Unlock Yourself Records! Und irgendwie hab ich gerade das Gefühl, dass hier ein neues DIY-Label mit ganz viel Liebe und Herzblut am heranwachsen ist! Shakers? Aber Hallo! Die vier Songs der Debut-7inch der Wiesbadener Band, die über mein geliebtes Herzlabel lifeisafunnything erschien, brauchten ürigens drei Jahre, bis sie auf Vinyl gepresst wurden. Ich als alter Spinnebeinzähler kann mich täuschen, aber irgendwie hab ich im Hinterkopf, dass die Band damals in der Besprechungsanfrage versprach, dass die nächste Veröffentlichung nicht allzulange auf sich warten lassen würde. Naja, drei Jahre ist das jetzt her, ist ja eigentlich schon noch so halbwegs just in time, vielleicht arbeiten die Jungs auf einen konstanten 3-er-Veröffentlichungsrhythmus hin.

Und wenn das Ergebnis diese elf Songs sind, dann hat sich das Warten absolut gelohnt! Wie kann man jemandem beschreiben, was auf diesem Album passieren wird? Nun, es hat viel mit Gefühl, intensiver Spielfreude und menschlichem Gespür für ausgeklügelte und stimmige Songstrukturen zu tun, das werdet ihr alle schon nach ein paar Minuten des Hörens merken. Dass die Wiesbadener sicher einige Touché Amoré, Loma Prieta, Comadre oder frühe Pianos Become The Teeth-Platten im Schrank stehen haben, lässt sich wohl kaum bestreiten. Dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier nur kopiert wurde. Denn Shakers reichern ihren screamolastigen Sound mit etlichen Stilelementen aus Post-Hardcore, Punk, Shoegaze und etwas Post-Rock an, zudem strotzt der Sound vor Energie und Intensität.

Wuselige Drums, knarzende Bass-Lines und locker aus dem Ärmel geschüttelte Gitarren bilden die Grundlage, dazu kommen schmerzerfüllte und leidende Vocals, auch die Texte mit persönlicher Note wissen zu überzeugen. Es brodelt an allen Ecken und Enden, permanent wird Spannung erzeugt, die sich in einem lauten Knall entlädt. Wunderschön gelungen sind auch die immer wieder unerwarteten Wendungen, die das Ganze noch spannender machen. Und bei all der Melancholie und den vielen Rhythmuswechseln darf natürlich auch die Melodie und die Eingängigkeit nicht fehlen. Diese elf Songs haben mein Herz im Sturm erobert! Zeitlos gut!

9/10

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Mumrunner – „Valeriana“ (Through Love Rec. u.a.)

Nachdem sich die finnische Band Mumrunner v.a. mit der 2016-er EP Gentle Slopes einen festen Platz in meinem Herzen erspielt hat und auch der bis dahin erschienene Backkatalog bestehend aus einer zwei-Song und einer fünf-Song-EP bei mir auf offene Ohren stieß, war ich sehr gespannt auf das Debut-Album der Band aus Tampere. Gerade auch deshalb, weil es innerhalb der letzten zwei Jahre und dadurch auch während der Produktion des Albums mehrere Besetzungswechsel gab. Nun, so manche Band hat mit Bestzungswechseln zu kämpfen, aber wenn es sich beim neu zu besetzenden Posten um den Platz des Sängers/Gitarristen handelt und gerade diese beiden Bereiche einen markanten Wiedererkennungswert ausmachen, dann kann schon einiges in die Hose gehen. Kleiner Spoiler vorweg: alle bisherigen Fans der Band dürfen beruhigt durchatmen, am Sound der Finnen ist dieser Besetzungswechsel kaum zu merken, sogar der neue Drummer taktet mit dem von der Band gewohnten Rhythmus. Im Vergleich zu den bisher erschienenen zwei EPs fällt eigentlich nur eine kleine Veränderung auf: erschienen diese beiden EPs noch auf dem Mannheimer DIY-Label Wolves And Vibrancy Records, ist das Quartett nach Hamburg zum ebenfalls geschmackssicheren DIY-Label Through Love Rec umgezogen, das ja nicht nur in Sachen Shoegaze einen sehr guten Ruf hat. Das Album ist übrigens als Co-Release erschienen, in den USA wird über Shelflife Records veröffentlicht.

Das Frontcover ist mit einem in dunklen Purpurtönen ausgestatteten Gemälde bedruckt, das man im Verlauf der etwas über einer halben Stunde Spielzeit durchaus mehrfach anschauen kann und es sich dabei sehr gut über Hintergründe und Bedeutung sinnieren lässt. Valeriana ist übrigens der italienische Ausdruck für das pflanzliche Beruhigungsmittel Baldrian, das auch gleichzeitig eine kulturelle Bedeutung hat. Zum einen wurde die Pflanze bei nordischen Völkern abergläubisch zum Schutz vor bösen Geistern über die Eingangstür gehängt, zum anderen erscheint die Pflanze oft auf Renaissance-Gemälden mit christlichem Bezug, da aus ihr kostbares Öl gewonnen wurde, das für die Salbung benutzt wurde und dies daher symbolisch auf das Leiden und den Tod von Jesus deutete. Nach längerer Betrachtung des abstrakten Albumartworks komme ich aber zum Entschluss, dass der Albumtitel eher in Zusammenhang mit dem Beruhigungsmittel stehen muss, das man ja gerne bei Schlaflosigkeit verabreicht, um endlich ins Land der Träume abtauchen zu können. Nachdem sich bei mir die Aufregung über die schöne himmelblaue Vinylfarbe mit den sonnenblumengelben Labels gelegt hat und sich auch die in der Eingangsphase erwähnte Besetzungswechsel-Angst als unbegründet herausgestellt hat, ist nun endlich mit dem Aufsetzen der Nadel die Zeit gekommen, die große Beruhigungs-Tablette wirken zu lassen!

Da erklingen sie wieder, die Töne, die aus einer Art märchenhaften Traumwelt zu kommen scheinen! Der Opener Foe hüllt Dich gleich in einen verwunschenen Nebel ein, dem im Verlauf des Albums schwer wieder zu entkommen sein dürfte. Wirklich wie ein unrealistischer Tagtraum, aber Moment mal, wer träumt hier eigentlich die ganze Zeit? Luftige Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums fangen Dich mit ihren flotten Wirbeln ein und der wechselseitig weibliche und männliche Gesang scheint vor lauter Hall schleichend ineinanderüberzufließen. Gerade diese melodieverliebten Gitarrenklänge und das teils hektische Getrommel machen einen Großteil des Wiedererkennungswerts der Band aus. Wenn auch einige Referenzen an Bands wie The Cure, Slowdive, Turnover, Mew oder gar Depeche Mode erkennbar sind, Mumrunner klingen trotz alldem sehr eigenständig. Mir fällt auf Anhieb keine weitere Band ein, die ihren Shoegaze-Dreampop auf ähnliche Art und Weise angeht, auch die nicht von der Hand zu weisende Nähe zum Emo findet man bei anderen Acts aus dem Genre eher selten. Im Verlauf der acht Songs wird man immer wieder dazu eingeladen, die Seele baumeln zu lassen und in die mystische Welt von Mumrunner einzutauchen. Am Besten gelingt dies mithilfe eines Kopfhörers und laut aufgedreht, so dass man aus dem verwaschenen und atmosphärischen Delay-Sound dann doch zeitweise einzelne Instrumenten (Gitarre, Bass, Synthies, Drums und sonstige Klangeffekte) herausvernehmen kann. Songs wie das hymnische Mirage, das instrumentale und sich schleichend entwickelnde Titelstück oder auch das flirrende Haven zeigen, wie vielseitig und abwechslungsreich die Band unterwegs ist, auch wenn man sich gefühlsmäßig immer noch im Traumland befindet. Man wird erst wieder halbwegs wachgerüttelt, wenn die letzten Töne des Finalsongs Transient ausgeklungen sind und man augenreibend gerne noch ein wenig weitergeträumt hätte. Die kurze Spielzeit ist dann auch das einzige Manko an diesem tollen Debutalbum. Aber zum Glück kann man das Ding ja wieder umdrehen und von vorn beginnen, um sich erneut zu verlieren.

10/10

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Bandsalat: Augen, Dream Nails, Greet Death, Krimi, Reflection, Renàra, Tolls, The Yaupon Holly

Augen – „Winter“ (DIY) [Name Your Price Download]
Neulich bei Bandcamp hängengeblieben: Augen kommen aus Köln und klingen auf ihrer aktuellen EP aber eher nach Bremen in den späten Neunzigern. Erstaunlich oldschoolig geht das Quartett zur Sache und erinnert mit seinem derbem Bremer-Schule-Hardcore und den deutschen Texten natürlich an Bands wie Loxiran, Carol, ACME, Systral, Metöke oder Lebensreform. Roh und ungeschliffen kommt der Sound um die Ecke, das heisere Geschrei und die scharfen Gitarren erzeugen zusammen mit den wuchtig gedreschten Drums und ein paar Rückkopplungen eine schöne Angst-und Verzweiflungs-Atmosphäre. Hört da mal unbedingt rein, wenn ihr oben genannten Bands was abgewinnen könnt!


Dream Nails – „Selftitled“ (Alcopop! Records) [Stream]
Nach ein paar Single- und EP-Veröffentlichungen legen die Londoner Mädels von Dream Nails endlich ihr Debütalbum vor. Und wie man es von den Damen gewohnt ist, wird es auf der einen Seite schön schrill und schroff, auf der anderen Seite bohren sich aber die catchy Songs tief ins Gehör. Der Bass fuzzt wie blöde, dazu gesellen sich catchy Hooklines, kraftvoll gespielte Drums und lässige Chewing-Gum-Vocals. Natürlich fehlt es auch auf diesem Release nicht an queer-feministischen Inhalten, zudem wird gegen kapitalistische Ausbeutung, Dating Apps, den Umgang mit Opfern seelischer, körperlicher und sexueller Gewalt und andere Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft gewettert. Die ernsten Themen sind mit reichlich Ironie und Witz gewürzt, zudem bekommt man die Songs nach ein paar Durchläufen wirklich kaum mehr aus den Ohren. Zieht man die fünf Spoken-Word-Tracks ab, dann bleiben insgesamt zehn Gassenhauer zurück, die jede Party in Gang bringen können! Zwischen poppigem Punk und etwas Post-Punk klingt der Sound der Mädels nach ’ner Mischung aus Le Tigre, Colour Me Wednesday, X-Ray-Spex, Orchards und Diet Cig. Mal sind die Damen hibbelig und aufgedreht unterwegs, dann gibt es zwischendurch aber auch durchaus wütende Ausbrüche zu hören, unterm Strich bleibt es aber hitlastig ohne Ende. Das Album macht jedenfalls tierisch gute Laune, hört einfach mal Songs wie z.B. Text Me Back, People Are Like Cities oder das mit einem groovigen Rage Against The Machine-Riff ausgestattete Payback an, dann werdet ihr leuchtende Augen bekommen!


Greet Death – „New Hell“ (Deathwish) [Stream]
Wenn ihr eure Herbstdepression noch ein bisschen in den Sommer retten wollt, dann empfehle ich wärmstens das zweite Album der Band Greet Death. Die Band aus Michigan verzaubert mit ihrem stark verzerrten Sound, der auf der einen Seite trostlos und düster rüberkommt und dabei noch tiefe Melancholie verbreitet. Hört nur mal den Song Do You Feel Nothing? an, der erklärt alles. Wenn ihr euch schon immer vorgestellt habt, wie Citizen mit stark verzerrten Gitarren klingen würden, dann solltet ihr unbedingt Greet Death antesten. Die Mischung aus langsamem Shoegaze mit Emo, Grunge, Slo-Mo-Post-Hardcore und Rock erinnert mich nämlich nicht selten an die Band aus Ohio, auch Zeugs wie HRVRD oder Sore Eyelids klingen ähnlich atmosphärisch, allerdings bei weitem nicht so distortionlastig. Irgendwie bitter, aber wunderschön!


Krimi – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Ohne Krimi deht die Mimi nie ins Bett! Haha! Bin mir sicher, dass kein einziges Review über irgendwelche Releases der Band aus Bielefeld ohne diesen bescheuerten Satz auskommem werden wird! Aber eigentlich ist das ja egal, denn diese fünf Songs hindern Dich sowieso daran, ins Bett zu gehen! Deutschpunk trifft auf Hardcorepunk, basslastig, Sturm nach vorne, melodisch wie Hölle und irgendwie hat das Ganze was von As Friends Rust. Undbedingt mal antesten!


Reflection – „Different Paths“ (DIY) [Name Your Price Download]
Aus irgendeinem Kaff in der Nähe von Belgrad stammt die serbische Band Reflection, auf die ich neulich beim Stöbern in Bandcamp aufmerksam wurde. Die Jungs machen schönen melodischen Hardcore, Post-Hardcore und Screamo-Einflüsse sind ebenfalls vorhanden. Mir gefällt v.a. die abgefuckt leidende Stimme des Sängers, die ziemlich viel Emotion und Schmerz in sich trägt. Dazu kommt massig Spielfreude, geile Gitarrenriffs, nach vorne gehende Drums und schön gegenspielende Basslines. Auch die Message stimmt, natürlich gibt es gesellschaftskritische Inhalte, Dinge werden hinterfragt, man gibt nicht kampflos auf. Neun Songs sind es zusammen mit dem Intro, und die machen absolut Bock, die Band irgendwann mal live zu erleben. Die Band sticht irgendwie aus der Masse an Melodic Hardcore-Bands heraus, testet die Jungs ruhig mal an!


Renàra – „Selftitled“ (dischi decenti) [Stream]
Hach, diese 5-Song-EP macht richtig Laune auf den Sommer! Renàra kommen aus dem Badeort Massa in Italien und das hier ist das erste Lebenszeichen des Quartetts. Und weil das Ding schon so in sich stimmig ist, kann auch gleich noch erwähnt werden, dass die Jungs natürlich keine lausigen Anfänger sind. Zuvor spielten die Mitglieder in Bands wie z.B. June Miller, Do Nascimiento und Son, dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass Renàra auch in Richtung Emo unterwegs sind. Und zwar in richtig schmissigem Flip-Flop-Twinkle-Emo, der gern auch mal knarzend und punkig um die Ecke linst und sich auch mal für einen Ausflug in die Neunziger durchringen kann. Auch die Herzschmerz-Fraktion wird gefüttert, dazu bringen die italienischen Texte einen gewissen Exoten-Bonus. Sehr schön!


Tolls – „Past Selves“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es sind zwar nur zwei eigene Songs und eine Jimmy Eat World-Coverversion, aber dieses Release hat definitiv mehr Pfeffer im Arsch als so manch ganzes Album! Klangen die Songs auf dem Demo noch ein bisschen schwach in Punkto Aufnahmequalität, ist hier eine deutliche Verbesserung zu hören. Laut aufdrehen bitte, dann beamt ihr euch direkt in den Proberaum des Trios aus Eugene/Oregon. Bei geschlossenen Augen meine ich echt, den Wind der Crash-Becken und den Druck der Drums in der Baseballkappe zu spüren. Tolls gehen ihren Sound mit ganz viel Leidenschaft und Spielfreude an. Wer emotive Screamo mag, kommt hier jedenfalls voll auf seine Kosten! Unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


The Yaupon Holly – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Beim Bandcamp-Ausflug neulich entdeckt: the Yaupon Holly aus Gainesville. Nach ein paar Hörrunden wollte ich etwas mehr über die Band in Erfahrung bringen, aber das Internet gibt keinerlei Informationen her, nicht mal ’ne Social Media-Seite gibt’s. Wahrscheinlich bin ich auch zu doof, ich bekomme nur Ergebnisse über Stechpalmen-Gewächse auf den Schirm. Egal, die fünf Songs dürften alle Leute bedienen, die diesen 90’s-US-Emocore der rauen Sorte mögen, der mit Elementen aus Post-Hardcore und Punk angereichert ist und stark düster und verzweifelt klingt. Ein bisschen Ebullition, ein bisschen Gravity, ein bisschen Planes Mistaken For Stars. Schönes Artwork!


 

Midsummer Records-Special: December Youth, Noir Reva, Rivers & Tides, Tides!

December Youth – „How Are You“ (Midsummer Records)
Alles neu bei December Youth: Zwei der ursprünglichen Mitglieder wurden ausgetauscht (Sänger und Schlagzeuger), dazu erfolgte ein Umzug von Düsseldorf nach Essen. Dass gerade ein Sängerwechsel auch mit musikalischen Veränderungen verbunden ist, das lässt sich eigentlich mehr als erahnen. Nicht, dass December Youth auf ihrem zweiten Album komplett anders klingen würden, wie noch auf dem 2016er Debutalbum, aber die Veränderung lässt sich trotzdem irgendwie spüren. Der Sound des Quintetts klingt weit ausgereifter als noch auf dem Debut, was v.a. daran liegt, dass December Youth den dargebotenen Post-Hardcore-Sound geschickt mit Elementen aus Grunge, Emorock, Post-Rock und poppigen Gitarrenmelodien angereichert haben. Und auch beim Gesang wurde mehr auf Abwechslung gesetzt: auf der einen Seite wird leidend gescreamt, zudem kommen auch immer wieder melodisch und clean gesungene Vocals zum Einsatz. In beiden Varianten schwingt sehr viel Melancholie mit, was durch die gefühlvoll gezockten Gitarren und den gegenspielenden Bass noch unterstrichen wird. Und auch in den sehr persönlichen Texten finden sich nachdenklich machende Inhalte. Dass hinter dem Albumtitel kein Fragezeichen steht, hat wohl tiefere Gründe, wie man im beiliegenden Textblatt nachlesen kann. So wird die eigentliche Frage nach dem Wohlbefinden selten aus wahrem Interesse heraus gestellt sondern eher als Floskel benutzt und dementsprechend ungenau fällt auch die Antwort der befragten Person aus. Passend zum Thema wurde wahrscheinlich auch das Coverartwork entworfen. Es zeigt einen bedrohlichen Felsbrocken, der symbolisch wie die seelische Last über einer aufs Meer blickenden Person schwebt. Durchaus ein ernstes Thema, gerade auch in Bezug auf mentale Gesundheit. Jedenfalls schaffen es December Youth in vierzig Minuten Spielzeit und insgesamt zehn Songs, mich total in den Bann zu ziehen. Songs wie das sagenhaft verträumte Pixie Dust, das eindringliche Rain, das mantraartige Sway oder das flirrende Vergissmeinnicht muss man einfach ins Herz schließen! Teilweise erinnert der Sound an Bands wie Thursday oder Touché Amore, dann kommen aber auch Sachen wie Citizen, Basement oder Balance And Composure in den Sinn. Das Album dreht jedenfalls schon einige Zeit seine Runden auf dem Teller und es werden in Zukunft noch etliche folgen, zudem schimmert das Vinyl in silber/grau so schön, wenn das Licht drauf fällt, vermutlich ist das bei der purple marbled-Version ebenso. Jedenfalls ein tolles Album!

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Noir Reva – „Continuance“ (Midsummer Records)
Schon das 2016er-Debut der Band Noir Reva aus Koblenz stieß bei mir seinerzeit auf helle Ohren, obwohl instrumentaler Post-Rock normalerweise nicht so zu meinen musikalischen Vorlieben zählt. Und auch der Nachfolger Continuance führt das konsequent und konstant fort, was mir schon auf dem Debut so gut gefiel. In einer Spielzeit von vierzig Minuten umwickelt das Quartett die Hörer*innen mit einem Konstrukt aus mächtigen Songstrukturen und atmosphärischen Klangfeldern. Das sichtbeschränkte Motiv auf dem Cover der 12inch will zum vielschichtigen Kosmos des Sounds eher nicht so recht passen, denn taucht man in die Musik der Koblenzer ein, dann eröffnet sich ein weitsichtiger Rundumblick in eine geheimnisvolle Sagenwelt. Sobald die Nadel in das in meinem Fall blau schimmernde und mit ein paar Rauchschwaden durchzogene Vinyl eintaucht, empfiehlt es sich, sich voll und ganz auf die Musik einzulassen. Bei mir gelingt das tatsächlich am Besten mit Kopfhörern. Dadurch saugt man jeden noch so winzigen Ton ein, den man womöglich sonst gar nie wahrgenommen hätte, in sich auf. Und von diesen unscheinbaren winzigen Tönen entdeckt man bei jedem weiteren Durchlauf noch weitere. Von ihnen geht eine unglaubliche Intimität und Wärme aus, dazu sorgt die glasklare Produktion für manches Staunen. Flirrende Tremolo-Gitarren schwirren wie Schmetterlinge durch die Lüfte, die Töne umkreisen Dich von allen Seiten, so dass man sich in manchen Momenten wie jemand fühlt, der drei Ohren hat. Im Vergleich zum Debut meine ich, dass Noir Reva ihrem Sound noch einiges an Elektronik-Spielereien hinzugefügt haben. Wieviel Zeit und Arbeit wohl in dem Ding steckt? Sicher ist, dass die Musik mit viel Herzblut, Leidenschaft und Spielfreude ausgestattet ist. Ein ausgeklügeltes Soundspektrum zwischen laut und leise baut sich schichtweise auf, die Instrumente scheinen sich ineinander zu verweben, gerade die beiden Gitarren lassen immer neue Gitarrenmelodien entstehen. Schlagzeug und Bass gehen dynamisch zur Sache, begleiten die Schmetterlingsgitarren wie kleine Marienkäfer im Windschatten und sorgen an den lauten Stellen für reichlich Druck. Dass es dabei auch mal etwas galoppierender zugehen kann, zeigen Songs wie z.B. Skyward oder Goraiko, bei denen auch schonmal eine Double-Bass zum Einsatz kommt. Die atmosphärische Dichte wird an vielen Stellen durch die Verwendung von Synthesizern verstärkt, hört mal diesen wimmernden Geigenton im Song Come Back Apollo! Überhaupt klingen manche der gefühlvoll gespielten Töne nach purer Melancholie. Selbst, wenn nur Piano und Synths wie z.B. beim Beginn von They Do Exist erklingen, strotzt die Musik nur so vor Atmosphäre. Und wenn dann mit Phobia das Grand Finale über die Bühne gegangen ist, dann reibt man sich die Augen, wie wenn man gerade aus einem schönen Traum erwacht ist und man sich umdreht und gleich versucht, nochmals einzuschlafen, um die Traumsequenz zu wiederholen. Meistens gelingt das ja nicht, bei Continuance aber hat man die Möglichkeit, die Platte nochmal umzudrehen und die Reise von vorn zu beginnen! Sehr geile Post-Rock-Platte, kann nur wärmstens empfohlen werden!

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Rivers & Tides – „Sincere Uncertainty“ (Midsummer Records)
Nach zahlreichen EP’s (wenn ich richtig gezählt hab, dann sind es insgesamt vier Stück) und einer knapp achtjährigen Bandlebenszeit wird es endlich mal Zeit für das erste Album. Und das hauen die Regensburger auf leckerem 12inch-Vinyl über Midsummer Records raus. Ob der Albumtitel wohl auch im Zusammenhang mit der langen Wartephase auf das Debutalbum so gewählt wurde? Möglich wäre es. Das Cover zeigt einen Blick mit verschwommener Optik in ein fremdes Wohnzimmer, zusammen mit der Erklärung der Band auf der Rückseite des Textblatts und den Texten kommt langsam Licht in die Sache. Die Band geht auf die lange und beschwerliche Suche nach dem eigenen Ich. Der Selbstfindungstrip wird durch allerlei positive und negative Einflüsse bestimmt, man hat Verantwortung zu übernehmen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Es herrscht Ratlosigkeit, Verlustängste bedrohen das Gemüt genauso wie die Angst vor dem eigenen Versagen. Ein ständiger Balanceakt inklusive Gefühlschaos ist die Folge! Und davon erzählen die 12 Songs. Wie ihr euch vorstellen könnt, wird es im Verlauf des Albums sehr emotional, was sich natürlich auch auf die Musik des Quintetts niederschlägt. Die Regensburger bewegten sich mit den letzten EP’s immer mehr weg vom emotionalen Punk ihrer Anfangsjahre und drifteten immer weiter in Richtung Grunge und Shoegaze ab. Und diese Marschrichtung wurde bei Sincere Uncertainty weiter fortgeführt. Emo und Punk trifft auf Grunge, Post-Hardcore, Indie und Shoegaze, dabei schleichen sich bei jeder Gelegenheit melancholische Momente ein. Natürlich wird man beim Hören an Bands wie Basement, Balance And Composure, Citizen, New Native und Turnover erinnert, dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier einfach nur die musikalischen Vorbilder kopiert wurden. Denn die Songs haben großes Potential, die Songstrukturen sind spannend aufgebaut, nebenbei besitzen sie allesamt einen schön groovigen Drive und strotzen vor Spielfreude. Die Stärke liegt hier ganz klar bei den catchy Refrains und den gefühlvoll wabernden Gitarren, die eine Hookline nach der anderen raushauen. Songs wie z.B. Forever, das sagenhaft verträumte Progress, das etwas flottere Crush oder das kraftvoll gesungene Getting Better Takes Forever stechen hier besonders hervor. Insgesamt bewegt sich Sincere Uncertainty im ausgeklügelten Spiel zwischen laut und leise, gefühlvoll und wütend, verbittert und optimistisch. Und wenn das Album mit Yours To Keep tosend zum Finale kommt, weiß man, dass noch viele weitere Hörrunden folgen werden. Sehr starkes Debutalbum, auch wenn es so lange gedauert hat!

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Tides! – „I’m Not Afraid Of The Dark“ (Midsummer Records)
Drei Jahre nach ihrem Debutalbum Celebrating A Mess legt die Band Tides! aus Saarbrooklyn mit I’m Not Afraid Of The Dark ein weiteres Release mit sechs neuen Songs vor. Das Coverartwork der 12inch zeigt in Anlehnung an den EP-Titel einen ängstlich dreinblickenden Jungen, der sich mit einer Taschenlampe bewaffnet aufmacht, den dunklen Keller zu erkunden und dort die Kiste mit Papas Zeug finden wird, das von Mama aus den bewohnbaren Räumen verbannt wurde, inklusive Rockstar-Poster. Das gemalte Bild lässt jedenfalls schon mal viel Spielraum zur Interpretation zu, zusammen mit den Texten hat man während der zahlreichen Hörrunden sicher noch reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein Textblatt liegt bei, diesmal wurden auch brav alle Texte abgedruckt. Auf der Rückseite des Textblatts sieht man noch ein paar Wimmelbilder der Band, schade dass hier die Bilder ein wenig verpixelt/verschwommen sind. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sobald man das in meinem Fall bierfarbene Vinyl aus der Hülle fischt. Da bekommt man doch sofort Durst auf ein hopfiges Getränk! Vor allem, wenn man dazu noch den melodischen Punkrock im Gehör hat, der nach einem kurzen Spoken Word-Intro trabend aus den Lautsprechern ertönt. Irgendwie erscheint es mir bereits beim ersten Song, dass die Band ihren Sound im Vergleich zum Debut weiter verfeinert hat. Die Songstrukturen sind schön abwechslungsreich gestaltet, Gitarre und Bass scheinen gegeneinander anzutreten, während alles zusammen verdammt catchy um die Ecke kommt. Hierfür sind natürlich die ins Ohr gehende Singalongs und die stets vorhandene Melancholie in den heulenden Gitarren und im wehmütigen Gesang tragende Eckpfeiler. Wie man ja bereits auf den Bildern im Textblatt und dem Video zu 9000 Miles sehen kann, touren die Jungs für ihr Leben gern und mit Leib und Seele, was natürlich auch erklärt, warum der Sound des Quartetts so aufeinander eingespielt wirkt. Wenn ich Songs wie eben 9000 Miles oder den meiner Meinung nach alles übertreffenden Song Icarus höre, dann wünsche ich mich direkt in einen kleinen Punkrock-Moshpit, um mit einem Bier bewaffnet und erhobener Faust die Refrains mitzugröhlen. Falls ihr in den Nullern so ziemlich alles aus Gainesville abgefeiert habt und auch Bands wie Pennywise, The Wonder Years, Hell & Back oder Resolutions mögt, dann wären auch Tides! eine gute Wahl für euch!

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Regarde – „The Blue And You“ (Through Love Rec.)

Irgendwie scheint mir da in der Zwischenzeit etwas durch die Lappen gegangen zu sein, denn die Band Regarde aus Vicenza/Italien hat seit meinen Rezensionen zur Debut-EP und der 4-Way-Split auf lifeisafunnything zwei weitere Releases rausgehauen (eine EP und das Debutalbum). Bei The Blue And You handelt es sich also bereits um die zweite Full-Length. Und das hätte ich wahrscheinlich auch verpasst, wenn das Ding nicht über das sagenhafte Qualitätslabel Through Love Rec, übrigens als Co-Release mit Epidemic Records erschienen wäre. Also, nochmals Glück gehabt, zudem werden die fehlenden zwei Releases einfach im Anschluss an dieses Album nachgeholt. Das passend zum Albumtitel in Blautönen gemalte Cover ist jedenfalls schonmal ein Hingucker und natürlich dürfen die Vinylfarben dagegen nicht in einer anderen unpassenden Farbe kommen. Es gibt wohl zwei Versionen, zum einen blaues Vinyl, zum anderen weißes Vinyl mit blauen Sprenkeln.

Inhaltlich beschäftigen sich die zehn Songs mit tiefsitzenden Gefühlen und den inneren Kampf mit sich selbst, in einem Sud aus Angst, Krankheit und Sorgen zu versinken. Dementsprechend gefühlvoll geht es im Sound der Italiener zur Sache. Verglichen mit den ersten beiden Releases, die ich bereits oben erwähnte, kommen die Songs viel softer um die Ecke. Die rauen Untertöne kommen nur manchmal im kraftvollen Schlagzeugspiel zum Vorschein, auch wird auf The Blue And You eher mit einer geschmeidigen Stimme gesungen und geschmachtet. Die Gitarren wimmern schön gefühlvoll aus den Lautsprechern, dazu gesellt sich ein tieftönendes Grundgerüst aus sauber gespieltem Bass und dunkel hämmernden Drums. Der Band gelingt es sehr gut, mit diesen Stilelementen einen stimmungsgeladenen Sound zu erschaffen, der an den richtigen Stellen mit druckvollen Soundwänden aus Gitarre, Schlagzeug und Bass aufwarten kann. Dazu passt dann auch hervorragend der leicht verträumte Gesang und die zuckersüßen catchy Gitarrenmelodien, die auch mal grungig und groovig um die Ecke linsen. Am Stärksten erinnert mich diese Art Musik wirklich an die großartigen Turnover zur Peripheral Vision-Phase, es kommen aber auch noch Bands wie Juliana Theory, Jimmy Eat World oder Title Fight als unbestreitbare Einflüsse in den Sinn.

Ich muss zugeben, dass bei mir der Zugang zur Platte ein wenig dauerte. Aber ein paar Durchläufe später hat es dann irgendwann geklickt und seither wächst das Album mit jeder weiteren Hörrunde in ungeahnte Höhen, was vor allem an den ausgetüftelten Songarrangements und den vielseitigen Herangehensweisen an die Songs liegt. Denn hat man die Songs erstmal im Gehör, dann gehen sie auch schwer wieder raus! Wenn ihr also auf hymnischen und rockigen Emo steht, der mit Elementen aus Grunge, Shoegaze, Punk und Mathrock angereichert ist, dann solltet ihr diesem Album eine Chance geben. Wie bereits erwähnt, dranbleiben wird bestens belohnt! Und bitte am Stück genießen!

8.5/10

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Bandsalat: Goldzilla, I Like Young Girl, Knowhere, Maria Taylor, The Run Up, Stray From The Path, Stumfol, Turnover, White Crane

Goldzilla – „Goldzilla Vs. Robohitler“ (DIY) [Stream]
Was mir da nach erstem Mailkontakt in den Briefkasten geflattert kam, das gibt es auch nicht alle Tage! Ein wunderschönes, kleines Päckchen, nicht größer als eine ultrafette Digipack-CD. Mit goldener Farbe angesprüht, vorne drauf ein aufgeklebtes Polaroid-Foto. Ich mach jetzt einfach mal ein kleines Unboxing-Resumee: aus dem Paket purzelt ein in goldener Farbe angesprühtes Tape im Pappschuber, dazu gibt’s einen Anstecker aus Metall, ein paar nette Aufkleber und eine individuell für mich bedruckte und handbeschriebene Goldzilla-Postkarte. Wow, das ist wirklich ein Care-Paket der Extraklasse! DIY wird bei Goldzilla offenbar ganz groß geschrieben. Schaut euch mal das coole Video zum Song Dieter stolpert an, da kann jede Massenproduktions-Maschine gegen abstinken! Nun, den Anstecker mit dem von Pfeilen durchbohrten Hund hat sich natürlich gleich mein Töchterchen für’s Schülermäppchen unter den Nagel gerissen. Ist das eigentlich Blondi, des Führers geliebte Schäferhündin? Durchbohrt von den Pfeilen des mächtigen Goldzillas? Wahrscheinlich schon, denn als nächster steht ja laut EP-Titel Robohitler auf dem Speiseplan Goldzillas. Überhaupt, Goldzilla hat viele verhasste Gegner, die gnadenlos vernichtet werden sollten. Das erfährt man im liebevoll gestalteten Textblatt, in dem alle in deutscher Sprache verfassten Lyrics nochmals nachgeschlagen werden können. Aber eigentlich nur für den Fall, wenn man sich nicht sicher ist, was denn da gerade wütend rausgebrüllt wurde. Die sechs Songs kommen kämpferisch daher, musikalisch geht das eher in eine punkige Richtung, die Gitarren legen aber zwischendurch auch mal einen stark angefuzzten Tanz auf’s Parkett und klingen ein bisschen nach Stoner, der Bass knattert dabei schön Sludge-mässig rum. Melodische Punk-Gitarrenriffs wechseln sich mit dreckig-rauen und groovigen Passagen, passend dazu tanzt Patrick Swayze in bester Dirty-Dancing-Manier über die Karre von Chief Wiggum und Barbrady, nachzuhören im Song Cops oder Zahlen. Irgendwie kommen mir bei manchen Gitarrenpassagen der drei Berliner*innen auch die frühen Smashing Pumpkins in den Sinn, andere Referenzen wären Muff Potter, Captain Planet, Turbostaat und die frühen Deftones. Checkt das mal an, Goldzilla ist ein Guter!


I Like Young Girl & Knowhere – „Split“ (Rizkan Records) [Stream]
Zwei coole asiatische Bands könnt ihr auf diesem schnuckeligen Release kennenlernen. Beide Bands steuern jeweils zwei Songs im gegenseitigen Wechsel bei! Und die dürften allen gefallen, die auf melodischen Emo mit Indie und Punk-Einflüssen stehen. I Like Young Girl mögen einen etwas hinterfragungswürdigen Namen haben, können musikalisch aber auf ganzer Linie überzeugen. Wenn ich den Bandnamen mitsamt Herkunftsland Japan in eine Internetsuchmaschine eingebe, bekomme ich jedenfalls nur Erwachseneninhalte geliefert, wahrscheinlich bin ich dadurch sogar auf irgendeiner Fahndungsliste gelandet. Dankeschön, ihr Deppen! Okay, nachdem ich neulich das sagenhaft lustige und informative Buch The Tokyo Diaries von David Schumann gelesen habe und dadurch Einblicke in ein unbekanntes Japan der Subkulturen bekam, schau ich mal über den beknackten Namen weg. Gerade auch, weil die Mucke mich alten Sack echt mal bei den Eiern packt. Das Trio klingt so verdammt frisch und catchy! Da möchte man wirklich nochmal jung sein! Diese zuckersüßen aber dennoch melancholischen Schrammel-Gitarren, herrlich! Dazu gesellt sich einfühlsamer Gesang, so dass die zwei Songs eine ganz besondere Stimmung mit sich tragen. Knowhere aus Indonesien hauen musikalisch in eine ähnliche Kerbe. Wow! So frisch, so melancholisch, so melodisch und intensiv. Beim Song Dial N For Nonsense kommen dann noch Bläser dazu, so dass man an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader erinnert wird. Tigers Jaw, Nada Surf, The Get Up Kids und I Love Your Lifestyle kommen ebenfalls in den Sinn. Das Ding hier müsst ihr unbedingt mal anchecken!


Maria Taylor – „Selftitled“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Es war die November-EP der Band Azure Ray, mit der ich erstmals auf die Musikerin Maria Taylor aufmerksam wurde. Obwohl diese EP bis heute immer wieder mal den Weg in die heimische Anlage fand -vorzugsweise im Herbst- verfolgte ich den weiteren künstlerischen Werdegang Maria Taylors nur so am Rand. Dass die Musikerin auch teilweise bei Bright Eyes mitwirkte und Azure Ray schon mal mit Moby kollaborierten, war mir bewusst und auch die Solokarriere nahm ich zur Kenntnis. Dass mit diesem selbstbetitelten Album hier bereits der siebte Longplayer erschienen ist, überrascht mich dann doch etwas. Da sieht man mal wieder, wie die Zeit vergeht! Mittlerweile hat Maria Taylor Familie und wohnt mit ihrem Ehemann Ryan Dwyer und ihren zwei Kindern in einem kleinen Häuschen in Los Angeles. Im dortigen Wohnzimmer entstanden auch in kuscheliger Homerecording-Atmosphäre die Aufnahmen zu den zehn Songs des neuen Albums. Obwohl Maria Taylor ja als Multiinstrumentalistin bekannt ist und die meisten Instrumente von ihr selbst eingespielt wurden, waren zahlreiche Gastmusiker am Entstehungsprozess beteiligt. Neben Ehemann Ryan Dwyer und langjährigem Freund Louis Schefano sind zahlreiche Familienangehörige und enge Freunde auf dem Album zu hören, selbst Taylors siebenjähriger Sohn steuerte die Grundidee eines Songs bei (Miley’s Song). Kennt man diese Hintergründe und beschäftigt man sich zudem mit den sehr persönlichen Lyrics, dann klingt die Musik umso tiefgründiger und intimer. Bereits der Opener strotzt vor Melancholie und die Vertrautheit setzt spätestens beim tollen Refrain ein. Manche Songs wirken reduziert, es schleichen sich aber immer wieder verspielte Instrumente im Hintergrund ein, so dass es viel zu entdecken gibt. Hört euch z.B. mal den Song New Love an, der hat so ’ne richtig melancholische Gitarrenmelodie. Diese Platte ist genau das Richtige, um es sich bei kaltem Regenwetter zu Hause gemütlich zu machen!


The Run Up – „In Motion“ (Gunner Records) [Stream]
Das zweite Album der Band aus Bristol/UK steckt voller catchy Punkrockhymnen! Soviel schonmal als Spoiler. Insgesamt zwölf Songs voller Leidenschaft sind darauf zu hören. Die Band war in den letzten zwei Jahren permanent auf Tour, hatte demnach genügend Zeit, sich dabei auf’s Detail genau einzuspielen. Und das kann man auf In Motion ohne Zweifel hören. Das tönt nach ungezwungener Leichtigkeit, hier passt jeder Ton, hier sitzt jedes Gefühl! Auch wenn die Melancholie stets zu spüren ist, geht der Band die Energie und Intensität zu keiner Sekunde flöten. Neben den stimmigen Songarrangements sind es v.a. die gefühlvoll aus dem Ärmel gezockten Gitarren, die treibenden Drums und der verletzliche Gesang, der die Platte so groß macht. Da wünscht man sich direkt vor die Bühne, um bei den zahlreichen Mitgröhlgranaten von Gänsehautschauern überwältigt zu werden. Geiles zweites Album mit massig Seele!


Stray From The Path – „Internal Atomics“ (UNFD) [Stream]
Auch wenn Stray From The Path aus New York mittlerweile schon seit 2001 unterwegs sind und seitdem zahlreiche Releases rausgehauen haben, hab ich bisher null Kenntnis von der Band. Schön, wenn man bei Null anfängt, und dann gleich mit so einem wuchtigen Album wie Internal Atomics getroffen wird! Stray From The Path machen eine groovelastige und arschtretende Mischung aus metallischem Hardcore und Hip-Hop. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid und mit Grausen an Bands wie z.B. H-Blockx denkt, dann kann ich euch beruhigen. Das hier klingt eher nach einer Mischung aus mächtigen Gitarrenriffs á la Converge, moshigen Boy Sets Fire und Zeugs wie Rage Against The Machine oder Downset, Fever 333 minus die melodischen Mitsing-Refrains passen eigentlich auch ganz gut als Vergleich. Die Rhythmusmaschine macht hier echt mal ordentlich Dampf, dazu kommen höllisch fette Riffs und Breakdowns am laufenden Band. Und der Sänger klingt an einigen Stellen wirklich mal wie ein extrem wütender Zach De La Rocha. Auch textlich werden permanent Erinnerungen an RATM wach, die Message wird unmissverständlich auf den Punkt gebracht. Stray From The Path behandeln vorwiegend gesellschaftspolitische Themen und regen dadurch hoffentlich ein bisschen zum Nachdenken an. In dreißig Minuten Spielzeit wird hier keine Verschnaufpause eingelegt, das Ding ballert also ordentlich!


Stumfol – „Long Story Short“ (Homebound Records) [Video]
Christian Stumfol verweilte vor ein paar Jährchen mal für einige Zeit in meinem Wohnort, weshalb ich bereits das Vergnügen hatte, den Musiker bei verschiedenen Live-Darbietungen zu erleben. Diese Auftritte sind mir eigentlich ganz gut in Erinnerung geblieben, hauptsächlich aufgrund der emotionalen Stimmung, die der Musiker auf der Bühne bzw. auf dem Floor so verbreitete. Und auch die bisherigen Veröffentlichungen schafften bereits den Weg in die heimische Anlage, obwohl man mich mit Singer/Songwriter-Geheul eher jagen kann. Jetzt kommt via Homebound Records also Album Nummer vier um die Ecke. Und auf den ersten Blick lässt sich sagen, dass es auf Long Story Short noch etwas ruhiger als bisher zugeht, die Rock-Anteile wurden deutlich reduziert. Hatte Stumfol auf Cold Brew noch eine Band im Nacken, ist er hier wieder mehr oder weniger im Alleingang unterwegs. Stumfol klingt wirklich noch amerikanischer, als bisher. Bruce Springsteen, Tom Petty und Konsorten lassen grüßen, ganz stark hat man auch so Zeugs wie Calexico im Ohr. Was den neun Songs auch zugute kommt, sind die kurzen Songlängen. So kommen die Songs schnell zum Punkt und Stumfol hat trotzdem noch einiges zu erzählen. Man hört dem warm klingenden Sound einfach an, dass der Herr für seine Sache brennt und viel Leidenschaft und Herzblut hier drin steckt.


Turnover – „Altogether“ (Run For Cover) [Stream]
Vom Sound ihrer Anfangstage hat sich die Band Turnover ja bereits auf dem Vorgänger Good Nature meilenweit entfernt. So ist die musikalische Fortführung, die man auf dem neuen Album des Trios zu hören bekommt, die logische Weiterentwicklung einer Band, die die besten Tunes aus den eigenen Musikvorlieben zu einer experimentierfreudigen Soundkollage zusammengetragen hat. Ich muss sagen, dass mich das Album beim erstmaligen Durchlauf noch nicht am Haken hatte. Im Nachhinein weiß ich auch, woran es lag. Die Lautsprecher meiner Anlage fielen auf einer Seite aus, so dass wohl manche Tonlagen verschluckt wurden, was ich aber erst zu spät bemerkte. Runde zwei erfolgte deshalb mit Kopfhörern. Und siehe da: plötzlich klang das Ganze nicht mehr so monoton. Im Gegenteil! Turnover schaffen es auf Altogether auf spannende Art und Weise, verschiedene Musikstile wie z.B. Jazz, Soul, Lounge, Pop, Funk und Disco in ihren verträumten Indie einzuflechten. Dabei entsteht dann so ein ganz persönlicher und intimer Turnover-Kosmos, in dem man sich sicher und geborgen einkuscheln kann. Der Bass schwebt schmetterlingsartig durch die Lüfte, die Gitarren flirren summend hinterher, die Drums takten weich. An manchen Stellen tauchen Keyboards und sogar Bläser auf. Über all dem schwebt die vertraute und smoothe Stimme von Austin Getz. Die Melodien von Hits wie z.B. Much After Feeling, Number On The Gate oder No Reply brennen sich bereits nach ein paar Runden tief in die Gehörgänge ein. Wenn ihr auf Zeugs wie The Whitest Boy Alive, Phoenix, Real Friends oder Zoot Woman steht, dann bekommt ihr mit Altogether ein Album geliefert, das bestens in die dunkle Jahreszeit passt und für etliche entspannte Stunden sorgen dürfte.


White Crane – „The Swaying Kids“ (DIY) [Stream]
Bei manchen Bands merkt man schon aufgrund einer Besprechungsanfrage, wie viel Herzblut in eine Sache gesteckt wird, wie z.B. im Fall der Münsteraner Band White Crane. Und im Verlauf einer weiteren Konversation stellt sich dann auch noch heraus, dass man es mit äußerst sympathischen Leuten zu tun hat, die einen ähnlichen Background zu haben scheinen, wie man selbst. Ebenso freut es mich natürlich unheimlich, dass das Netzwerk funktioniert, denn White Crane wurden durch die Band Tides auf Crossed Letters aufmerksam. Nun, auch wenn ich anfangs ein bisschen zu blöd war, den in der Mail beigefügten Download im unbekannten Dateiformat zu öffnen, hat es letztendlich doch noch geklappt, dass ich in den Genuss kam, die vier Songs der zweiten EP der Münsteraner zu hören. Und das, obwohl mein Gegenüber PC-technisch offenbar über ähnlich laienhafte Kenntnisse in Sachen PC verfügt. Nachdem diese erste Hürde überwunden war, kam mit der Musik des Quintetts die gebührende Entlohnung. Denn die Jungs machen eine wahnsinnig berührende Mischung aus Emorock und Indie. Herrlich altmodisch ist man irgendwo in den späten Neunzigern hängen geblieben. Aufgenommen wurde in der Tonmeisterei, so dass auch bei der Produktion keine Wünsche offen bleiben und sich jedes Instrument frei entfalten kann. Oh ja, diese Gitarren, der gegenspielende Bass, die Drums und der wehmütige Gesang! Da hört man einfach aus jedem Ton die Leidenschaft heraus. Traurig-dramatische Melodien voller Sehnsucht treffen auf ausgeklügelte Songarrangements, mehrstimmige Refrains runden das Ganze ab. Einziges Manko ist hier, dass nach vier Songs schon wieder alles vorbei ist. Wer die Band bisher noch nicht kannte, hat wenigstens noch die Option, die zwei bisher erschienenen EP’s der Jungs anzuchecken. Immerhin ist die Band ja schon seit 2012 unterwegs, da wäre ein ganzes Album natürlich endlich mal angesagt! Wer Bands wie The Promise Ring, Mineral, Reno Kid, Favez, Texas Is The Reason oder frühe Appleseed Cast mag, dürfte auch bei den vier Songs von White Crane zum schnurrenden Kätzchen werden. Ancheckpflicht!


 

Bandsalat: Caleya, Crumb, Dispassionate, Floating Woods, Flexing, Lagwagon, Mr. Linus, Norse, R.Josef

Caleya – „Lethe“ (Black Omega Recordings) [Stream]
Die Hamburger Post-Hardcore-Band Caleya hat jetzt auch schon wieder zehn Jahre auf dem Buckel. In dieser Zeit wurden natürlich zahlreiche Konzerte runtergezockt, auf einen schönen Backkatalog lässt sich mit einer Split-Veröffentlichung und drei Alben auch zurückblicken. Sechs Jahre sind seit dem letzten Album vergangen, so dass es endlich Zeit für Album Nummer vier wird. Lethe heißt das gute Stück, in Anlehnung an einen der angestaubten Flüsse aus der Unterwelt der griechischen Mythologie. Im alten Griechenland glaubte man, wer vom abgestandenen Wasser der Lethe trinken würde, würde seine kompletten Erinnerungen verlieren. Nun gut, was ihr auf Lethe zu hören bekommt, wird euch freudig jauchzen lassen, falls ihr auf gut durchdachten Post-Hardcore mit ausgeklügelten Songarrangements steht. Knapp 25 Minuten dauert die Reise durch die krassen Soundlandschaften der Hamburger. Fette Gitarrenwände türmen sich auf zu einer walzenden Planierraupe, leidendes Geschrei mit jeder Menge Herzblut lässt den ein oder anderen Schauer über’n Rücken jagen, es ist eine wahre Freude. Und dann schleichen sich immer wieder diese ruhigen, fast melancholischen Momente in den brachialen Sound ein und sorgen damit für Spannungsaufbau, so dass das nachfolgende Gewitter noch heftiger erscheint. Wehmütige Spoken Words, bei denen man erstmals merkt, dass überhaupt in deutscher Sprache gesungen wird, wechseln sich mit leidendem Schreigesang ab. Wenn man sich dazu die klischeefreien deutschen Lyrics mit Köpfchen und Poesie zu Gemüte führt, hat man obendrein noch was zum Sinnieren. Sehr geiles Album! Wenn ihr Zeugs wie frühe Envy, New Day Rising, We Never Learned To Live oder Oathbreaker mögt, dann seid ihr hier genau richtig! Schade, warum gibt’s das nicht auf Vinyl?


Crumb – „Jinx“ (DIY) [Stream]
Auf die New Yorker Band Crumb wurde ich in einer der anschauenswerten Umbaupausen der Band Leoniden aufmerksam. Die Leoniden haben immer so geile Umbaupausenmusik am Start, das muss aber auch mal gesagt werden! Dank einer Audioerkennungssoftware auf dem Smartphone meiner Liebsten kam ich also über den Song Vinta auf Crumb und dann über Bandcamp an die beiden EP’s der Band ran. Gleich voll hängen geblieben! Kann ich mal wirklich nur dick empfehlen! Und jetzt endlich der erste Longplayer! Crumb schlängeln sich wie auch schon auf den EP’s soundtechnisch durch chillige Beats und shoegazige Traumlandschaften, dennoch gibt es immer wieder diese fast noisigen Ausbrüche und diese mit reichlich Symbolik versehenen Lyrics. Nicht von dieser Welt, oder? Hört euch das mal an, zehn Songs voller Schönheit!


Dispassionate & Floating Woods – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zwei junge Screamo-Bands teilen sich hier ein digitales Release, das später wohl auch noch als Tape erscheinen soll und man sich bis dahin zum Name Your Price-Download schon mal auf die Festplatte zippen kann. Nun, Dispassionate kommen aus Trier und machen schön nach vorne gehenden Screamo mit hektischem Getrommel und geilen schrammeligen Gitarren. Da passt natürlich heiseres und leidendes Geschrei wie die Faust auf’s Auge. Zwischendrin wird es immer wieder mal unterschwellig melodisch, so dass es schön abwechslungsreich bleibt. Zwei englischsprachige und ein Song mit deutschen Lyrics gibt’s von den vier Jungs auf die Ohren. Fetzt ganz ordentlich, gerade auch wegen der scheppernden und rauen Produktion. Das Screamo-Duo Floating Woods kommt aus Münster und wenn man sich den zerfahrenen Sound der beiden so anhört, denkt man, man hätte eine dieser zahlreichen neuen Bands auf Zegema Beach Records auf den Ohren. Und plötzlich merkt man, dass bei zwei der drei Songs in deutscher Sprache gekeift wird. Also, zippt euch das Ding schnell mal, wenn ihr auf chaotischen Screamo abfahrt, hier habt ihr zwei neue Bands, die den Ami-Skramz-Kollegen in nichts nachstehen!


Flexing – „Modern Discipline“ (Secret Pennies / Phat ’n‘ Phunky) [Stream]
Neulich beim Bandcampsurfen entdeckt und sofort hängen geblieben, gerade auch wegen dem tollen und ansprechenden Artwork: Flexing ist eine neue Band aus Corvallis, Oregon, die musikalisch im Hardcore/Punk zuhause ist, Einflüsse von Oldschool-Emo und Post-Punk sind ebenfalls vorhanden. Was ganz erfreulich ist, sind die Texte, die sich hauptsächlich mit politischen Themen beschäftigen, so wie sich das für HC/Punk eigentlich ja auch gehört. Faszinierend ist der rohe und knarzige Sound und das wütende Geschrei der Sängerin. Irgendwie hat das was von dem Zeug früher Dischord-Veröffentlichungen. Knarzender Bass, disharmonisches Gitarrengeschrammel, treibende Drums und vertrackte Passagen machen die neun Songs zu einem abwechslungsreichen Hörerlebnis. Checkt das mal an! Anspieltipp: A Display Of Force.


Lagwagon – „Railer“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Irgendwie hat es den Anschein, dass zur Zeit alle erfolgreichen Bands des 90er-Melodycore-Skatepunk-Booms daran arbeiten, eine Art Skatepunk-Revival auf die Beine zu stellen. Neben Good Riddance, Satanic Surfers, Pennywise und Konsorten haben nun auch Lagwagon ihre Instrumente abgestaubt, um das neunte Studioalbum aufzunehmen. Okay, ich muss zugeben, dass mir Lagwagon in den Neunzigern nie so richtig was bedeuteten, aber es gibt einige Leute im Freundeskreis, die die Kalifornier fast schon vergötterten und sich für neue Songs ’ne Hand abgehackt hätten. Und gerade die werden sich jetzt die Finger lecken, denn Railer hat alles, was das treudoofe Lagwagon-Herz begehrt. Das fängt eigentlich schon beim witzigen Cover und Backcover an, geht mit den zynisch-sarkastischen Texten weiter, dazu legen Lagwagon bis zum letzten der zwölf Songs eine Energie an den Tag, wie sie man sich für manch aufstrebende junge Band nur wünschen könnte. Die Gitarren zwirbeln Melodien am laufenden Band, dazu kommt dieser schön gegenknödelnde Bass, treibende Drums und natürlich Joey Capes unverwechselbarer Gesang. Die Band hat es jedenfalls nicht versäumt, Songs zu schreiben, die sofort im Ohr kleben bleiben und dazu noch eine melancholische Note besitzen. Hört z.B. mal The Suffering an, da wird das mehr als deutlich. Wenn ihr euch also das Album schön auf Tape überspielt habt und das Ding in euren alten Walkman klatscht, dann gebt fein acht, dass ihr euch im Skatepark nicht überschätzt und eure alten Knochen brecht. Ihr seid nicht mehr so jung, wie sich das anfühlen mag!


Mr. Linus – „Revue“ (DIY) [Stream]
Die zwei Damen der Band Mr. Linus kommen aus der Schweiz und irgendwie ärgere ich mich gerade, dass ich neulich nicht den Weg nach Ulm ins Hemperium geschafft hab. Verdammt! Also erstmal nur auf digitaler Konserve, hoffentlich auch bald auf Vinyl in irgendeiner Distrokiste. Denn die zwei Mädels haben’s richtig geil drauf und machen so ’ne Art neunzigerlastigen Emo-Math-Core mit wunderbar melancholischen Gitarren, gegenspielendem und eigenwilligem Bass und gnadenlos übersteuerten Drums. Dazu kommen tiefgehende deutsche Texte. Boah, das berührt mich so sehr, ich kann’s gar nicht in Worte fassen. Stellt euch vor, Monochrome und Dawnbreed würden mit Blue Water Boy und Karate Karussell fahren! Anspieltipps: lasst einfach die ganze EP mit ihren vier Songs durchlaufen! Ich brauche mehr davon!


Norse – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dieses relativ neue Trio aus dem Piemont macht auf seinen Debutaufnahmen eine ziemlich düstere und sphärische Mischung aus Screamo, Post-Hardcore und Post-Rock mit Einflüssen aus Noise und Punk. Norse stammen genauer gesagt aus Biella, einem malerischen Städtchen im Piemont am Fuß der Alpen. Mich wundert es ja immer wieder, wie man in einer so schönen Urlaubsregion so ultramies draufkommen kann. Die italienischen Lyrics stehen nämlich dem düsteren Sound des Trios in nichts nach, dementsprechend verbittert klingen die verzweifelten Todes-Schreie des Sängers. Dank einer Internetübersetzung würde ich mal sagen, dass die Texte obendrein reichlich Poesie mit im Gepäck haben. Erfreut euch an fünf dichten Stücken, die euch mit ihrem wuchtigen Sound und dem knarzenden Bass mit ins unendliche Verderben reißen. Die Stücke haben mit ihren über vierminütigen Spielzeiten aber auch reichlich Zeit, sich zum Monster zu entfalten. Als Einstieg in die düstere Welt Norses empfehle ich mal das vielschichtige Baratto, danach zippt ihr euch das Ding sowieso gleich auf die Festplatte!


R.Josef – „Panoptic“ (Bharal Tapes) [Stream]
Aus der Asche der Leipziger Band Oaken Heart ist die neue Formation R.Josef (Ranz Josef, wie geil!) entstanden. Mit Panoptic schleudern die Jungs ihre erste EP raus, und die kann sich absolut hören lassen. Die vier Songs sind schlicht mit römischen Zahlen betitelt, diese Kargheit ist im Sound der Band jedoch nicht zu finden. Denn in den nächsten 23 Minuten passiert so manches, das einen mit offen stehendem Mund dastehen lässt. Nach einem schönen Rückkopplungs-Intro mit darauffolgendem groovigen Übergang scheppert es treibend voran und man hat kaum eine Vorahnung, was in diesen ersten sieben Minuten noch alles passieren wird. Plötzlich wird es melodisch, dann wachsen meterhohe Soundwände mit dichter Atmosphäre, zudem schleichen sich Blackmetal-mäßige Parts mit ein! Was für eine Macht! Und es geht so weiter! Im achtminütigen Song Nr. II wird es noch düsterer und doomiger, auch die nachfolgenden zwei fast schon kurzen Songs bauen sich Schicht für Schicht auf, schleppen sich voran, bis alles wieder richtig geil zerbröselt. Hammermäßiges Debut, das unwahrscheinlich viel Appetit auf mehr macht! Für Fans von ISIS, AmenRa oder Hope Drone ein wahres Fest!


 

Bandsalat: Belitzki., Cape Light, Cultdreams, Gender Roles, Keele, Montreal, Slaughter Beach Dog, Yarostan

belitzki. – „Jetzt“ (DIY) [Name Your Price Download]
Dass die Kölner Band belitzki. sehr im DIY verankert ist, zeigt schon das lustige Foto im Innenteil des schön gestalteten und selbst releasten Digipacks: hier sind nämlich die zwei Damen und die beiden Herren der im Jahr 2017 gegründeten Band zu sehen, wie sie mit Farbklecksen übersät wahrscheinlich kurz zuvor das Albumcover gemalt und mit Wasserfarbenpfützen verziert haben. Scheint Spaß gemacht zu haben. Auf ihren Debutaufnahmen kann man diesen grundsätzlichen Spaß dann auch auditiv wahrnehmen. belitzki. machen grob gesagt deutschsprachigen Indie-Punk oder auch Indie-Rock, in den Texten zeigt sich das Quartett kämpferisch, politisch und kritisch, hier ist die Nähe zur linksalternativen DIY-Szene erkennbar. Wenn ihr jetzt stumpfe Parolen erwartet, dann muss ich euch enttäuschen, denn belitzki. gehen textlich poetisch und mit Köpfchen zur Sache. Der Gesang bewegt sich zwischen gesprochenen Passagen, gesungenen Teilen und herausgeschrienen Ausbrüchen, was das Ganze ziemlich unvorhersehbar macht. Die Gitarren sind schön verspielt, kommen mal clean mal deftig verzerrt um die Ecke, dazu bauen die Drums und der polternde Bass ein solides und rockiges Grundgerüst. Die Schreistimme und auch manch musikalische Begleitung klingt dann teilweise ein bisschen wie die Beatsteaks, andere Einflüsse dürften sicherlich Bands wie Ton Steine Scherben, Mando Diao, Von Wegen Lisbeth oder Gisbert zu Knyphausen sein. Zwischendurch gibt es aber auch mal völlig reduzierte Sounds wie z.B. bei Dienstag morgens auf dem Amt oder Fredas Song (Selbstgespräch), bei dem passenderweise dann auch Freda den Gesang übernimmt. Klingt etwas nach Judith Holofernes von Wir sind Helden. Ihr seht schon, das alles sorgt für die nötige Abwechslung. Spannungsaufbau mit Post-Rock-Referenzen gibt es z.B. beim sich hochsteigernden Song Brenn zu bewundern, zudem ist der Refrain schön hymnisch angelegt. Alles in allem bekommt ihr von einer sympathischen Band mit Leidenschaft und Herzblut neun Songs in etwas knapp über einer halben Stunde Spielzeit zu hören. Checkt das mal zum Spendenpreis an, ihr Indie-Rocker!


Cape Light – „A Discography“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Keine Ahnung, ob Cape Light aus Tokio/Japan noch aktiv sind, hier sind jedenfalls mal alle bisher aufgenommenen Songs der Band zu hören. Dabei handelt es sich um drei Songs der Debut-EP, drei Songs der Split-EP mit der Band 5000 und vier bisher unveröffentlichte Songs aus dem Jahr 2018. Cape Light machen ziemlich abgefahrenen zappelig-chaotischen Screamo mit unglaublich weirden Gitarrenläufen und hektischem, arhythmischen Getrommel. Obwohl es manchmal ziemlich zur Sache geht und sich der Sänger die Emotionen aus dem Leib kreischt, schleichen sich immer wieder unterschwellige Melodien ins Chaos mit ein. Für Fans von Bands wie Loma Prieta, Raein, La Quiete oder auch Beau Navire dürfte das hier sicher ein Festmahl darstellen!


Cultdreams – „Things That Hurt“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Viele von euch werden es wahrscheinlich sowieso wissen, aber ich trete das jetzt einfach trotzdem mal breit: Die Band Cultdreams startete im Jahr 2014 unter dem Namen Kamikaze Girls. Unter diesem Namen erschien eine EP (Sad) und ein Album (Seafoam), beide Releases wurden nicht nur in der britischen Heimat abgefeiert, das Duo wurde auch international wahrgenommen. Lange vor der MeToo-Kampagne machte Sängerin Lucinda Livingstone sexuelle Belästigung und alltägliche Frauenfeindlichkeit zum Thema, zudem konnten sich viele Menschen mit den aufwühlenden Lyrics über Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen identifizieren. Anfang 2019 entschloss sich die Band im Rahmen der Ankündigung zu Studioarbeiten eines zweiten Albums zur Umbenennung. Musikalisch ist jedoch alles beim alten geblieben: Auch auf Things That Hurt lässt die stimmige Mischung aus Post-Hardcore, Shoegaze, Post-Rock, Punk, Grunge und Indie-Rock aufhorchen! Die Songs wabern bewusst roh und kantig aus den Lautsprechern, dabei drängeln sich immer wieder eingängige Refrains und melancholische Momente in den Vordergrund, so dass man bereits bei der ersten Hörrunde meint, den Song aus einem früheren Leben zu kennen, z.B. gleich beim Opener Born An Underdog. Und auch textlich wird kein Blatt vor den Mund genommen. Die politische Entwicklung in Großbritannien und dem Rest der Welt versetzt Land und Leute in Aufruhr. Und nagt gewaltig am Nervenkostüm, was man den wiederum treffend formulierten Textpassagen anmerkt. Die Giftwolke (?) vom Albumcover steht vermutlich symbolisch für das vergiftete politische und gesellschaftliche Klima in diesen Zeiten. Dass diesmal auch wieder feministische Inhalte angesprochen werden, versteht sich bei einer Band wie Cultdreams von selbst! Musikalisch geht es mal ruhiger zu (Brain Daze, Don’t Let Them Tell You Otherwise, Statement), dann gibt es aber auch genügend wütende Passagen (Not My Generation, Rest/Reflection, Repent, Regress) bevor mit dem Schlusstitel Toxins gespenstisch wirkende Gitarren das tosende Finale einleiten und der Gesang sich schön ins Ohr einbettet. Geiles zweites Album!


Gender Roles – „Prang“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Auf die Band Gender Roles stieß ich letztes Jahr eher zufällig beim Bandcamp-Surfen. Der Song Plastic von der Debut-EP Lazer Rush blieb sofort im Ohr kleben und wanderte schnurstracks auf eine selbstgebastelte Compilation. Nun flattert hier also das Debutalbum der Briten in Form einer Promo-CD rein. Und bereits beim ersten Song bleibt einem die Spucke weg! Gender Roles klingen so frisch und unverbraucht, dazu schütteln sie Ohrwürmer am laufenden Band aus den Ärmeln! Die Produktion ist fett und glasklar, die Gitarren fuzzen unwahrscheinlich locker daher, man wünscht sich von der ersten Sekunde an direkt in einen Punkrock-Pogomob im bunten Bällebad! Man hört dem Sound des Trios den Spaß und die Spielfreude an, da wird Punkrock mit Indie, Grunge und Post-Punk gemischt und in eine hibbelige und energiegeladene Form gebracht, die dazu noch äußerst tanzbar und catchy ist. Wer von den neuen Foo Fighters-Sachen gelangweilt ist, frühen Blur hinterhertrauert und ab und an Bands wie Audio Karate sein Gehör schenkt, wird vom spannungsgeladenen Sound der Gender Roles begeistert sein! Ich feier die zehn Songs jedenfalls übelst ab!


Keele – „Kalte Wände“ (Rookie Records) [Stream]
Das Debutalbum der Band aus Hamburg hat jetzt auch schon wieder zwei Jährchen auf dem Buckel und schon jagen die Jungs ihr zweites Album hinterher. War das Debut schon schön glatt produziert, klingt der Nachfolger noch mal ’nen Zacken wuchtiger und flächiger. Auch vom Soundschema her gibt es ein paar neue Entwicklungen zu entdecken. Zum deutschsprachigen Punk der Marke Captain Planet, Turbostaat, Willy Fog und Muff Potter gesellen sich fast Post-Hardcore/Post-Rock-mäßige Passagen, was das Ganze schön abwechslungsreich macht. Gefällt mir persönlich sehr gut, dazu gehen alle Songs ziemlich gut ins Ohr und die Songarrangements sind auch stimmig. Die Texte sind völlig klischeefrei und spiegeln persönliche Geschichten aus dem Umfeld der Band wider. Musik war schon immer die beste Therapie, um ungewöhnliche und frustrierende Geschehnisse zu verarbeiten. So hat man mit Verlustängsten zu kämpfen, steckt in berufsbedingten Identitätskrisen und befindet sich dadurch ständig am Rande einer Depression. So hat die Band jedenfalls genügend inhaltlichen Stoff zusammengetragen, der für insgesamt elf Songs in einer Spielzeit von 35 Minuten reicht. Das Albumcover verstehe ich persönlich nicht so ganz, meiner Meinung nach ist dort eine halbe Hand zu sehen, die in einen Eimer mit schwarzer Farbe eingetaucht wurde, da wäre der Albumtitel Kalte Hände angebrachter gewesen, aber vielleicht ist dieses Wortspiel ja gerade gewollt. So verdrehte Wortspiele scheinen ein Steckenpferd der Jungs zu sein. Anspieltipps: das vielseitige Kalte Wände knallt ganz gut, wenn ihr es dissonanter liebt, dann wäre Einer von den Großen zu empfehlen. Sucht ihr ein emotionales Gitarrenriff mit schön gegenspielendem Bass, dann müsst ihr unbedingt Schwarze Decken anchecken. Fazit: dieses Album toppt das Debut um Längen!


Montreal – „Hier und heute nicht“ (Amigo Records) [Youtube]
Ha, witzig, das hatte ich schon lange nicht mehr! Mein mp3-Rip-Programm (Audiograbber) meint doch tatsächlich bei Einlage der Montreal-CD, dass es sich um das Album Friends, Lies and the End of the World von der Band Reach The Sky handelt. Online in der freeDB wird das Album von Montreal zum Zeitpunkt des Verfassen dieses Textes auch noch nicht gefunden, also muss irgendwas bei der CD-Pressung falsch gelaufen sein. Und witzigerweise liebe ich das Reach The Sky-Album ja noch immer! Montreal haben musikalisch nicht mal ansatzweise was mit Reach The Sky zu tun. Bisher hab ich mich mit der Band in den 15 Jahren ihres Bestehens auch gar nicht wirklich befasst, ich kann mich nur noch an einen ganz okayen Auftritt im Vorprogramm der 2007er Tour von Samiam erinnern, der mich aber nicht wirklich von den Socken gehauen hat. Bei Hier und heute nicht handelt es sich um das siebte Album und man muss sagen, der Sound klingt verdammt frisch. Dem deutschsprachigen Pop-Punkrock scheint vom ersten Ton die Sonne aus dem Arsch, eine Hookline jagt die nächste, hymnische Mitsingrefrains gehören wohl zur Grundausstattung des Trios, hierbei gefällt besonders der an vielen Stellen auftauchende Doppelgesang und die melodischen Gitarren. Die Band fackelt aber auch gar nicht lange und kommt direkt zur Sache, musikalisch wie auch textlich. Die Formel lautet: es sind knapp drei Minuten Zeit, die muss man voll und ganz ausnützen! Hinter dem Albumcover mit dem Blumenkübel und dem Albumtitel steckt übrigens ein Schlüsselerlebnis der Band, wie man im Text zum gleichnamigen Song erfährt. Vorsicht, kleiner Spoiler: alles nochmals gut ausgegangen! Die zwöf Songs gehen jedenfalls allesamt sofort ins Ohr, wer Bands wie die Ärzte, Adam Angst, Donots oder auch englischsprachigen Punkrock wie die Bouncing Souls oder Millencollin mag, sollte hier mal reinhören.


Slaughter Beach, Dog – „Safe And Also No Fear“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Hinter Slaughter Beach, Dog steckt Jake Ewald von Modern Baseball, was mir bis zum Erhalt eines Besprechungsexemplars des mittlerweile dritten Albums Safe And Also No Fear noch nicht bewusst war, ich wusste nicht mal von der Existenz der Band. Da mir die bisherigen Veröffentlichungen also gänzlich unbekannt sind und diese laut Presseinfo zugänglicher sein sollen, stört mich das daher nicht die Bohne. Denn die zehn Songs des aktuellen Albums nehmen mich ab dem ersten Ton gefangen und ich weiß bereits bei den ersten paar Durchläufen, dass das Ding während des Herbstes noch öfter laufen wird. Der Sound mag auf den ersten Blick etwas sperrig wirken, dennoch arbeiten sich immer wieder eingängige Hooklines heraus, begleitet von der warmen Stimme Jake Ewalds. Versucht man, diese Musik in Sparten einzuordnen, dann passt wahrscheinlich gitarrenorientierter Indie-Rock noch am ehesten, Ausflüge in Emo, Folk und Punk sind ab und an auch vorhanden. Von der Grundstimmung dominiert die Melancholie, diese wird zusätzlich durch die persönlichen Texte unterstrichen. Textlich geht es ziemlich düster und depressiv zur Sache. Mentale Zustände werden hinterfragt, es geht um Zerbrechlichkeit, Unsicherheit, Furcht und um die Flucht vor unangenehmen Gedanken. Am Besten hört man  das Album also in einer ruhigen Minute am Stück an und erfreut sich dabei an Highlights wie z.B. dem fast siebenminütigen Black Oak, der Gitarren-Hookline bei Tangerine oder dem schleichenden Map Of The Stars. Und entdeckt bei jedem weiteren Durchlauf, was für ein Grower dieses Album doch ist!


Yarostan – „Selftitled“ (Crapoulet Records u.a.) [Stream]
Auf die Band Yarostan bin ich eigentlich schon vor einiger Zeit über Bandcamp gestoßen. Jetzt hat Dave von Zegema Beach Records die Songs des selbstbetitelten Debuts zusammen mit dem neulich besprochenen Aleska-Album auf ein Split-Tape gepackt, weshalb mir die Band nun erneut ins Visier geriet. Yarostan kommen aus Marseille, haben sich nach einer Person aus dem 1976 erschienenen Buch Letters Of Insurgents von Fredy Perlman benannt und spielen diese typische Art französischen Screamo, den wir von Bands wie Daïtro oder Amanda Woodward so zu schätzen gelernt haben. Zwischen den emotionsgeladenen Screamo-Ausbrüchen bleibt aber auch immer wieder mal Zeit für bedächtige, ruhigere Momente, die auch schon mal in die Post-Rock-Ecke schielen, was dann im Finale beim Song Commencement in einer zwölfminütigen Session intensiviert wird. Yarostan solltet ihr unbedingt mal anchecken und anschließend im Auge behalten!


 

Makthaverskan – „Demands​/​Onkel“ (Through Love Rec.)

Makthaverskan sind ja schon längst keine Unbekannten mehr, dennoch nahm ich mir bisher keine Zeit dafür, mich der Band zu widmen. Wenn nicht dieses kleine Scheibchen aus dem letzten Through Love Rec. Bemusterungspaket rausgepurzelt wäre, dann wäre das wahrscheinlich sogar immer noch so. Die 7inch kommt in einer oldschooligen schwarz-weiß-Verpackung mit einer kritzeligen Zeichnung und einem zackigen Bandschriftzug. Mit dem Bandnamen hab ich übrigens so meine Schwierigkeiten, eingängig ist der irgendwie nicht! Das Vinyl ist blutrot.

Rein optisch könnte man glatt meinen, dass man mit dem Aufsetzen der Nadel rumpeligen Crustpunk zu hören bekommt, aber weit gefehlt. Anstatt dessen wird man direkt in die wavigen Achtziger gebeamt. Die Gitarren klingen so verdammt nach The Cure, permanent hat man die Traurigkeit der Smiths vor Augen. Was aber den Sound der Schwedischen Band so besonders und authentisch macht, ist der weinerlich wehleidige weibliche Gesang, der sich über die permanent eigenwillige Melodien spielenden Gitarren und den knarzenden Bass legt. Makthaverskan leben in ihrem eigenen Universum und addieren ihrem Mischmasch aus Dreampop und Wave eine gehörige Portion Punk. Die zwei auf der 7inch zu hörenden Songs spiegeln das Angstgefühl der Achtziger jedenfalls problemlos in die aktuelle Zeitära rüber.

Die vorliegenden weltlichen Probleme sind für so ’nen Depri-Sound natürlich der beste Nährboden! Was ich ein bisschen schade finde, ist das fehlende Textblatt. Auch online wird man nicht fündig. Aber das ist eher meine Zwangsneurose. Ich verstehe Texte erst, wenn ich sie mitlesen kann. Gilt auch für deutsche Texte, die deutlich zu verstehen sind. Ist halt so bei mir. Außerdem lese ich auch gerne die Thankslisten durch, auch wenn ich keine der erwähnten Personen kenne. Voll der Tick! Vom Stil her gehen Makthaverskan übrigens in die Richtung der ebenfalls aus Göteborg stammenden Band Agent Blå. Eigentlich verwunderlich, dass es keinerlei Überschneidungen bei den Bandmitgliedern gibt. Das kleine Scheibchen ist als Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury erschienen.

8/10

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Agent Blå – „Morning Thoughts“ (Through Love Rec.)

Zu manchen Plattencovern fällt einem ewig nichts ein. Beim Artwork zum zweiten Album der Schwedischen Band Agent Blå fragte ich mich z.B., warum die Band überhaupt solch eine unspektakuläre Zeichnung wählte. Im CD-Format fällt das vielleicht noch nicht so richtig auf, aber die 12inch wirkt mit dieser Zeichnung etwas farblos und eigenartig. Meine Vermutung ist, dass dieser Effekt sogar gewollt ist. Die Krönung: das Textblatt kann zum Poster aufgefaltet werden, so dass man sich das blasse Cover, das auf der Rückseite aufgedruckt ist, sogar ins schwarz angestrichene Wohnzimmer hängen kann, wenn man das möchte. Da der Sound von Agent Blå einige Parallelen zu den Smiths aufweist, könnte man sich hier vielleicht fragen, ob die Zeichnung vielleicht auf Morrisseys Kindheit anspielt. Denn Morrissey hat ja auch schon in jungen Jahren viel gelesen, das hat ihn anscheinend sehr geprägt. Außerdem hegte er eine innige Beziehung zu seinem Jugendzimmer, obwohl es irgendwie dann doch ein furchteinflößender Ort war. Hab mal irgendwo gelesen, dass er ziemlich spät von zuhause ausgezogen ist, gerade auch, weil er wohl ein ziemliches Muttersöhnchen gewesen sein soll. Jedenfalls grübeln solche Gedanken in mir, während die Musik meine Sinne trifft und das Auge dieses Cover erblickt. Wenn man Morrisseys Entgleisungen der letzten Jahre mitbekommen hat und einem deshalb die Lust an der Musik der Smiths ein wenig vergangen ist, sollte man sich schleunigst Ersatz suchen. Morning Thoughts von Agent Blå wäre somit wärmstens zu empfehlen.

Schaut man sich die grüblerischen Lyrics der eigentlich noch blutjungen Band mal genauer an, dann entdeckt man auch hier einige Parallelen zu den Smiths. Die Mitglieder sind nämlich alle erst so in den Zwanzigern, also in einem Alter, in welchem man viele Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und auch vieles hinterfragt oder einfach nur vor sich hinträumend im Bett liegt, sich selbst bemitleidet und nicht in die Gänge kommt. Tja, in dieser Zeit können die Gefühle echt mal Achterbahn fahren! Dementsprechende Themen beschäftigt die Band, es geht um die Frage nach dem Sinn des Lebens, um verlorene Liebe, schmerzvolle Trauer, aber auch um Glücksgefühle und enthusiastische Freude. Insofern könnte das Albumcovermotiv die Entwicklung vom kleinen Jungen zum jungen Erwachsenen symbolisieren. Übrigens gibt’s ’nen kleinen Fehler im Textblatt: der Text zu Something Borrowed fehlt, dafür ist der Text zu Child’s Play doppelt vorhanden. Aber man kann die Texte ja auch so gut verstehen, auch wenn die Sängerin sich bemüht, den Mund beim Singen nicht allzuweit aufzumachen. Das Album ist übrigens ein Co-Release der Labels Through Love Rec. und Luxury Records.

Musikalisch dominiert melancholische Schwermut. Die Gitarren kreiren zusammen mit dem polternden 80er-Bass und dem langsam taktenden Schlagzeug einen wundervoll shoegazigen Soundteppich, dazu wird man vom genuschelten und fast wehleidigen Gesang von Sängerin Emelie eingelullt. Mit dem Gitarrenlauf zum Song Colors Of The Dark wird man erstmals sanft wachgerüttelt, man blinzelt etwas, um vom hell einströmenden Licht nicht geblendet zu werden. Tatsächlich war bei mir dieser Song eine Art Schlüsselreiz, der mir auch das Tor zu den restlichen Songs endgültig öffnete. Faszinierend finde ich, dass es die Band mit den einfachsten Mitteln immer wieder schafft, tief zu berühren. Das Schlagzeug taktet gemütlich vor sich hin, selten gibt es mal richtige Ausbrüche. Es sind die tollen Melodien, die sich im Verlauf der einzelnen Songs herausarbeiten und ins Gehör bohren, sanfte Gitarrenklänge wie beim Song Boys oder die nölige Gesangsmelodie bei Child’s Play z.B. Dass es auch etwas wilder gehen kann, deutet die Band mit dem Song Cambion an, hier ist ein wunderbar verzerrtes Gitarrenriff zu hören. Aufgeputscht durch die Energie dieses Songs bringt der Schlagzeuger dann bei You’ll Get It When You’re Older doch noch ein paar Trommelwirbel unter. Das Sextett bezeichnet seine Musik ja gerne mit dem selbst entworfenen Genre Death-Pop. Das trifft es eigentlich ganz gut, da die Musik sich aus gothic-wavigen Klängen und Elementen aus Dream-Pop, Indie und Shoegaze zusammensetzt. Zählt man das Intro mit, dann bekommt ihr neun Songs zu hören, die euch vor Freude das Herz springen lassen und trotz des immer gleich bleibenden Tempos nicht langweilig werden. Wer Bands wie My Bloody Valentine, Joy Division, Lush und The Cure mag und darüber hinaus noch die triste Grundstimmung der Smiths vermisst, dürfte hiermit absolut glücklich werden.

8/10

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Bandsalat: Aleska, Construct, Downward, Flèche, Marathonmann, Pamplemousse, Sunstroke, Zwist

Aleska – „Construire Ou Détruire“ (DIY) [Stream]
Der intensive Post-Hardcore der französischen Band Aleska hat mir schon auf den bisherigen Veröffentlichungen außerordentlich gut gefallen, nun ist also Album Nummer zwei erschienen. Und wie zu erwarten, liefert das All-Star-Quartett (die Jungs kennt man aus den Bands Shall Not Kill, Dead For A Minute und Esteban) auch auf Construire Ou Détruire allerfeinste Sahne ab. Insgesamt sind hier acht Songs mit einer Spielzeit von vierzig Minuten zu hören, soundtechnisch bewegen sich die Jungs im Post-Hardcore, Einflüsse aus Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore können auch vernommen werden. Die Songs sind spannend aufgebaut, das klingt alles total ausgetüftelt, stimmig und top produziert, ohne dass dabei die Intensität flöten gehen würde. Gesungen bzw. gescreamt wird übrigens in französischer Sprache. Wer Bands wie A Case Of Grenada, Shai Hulud, Envy oder We Never Learned To Live mag, sollte hier mal seine Lauscher aufsperren. Ein tolles und gelungenes Album!


Construct – „3 Song Promo“ (Plead Your Case Records) [Stream]
Hach, das hier erinnert mich so sehr an den Sound Ende der Achtziger bzw. Anfang der Neunziger! Construct kommen aus Phoenix, Arizona und machen schön schnörkellosen und nach vorne gehenden 90’s Hardcore mit moshenden und melodischen Gitarren, da denkt man sofort an Bands wie Strife, By The Grace Of God oder Verbal Assault. Passenderweise gibt es neben den zwei Eigenkompositionen eine Coverversion der Band Shield. Da wünscht man sich gern in den nächsten Moshpit! Mal wieder beim Bandcamp-Surfen entdeckt und sofort hängengeblieben!


Downward – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Auf Downwards Debutalbum bin ich neulich bei Bandcamp gestoßen, dem Sound des Quartetts geschuldet war ich sofort angefixt. Die Band aus Tulsa, Oklahoma hat sich dem atmosphärischen Post-Hardcore verschrieben, Einflüsse aus Emo, Shoegaze, Dream-Pop, Post-Rock und Indie sind ebenfalls zu finden. An den neun Songs gefallen mir neben der ausgewogenen Mischung aus lauten, krachigen Passagen und leisen, verträumten und melancholischen Momenten v.a. die raue Produktion mit fuzzigen Basslines, noisigen Gitarren und diesem über den Wolken schwebenden Gesang. Wenn ihr mal wieder auf der Suche nach einem Album seid, das euch auf eine intensive Klangreise mitnimmt, dann solltet ihr das hier mal gründlich auschecken. Und beim Recherchieren über den Bandbackground der Jungs bin ich doch auch gleich noch auf das New Morality Zine und dadurch auf die Band Sunstroke aufmerksam geworden, zu der ihr weiter unten was zu lesen bekommt.


Flèche – „Do Not Return Fire“ (Krod Records) [Stream]
Die Band Flèche stammt aus Paris, Do Not Return Fire ist der zweite Longplayer der vier Franzosen. Musikalisch bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Emo und Indierock, ein bisschen mathig wird es auch hin und wieder. Stellt euch vor, die Get Up Kids musizieren mit Favez, dazu gesellen sich frühe Minus The Bear, The Receiving End Of Sirens und The Sound Of Animals Fighting. Von den Gitarren her ist es schön variantenreich, der Bass hält gut dagegen, der Gesang kommt hymnisch und mit französischem Akzent, zudem gehen die Refrains ziemlich schnell ins Ohr. Insgesamt sind auf dieser soliden Emorock-Platte zwölf Songs zu hören, die v.a. Leuten gefallen wird, die schon in den Neunzigern auf der Jagd nach solchen Kapellen waren.


Marathonmann – „Die Angst sitzt neben Dir“ (Redfield Records) [Video]
Die Münchener haben in der Zeit ihres Bestehens eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut, mit dem mittlerweile vierten Album wird diese Fangemeinde sicher nochmals wachsen. Mich kriegen die Jungs aber auch mit diesem Album nicht zu fassen, auch wenn sie nachhörbar all ihre Leidenschaft in die Band stecken und mit Herzblut bei der Sache sind. Vom Instrumentalen her bin ich ja gar nicht so abgeneigt, es ist der Gesang, der mich etwas blockiert. Wenn man aber mal die persönlichen Vorlieben ausblendet und die Musik nüchtern betrachtet, dann kann man durchaus drauf kommen, was den Fans am Sound von Marathonmann so gefällt. Auf dem neuen Album werden persönliche Dinge angesprochen, so dass man sich beim Lesen der Texte oftmals selbst darin findet, mitsamt den begleitenden Ängsten und Sorgen. Die Musik selbst bewegt sich zwischen Alternative Rock und Pop-Punk, die Songarrangements klingen sehr durchdacht und vielschichtig. Es gibt durchaus auch mal etwas härtere Passagen, Marathonmann sind aber größtenteils melodisch unterwegs, die Gitarrenriffs kommen sauber um die Ecke. Ich persönlich würde mir ein paar mehr härtere Songs im Stil von Schachmatt wünschen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Meute durch die Bank alle Songs abfeiern wird, was hauptsächlich an den hymnenhaften und mitgröhltauglichen Refrains liegt. Und wer weiß, live würd‘ ich wahrscheinlich ebenfalls mit erhobener Faust ein paar der Refrains mitgröhlen, auch wenn ich nicht direkt zur Zielgruppe gehöre.


Pamplemousse – „High Strung“ (A Tant Rêver du Roi) [Stream]
Die Band Pamplemousse ist auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean beheimatet. High Strung, das zweite Album des Trios, besteht aus zehn Smashern, die sich irgendwo zwischen Noise, Rock, Garage, Punk und rotzigem Indierock bewegen. Schön dreckig und rau suppen die Gitarren aus den Lautsprechern, die Rhythmusmaschine aus Bass und Schlagzeug hat auch viel Wumms mit an Bord, an manchen Stellen wird es sogar mal etwas ruhiger. Irgendwie fühlt man sich an so 90er Zeugs erinnert, das auf Labels wie Touch & Go oder AmRep veröffentlicht wurde. Die Jungs haben sicher ’ne Menge Shellac, Fugazi, Girls vs Boys oder Unsane-Platten im Schrank stehen. Als Anspieltipps eignen sich das mit einem Hammerriff ausgestattete High Strung oder das etwas ruhigere und daher an Fugazi erinnernde Porcelain.


Sunstroke – „Second Floor/Seven“ (Cointoss Records) [Stream]
Oh Mann, das hier hat mich vom ersten Ton an echt mal aus den Socken gehauen! Wie bereits oben erwähnt, bin ich auf Sunstroke durch meine Recherche zur Band Downward und der Online-Seite des New Morality Zines gestoßen. Sunstroke kommen aus Philadelphia, Pennsylvania und machen mitreißenden Oldschool-Emocore und dürften etliche Dischord-Platten aus der Revolution Summer-Phase im Plattenschrank stehen haben. Geile, mit viel Gefühl gespielte Gitarren treffen auf gegenspielende Basslines, treibendes Drumming und leidenschaftlichen Gesang. Da kommen natürlich sofort Bands wie Embrace, Dag Nasty, One Last Wish oder Rain in den Sinn, auch Bands wie Bread And Circuits oder Reason To Believe sind nicht weit. Zehn Songs beamen Dich direkt zurück in die Zeit zwischen 1985 bis 1989. Sehr geil!


Zwist – „Gesammelte Werke“ (DIY) [Name Your Price Download]
Obwohl das Berliner Duo Zwist personell ein wenig unterbesetzt ist, klingt das Ergebnis aus Gitarre, Schlagzeug und Spoken Words/Geschrei eigentlich sehr vollständig. Das Duo ist im punkigen 90’s Emo/Screamo/Post-Punk unterwegs und die fehlenden Instrumente werden durch Melancholie und unvorhersehbare Songstrukturen wettgemacht. Die Gitarre kann mal wild und verzerrt matschig drauflos kreisen, aber dann kommen auch immer wieder cleane Gitarrenparts zum Zug, die sich mäandernd ins Gehör drehen. Dazu gibt es tiefgründige deutsche Texte an der Schwelle zur Poesie. Als Anspieltipp würde ich das eher eingängigere Teilnehmerurkunde oder das vielseitige Sonderbonbon empfehlen.


 

Bandsalat: Flowers And Shelters, Radura, Lafote, Loss & Ruin, ni., nulajednanulanula, Nuvolascura, Somewhere Underwater, Watch Me Rise

Flowers And Shelters & Radura – „Split“ (Non Ti Seguo Records u.a.) [Name Your Price Download]
Zwei italienische Screamo-Bands teilen sich dieses Release, jede Band steuert zwei Songs bei. Flowers And Shelters kommen aus Bozen und machen diesen typisch emotionalen Screamo, wie man ihn von Bands wie Raein, Loma Prieta oder Ojne gewohnt ist. Gesungen wird in der Landessprache, die Vocals kommen sehr intensiv und verzweifelt um die Ecke, da wird Rotz und Wasser geheult. Dazu wunderbare Gitarren und ein etwas schleppender, im Midtempo verorteter Sound. Radura kommen aus Mailand und schlagen musikalisch in die gleiche Kerbe, sind aber etwas melodischer unterwegs. Die italienischen Lyrics lassen sich auf der Bandcamp-Seite in der englischen Übersetzung nachlesen. Die Vocals klingen sehr sorgenvoll, überhaupt strotzen die zwei Songs nur so vor Melancholie, was im zweiten Song durch die gesprochenen Vocals und die bittersüße Gitarre besonders zur Geltung kommt. Spätestens jetzt wird es Zeit, mal den Backkatalog beider Bands zu checken. Dieses Release ist also wieder mal eine gute Gelegenheit, gleich zwei gute italienische Bands auf einen Schlag kennenzulernen!


Lafote – „Fin“ (Misitunes) [Stream]
Was will uns dieses Albumcover mit dem Frosch sagen? Wird es bald schöner Wetter, wenn der Frosch die grüne Leiter hochklettert? Verbessert sich die Gesamtsituation der Welt? Man weiß es nicht, aber vielleicht erschließt es sich im Verlauf des Albums. Lafote kommen aus Hamburg und haben deutsche Texte, die persönliche Alltagsgedanken in einer klar verständlichen Form wiedergeben, von verschlüsselten und kryptischen Verpackungen keine Spur, das wurde ja bereits mit dem Albumcover bedient. In der Bandbiografie erfährt man, dass das Trio bereits im Jahr 2013 gegründet wurde und dass es nach einer Tour mit Trümmer sogar erste Stimmen gab, die die Band als neue deutsche Post-Punk-Hoffnung abfeierten. Anstatt diese ersten Stimmen mit neuen Songs zu bedienen, ließen sich die Jungs lieber ein bisschen Zeit, so dass bis zum Erscheinen des Albums lediglich einige Konzerte gespielt wurden und eine Coverversion zu einer Die Sterne-Tribute-Compilation beigesteuert wurde. Gut so, ein bisschen mehr Entschleunigung würde uns allen mehr Lebensqualität bescheren! Nun, musikalisch wird feinster Post-Punk mit einer pumpenden Rhythmus-Maschine aus Bass und Schlagzeug geboten, die Gitarren und angespannten Vocals geben dem Sound noch die nötige Balance. Der Bass ist sehr eigenwillig und düster unterwegs, dennoch passt er sich gelegentlich den kurz eingestreuten Melodien an. Treibend und zappelnd, tanzbar und dissonant, krachig und melodiös. Auch wenn manche Passagen an die Sterne, Tocotronic oder Blumfeld erinnern mögen, klingen die elf Songs eher nach Washington DC oder New York, mir schwirrt da z.B. so Zeugs wie Antelope oder Fugazi im Kopf rum. Gerade auch deshalb, weil immer wieder melodische Momente mit eingebaut werden. Spannendes Ding, das solltet ihr mal anchecken!


Loss & Ruin – „Distance“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Loss & Ruin handelt es sich um ein Duo, das in zwei räumlich doch stark voneinander entfernten Metropolen beheimatet ist, nämlich einerseits in Berlin und andererseits in London. Vermutlich wurde die Debut-EP auch deshalb auf den Namen Distance getauft. Nun, Loss & Ruin machen gefühlvollen Dreampop mit schönen reverblastigen Shoegaze-Gitarren und zuckersüßem Frauengesang. Die drei Songs plus die Remix Version des Hits Summer Is Over haben aufgrund ihrer melodischen Ausrichtung einen hohen Wiedererkennungswert. Für ein erstes Lebenszeichen schon recht ausgeklügelt. Erinnert ein bisschen an eine softere Version neuerer Turnover, auch die weiter unten vorgestellten Somewhere Underwater gehen in eine ähnliche Richtung. Was allerdings meiner Meinung nach ein Griff ins Klo war, ist der mit einem stumpfen Disco-Beat unterlegte Remix des eigentlich recht tollen Songs Summer Is Over, der damit richtig fies verunstaltet wurde. Dann schnell nochmal die Originalversion anhören!


ni. – „nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY“ (tenzenmen) [Name Your Price Download]
Lange nicht mehr so’n schönes Gebolze mit überschnappenden Serienmörder-Vocals gehört? Dann hab ich was für euch. Das japanische Duo ni. lässt mit nOBLE iMPULSE. + nORMAL iNSANITY ein schönes Power/Emoviolence-Massaker von der Kette. Keifendes Straßenköter-Gebell trifft auf wild runtergezockte oldschool-Gitarren und heftiges Getrommel. Insgesamt 23 Songs in etwas knapp über acht Minuten sprechen für sich selbst. Wenn ich noch Skateboard fahren würde, dann wär das Ding hier mein ständiger Begleiter auf dem Walkman!


nulajednanulanula – „Mit Liebe aus Sudeten“ (DIY) [Name Your Price Download]
Nach einem emotionalen und eher ruhigeren Auftakt packt der darauffolgende Song gleich mal richtig heftig zu: wildes Geknüppel, leidendes Geschrei, tolle Gitarren und ein polternder Bass verschmelzen zu einem intensiven Gebräu aus Emoviolence, emotive Screamo, Emocore, Neocrust und Post-Hardcore, dabei kommen aber auch immer wieder ruhige instrumentale Parts zum Zug. Das laut/leise-Ding beherrscht das Quartett jedenfalls bis hin zur Perfektion. Insgesamt bekommt ihr neun Songs zu hören, die absolut in den Bann ziehen können. Die Band mit dem komplizierten Bandnamen kommt übrigens aus Prag/Tschechien, die Lyrics werden in der Landessprache gelitten und geheult. Die Musik strotzt von vorn bis hinten vor Melancholie, gleichzeitig kommt sie druckvoll und spannend um die Ecke. Der Schlagzeuger hat es echt drauf, der ist nach ’ner Live-Show sicher ganz schön fertig. Wahnsinn! Müsst ihr unbedingt anchecken!


Nuvolascura – „Selftitled“ (DIY/Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Okay, darauf dürften manche von euch ziemlich gespannt gewartet haben. Die Band aus Los Angeles/Kalifornien startete ihren wilden Ritt unter dem Namen Vril, benannte sich dann irgendwann in Nuvolascura um und hat Mitglieder von SeeYouSpaceCowboy, Letters To Catalonia, Ghost Spirit, Heritage Unit und Curtains in den Reihen. Wenn man es genau nimmt, dann ist dieses Album hier das Debut unter neuem Namen. Elf Songs sind darauf zu hören, und die haben es in sich: intensiv, vertonte Verzweiflung, nervös bis zum Anschlag mit hektischen Drums, undurchschaubaren Songstrukturen, wilden Gitarrenrotationen und leidendem Frauengeschrei direkt aus dem Fegefeuer. Hinzu kommt eine satte Produktion (Jack Shirley mal wieder) und krasse Lyrics, denen die Verzweiflung der heutigen Lebensumstände ins Gesicht geschrieben stehen. Dieses Album ist ein unkontrollierbarer Ritt durch den Wahnsinn!


Somewhere Underwater – „Slowly & Safely“ (AdP Records) [Videos]
Die Spring Kills My Energy-7inch – im Jahr 2015 die erste Vinylveröffentlichung des Labels AdP Records – hat mich damals schon ziemlich beeindruckt. Hinter Somewhere Underwater steckte zu der Zeit der junge Franzose Julian Agot, der kurz vor den Aufnahmen zur 7inch von Bordeaux nach München zog und in seinem wahrscheinlich viel zu teuren 18qm-Apartment anfing, für sich selbst Musik zu machen. Wahrscheinlich hatte er damals auch aufgrund der überteuerten Miete auch einfach kein Geld mehr übrig, um mit der Münchner Schickeria um die Häuser zu ziehen und experimentierte deshalb lieber bei Brot und Wasser mit Noise, Dreampop und Shoegaze herum. Jedenfalls ist das ehemalige Soloprojekt mittlerweile zu einer vierköpfigen Band angewachsen und zur Schonung des Geldbeutels nach Nürnberg/Bamberg übergesiedelt. Mit Slowly & Safety folgt nun endlich das Debutalbum. Und das ist echt super geworden. Neun Songs in knapp 35 Minuten entführen Dich in eine laue Sommernacht, die Dir irgendwie vertraut vorkommt. Bittersüßer Dreampop mit viel Hall, shoegazigen Gitarren und 80er-New Wave-Synths treffen auf warmen Gesang und tolle Melodien, alles verpackt in ausgeklügelte Songarrangements. Es duftet nach abgemähten Sommerwiesen und Straßenstaub, der nach einem sommerlichen Gewitter durch den Regen aufgewirbelt wird. Ein sehr melancholisches Album, das ihr euch unbedingt mal anhören solltet!


Watch Me Rise – „Of Anxious Minds and Sleepless Nights“ (DIY) [Stream]
Wenn man mal etwas von der etwas dünnen Produktion absieht, dann hat die Debut-EP der Band Watch Me Rise durchaus ihren Reiz. Vier Jungs aus Frankfurt haben sich Ende 2017 zusammengetan, um mitreißenden Post-Hardcore zu machen. Und wie man anhand dieser ersten EP sieht, wurde dieses Vorhaben ganz passabel umgesetzt. Den fünf Songs hört man jedenfalls trotz der Nähe zu Bands wie z.B. Touché Amore oder La Dispute eine gewisse Eigenständigkeit an, was wohl am abwechslungsreichen und spannenden Songwriting liegt. Immer wieder wird man mit melancholischen Gitarrenriffs oder intensiven Refrains mit leidenschaftlich gescreamten Vocals überrascht, das Grundgefühl stimmt hier einfach und natürlich kommt dieser Stimmung die pure Spielfreude und Leidenschaft der Bandmitglieder zugute, die eigentlich vom ersten Ton an permanent zu spüren ist. Checkt das mal an und behaltet die Band mal im Auge!


 

Cave Raver – „Dark Times And Loose Ends“ (lifeisafunnything)

Jeder Mensch braucht eine Höhle, in die er sich verkriechen kann, wenn es ihm schlecht geht oder er einfach niemanden um sich rum haben möchte. Andere Höhlenliebhaber wiederum verkriechen sich in höhlenartige, muffige Kellergewölbe, um kreativ zu sein und Musik zu erschaffen. Eine Mischung aus diesen zwei Höhlentypen scheinen die Mitglieder der Band Cave Raver zu sein. Diesen Eindruck bekommt man zumindest beim ersten Hörkontakt mit der Band. Während die Nadel in der Rille flitzt und man mit dem Textblatt bewaffnet die persönlichen und nachdenklichen Lyrics studiert, bemerkt man ziemlich schnell, dass man sich eigentlich schon selbst in einer Höhle befindet und die Musik von Cave Raver wie eine Glocke über dem Kopf für eine etwas über zwanzig Minuten dauernde Auszeit von was-auch-immer sorgt. Und diese Momente sind ja so verdammt wichtig! Während sich alles immer noch schneller zu drehen scheint und alle rastlos und ohne Pause immer weiter in einen riesigen Wasserstrudel eingezogen werden, muss von Zeit zu Zeit die Bremse gezogen werden.

Und wie das immer bei lifeisafunnything-Releases so ist, trifft der Sound von Cave Raver mal wieder voll und ganz meinen Geschmack, so dass aus der zwanzigminütigen Auszeit ruckzuck eine dreistündige wird. Die 12inch hat echt Suchtpotenzial! Das Trio macht nämlich eine ziemlich geile Mischung aus Emocore, Post-Punk, Post-Rock, New Wave, Shoegaze und etwas Post-Hardcore. Durch abwechslungsreiches Songwriting, ausgeklügelte Songarrangements, experimentelle Soundspielereien und eingängige Refrains kommt jedenfalls nicht mal ein Hauch von Langeweile auf, die sechs Songs laufen in einem Rutsch durch. Während die drei Songs der A-Seite etwas zugänglicher sind, wird es auf der B-Seite etwas düsterer und experimenteller. Was sich wie ein roter Faden durch alle Songs zieht, ist die melancholische Grundstimmung. Die Gitarren haben immer so einen leichten Reverb drauf, der Bass knarzt schön und der Gesang pendelt zwischen resigniert gesprochenen und verloren wirkenden Passagen und zerbrechlich gesungenen Melodiebögen. Bei allen Songs fällt dieser steigernde Spannungsaufbau auf, an welchem der Schlagzeuger maßgeblich beteiligt ist. Bei Cave Raver spielen übrigens zwei Leute der Stuttgarter Band Mahlstrom mit, das erklärt vielleicht, wie es kommen kann, dass ein Debutrelease gleich so gelungen und durchdacht rüberkommt, wie es bei Cave Raver der Fall ist. Wenn ihr Playlist-taugliche Songs sucht, dann empfehle ich von der A-Seite das vielschichtige Pure Joy, von der B-Seite wäre Hive Mind mein Favorit. Dennoch rate ich euch, Dark Times And Loose Ends in einem Stück zu hören, am Besten auf Vinyl.

Insgesamt wurden 300 Platten gepresst, 100 davon mit weißem Vinyl und blauer Innenhülle, 200 mit schwarzem Vinyl und weißer Innenhülle. Auch beim Textblatt wird mit den Farben weiß und blau gespielt, genauso wie beim Albumartwork. Die von Svenja Kirsch angefertigte Illustration zeigt einen 3D-Schnitt eines Berges, vermutlich ein Vulkan. Was sich wohl genau hinter dem Tunnelsystem verbirgt? Sicher ist, dass die Kugeln in einen Kreislauf eingebunden sind, aus welchem es aufgrund der Anziehungskraft schwer wird, auszubrechen. Der Berg könnte symbolisch für die Erde stehen, das Tunnelsystem könnte den von der Gesellschaft vorgegebenen Weg symbolisieren, während die schwarzen Kugeln metaphorisch für die Erdenbewohner stehen könnten. Gefangen in der Endlosschleife. Es wird Zeit, auszubrechen!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


 

Infant Island – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Mal wieder reibe ich meine Äuglein und wundere mich, warum manche Bands erst meine Aufmerksamkeit bekommen, wenn analoge Post ins Haus flattert. Im Fall von Infant Island reibe ich gleich doppelt, denn die 12inch blendet fast. Der strahlend weiße Karton ist auf der Frontseite mit einem schwarzen Siebdruck verziert, kaum größer als ein gewöhnliches Foto. Die Zeichnung zeigt zwei Menschen (vermutlich Kinder), die auf einem Fels sitzen. Auf der Rückseite, dem Textblatt und den Labels sind Zeichnungen von Vögeln zu sehen, womöglich sind das Kolibris. Ach ja, Infant Island kommen übrigens aus dem lustig klingenden Fredericksburg, das ist eine Stadt im US-Bundesstaat Virginia. Und ich vermute mal, dass der Bnadname irgendwas mit dem japanischen Filmmonster Godzilla zu tun hat, denn da gibt es in irgendeinem Film eine fiktive Insel gleichen Namens. Die 12inch ist übrigens mal wieder ein Co-Release, neben Dingleberry Records sind noch Middle-Man Records und Conditions Records mit im Boot.

Mit dem Aufsetzen der Nadel kommen Geräusche aus den Lautsprechern, die durch die Lüfte zu schweben scheinen, bis dann dieser durchtriebene und distortionlastige Sound einsetzt. Leiernde Gitarren, ein wabernder und matschiger Delay-Soundbrei, abgehacktes Drumming und ein schreiender Sänger, dem nach den persönlichen Lyrics nach zu urteilen eine Unmenge an Angst und Verzweiflung im Nacken zu sitzen scheint. Im zweiten Song geht es vermeintlich flott weiter, die hektischen Drums und die wild gezockten Gitarren werden abermals mit derben Vocals und reichlich Krach ausgeschmückt. Irgendwie kann man das alles noch nicht so recht einordnen. Und wenn man meint, dass es endlich geklickt hat und man das Bandschema so halbwegs durchschaut hat, dann kommt doch noch die unvorhersehbare Kehrtwende. Und diese Kehrtwende macht die Band erst richtig interessant.

Das dritte Stück Broken Pieces strotzt nämlich nur so vor Melancholie, das ist der helle Wahnsinn. Man hat das Gefühl, als ob man alles durch einen extrem flauschigen Wattefilter wahrnehmen würde. Die eiernden Gitarren, der fuzzige Bass und die präzise gespielten Drums, dazu heulendes Geschrei am Rande des Nervenzusammenbruchs. Was auf den ersten Blick so undefinierbar erscheint, nimmt nun langsam Form an. Denn die nachfolgenden Songs bringen nach und nach diese emotionale Seite ans Licht, obendrein kommen ein paar Überraschungen in Form von klassischen Instrumenten wie einem Cello, einer Violine und einem Klavier dazu. Und dann ist da dieses Slow-Motion-Midtempo, das einen mit jedem weiteren Durchlauf so richtig einfängt. So einen atmosphärischen Sound ist man sonst eher von skandinavischen Bands gewohnt. Gerade bei den melancholischeren Stücken denkt man z.B. an Kapellen wie Trachimbrod oder Sore Eyelids. Und wenn man beim ersten Durchlauf noch meint, dass hier mal wieder eine weitere Combo einen durchschnittlichen Mischmasch aus Screamo, Post-Hardcore, Emo, Shoegaze und atmosphärischen Tunes zusammengebastelt hat, dann wird man nach ein paar weiteren Hörrunden eines besseren belehrt. Und man reibt sich dabei ungläubig die Augen!

9/10

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Jet Black – „L’Ère Du Vide“ (I.CORRUPT.RECORDS)

Als mich neulich eine Besprechungsanfrage zu diesem Album erreichte, musste ich erstmal die Äuglein reiben. Sind das etwa die legendären Jet Black aus Bremen, die da auf I.CORRUPT.RECORDS ein Reunion-Album am Start haben? Ha, reingefallen! Hätte rein von den bisher erschienen Releases des Labels ja schon sein können. Aber bei diesen Jet Black hier handelt es sich um ein seit 2008 bestehendes Quartett aus Québec, Kanada. Die Band ist auch in ganz anderen musikalischen Gefilden unterwegs und L’Ère du Vide ist mittlerweile das dritte Album der drei Jungs und der Frau am Bass/Mikro.

Jedenfalls packt mich das Gehörte bereits bei den ersten Klängen. Jet Black machen eine atmosphärische und verträumte Melange aus Indie-Rock, Post-Rock und Shoegaze, die starke Erinnerungen an die 90er wach werden lässt. Gerade bei den Gitarren und der Gesangsweise, sowohl bei der männlichen und ganz stark bei der weiblichen Stimme kommen mir direkt die ersten Sachen der Band Lush in den Sinn. Witzig, diese werden dann auch im Presseinfo neben den Bands Slowdive, My Bloody Valentine und Sonic Youth genannt. Die acht Songs sind liebevoll ausgearbeitet, man kann richtig in sie eintauchen und sich berieseln lassen. Die Spielzeit von etwas knapp über 37 Minuten verfliegt jedenfalls wie im Nu. Die Gitarren sind gespickt mit Ideenreichtum, sie kommen mal leicht verzerrt und dann wieder traumhaft clean um die Ecke, dazu passen die wabernden Bassmelodien und die mal kräftig und mal ruhiger gespielten Drums. Ganz stark wirken natürlich die warm klingenden Vocals! Unglaublich, wie leichtfüßig diese Songs zusammengebastelt sind, so dass das Ergebnis so stimmig wirkt. Da tauchen auf der einen Seite fast hymnische Parts mit eingängigen Refrains auf, während auf der anderen Seite komplexe und ausufernde Soundpassagen vorherrschen. Und aus allem hört man in sich eingekehrte Spielfreude und pure Leidenschaft heraus, von Langeweile keine Spur.

L’Ère Du Vide bedeutet in der Übersetzung soviel wie „Das Zeitalter der Leere“. Der Albumtitel wird auch in den Songtexten zum zentralen Thema gemacht. Obwohl in unserer kapitalistisch geprägten Zeit alles auf Knopfdruck verfügbar ist, durch Technik und Fortschritt ständig neue Gadgets entworfen werden, verblasst unsere Begeisterung darüber ziemlich rasant. Textlich beschäftigt sich die Band gerade mit solchen Themen. Wie entkommt man diesem Zeitalter, in dem alles im Überfluss vorhanden ist und alles nur auf kurzfristige Befriedigung ausgelegt ist? Was treibt die Menschen an, selbst kreativ zu sein und z.B. Musik zu erschaffen, obwohl das in der schier endlosen Angebotsflut unterzugehen droht? Wenn ihr den Antworten auf diese Fragen etwas näher kommen wollt, dann solltet ihr euch mit Haut und Haaren diesem Album verschreiben. Denn das ist mal wieder ein aus der Masse herausstechendes Release, in das man sich auf Anhieb verlieben kann.

9/10

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Cavalcades – „A Small Decline Blocks Everything Out“ 7inch (Koepfen Records u.a.)

Die aus Aberdeen, Schottland stammende Band Cavalcades wirft ihr musikalisches Schaffen scheinbar häppchenweise vor die Füße ihrer Fans, da werden sicher einige mal wieder auf einen Langspieler warten. Nun, nach dem starken 2015er Album tröpfelten die Releases in Form von ein paar Samplerbeiträgen, Split-EP’s und diversen EP’s, darunter auch die sagenhafte One Down For Youth’s Ideals-EP, die schon in etwa die Richtung andeutete, in die es auf dieser 7inch geht. Alleine das Foto vom Cover lässt wieder reichlich Spielraum für Interpretationen. Da liegt jemand auf dem Balkon und genießt womöglich die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, das fehlende Laub der Bäume deutet darauf hin. Es muss ein düsterer Winter mit einigen seelischen Tiefschlägen gewesen sein, die Person seufzt ihre Erschöpfung sichtbar in Gestalt des Rauches heraus.

Die Melancholie, die schon bei der letzten EP One Down For Youth’s Ideals so stark auffiel, tritt bei diesen zwei Songs noch etwas stärker in den Vordergrund. Beide Stücke haben mit ca. 6 Minuten und 20 Sekunden eine fast identische Spielzeit. A Small Decline Blocks Everything Out beginnt leise mit Piano und einer leichten Gitarre, bis sich schleichend und fuzzend ein verzerrter Bass dazugesellt und der resigniert wirkende Gesang einsetzt. Das alles zusammen mag auf den ersten Blick etwas monoton wirken. Geht man jedoch tiefer und freundet sich nach ein paar Durchläufen mit dem Song an, dann fällt die starke hypnotisierende Wirkung auf, die durch den mantraartigen und sich wiederholenden Gesang und die sich in Trance spielende Gitarre begünstigt wird. Zum Schluss taucht dann noch eine Art Kirchenorgel auf, so dass sich trotz fehlender Tempowechsel eine gewisse Spannung aufbaut.

Auf der B-Seite wird es dann mit dem Song The Body Is There, Above My Head etwas zugänglicher. Dennoch ist auch hier die Melancholie der tragende Grundstein. Der wummernde, etwas verzerrte und matschige Bass taucht auch hier wieder auf, die Gitarren spielen sich erneut in tiefgründige Gefühlswelten. Dadurch entwickelt sich eine dichte Atmosphäre, Spannung wird ebenfalls aufgebaut. Man kann es eigentlich kaum beschreiben, was den Sound der Schotten so einzigartig macht, das muss man sich eigentlich selbst regelrecht erarbeiten, am Besten auf Vinyl und über Kopfhörer. Da kann man richtig abtauchen und in die Klangwelt von Cavalcades gleiten. Übrigens wurden die Songs erneut von Jack Shirley/Atomic Garden gemastert. Und neben Koepfen sind noch die Labels zilpzalp rec., Don’t Care Recs, Pundonor Records und Dasein Records mit von der Partie. Wenn ihr euch ein Mischmasch aus Post-Hardcore, Emocore und Shoegaze vorstellen könnt und auch Bands wie Mumrunner und The Cure nicht abgeneigt seid, dann ist dieses Release ein gefundenes Fressen für euch!

8.5/10

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Koepfen Records Tape-Duo: Shun & Swirlpool

Shun – “ Nothing Quite As Heavy“ (Koepfen)
Nachdem ja mein Tapedeck vor einiger Zeit abgenippelt ist und nur noch Bandsalat produziert, muss ich jetzt die ganzen Tapes auf den Kinder-Kassettenrekordern anhören. Mit dem Ding hab ich auch meine ganzen Lieblingstapes digitalisiert, aber irgendwie nervt es ja schon, dass ich seit einiger Zeit keine Mixtapes mehr aufnehmen kann. Scheiße, da wird was passieren müssen. Okay, aber das ist eine andere Baustelle, hier soll es um Shun gehen. Shun ist eine Band aus Münster, die eigentlich so klingt, als ob sie aus den Staaten wäre. Die vier Songs pendeln irgendwo zwischen Grunge, Emo, Post-Hardcore und etwas Shoegaze, dabei schleicht sich beim ein oder anderen Riff oder beim Refrain eine Gänsehaut plus Glücksgefühl ein. Hört mal in Over Me diesen tollen Chor an, der sogar noch durch Frauengesang aufgepeppt wird! Sehr gänsehautfördernd! Und die Texte strotzen vor Selbstkritik, denk ich mal. Erinnert an manchen Stellen an die neueren Turnover, Zeugs wie Slow Bloomer, New Native oder so dürfte auch ins Gedächtnis kommen. Obwohl ich als langjähriger Ox-Leser an kleine Schriftgrößen gewöhnt bin, scheitere ich an der Mini-Schriftgröße der Texte, die im Inneren des Tapes abgedruckt sind. Scheiße, meine Augen sind völlig am Arsch. Wahrscheinlich durch das ständige ins Smartphone glotzen. Verdammt! Mir läuft der Sound der Band jedenfalls ziemlich gut rein: die Gitarren haben ein breites Spektrum: zwischen galoppierendem Tempo, ruhigen Klängen und melancholischen Melodien kann so ziemlich alles passieren. Der satte Sound setzt allem noch das Häubchen auf. Sehr geiles Release! (8/10)
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Swirlpool – „Camomile“ (Koepfen)
Wow, das geht ja schonmal gut ins Ohr, was Swirlpool aus Regensburg da im ersten Song veranstalten, der auch gleichzeitig als Titelsong dient. Da wundert man sich, wie eine Band, die Ende 2016 gegründet wurde, bereits ein so beeindruckendes Debut vorweisen kann. Aha, im Infotext der Facebook-Seite ist nachzulesen, dass Swirlpool zur Hälfte aus der Band Dress hervorgegangen sind. Daher also die Fingerfertigkeit, Dress waren zuvor einige Jährchen aktiv und machten einen ähnlichen aber etwas ruhigeren Sound. Nun, die Gitarren schwimmen bei Swirlpool in einer dicken Hallsuppe, man kommt sich vor, als würde man durch die Lüfte schweben. Wie bei den oben besprochenen Shun kommen als Referenzen sofort Bands wie neuere Turnover, Mumrunner oder neuere Hundredth in den Sinn. Ja, Swirlpool machen ziemlich reverblastigen Dream Pop, der mit etlichen Stilrichtungen wie z.B. Grunge, Shoegaze, Emo und Post-Hardcore liebäugelt. Über allem schwebt ein verträumter und warmer Gesang, laut aufgedreht könnte man meinen, dass die Ohren mit kuscheliger Watte ausgepolstert wären. Wabernde Atmosphäre wird bei Swirlpool groß geschrieben, selbst wenn der Sound etwas entschleunigter daherkommt, setzt die Band alles auf sphärische Klangteppiche. Mit Songlängen um die fünf Minuten toben sich die vier Regensburger ziemlich aus, da tun sich dann auch v.a. in den langsameren Bereichen Abschnitte auf, in denen man fast ertrinkt. Doch bevor man sich in den Weiten der Fluten verliert, wird man von einer fetten Reverb-Gitarre und kräftig gespielten Drums und Crashbecken zurück ins Leben gespült. Bei manchen Dreampop-Bands ist ja gerade dieses eintönige vor sich hinwabern der Hauptgrund, warum es nach einiger Zeit etwas langweilig werden könnte. Nicht so bei Swirlpool. Durch abwechslungsreiches Songwriting, unvorhersehbare Rhythmuswechsel, traumhafte Melodien und unmittelbare Spannungsausbrüche bleibt der Sound interessant, so dass man die vier Songs auch in Dauerschleife packen kann. Neben dem Tape, das über Koepfen erschienen ist, sind die Songs auch als CD via Reptile Music zu haben. Und ja, Swirpool ist es mit diesen vier Songs gelungen, mich ordentlich anzufixen. Bin gespannt, was man von dieser Band in Zukunft noch hören wird! (8.5/10)
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