Cavalcades – „A Small Decline Blocks Everything Out“ 7inch (Koepfen Records u.a.)

Die aus Aberdeen, Schottland stammende Band Cavalcades wirft ihr musikalisches Schaffen scheinbar häppchenweise vor die Füße ihrer Fans, da werden sicher einige mal wieder auf einen Langspieler warten. Nun, nach dem starken 2015er Album tröpfelten die Releases in Form von ein paar Samplerbeiträgen, Split-EP’s und diversen EP’s, darunter auch die sagenhafte One Down For Youth’s Ideals-EP, die schon in etwa die Richtung andeutete, in die es auf dieser 7inch geht. Alleine das Foto vom Cover lässt wieder reichlich Spielraum für Interpretationen. Da liegt jemand auf dem Balkon und genießt womöglich die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings, das fehlende Laub der Bäume deutet darauf hin. Es muss ein düsterer Winter mit einigen seelischen Tiefschlägen gewesen sein, die Person seufzt ihre Erschöpfung sichtbar in Gestalt des Rauches heraus.

Die Melancholie, die schon bei der letzten EP One Down For Youth’s Ideals so stark auffiel, tritt bei diesen zwei Songs noch etwas stärker in den Vordergrund. Beide Stücke haben mit ca. 6 Minuten und 20 Sekunden eine fast identische Spielzeit. A Small Decline Blocks Everything Out beginnt leise mit Piano und einer leichten Gitarre, bis sich schleichend und fuzzend ein verzerrter Bass dazugesellt und der resigniert wirkende Gesang einsetzt. Das alles zusammen mag auf den ersten Blick etwas monoton wirken. Geht man jedoch tiefer und freundet sich nach ein paar Durchläufen mit dem Song an, dann fällt die starke hypnotisierende Wirkung auf, die durch den mantraartigen und sich wiederholenden Gesang und die sich in Trance spielende Gitarre begünstigt wird. Zum Schluss taucht dann noch eine Art Kirchenorgel auf, so dass sich trotz fehlender Tempowechsel eine gewisse Spannung aufbaut.

Auf der B-Seite wird es dann mit dem Song The Body Is There, Above My Head etwas zugänglicher. Dennoch ist auch hier die Melancholie der tragende Grundstein. Der wummernde, etwas verzerrte und matschige Bass taucht auch hier wieder auf, die Gitarren spielen sich erneut in tiefgründige Gefühlswelten. Dadurch entwickelt sich eine dichte Atmosphäre, Spannung wird ebenfalls aufgebaut. Man kann es eigentlich kaum beschreiben, was den Sound der Schotten so einzigartig macht, das muss man sich eigentlich selbst regelrecht erarbeiten, am Besten auf Vinyl und über Kopfhörer. Da kann man richtig abtauchen und in die Klangwelt von Cavalcades gleiten. Übrigens wurden die Songs erneut von Jack Shirley/Atomic Garden gemastert. Und neben Koepfen sind noch die Labels zilpzalp rec., Don’t Care Recs, Pundonor Records und Dasein Records mit von der Partie. Wenn ihr euch ein Mischmasch aus Post-Hardcore, Emocore und Shoegaze vorstellen könnt und auch Bands wie Mumrunner und The Cure nicht abgeneigt seid, dann ist dieses Release ein gefundenes Fressen für euch!

8.5/10

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Koepfen Records Tape-Duo: Shun & Swirlpool

Shun – “ Nothing Quite As Heavy“ (Koepfen)
Nachdem ja mein Tapedeck vor einiger Zeit abgenippelt ist und nur noch Bandsalat produziert, muss ich jetzt die ganzen Tapes auf den Kinder-Kassettenrekordern anhören. Mit dem Ding hab ich auch meine ganzen Lieblingstapes digitalisiert, aber irgendwie nervt es ja schon, dass ich seit einiger Zeit keine Mixtapes mehr aufnehmen kann. Scheiße, da wird was passieren müssen. Okay, aber das ist eine andere Baustelle, hier soll es um Shun gehen. Shun ist eine Band aus Münster, die eigentlich so klingt, als ob sie aus den Staaten wäre. Die vier Songs pendeln irgendwo zwischen Grunge, Emo, Post-Hardcore und etwas Shoegaze, dabei schleicht sich beim ein oder anderen Riff oder beim Refrain eine Gänsehaut plus Glücksgefühl ein. Hört mal in Over Me diesen tollen Chor an, der sogar noch durch Frauengesang aufgepeppt wird! Sehr gänsehautfördernd! Und die Texte strotzen vor Selbstkritik, denk ich mal. Erinnert an manchen Stellen an die neueren Turnover, Zeugs wie Slow Bloomer, New Native oder so dürfte auch ins Gedächtnis kommen. Obwohl ich als langjähriger Ox-Leser an kleine Schriftgrößen gewöhnt bin, scheitere ich an der Mini-Schriftgröße der Texte, die im Inneren des Tapes abgedruckt sind. Scheiße, meine Augen sind völlig am Arsch. Wahrscheinlich durch das ständige ins Smartphone glotzen. Verdammt! Mir läuft der Sound der Band jedenfalls ziemlich gut rein: die Gitarren haben ein breites Spektrum: zwischen galoppierendem Tempo, ruhigen Klängen und melancholischen Melodien kann so ziemlich alles passieren. Der satte Sound setzt allem noch das Häubchen auf. Sehr geiles Release! (8/10)
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Swirlpool – „Camomile“ (Koepfen)
Wow, das geht ja schonmal gut ins Ohr, was Swirlpool aus Regensburg da im ersten Song veranstalten, der auch gleichzeitig als Titelsong dient. Da wundert man sich, wie eine Band, die Ende 2016 gegründet wurde, bereits ein so beeindruckendes Debut vorweisen kann. Aha, im Infotext der Facebook-Seite ist nachzulesen, dass Swirlpool zur Hälfte aus der Band Dress hervorgegangen sind. Daher also die Fingerfertigkeit, Dress waren zuvor einige Jährchen aktiv und machten einen ähnlichen aber etwas ruhigeren Sound. Nun, die Gitarren schwimmen bei Swirlpool in einer dicken Hallsuppe, man kommt sich vor, als würde man durch die Lüfte schweben. Wie bei den oben besprochenen Shun kommen als Referenzen sofort Bands wie neuere Turnover, Mumrunner oder neuere Hundredth in den Sinn. Ja, Swirlpool machen ziemlich reverblastigen Dream Pop, der mit etlichen Stilrichtungen wie z.B. Grunge, Shoegaze, Emo und Post-Hardcore liebäugelt. Über allem schwebt ein verträumter und warmer Gesang, laut aufgedreht könnte man meinen, dass die Ohren mit kuscheliger Watte ausgepolstert wären. Wabernde Atmosphäre wird bei Swirlpool groß geschrieben, selbst wenn der Sound etwas entschleunigter daherkommt, setzt die Band alles auf sphärische Klangteppiche. Mit Songlängen um die fünf Minuten toben sich die vier Regensburger ziemlich aus, da tun sich dann auch v.a. in den langsameren Bereichen Abschnitte auf, in denen man fast ertrinkt. Doch bevor man sich in den Weiten der Fluten verliert, wird man von einer fetten Reverb-Gitarre und kräftig gespielten Drums und Crashbecken zurück ins Leben gespült. Bei manchen Dreampop-Bands ist ja gerade dieses eintönige vor sich hinwabern der Hauptgrund, warum es nach einiger Zeit etwas langweilig werden könnte. Nicht so bei Swirlpool. Durch abwechslungsreiches Songwriting, unvorhersehbare Rhythmuswechsel, traumhafte Melodien und unmittelbare Spannungsausbrüche bleibt der Sound interessant, so dass man die vier Songs auch in Dauerschleife packen kann. Neben dem Tape, das über Koepfen erschienen ist, sind die Songs auch als CD via Reptile Music zu haben. Und ja, Swirpool ist es mit diesen vier Songs gelungen, mich ordentlich anzufixen. Bin gespannt, was man von dieser Band in Zukunft noch hören wird! (8.5/10)
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New Native – „Asleep“ (midsummer records)

Es ist ja gar nicht so lange her, dass ich mich (nochmals) intensiv der 2015er EP Soul Cult widmete, so dass es vor Kurzem sogar noch eine verspätete Kritik zu lesen gab. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich durch diesen Umstand die Vorfreude auf neues Material der Österreicher voll auskosten. Und kurze Zeit später steht dann auch schon Asleep, das Debutalbum des Quartetts in den Startlöchern. Das Album erschien zwar zuerst Anfang Februar digital, physisch wurde Ende März Vinyl nachgeschoben, wobei die limitierte farbige Version bereits wieder vergriffen ist. Da sieht man, dass sich die Band in den letzten Jahren eine große Fanbase aufgebaut hat. Und das nicht nur in der heimischen Szene, sondern auch im europäischen Ausland, in dem sie zuvor mit Genre-Größen wie Pianos Become The Teeth oder Seahaven auf Tour waren. Im Februar diesen Jahres waren New Native übrigens mit Sandlotkids unterwegs, vielleicht konnte sie ja jemand von euch bei dieser Gelegenheit sehen.

Nun, um eines schonmal vorwegzunehmen: New Native werden mit Asleep ihren Beliebtheitsgrad nochmal um einiges erhöhen können, denn das Album ist verdammt gut geworden. Da die farbige Version zum jetzigen Zeitpunkt bereits ausverkauft ist, freue ich mich natürlich umso mehr, dass ich noch ein transparentes Vinyl-Besprechungsexemplar bekommen habe. Auch wenn die Platte auf dem Plattenteller etwas unscheinbar und farblos wirkt, vermittelt die Musik ganz andere Eindrücke. Und diese Wirkung ist alles andere als blass oder gar farblos. Die elf Songs nehmen Dich mit auf eine dreiviertelstündige Reise durch eine verwunschene Gegend, in der es verdammt viel zu sehen und zu erleben gibt. Im direkten Vergleich zur EP Soul Cult fällt auf, dass die Songs auf Asleep um einiges ruhiger und bedächtiger klingen. Die Band hat wohl eine ähnliche Entwicklung wie Turnover oder Pianos Become The Teeth hinter sich. Waren die Referenzen von zuvor erschienenen Releases eher Bands wie Balance And Composure oder Basement, dürften jetzt auch Bands wie eben neue Turnover, The Fray, Juliana Theory, Appleseed Cast, Death Cab For Cutie, Last Days Of April oder gar glattgebügeltere American Football als Vergleiche fallen.

Asleep ist jedenfalls eine richtige Wohlfühl-Platte geworden, obwohl die melancholische Stimmung allgegenwärtig ist und es auch textlich einiges zu knabbern gibt. Bereits das Cover lädt zum Grübeln ein. Ist das ’ne Wasserleiche? Hält der Typ da ein Schläfchen? Oder ist das etwa eine Bildszene aus einer mißglückten Taufzeremonie einer verrückten Selbstmord-Sekte? Da bleibt sehr viel Interpretationsspielraum, zudem laden die auf dicken Karton gedruckten Texte dazu ein, eventuell hinter den tieferen Sinn des Covers zu kommen. Die sehr persönlichen Lyrics beschäftigen sich nämlich vorwiegend mit der Ohnmacht und der Angst, sein eigenes Leben zu verschlafen. Da kreisen die Gedanken. Und passend dazu gibt es gefühlvollen Emo an der Schwelle zu Indie und Dream-Pop, wie man ihn Ende der Neunziger gern zu hören pflegte. Da taucht bei manchen Songs sogar mal ein Piano auf, hin und wieder wird ein mehrstimmiger Chorus ausgepackt. Zwischen Hymne und Gefühl liegt v.a. ganz viel Tiefe und eine Art innige Vertrautheit, die sich mit jedem weiteren Hördurchlauf noch mehr verfestigt. Das ist dann wohl die oft zitierte Chemie, die zwischen den Konsumenten und der Band absolut stimmig ist. Obwohl die Musik auf der einen Seite sehr zerbrechlich wirkt, kommt sie andererseits dennoch kraftvoll um die Ecke. Diese Balance dürfte mit dem DIY-Background der Band zu tun haben. Obendrein gibt es das Album physisch ausschließlich auf Vinyl. Und das beim ebenfalls sehr sympathischen Label Midsummer Records. Anspieltipps für die fucking Playlist? Fehlanzeige! Hey, aufwachen! Verschlaft das hier bitte nicht! Kauft euch das Album auf Vinyl und genießt es bis in alle Ewigkeit in seiner Gesamtheit.

9/10

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Bandsalat: All The Luck In The World, Closer, Hop Along, I Feel Fine, I Said Goodbye, Slowbloom, Strafplanet, Wellsaid

All The Luck In The World – „A Blind Arcade“ (All The Luck In The World) [Stream]
Es kommt ja nicht allzuoft vor, dass mich Promovideos so dermaßen anfixen, wie es bei den drei Video-Teasern der Band All The Luck In The World geschah. Das Video zum Song Landmarks ignorierte ich erstmal, keine Ahnung warum. Kannte die Band nicht, war nicht in Stimmung, weiß der Teufel. Aber beim Video zum Song Golden October war es dann doch um mich geschehen: wow, sehr emotional! Die tolle Gitarrenarbeit und die melancholischen Bilder, dazu der zerbrechliche Gesang und die Sepia-Romantik in den Bildern, da ist die Gänsehaut gleich um die Ecke! Bei vielen Indie-Folk-Sachen renne ich ja schreiend davon, aber hier merkt man, dass massig Herzblut und Liebe mit an Bord sind. Man hat ständig dieses unterschwellige Gefühl der Sehnsucht, bekommt vor Rührung Tränen in die Augen. Ähnliche Stimmung kennt ihr sicher aus dem Film Once. Schaut euch auch unbedingt das Video zum Song Contrails an, das ist annähernd intensiv und könnte Erinnerungen an diesen sagenhaften Film Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt  wecken. Wenn ihr jetzt denkt, dass die Musik von All The Luck In The World ohne visuelle Videokunst nicht funktionieren würde, dann muss ich euch enttäuschen. Denn A Blind Arcade kommt auch gänzlich ohne visuelle Effekte zurecht. Gerade auch, weil die Musik so authentisch klingt. Da hat man selbst beim streamen das Gefühl, dass die Musik direkt vom Vinyl abgespielt wird. Das warme Knistern, die Töne beim Übergreifen der Saiten und der zerbrechliche Gesang machen dieses Album zu einem stimmungsvollen Highlight!


Closer – „All This Will Be“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Auch wenn die Band Closer nur aus drei Leuten besteht, klingt das hier nach einem Abriss der Extraklasse. Das New Yorker Trio liefert mit diesen neun Songs ein Wahnsinns-Debut ab. Den Sound kann man irgendwo zwischen Screamo/Skramz, Emocore und Post-Hardcore einordnen, dabei reicht die Spannweite von spannungsgeladen, energiereich und roh bis über intensiv und emotional. Komplexe Songstrukturen treffen auf unterschwellige Melodiebögen, dazwischen wird es auch mal ruhiger, Spoken Words lockern das leidende Geschrei der Sängerin/Drummerin ab und an dann auch mal auf. Hört euch mal zur Einstimmung den Song Birdhouse an, da habt ihr eigentlich das ganze Spektrum der Band auf einen Blick. Ich verspreche: danach werdet ihr gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machen und das Album in Dauerschleife packen.


Hop Along – „Bark Your Head Off, Dog“ (Saddle Creek) [Stream]
Also, kurz mal Wachrütteln: Für alle, die die Band Hop Along noch nicht kennen oder ihr bisher nicht die Aufmerksamkeit schenkten, die sie eigentlich verdient hätte, kommt hier eine kleine Zusammenfassung: Hop Along entstand eigentlich als Soloprojekt von Sängerin und Gitarristin Frances Quinlan im Jahr 2004, damals noch unter dem Namen Hop Along, Queen Ansleis, unter welchem auch ein Album veröffentlicht wurde. Nachdem Frances drei Jahre solo unterwegs war, bekam sie von ihrem Bruder an den Drums Unterstützung, zudem stieß ein Bassist mit dazu, so dass man sich zur Namenskürzung entschloss. Seit dem 2012er-Album Get Addicted ist Hop Along vom Trio zum Quartett gewachsen. An der Gitarre wirkt seither Joe Reinhart mit, den man von Algernon Cadwallader kennt. War die Band auf Get Addicted noch ziemlich dissonant und sperrig unterwegs, überzeugte das 2015er Album mit eingängigeren Melodien. Dennoch brauchte es ein paar Runden, bis ich mit der Band warm wurde und es irgendwann „klick“ machte. Und was soll sich sagen, mit Bark Your Head Off, Dog schafft es die Band auf Anhieb, mich mit Haut und Haaren in den Bann zu ziehen. Seit Wochen läuft das Ding nun nahezu täglich. Mir erscheint das Album um Längen zugänglicher als der Vorgänger, zudem dürfte dieses Material zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat. Die Musik klingt wie eine feinschmeckende Melange aus Indierock, Grunge, Folk, Punk, Shoegaze und Power-Pop. Zudem steht dem Sound die neu hinzugewonnene Experimentierfreude ziemlich gut zu Gesicht, so dass die neun Songs sehr kurzweilig ausgefallen sind. Die Gitarren verzaubern mit wunderschönen Melodien, der Sound dringt glasklar aus den Lautsprechern. Da kommen Streicher zum Einsatz, dort lassen sich Vocoder-Soundspielereien und verschachtelte Rhythmen entdecken. Und über all dem thront diese wahnsinnig emotionale Stimme, die leidenschaftlich zwischen zerbrechlich und kraftvoll pendelt. Dabei ist es wieder eine Freude, an der fabelhaften Welt und den kuriosen Gedanken von Songschreiberin Frances teilzuhaben. Von einem Gesamtkunstwerk kann man hier wirklich sprechen, denn das Artwork stammt ebenfalls von Frances Quinlan. Ach ja, und wenn ihr was wirklich Ergreifendes sehen wollt, dann lohnt es sich, die Band mal live zu bestaunen (das sag ich jetzt einfach mal, nachdem ich ein paar Live-Videos auf Youtube geschaut hab).


I Feel Fine – „Long Distance Celebration“ (Failure By Design Records) [Stream]
Ihr kennt sicher den Spruch „Wenn man erstmal einen Fuß in der Tür hat, dann…“? Na, sowas ähnliches ist mir mit der Band I Feel Fine passiert. Die Jungs kommen aus Brighton und hier zockt unter anderem der Gitarrist von Chalk Hands mit, deren EP vor nicht allzulanger Zeit hier wohlwollend empfohlen wurde. Und weil unsere Chalk Hands-Kritik bei den Mitgliedern der Band wohl ganz gut angekommen ist, kam unmittelbar vor der Deutschland-Tour von Chalk Hands die Anfrage zu I Feel Fine reingeschneit. Und ja, die Mucke läuft mir ebenfalls ganz genehm rein. Eigentlich ist das arg untertrieben, denn was an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb ganz tief ins Herz. Denn während Chalk Hands mit ihrem Post-Hardcore zwar durchaus melodisch unterwegs sind und ’nen Ticken härter klingen, verzücken I Feel Fine mit wunderbar verschachtelten Gitarrenmelodien und catchy Refrains, Bandchöre sind ebenfalls mit an Bord. Zum melodischen Post-Hardcore gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Emo. Während bei Chalk Hands auch ab und an mal gescreamt wird, dominiert bei I Feel Fine der hymnische Gesang. Da könnte man sich direkt reinlegen! Und bei all der Catchyness bleibt es trotzdem schön ruppig. Auch die ruhigeren Parts sind unglaublich tight, so dass der Sound in seiner Gesamtheit äußerst pfiffig, verspielt und ausgefeilt daher kommt. Diese fünf Songs sind geprägt von spürbar intensiver Spielfreude und sehr viel Herzblut. Da kann man nur raten: checkt das unbedingt an!


I Said Goodbye – „Fairweather“ (Little Rocket Records) [Stream]
Melodischen Emo-Pop-Punk gibt es auf dem Debutalbum der jungen Band I Said Goodbye aus Norwich/UK zu hören. Der Werdegang zum Album begann wohl damit, dass das Grundgerüst der Songs als Soloalbum von Sänger Alan Hiom geplant war, der aber letztendlich dann doch noch Mitmusiker fand, so dass die Band I Said Goodbye geschaffen war. Das Label Little Rocket Records hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Nachwuchsbands unter die Arme zu greifen. Das Label wird übrigens u.a. vom Leatherface-Bassist betrieben. Nun, die Songs reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, dennoch klingt das Ganze sehr sympathisch, gerade auch wegen der sehr emotionalen Textebene. Wenn ihr auf Zeugs wie The Get Up Kids, Motion City Soundtrack oder Saves The Day könnt, dann solltet ihr hier mal reinlauschen.


Slow Bloom – „Hex Hex Hex“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Hex Hex! Das geht hier doch nicht mit rechten Dingen zu, da kommt man sich ja vor wie in einer Bibi Blocksberg-Folge, total verhext halt. Ungläubig reibe ich mir kurz die Augen, irgendwie hab ich die Band seit ihrer 2014er Debut-EP aus den Augen verloren. Ungünstig. Gerade auch, weil ich die Vorläuferbands State Faults und Strike To Survive fast schon vergötterte. Dadurch, dass ich die 2016er EP verpennt hab, hab ich nun doppeltes Vergnügen! Hex Hex Hex besticht jedenfalls durch ausgeklügeltes Songwriting, verdammt geile Gitarrenmelodien, die sich fast schon grungig in die Gehörgänge drehen, dazu treibendes Schlagzeug und ein Sänger, der seine Zeilen lebt. Der Song Neon Sequitor ist jedenfalls ein verdammt starker Auftakt, gleichzeitig ist dieser Song mein Favorit auf Hex Hex Hex. Im kommenden Immaculate wird die Neo-Grunge-Keule geschwungen, das hat was von Nirvana, als die noch gut waren. Im weiteren Verlauf gibt es noch mehr solche Momente, zudem wird in Sachen Post-Hardcore ordentlich gegengesteuert. Sehr starke EP, die Apettit auf mehr macht, aber auch den Wunsch nach mehr Brachialität á la State Faults in den Raum stellt! Boah, das wäre nochmal doppelt so mächtig!


Strafplanet – „Freizeitstress“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Ich musste wirklich gerade herzhaft lachen, nachdem ich meinen geistigen Auswurf zum Strafplanet-Debut-Tape gelesen hab, den ich vor genau vier Jahren für ’ne Fuck Up The Neighborhood-Runde auf Borderline Fuckup verfasste. Wenn ich mir es recht überlege, war diese Rubrik damals eigentlich schon ’n duftes Konzept. Schön politisch unkorrekt und so, da konnte man flapsig was auf’s Korn nehmen, das NetzDG war zu der Zeit eine weit entfernte Fiktion aus Romanen wie z.B. 1984 oder Filmen wie Titanium – Strafplanet XT-59. Vier Jahre später hat die Datensammelwut noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht, zudem kontrollieren künstlich intelligente Maschinen die literarischen Internet-Beiträge der Bewohner unseres Planeten. Entscheidungsprozesse haben längst keinen individuellen Charakter mehr, denn für satirisch angehauchte Beiträge hat die künstliche Intelligenz einfach ’nen zu geringen IQ. Dabei würde es doch fürs Erste helfen, wenn irgendeine Maschine Internet-Beiträge mit etlich vielen Rechtschreibfehlern einfach mal zickzack löschen würde. Dann wären viele Hobby-Schreiber vielleicht bald ziemlich unmotiviert, um ihre unbedeutenden Gedanken in grammatikalisch bedenklichen Texten offen zu legen. Freizeitstress hätten dann nur noch die normalen Leute, die eben Freizeitstress haben wollen. Überhaupt taucht Freizeitstress ja erst auf, wenn man aufgrund Fremdbestimmung zu wenig Freizeit hat. Ups, bevor ich mich hier noch wie ein Philosophie-Student anhöre komm ich mal lieber noch kurz zum zweiten Album der Band aus Graz, das diesmal in Form einer 12inch erscheint. Im Grunde genommen ist alles beim alten geblieben. Angepisster Sound, schön oldschoolig, mit ordentlichem Hardcore/Crust-Einschlag und viel Geknüppel. Das tollwütige Gekeife der Sängerin setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Fett walzend, verdammt kurzweilig und einfach voller Energie und positiver Power! Und jetzt: ganz viel Anlauf nehmen und drüber!


Wellsaid – „Setbacks“ (Sweaty & Cramped) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Hong Kong und erinnert mich so dermaßen an eine meiner absoluten Lieblingsbands so um die Jahrtausendwende herum. Die Rede ist von The Close, deren Album 20,000+ bis heute tief eingebrannt ist. Das Ding hab ich mal aus ’ner Distro-Kiste aus Neugier mitgenommen, ich hab es bis heute nie bereut. Ich hab es auch nicht verstanden, warum die nicht ’ne riesige Fangemeinde ergattern konnten. Naja, egal. Klar, Wellsaid klingen auch noch nach ’ner Menge anderer Midwest-Emo-Bands Ende der Neunziger, aber beim Gesang und bei der Instrumentierung sind da schon einige Parallelen erkennbar. Schmissige Bassriffs treffen auf schrammelige Emo-Gitarren, ab und zu kreischt der Sänger so ähnlich wie der Algernon Cadwallader-Sänger, dann kommen wieder so Mid Carson July-mäßige Passagen. Sehr schön. Und eigentlich hätten es vier Songs anstelle von fünf getan, denn die Demo-Version vom Opener Narrow Pass ist durch diesen Disco-Beat ganz schön verhunzt. Knoten ins Taschentuch: mal wieder The Close rauskramen!


 

Videosammlung: Binoculers, Color Me Wednesday, Grey Hairs, The Guilt, Kamikaze Girls, Maid Of Ace, Milk Teeth, Neighborhood Brats,Rome Is Not A Town, Tricot

Das neue Album Sun Sounds des Hamburger Indie/Dream Pop-Duos Binoculers ist richtig schön geworden. Falls ihr durch das Video zum Song The Cities neugierig geworden seid, dann lohnt es sich auf alle Fälle, das Album über Bandcamp mal genauer unter die Lupe zu nehmen.


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Spirit Desire – „Distract Your Mind“ (Miss The Stars Records/midsummer)

Es ist fast schon unheimlich: eben noch wurde mir – hervorgerufen durch die lobenden Worte zur neuen Citizen in einer der letzten Bandsalat-Runden – von einem lieben und aufmerksamen Leser das neueste Release der österreichischen Band Spirit Desire wärmstens empfohlen, und schon ein paar Tage später purzelt ein Plattenpaket aus dem Hause Miss The Stars in die Eingangspost. Vom Zufall mal wieder geküsst, blicke ich ungläubig auf diese 12inch, die da so schwer und sicher in meinen Händen liegt. Und das auch gerade deshalb, weil mir die Songs beim Reinhören schon auf Anhieb so sehr zugesagt haben, dass ich direkt ein Lesezeichen in meinem Ordner „Bandcamp-Besprechungen ohne Anfrage“ gesetzt hatte. Und witzigerweise sehe ich auf dem Backcover, dass neben Miss The Stars Records auch noch midsummer records am Release beteiligt sind. Und, oh Schande, natürlich liegt die Anfrage-Mail von midsummer records samt Download noch unberührt in dem „Noch Anhören“-Ordner. Organisation ist alles, haha! Jedenfalls bin ich hoch erfreut, dass dieses Release in Zukunft meine Sammlung verschönert.

Rein äußerlich ist die Platte eher unauffällig und fast unscheinbar, einzig der in Anlehnung an Nirvanas Nevermind-Schriftzug wellige Albumtitel und das Textblatt mit ebendieser Schrift lässt Rückschlüsse zu, was für ein Sound wohl aus den Lautsprechern kommen könnte, sobald die Nadel auf das weiße Vinyl trifft. Und in der Tat, die Linzer Band hört sich an, als ob die Bandmitglieder ’ne Menge 90er-Kram in den Plattenschränken stehen hätten. Denn die neun Songs haben ’nen satten 90er-Vibe, gerade der Gitarrensound zaubert mir ab dem ersten Song bis zum letzten Ton der B-Seite immer wieder ein fettes Grinsen in die Fresse. Die Vorbilder sind mit 90er-Bands wie Dinosaur Jr., Nirvana, Tigers Jaw oder Sunny Day Real Estate schnell gefunden, dabei reihen sich die Jungs problemlos in die aktuelle Welle dieses Revivals mit ein und können daher in einem Atemzug mit Bands wie Basement, Citizen, Milk Teeth oder Nothing genannt werden. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass der Sound der Jungs etwas roher und derber rüberkommt. Und das gibt der Musik diese besondere Note, da das Resultat in der Gesamtheit irgendwie authentischer und intensiver klingt. Aufgenommen wurde übrigens in den Linzer Doom Studios, für’s deftige Mastering wurde die Tonmeisterei auserkoren.

Die Band hat sich in den drei Jahren ihres Bestehens schon eine gute Fanbase erspielt, neben einer Demo, zwei EP’s und der Split-EP mit der Band Orphan dürfte diese mit Erscheinen des Debutalbums noch weiter wachsen. Denn die Jungs haben es raus, saftige Grunge-Riffs mit gefühlsbetontem Emorock zu kombinieren, dabei ist wie bereits angedeutet die 90’s Alternative-Kante stets präsent, an eingängigen Songarrangements mangelt es ebenfalls nicht. Spannungsgeladene Abwechslung ist also genügend vorhanden, zumal auch noch ein gewaltiger Shoegaze-Einfluss zu verorten ist. Zudem strotzt jeder einzelne Song von dieser melancholischen Grundstimmung. Als Anspieltipps bringe ich jetzt einfach mal meine persönlichen Highlights des Albums auf den Tisch: das wäre zum einen das riffbetonte Counting Days, das dazu noch einen eingängigen Refrain hat. Zum anderen treiben mir die Gitarren zu Beginn von Not Again die Freudentränen in die Augen. Das sind jetzt aber nur zwei Momentaufnahmen, am besten ihr packt das Album in die Dauerschleife, denn das Ding ist ein richtiger Grower, der mit jedem Durchlauf ins Unendliche zu wachsen droht. Ach so, noch kurz was zu den Texten: Wo andere Bands textlich ’ne Spur zu dick auffahren, reduzieren Spirit Desire die Dramatik deutlich und wirken dadurch um ein vielfaches glaubhafter. Die persönlich gehaltenen und eigenbrötlerischen Texte handeln von Realitätsflucht, gewollter Isolation in den eigenen vier Wänden oder dem steten Kampf mit den eigenen Dämonen. Jedenfalls sind sie so gehalten, dass noch genügend Interpretationsspielraum bleibt und sich sicher einige von euch in den Texten wiederfinden werden, während sie die Decke über’n Kopf ziehen und vom Rest der Welt in Ruhe gelassen werden wollen. Wer sich aus Frust in solchen Situationen gern mit Süßkram und Linzer Torte verwöhnt, der sollte mal als Alternative diese 12inch hier antesten. Noch dürfte die Band als absoluter Geheimtipp gelten, also haltet euch ran und holt euch das Ding!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Miss The Stars Records


 

City Of Caterpillar – „Driving Spain Up A Wall“ (Adagio 830)

Es war so um die Jahrtausendwende herum, als ich erstmals auf die Band City Of Caterpillar aufmerksam wurde. Damals bezog ich meine Plattentipps noch aus analogen Quellen, mit Vorliebe las ich US-Fanzines wie z.B. Law Of Inertia oder das Status-Zine und lernte dabei Juwelen wie Sharks Keep Moving, Threadbare, The National Acrobat, The Casket Lottery oder eben City Of Caterpillar kennen. Praktisch war damals natürlich, dass diesen Zines CD-Sampler beilagen, auf denen man die interviewten Bands auch noch hören konnte. Wer sich das nicht ausmalen kann: stellt euch einfach vor, dass ihr auf Bandcamp ’nen Sampler downloadet und den die nächsten paar Wochen rauf und runter hört, weil euer Datenvolumen aufgebraucht ist oder was auch immer. Was hab ich damals CD-Cover gebastelt, während ich den unzählig geilen Bands lauschte. Der unstillbare Hunger nach neuer und v.a. ansprechender Musik war danach bis zur nächsten Bestellung beim Mailorder zwar für’s erste befriedigt, von Übersättigung sprach damals aber noch niemand. Und eigentlich ist es angesichts der heutigen Entwicklung ja eher erstaunlich, dass eine Band mit einer Lebensdauer von gerade mal etwas knapp über zwei Jahren solch einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zudem dürften nicht wenige der Bands aus dem aktuellen Screamo- bzw. Post-Hardcore-Bereich von der Band aus Richmond beeinflusst worden sein.

Dass City Of Caterpillar sich wieder zusammengefunden haben, hab ich neulich beim Stöbern in den OX-Reviews erfahren. Da wurde nämlich genau diese Platte hier besprochen, zudem bekam man in der Rezi die Info, dass die Band sogar im Jahr 2017 in Europa unterwegs war. Scheiße abermals, dass ich Lusche immer noch den Weg zum Fluff scheue, denn da konnte man sich ein Bild machen, ob diese Reunion mal nicht für’n Eimer war. Und so, wie es aussieht, ist sie das keinesfalls (wie man auf diesem Videomitschnitt hier vom Fluff Festival sehen kann).

Und dann ist da im Adagio-Bemusterungspaket diese dicke, schwere 12inch mit den vielen Buchstaben drauf. Nach dem Entschlüsseln des Worträtsel-mäßigen Artworks reibe ich mir erstmal ungläubig die Augen, denn das hier ist die Band, die ich immer mit der gefräßigen Raupe Nimmersatt in Verbindung brachte. Schwarzgelbe Raupe, roter Kopf, grünes Blatt. Frisst sich durch ein C, wandert unbeirrt weiter, bis sie beim R angelangt ist, dabei dürfte die ultradicke Plattenhülle der gefräßigen Raupe das geringste Hindernis sein. Klopft man auf den Karton, nachdem man das ebenfalls sehr schwere und in eine schwarze Hülle verpackte Vinyl samt Text-Poster aus dem Karton gefriemelt hat, purzelt doch glatt auch noch ’n Download-Code aus der Plattenhülle. Das Textposter ist wirklich groß, keine Ahnung wie die DIN-Bezeichnung lautet. Aber das Buchstabenmuster vom Cover zeichnet sich ab, wenn man das Textblatt gegen das Licht hält. Und man erfährt mal wieder, dass dieser satte Sound durch die magischen Hände von Jack Shirley entstanden ist. Ach so: auf der A-Seite bekommt ihr den epischen Song Driving Spain Up A Wall zu hören, der eigentlich noch aus der Schlussphase der Band stammt und damals nur live präsentiert wurde.

Auf Vinyl wirkt das neu aufgenommene Stück natürlich umso besser. Das ruhig gehaltene Intro erzeugt mystische Spannung, die wabernden und fast heulenden Gitarren im Anschluss haben was von ’ner Violine. Und dann, als man richtig eingelullt vom hypnotischen, rhythmischen Sound ist, setzt endlich nach fast der Hälfte des knapp elfminütigen Songs doch noch Gesang ein. Und das geschieht in alter Washington-DC-Manier. Verdammte Hacke, das hier müsst ihr euch auf Vinyl geben, das ist so intensiv, das bringt die Augen zum Glänzen! Kann man irgendwo zwischen Ambient und explosiver Apokalypse einordnen. Auf der B-Seite kommt dann noch ein im Jahr 2002 aufgenommender und bisher unveröffentlichter Song zum Zug, bei dem mich v.a die Bass-Parts ab der Hälfte des Songs in den Bann ziehen. Wow, hinter dieser Reunion dürften keine finanziellen Hintergedanken stecken, hier hört man die Spielfreude deutlich raus. Holt euch das Ding, falls ihr es noch nicht haben solltet.

9/10

Bandcamp / Adagio 830 / Bisaufsmesser