Bandsalat: Audio Karate, Constante, Counsels, Decacy, Knope, Nathan Aeli, Orchards, Radio Havanna

Audio Karate – „Malo“ (SBÄM Records) [Stream]
Was hab ich doch die Space Camp und v.a. die Lady Melody rauf und runter gehört, von Zeit zu Zeit rauschen die Songs beider Alben bis heute immer wieder mal durch die Anlage. Jetzt ist also mit Malo fünfzehn Jahre später und nach der 2018er-Reunion Album Nummer drei der Band aus Los Angeles erschienen. Klar, zwischendurch gab es ja immer mal wieder Lebenszeichen, Teile der Band haben z.B. unter dem Namen Indian School ein Album veröffentlicht, ganz von der Bildfläche waren die Jungs eigentlich nicht. So finden sich auf dem Album die zwei Songs der 2018-er-EP, zwei weitere kennt man als Fan der Band möglicherweise ebenfalls und der Rest ist irgendwie aus alten Demos mit ungenutzten Songs entstanden. So erhält man zwar ein paar neue Songs, aber wie zu erwarten war, ist hier auch etwas Bodensatz dabei, das Album heißt nicht umsonst Malo, was ja im Spanischen soviel wie „schlecht“ bedeutet. Dies wird von der Band ja auch so kommuniziert. Jedenfalls dürften Fans der Band trotzdem ganz gebannt dieser einzigartigen Stimme lauschen, gerade Songs wie Bounce, Sin Cuchillo, Get…Mendoza…,Saturday Night oder das poppige Good Loving Man gehen eigentlich doch ganz klar. Naja, über den Rest reden wir lieber mal nicht und warten gespannt, ob die Band weitermacht und es bald ein richtiges Album zu hören gibt.


Constante – „Selftitled“ (Saka Čost) [Name Your Price Records)
Aus Rennes, Frankreich kommt diese ziemlich neue Screamo-Band namens Constante. Auf ihrer selbstbetitelten Debut-EP gibt es zwar nur zwei Songs zu hören, die haben es aber gewaltig drauf und bringen es auf eine Spielzeit von knapp unter 20 Minuten. Der Song À marée basse, les angoisses legt schonmal düster und fuzzy dissonant los, in elf Minuten baut das Trio vielschichtige Soundpassagen mit fast schon ritueller Wirkung auf und schafft dadurch eine ganz eigenwillige Atmosphäre. Manchmal werden die Gitarren ein bisschen ruhiger und melancholischer, so dass der polternde Bass noch besser zur Geltung kommt. Der Sänger leidet in französischer Sprache, die Texte verarbeiten Ängste, es geht um Selbstfindung, bis man resigniert und erkennt, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, der man schwer entkommen kann. Das zweite Stück Du plomb dans l’aile wird soundtechnisch ein bisschen freundlicher, hier kommen teils ein paar unterschwellige Melodien zum Vorschein. Bis man hier alles erfasst hat, braucht es zwar ein bisschen Zeit, aber dranbleiben wird belohnt. Wenn ihr Bands wie Birds in Row, Daïtro oder Aussitôt Mort mögt, dann solltet ihr das hier mal antesten!


Counsels – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Bei Counsels handelt es sich um eine ganz junge Band aus Leipzig. Seit Mai 2019 spielt das Quartett zusammen, so dass jetzt wenige Zeit später eine ganz ordentlich aufgenommene EP mit fünf Songs erschienen ist, natürlich komplett in Eigenregie. Die Musik der Jungs geht grob in Richtung Midwest-Emo, ein paar Indie-Einflüsse können auch vernommen werden. Wenn man die melancholisch flirrenden Gitarren, den sehnsüchtigen Gesang und die laid back gespielten Drums so hört, dann flackern einige musikalischen Vorbilder vor dem inneren Auge auf. Die Band selbst gibt Bands wie die Mom Jeans, American Football oder Tiny Moving Parts als große Einflüsse an, irgendwie höre ich auch noch ein bisschen Pale oder Jank raus. In Anlehnung an den Bandnamen gebe ich an dieser Stelle den Ratschlag, einfach mal ein bisschen reinzuhören.


Decacy – „Non Cambierà“ (DIY) [Name Your Price Download]
Die Band Decacy hat sich im Jahr 2019 in Vicenza/Italien gegründet. Mit Non Cambierà hat das Trio jetzt ein erstes Lebenszeichen in Form einer selbstreleasten EP gegeben. Und die darauf enthaltenen sechs Songs können sich absolut hören lassen. Die Jungs machen eine intensive Melange aus Emo, Punk, Screamo, Post-Hardcore, Math und etwas Emoviolence. Dabei geht es treibend und dissonant zu, dennoch schleichen immer wieder tolle Melodien an die Oberfläche, so dass sich tieftraurige Melancholie breit macht. Dazu kommt noch ’ne satte Portion Stop And Go und etwas laut/leise, so dass es schön abwechslungsreich und spannend bleibt und man nach einer 18-minütigen Spielzeit gern noch mal ’ne Runde dranhängt! Geiles Debut, die Band sollte man genau im Auge behalten!


Knope – „Picture Perfect“ (DIY) [Stream]
Die Band Knope kommt aus Fairfax, Virginia und Picture Perfect ist die mittlerweile zweite EP der vier Jungs. Knope machen ziemlich geilen Twinkle-Emo und erinnern daher natürlich sofort an Bands wie z.B. Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle. Der erste Song dient als eine Art Intro und es bleibt vorerst rein instrumental. Danach folgen sechs Songs mit Gesang. Die gefühlvoll gespielten Gitarren kommen immer wieder mit tollen Melodien um die Ecke, dazu wird der melancholische Midwest-Emo mit diesem typischen nöligem Gesang/Geschrei dargeboten. Die Melodien gehen gut ins Ohr, so dass nur empfohlen werden kann, sich die Band mal vorzuknüpfen. Als Anspieltipp eignet sich z.B. That’s Not Dinner Talk.


Nathan Aeli – „Katja“ (Middle Man Records) [Stream]
Bei Nathan Aeli handelt es sich um das Solo-Projekt des Gitarristen der schwedischen Screamo-Band Young Mountain. Solo-Projekt heißt, dass er hier fast alles selbst gebastelt und eingespielt hat, zumindest was Gitarre, Gesang, Synthies und sonstigen Krach betrifft. Ganz ohne Unterstützung hat er es aber dann doch nicht hinbekommen, so hilft an den Drums John Andersson von Grace Will Fall, den Bass hat Felix Byström eingespielt. Musikalisch gefällt mir ganz gut, was Nathan Aeli da geschaffen hat. Grob kann man die sieben Songs unter Emo mit leichter Post-Hardcore-Tendenz einordnen. Teilweise wird geschichtet, was das Zeug hält, so dass ein flächiger, mit Watte ausgestopfter Soundbrei entsteht, der eine ganz wirksame Atmosphäre schafft. Das klingt dann im Endergebnis irgendwie verträumt und spacy. Der Gesang ist sehr kopfstimmenlastig, manchmal gar glockenhell, was im Kontrast zum melodischen Soundteppich eigentlich ganz gut passt. Als Anspieltipps empfehle ich jetzt einfach mal Left Behind Along Persiusstr. oder Low, Low, Low. Das hier könnte Menschen zusagen, die auch auf Bands wie Last Days Of April, Jimmy Eat World, Minus The Bear oder Coheed And Cambria stehen.


Orchards – „Lovecore“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Wenn ihr auf der Suche nach eingängigem und charmant klingendem Pop mit weirden Math-Rock-Verweisen seid, dann dürfte die Band Orchards mit ihrem Debutalbum namens Lovecore ein gefundenes Fressen für euch sein. Das Album klingt so frisch und spritzig, da bekommt man gerade Lust, an einem sonnigen Tag mit offenem Verdeck durch frühlingserwachende Landschaften zu brausen und dabei die Songs laut aufgedreht auf sich wirken zu lassen. Schon nach ein paar Durchläufen bleiben die elf Songs im Ohr kleben! Hymnen wie z.B. Burn Alive, Luv You 2 oder History (hier klingt das geloopte Sample irgendwie nach ’nem Sound von irgend ’nem neueren Bring Me The Horizons-Album) wickeln Dich ruckzuck um den Finger! Die angeschrägten Math-Gitarren zünden im Verlauf des Albums eine Hookline nach der anderen, manchmal kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr raus! Die Band kommt übrigens aus Brighton/UK und irgendwie fehlen mir gerade die Vergleiche, denn das hier klingt ziemlich einzigartig. Am ehesten fallen mir noch Bands wie beispielsweise The Cardigans oder No Doubt gepaart mit neueren Q And Not U oder Minus The Bear ein, aber das auch nur, weil die Stimme von Sängerin Lucy Evers in ähnlichen Tonlagen unterwegs ist. Auch geil: die bisherigen Videos der Band, allen voran die Pop-Hymne Honey (ist schon länger mal erschienen). Müsst ihr unbedingt anchecken!


Radio Havanna – „Veto & Gossenhauer“ (Dynamit Records) [Video]
Auch mal wieder so eine Band, mit der ich mich noch nie so richtig beschäftigt habe. Ob sich das mit dem vorliegenden Digipack ändern wird? Mal sehen…Bevor ich das Ding in den Player bugsiert hab, rutschte das rote Booklet mit dem schwarzen Kreis (mit Strich durch) in meine Pfoten. Boah, ich dachte schon, da kommt die Neon Golden von Notwist zum Vorschein! Und dann purzelt zu alldem auch noch ’ne Bonus-CD mit dem Titel Gossenhauer raus. Aber hier ist nix mit nerdigem Indierock á la Notwist, Radio Havanna sind eher im melodischen und poppigen Deutschpunk zu Hause. Veto hat 13 Songs am Start, positiv auffallend sind die aussagekräftigen Texte, die eine klare Position gegen ungesunde politische Entwicklungen der Gesellschaft beziehen (z.B. Antifaschisten). Gerade Kids, die gerne angepunkten Deutschrock hören, sollten sich Radio Havanna in die Dauerschleife packen. Die Songs haben neben ihrer positiven Message allesamt ordentlich Ohrwurmcharakter. Eigentlich clever gemacht, denn wer gern Coversongs hört, dürfte mit der Bonus-CD absolut glücklich werden. Da werden nämlich einige olle Kamellen im Punkrock-Mantel verwurstet. Mich packt das alles jetzt zugegeben echt mal eher weniger. Wenn ich aber zurückblicke auf meine musikalische UND politische Sozialisation, dann haben mir in den Achtzigern Radio Havannah-ähnliche Bands wie Die Ärzte und die Toten Hosen die Augen und den Weg in eine Subkultur geöffnet, der ich bis heute mit Haut und Haaren verfallen bin! Wenn ihr Zeugs wie Turbobier, Alex Mofa Gang, Dritte Wahl oder Montreal mögt…dann bitte hier entlang!


 

Bandsalat: Albatros, Anorak., Auszenseiter, Carrion Spring, CLEARxCUT, Elle, Hundreds Of AU, Secret Smoker, Senza, State Faults

Albatros – „Futile“ (zilpzalp records u.a.) [Stream]
Die Band aus Quebec/Kanada überzeugte mich bereits mit ihren bisherigen Releases. Und ja, das im Juni erschienene Album hat mich auch vom ersten Ton an wieder am Kragen gepackt. Bei Albatros ist es einfach dieses unkontrollierbare Chaos, das ziemlich beeindruckend ist. Da werden messerscharfe Gitarren, verzweifeltes Geschrei, wildes Getrommel zusammen mit melodischen Bläsern gepaart. Ziemlich einzigartig, natürlich mit hohem Wiedererkennungswert. Das Ganze klingt wirklich so, als würde ’ne Screamo-Band zusammen mit ’ner Lumpen/Guggenkapelle musizieren.


Anorak. – „Sleep Well“ (Uncle M) [Video]
Beim zweiten Album der Kölner Band Anorak. lohnt es sich unbedingt, mal genauer hinzuhören. Beim ersten Durchlauf war ich noch nicht so richtig angefixt und nahm die Songs eher etwas oberflächlich wahr. Aber jede weitere Hörrunde öffnete mir mehr und mehr die Augen und ließ mich die wahre Schönheit dieser elf Songs erkennen. Anhand der bisherigen Releases kann man der Band jedenfalls eine gewisse Weiterentwicklung ihres Sounds attestieren, auf Sleep Well klingen die Kölner viel eigenständiger als noch auf ihrem Debut. Ausgeklügelte Songarrangements, tolle Melodien mit Hang zur Melancholie, experimentierfreudige Tonspielereien und die nötige Portion Herzblut machen das Album zu einem wahren Leckerbissen in Sachen Post-Hardcore, Emo, gediegenem Screamo und Post-Rock.


Auszenseiter – „Misère“ (I.Corrupt Records u.a.) [Name Your Price Download]
Irgendwie hab ich ja immer gehofft, dass mir das Debutalbum der Band aus Nordrhein-Westfalen von irgendjemandem zugespielt werden würde, weshalb ich eine Besprechung immer wieder nach hinten geschoben habe. Nun, länger sollte ich jetzt nicht mehr warten, denn dieses Album verdient Aufmerksamkeit! Auszenseiter konnten bei mir ja schon auf ihrem Split-Release mit Marais ordentlich punkten, mit Misère steigert die Band das nochmal um einige Bonuspunkte. Die zehn Songs dürften nämlich so ziemlich zum Besten gehören, was man im deutschsprachigen Hardcore-Punk, Screamo und Post-Hardcore-Bereich im Jahr 2019 zu hören bekommen hat. Was den Jungs sehr gut zu Gesicht steht, ist die ausgewogene Balance zwischen angepisstem, hemmungslosem Geballer und abgebremsten bis hin zu ruhigen Momenten reichenden Soundpassagen. Vertonte Verzweiflung könnte nicht besser klingen! Die raue und kantige Produktion (Tonmeisterei mal wieder) und die nachdenklich stimmenden Texte unterstreichen dies zusätzlich. Alles vom Feinsten hier!


Carrion Spring – „Selftitled“ (Zegema Beach Records) [Stream]
Ein richtig fieser Batzen Dreck wird euch mit dem neuesten Output der Band Carrion Spring ins Gesicht geschleudert! Falls ich das richtig verstanden habe, dann handelt es sich bei diesen dreizehn Songs um die finalen Aufnahmen der Band aus Portland, Oregon. Und die haben ordentlich Pfeffer im Hintern, wie schon erwähnt. Euch erwartet ein wahnsinniges Gebräu aus messerscharfen Gitarrenriffs, melancholischer Verzweiflung, charismatischen Schrei-Vocals und schierem Noise-Chaos. Und über all das legt sich dieser Killer-Groove drüber! Wenn ihr euch das Ding in voll aufgedrehter Lautstärke gebt, dann garantiere ich für nix! Dieses Album ist die absolute Wucht!


CLEARxCUT – „For The Wild At Heart Kept In Cages“ (Catalyst Records) [Name Your Price Download]
Irgendwann auf Bandcamp entdeckt und sofort begeistert hängen geblieben: CLEARxCUT aus München machen herrlich altmodischen Vegan Straight Edge Hardcore. Melodisch, mit wunderbar moshigen Gitarren geht der Sound schön treibend nach vorn. Ich steh total auf die Stimmen der zwei Damen, die sich die Gesangsparts aufteilen! Schön wütend und rau herausgepresst! Erinnert mich vom Sound her total an die österreichische Band Hope Dies Last, die waren um die Jahrtausendwende herum aktiv und zählen auch heute noch zu meinen Faves, Gather kommen auch noch in den Sinn. Wie zu erwarten lesen sich die Texte kämpferisch. Man könnte sich nur wünschen, dass sich mehr Menschen ähnliche Gedanken über den Zustand unserer Erde machen würden. Die angesprochenen Themen reichen von Gesellschaftskritik über Tierrechte, dem Kampf gegen das Patriarchat und Konsumkritik. Ach ja, meine kleine Internetrecherche hat ergeben, dass hier Leute von Heaven Shall Burn, King Apathy und Implore mit an Bord sind. In Sachen Straight Edge anno 2019 haben mich zusammen mit dieser EP nur noch die Releases der Bands Sunstroke und Remission ähnlich begeistert! Sehr geile EP!


Elle – „…“ (DIY/Zegema Beach Records) [Stream]
Fans von Beau Navire und Loma Prieta wissen sicher von der Band Elle, die eben Mitglieder beider Kapellen in ihren Reihen hat. Das Quartett steht für ziemlich emotionsgeladenen und intensiven Screamo, eben im Stil der bereits genannten Bands. Das aktuelle und im August erschienene Album ist jedoch alles andere, als nur eine Kopie des altbewährten Sounds. Hört euch nur mal den wahnsinnig intensiven Song Throes an, der ist einfach der absolute Hammer! Und auch der Rest ist nicht zu verachten: bei all der Verzweiflung und Dramatik werden immer wieder unterschwellige Melodien aus der Krachorgie herausgespült, zudem faszinieren die hypnotisch wirkenden leisen Passagen, teilweise kann man sogar ein Piano raushören. Für die wuchtige und dreckige Produktion durfte mal wieder Jack Shirley/Atomic Garden an den Knöpfchen drehen. Verdammt intensives Album, für emotive Screamo-Fans absolut zu empfehlen!


Hundreds Of AU – „Mission Priorities On Launch“ (zilpzalp records u.a.) [Name Your Price Download]
Aaaaaarrgggghhh! Ha, so wollte ich schon immer mal ’nen Text beginnen lassen! Passt jedenfalls bestens zum zweiten Album der Band aus New Jersey. Denn das perfekte Schlachtfeld hier eignet sich hervorragend dazu, solche Todesschreie auszustoßen. Die vier Jungs zünden hier nämlich ein atemberaubendes Feuerwerk und schlagen dabei mit riesigen Äxten morsche Zombie-Köpfe ein. Der Opener beginnt mit einer fiesen Rückkopplung und dann setzt auch schon das Massaker ein. Eine höllische Soundwand wird innerhalb weniger Sekunden hochgezogen. Auch wenn es irgendwie so aussieht, dass hier alles zusammengematscht ist, entdeckt man die eigentlich saubere und satte Produktion, zudem dringen immer wieder melodische Untertöne an die Oberfläche. Die Gitarren sind auch dann klar auszumachen, wenn sie fast vom wilden Getrommel und vom klagenden Geschrei übertönt werden. Die absolute Macht! Im Verlaufe der neun Songs kommen aber auch immer wieder „ruhigere“ Momente ins Spiel. Mission Priorities On Launch ist jedenfalls ein hoch emotionales und sehr intensives Werk, das man keinesfalls verpassen sollte. Schönes Artwork, sieht auf Vinyl sicher toll aus! Kommt man nicht dran vorbei, wenn man auf emotive Screamo mit Post-Hardcore-, Crust-und Emoviolence-Einflüssen steht. Unfassbar geiles Album!


Secret Smoker – „Dark Clouds“ (Belladonna Records) [Stream]
Schon Secret Smokers Debut Terminal Architecture gefiel mir ziemlich gut und auch die zweite Full Length der Band aus Baton Rouge, Louisiana kann ich allen da draußen empfehlen, die auf intensiven, oldschooligen 90’s Emocore/Post-Hardcore stehen. Insgesamt zwölf Songs sind darauf zu hören. Die Band hat es drauf, mit kreisenden Gitarren, dynamischen Drums und polternden Bassläufen zu hypnotisieren. Und über allem schwebt dieses verzweifelte und leidgeplagte Geschrei. Wenn ihr Bands wie z.B. Policy Of 3, City Of Caterpillar, Garden Variety oder Native Nod zu euren Faves zählt, dann könntet ihr auch an Secret Smoker Gefallen finden.


Senza – „Even a Worm Will Turn“ (Zegema Beach Records) [Name Your Price Download]
Wenn ihr auf richtig fiesen emotive Screamo mit Hang zu Emoviolence und Schnappschildkrötenvocals stehen solltet und Bands wie z.B. 60659-c oder Nayru was abgewinnen könnt, dann dürfte die erste Full Length der Band Senza ein gefundenes Fressen für euch sein. Hier geht es mit zwölf Songs richtig geil zur Sache, da wird die Bude klein gehackt, die Gitarren geschreddert, Rotz und Wasser geheult! Wildes, arhythmisches Getrommel trifft auf sägende Gitarren, mit leise/laut wird auch mal gespielt, der schiere Wahnsinn (z.B. bei Swarm) scheint hinter jeder Ecke zu lauern! Psychotischer Krach, der noch teuflischer als Blackmetal wirkt! Muss man gehört haben!


State Faults – „Clairvoyant“ (Dog Knights Productions u.a.) [Stream]
Was freute ich mich ein Loch in den Bauch, als State Faults nach einer sechsjährigen Pause zurück auf den Bildschirm kamen und dazu noch ein ganzes Album im Gepäck hatten. Die Platte erschien irgendwann im Sommer und irgendwie kam es so weit, dass der Stapel an physischen Bemusterungen immer größer wurde und ich kaum Zeit zu schreiben hatte. Deshalb blieben ein paar Releases auf der Strecke, von denen ich annahm, dass ihr sie sowieso auf dem Schirm habt. Außerdem ärgere ich mich jetzt noch, dass ich so ’ne Lusche bin und mich nicht zum Fluff Festival aufraffen konnte. Denn da legten State Faults laut Augenzeugenberichten und ein paar Youtube-Livevideos einen beeindruckenden Auftritt hin. Außerdem hab ich’s auch nicht auf die Reihe bekommen, mir das Album auf Vinyl zu besorgen. Eigentlich total daneben, denn Clairvoyant schafft es locker in die Jahresbestenliste. Das Ding ist eigentlich schon jetzt ein Meilenstein in Sachen Post-Hardcore/Screamo mit Post-Rock-Verweisen. Hier passt einfach alles: Intensiv, herzzerreißend, bittersüß, spirituell, beeindruckend, dazu stimmt auch noch die Message. Immer wieder wird man von den sich auftürmenden Gitarren und dem verzweifelten Schreigesang Jonny Andrews gefangen genommen. Falls irgendjemand von euch Post-Hardcore-Fans State Faults noch nicht kennen sollte, dann checkt das hier unbedingt an!


 

 

Tröpical Ice Land – „D“ (Dingleberry Records u.a.)

Schon irgendwie verrückt: der Name Tröpical Ice Land war mir zwar schon mal unter die Augen gekommen, aber so richtig hab ich mich dann wohl doch nie mit der Band aus Torelló/Spanien beschäftigt. Ein großer Fehler, wie sich mit der Vinyl-Bemusterung des mittlerweile vierten Albums „D“ herausstellt. Das Ding ist als Co-Release der Labels Dingleberry Records, Krimskramz und Zegema Beach Records erschienen und verzückt mit einem schön schlichten schwarz-weiß-Artwork, auf dem eine Zeichnung mit einem Pflänzchen zu sehen ist. Das beiliegende Textblatt ist auf transparentem Papier gedruckt. Wenn man das Plattencover als Unterlage nimmt, bekommt man dadurch einen schönen Effekt. Die Texte sind allesamt in spanischer Sprache aufgedruckt. Schade, dass keine englische Übersetzung beigefügt wurde. Aber egal, so kann man sich komplett auf den Sound des Trios einlassen.

Und das gelingt mit dem Aufsetzen der Nadel gleich mal auf Anhieb. Mit einer warmen Bass-Melodie und reduzierten Drums beginnt es sehr emotional und melancholisch, bis dann noch unverzerrte Gitarren hinzukommen. Und als sich genügend Spannung aufgebaut hat, wird man endlich durch verzerrte Gitarren, rasende Drums und leidend herausgeschriene Vocals überfahren. So ein Sound funktioniert bei mir bestens auf Vinyl! Die sechs Songs haben durchschnittliche Songlängen von etwa vier Minuten, so dass der Band genügend Zeit für abwechslungsreichen Songaufbau bleibt. Ziemlich genial finde ich die immer wieder auftauchenden verträumten und fast jazzigen bis post-rockigen ruhigen Instrumentalparts, in denen man sich fast verlieren könnte. Wenn man zwischendurch nicht wieder von diesen emotive Screamo-Ausbrüchen wachgerüttelt werden würde. Mensch Maier, dieser Bass kommt aber auch in allen Lagen so geil rüber! Ob das jetzt bei den ruhigen Parts ist oder wenn er knödelt, was das Zeug hält! Ich könnte mir vorstellen, dass die Band live ein ziemlicher Knaller ist, Gänsehaut dürfte vorprogrammiert sein!

Im letzten Song Pluie De Feu, als dieses Spoken Words-Sample einsetzt, fühle ich mich etwas an die Band Féroces erinnert, ansonsten kommen mir Bands wie z.B. Danse Macabre, Tristan Tzara, Slint oder Off Minor in den Sinn. Jedenfalls hat mich dieses Album dazu bewegt, mir auch die bisherigen Releases der Spanier auf die Festplatte zu holen. Denn so wie es aussieht, gab es die bisherigen Sachen nur in digitaler Form, „D“ scheint Vinyl-Premiere zu sein. Die Platte dürfte Screamo/Skramz-Fans wohl ziemlich schnell ans Herz wachsen! Ein echter Leckerbissen, den man sich auf gar keinen Fall durch die Lappen gehen lassen sollte!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Lord Snow – „Shadwomarks“ (Adagio830 u.a.)

Irgendwie ist die TV-Serie Game Of Thrones bisher ja komplett an mir abgeprallt. Sobald im Freundeskreis die Diskussion auf die Serie kommt, suche ich schleunigst das Weite. Auch, um etwaigen Spoilern aus dem Weg zu gehen, falls ich die Serie doch noch irgendwann mal gucken sollte (am besten, in einem Rutsch). Jedenfalls hätte ich vermutlich bis heute keinen blassen Schimmer davon, dass Lord Snow aus Chicago ihren Namen so ’ner Figur aus Game Of Thrones zu verdanken haben, wenn ich nicht einst ein Interview mit der Band auf dem leider nicht mehr fortgeführten Blog Form und Leere gelesen hätte. Zudem erfuhr man dort auch, dass die Band total auf Fantasy-Videogames abfährt. Auch ein Bereich, in dem ich mich null auskenne. Die bisherigen Releases waren z.B. nach Orten benannt, die Bezug zum Videogame Skyrim haben. Shadowmarks reiht sich in diese Tradition ein. Mit Shadowmarks werden in Skyrim nämlich Symbole bezeichnet, die von einer Diebesgilde ähnlich wie die guten alten Gaunerzinken an Gebäuden angebracht werden, um bereits ausgekundschaftete Informationen an vorbeiziehende andere Kriminelle weiterzugeben.

Mit diesem Hintergrundwissen ausgestattet, machte ich mich auf der Plattenhülle auf die Suche nach irgendwelchen Geheimzeichen, wurde aber nicht fündig. Das Coverartwork ist ziemlich schattenreich und düster ausgefallen und passt daher bestens zum Titel der EP, die übrigens im 12inch-Format in Zusammenarbeit der Labels Adagio830 und Dog Knights Productions erschienen ist. Erst dachte ich ja, dass es sich bei Shadowmarks um ein ganzes Album handeln würde, aber letztendlich sind leider nur fünf Songs enthalten. Beide Vinylseiten sind mit diesen fünf Songs identisch gepresst, so dass es letztendlich schnurz ist, welche Seite nach oben liegt. Die Labels unterscheiden sich jeweils nur durch die aufgedruckten Logos der beiden beteiligten Plattenlabels. Im Plattenkarton findet man neben einem Downloadcode auch ein Textblatt, was ganz praktisch ist, da man das Gekeife von Bassistin und Sängerin Steph Maldonado beim besten Willen nicht verstehen kann.

Und kaum setzt die Nadel auf’s Vinyl, wird nach einem polterigen kurzen Intro bereits klar, dass Lord Snow ihrem bisherigen Sound treu geblieben sind. Die Gitarre zwirbelt chaotisch drauf los und erschafft so Töne, bei denen man nicht glauben kann, dass die von einer Gitarre stammen. Es fiept und zirpt und quitscht, der Bass knödelt ordentlich, dazu spielt sich der Drummer in Extase, insgesamt klingt alles sehr hektisch. Wie machen die das nur technisch und spielerisch? Das klingt so roh, brutal und doch so melancholisch! Richtig intensiv wird es dann, wenn die gänsehautverursachende Kreissägenstimme von Sängerin Steph Maldonado pure Verzweiflung leidet. Zusammen ergibt das ein tiefstemotionales Screamo-Massaker, wie man es von Lord Snow bisher in dieser Qualität noch nicht gehört hat! Da merkt man einfach diese langjährige Verbundenheit und Verwurzelung der Bandmitglieder in der Chicagoer Screamo-Szene heraus. Die Mitglieder sammelten vor Lord Snow bei Bands wie z.B. Suffix, The New Yorker, Lautrec, und Raw Nerve reichlich Erfahrung. Das Trio ist also mit Haut und Haaren bei der Sache, das stellt man mit offenem Mund nach dem ersten Durchlauf von Shadowmarks zweifelsohne fest. Zappelndes Chaos mit Powerviolence-Referenzen trifft auf zig Rhythmuswechsel, zwischendurch kaum erwähnenswerte Verschnaufpausen, die einzig dazu dienen, immer wieder neue Spannungsbögen aufzubauen, bis sich alles in einer wahnsinnig intensiven Screamo-Orgie entlädt. Das Ding ist die absolute Wucht!

10/10

Facebook / Bandcamp / Adagio830


 

Massa Nera/Thisismenotthinkingofyou/Yo Sbraito/Ef’il – „Split“ (Dingleberry Records u.a.)

Vier Bands aus unterschiedlichen Ländern und mit dem Schwerpunkt auf Screamo/Skramz teilen sich diese schwer in der Hand liegende 12inch, die obendrein in einem dicken Plattenkarton verpackt ist. Das Artwork ist eher reduziert gehalten, das beigelegte Blatt muss leider ohne Texte oder Infos zu den Bands auskommen. Am Release beteiligt sind neben Dingleberry Records noch Adorno Records, Dead Tank Records, Zegema Beach Records, Blessed Hands Records und Pundonor Records. Und wie immer sind solche Split-Releases eine gute Gelegenheit, auf neue, bisher nicht bekannte Bands zu stoßen.

So ergeht es mir direkt bei der ersten Band Massa Nera aus Linden/New Jersey, die hatte ich bisher noch nicht auf dem Schirm. Was sich mit diesen zwei vertretenen Songs jedoch ruckzuck ändert. Ich brauche SOFORT den ganzen Backkatalog – zwei EP’s und ein Album – des Quartetts! Denn Massa Nera machen hervorragenden Emotive Screamo/Post-Hardcore, der bei aller Intensität auch noch etwas Melodie mit einstreut. Beim Opener wird in spanischer Sprache gelitten und mir gefällt direkt, dass hier jedem Instrument seinen Raum gegönnt wird. Das klingt sehr lebendig, mir hat es v.a. dieses Zusammenspiel von Bass, Gitarre und Drums angetan! Und hört nur mal im Song Doing Nothing for Others is the Undoing of Ourselves diese eigenwilligen Bassläufe, die verspielten Gitarren, die druckvollen Drums und dazu diesen verzweifelten Gesang an. Unglaublich gut! Wenn ihr auf Bands wie Loma Prieta, City Of Caterpillar oder Raein steht, dann dürftet ihr auch nach Massa Nera lechzen!

Thisismenotthinkingofyou aus Derby/UK wurden an anderer Stelle mit ihrer 12inch Obstructive Sleep schon mal vorgestellt. Was mit sachten Gitarrenklängen harmlos beginnt, entwickelt sich innerhalb weniger Sekunden in ein chaotisches Skramz-Massaker mit dissonantem Charakter. Der Song Sonambulance I strotzt vor düsterer Atmosphäre, v.a. im letzten Drittel. In gewohnter Manier wird hier gelitten, gerotzt, geheult und zerstört! Eine Delay-Orgie mit verzerrten Vocals und übereinandergeschichtetem Krach. Für Thisismenotthinkingofyou-Verhältnisse sind die zwei Songs ungewöhnlich lange ausgefallen, so dass ihr insgesamt sechs Minuten neuen Stoff bekommt! Die A-Seite wird mit Sicherheit in Zukunft häufig bespielt werden!

Auch Yo Sbraito wurden schonmal an anderer Stelle vorgestellt. Die Band aus Ancona/Italien ist mit drei Songs vertreten. Diese sind aber mit knapp drei Minuten Spielzeit recht kurz ausgefallen. Yo Sbraito sind dementsprechend flott unterwegs, da ist auch ’ne Menge Hardcore-Punk mit dabei. Lediglich beim Song Rapina wird mal mit angezogener Handbremse im Slow-Motion-Modus gefahren. Die in italienischer Sprache vorgetragenen Vocals werden regelrecht rausgebellt, da könnte nach meinem Geschmack etwas mehr Abwechslung nicht schaden.

Die Band Ef’il ist mir persönlich zwar bereits namentlich schonmal aufgefallen, beschäftigt habe ich mich jedoch bisher noch nicht mit dem Trio aus Ipoh/Malaysia. Ef’il lassen sich mit ihren zwei Songs Zeit und kommen damit auf eine Spielzeit von knapp über 12 Minuten. Der kontrastreiche Sound lebt aus dem Zusammenspiel von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Im einen Moment klimpert die Gitarre munter und clean vor sich hin, im nächsten Moment wird man von diesem brutal übersteuerten Bass an die Wand gequetscht. Über allem schwebt so ein gewisses Angstgefühl, die monoton herausgeheulten Vocals geben dann noch den Rest. An manchen Stellen hat man dann ein flächiges Distortion-Inferno, das nach derber Endzeit klingt. Und dann schleichen sich fast schon gespenstisch fiepende Post-Rock-Gitarren mit rein, eine melancholische Melodie darf auch nicht fehlen. Wirkt beim ersten Durchlauf alles etwas zusammengewürfelt, entwickelt aber mit jeder weiteren Runde seinen Reiz.

8/10

Bandcamp / Facebook


 

Crowning & Swallows Nest – „Split“ (Dingleberry Records, Time As A Color u.a)

Wenn Schlichtheit bildlich dargestellt werden sollte, dann wäre diese 7inch sicher ein gutes Beispiel dafür. Natürlich nur rein äußerlich gesehen. Und das auch nur ohne jegliches Hintergrundwissen, was letztendlich zu diesem Artwork samt spärlicher Aufmachung geführt hat. Denn da steckt bekanntlich entweder gar nichts (wir hatten gerade dieses eine Foto auf der Festplatte, ein anderes hatten wir einfach nicht zur Hand) bis hin zur unglaublichen Story (ein Freund von uns erstickte fast an dieser Schnake, er hustete wie verrückt und auf einmal lag da dieses eklige Insekt vor uns auf dem Tisch. Irgendjemand hat das dann fotografiert und liebevoll die üblen Kotzflecken vom Original wegretuschiert. Und weil gerade niemand ’ne andere Coveridee am Start hatte, waren alle so yeah) dahinter. Nun, die offensichtlich umgekommene und künstlerisch in Szene gesetzte Schnake wird die wahre Geschichte hinter dem Cover auch nicht mehr ausplaudern können, soviel ist sicher.

Okay, kommen wir lieber mal zum Scheibchen selber, das in meinem Fall ungewöhnlicherweise mit unbedruckten, blanken Labels auf dem Plattenteller landet. Crowning ist eine ziemlich neue Band aus Chicago, die aus der Asche der Band Pregnancy Pact hervorgegangen ist. Bisher ist eine EP der vier Jungs und der Frau am Bass erschienen. Und ich verspreche euch, nachdem ihr diese drei Songs hier gehört habt, werdet ihr auch die EP gierig auf eure Festplatte zippen. Nach einer kurzen Rückkopplung geht es direkt mit chaotischem Screamo im Stil von Bands wie Loma Prieta oder Dangers los. Die Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums sind unberechenbar und wechseln spielerisch von rasend schnell zu walzenden Midtempo-Moshparts. Und dann der Bass, hört mal nur den Anfang vom Song Old References, zu dem wurde übrigens auch noch ein abgefahrenes Video mit Hunden abgedreht. Ich liebe dieses Zusammenspiel der melancholisch gespielten Instrumente, dazu der verzweifelte Schreigesang und die immer spürbare Energie. Nach dem letzten Song Nerves setzt man wie in Trance die Nadel an den Anfang zurück, gerade auch deshalb, weil die drei Songs nur eine Gesamtspielzeit von etwas über viereinhalb Minuten haben. Wahnsinn, diese Band sollte man im Auge behalten.

Auf der B-Seite sind Swallows Nest mit dem Song A Subtle Knife for New Doors vertreten. Die wohl relativ neue Band aus Dunedin/Neuseeland hat einige Mitglieder an Bord, die man bereits aus Bands wie Machine Rex, Yung Nat$, мятеж, The World That Summer und Gali Ma kennt. Nun, Swallows Nest gehen die Sache etwas entschleunigter an und lassen sich innerhalb des über vier Minuten dauernden Stücks genügend Zeit. Die Gitarren schwurbeln und drehen sich langsam und doomig vor, der wechselseitige Frau/Mann-Gesang bringt Abwechslung in die Sache. Nach der Hälfte des Songs zieht das Tempo ein wenig an und es bricht ein bisschen Chaos aus, trotzdem schlittert die Band im letzten Drittel wieder in dieses groovig doomige und verdammt heavy klingende Massaker. Schon anhand der am Release beteiligten Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, Zegema Beach Records und IFB Records) erkennt man, dass hier Qualität drin steckt. Checkt das Scheibchen unbedingt mal an!

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Time As A Color


 

Bandsalat: All The Luck In The World, Closer, Hop Along, I Feel Fine, I Said Goodbye, Slowbloom, Strafplanet, Wellsaid

All The Luck In The World – „A Blind Arcade“ (All The Luck In The World) [Stream]
Es kommt ja nicht allzuoft vor, dass mich Promovideos so dermaßen anfixen, wie es bei den drei Video-Teasern der Band All The Luck In The World geschah. Das Video zum Song Landmarks ignorierte ich erstmal, keine Ahnung warum. Kannte die Band nicht, war nicht in Stimmung, weiß der Teufel. Aber beim Video zum Song Golden October war es dann doch um mich geschehen: wow, sehr emotional! Die tolle Gitarrenarbeit und die melancholischen Bilder, dazu der zerbrechliche Gesang und die Sepia-Romantik in den Bildern, da ist die Gänsehaut gleich um die Ecke! Bei vielen Indie-Folk-Sachen renne ich ja schreiend davon, aber hier merkt man, dass massig Herzblut und Liebe mit an Bord sind. Man hat ständig dieses unterschwellige Gefühl der Sehnsucht, bekommt vor Rührung Tränen in die Augen. Ähnliche Stimmung kennt ihr sicher aus dem Film Once. Schaut euch auch unbedingt das Video zum Song Contrails an, das ist annähernd intensiv und könnte Erinnerungen an diesen sagenhaften Film Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt  wecken. Wenn ihr jetzt denkt, dass die Musik von All The Luck In The World ohne visuelle Videokunst nicht funktionieren würde, dann muss ich euch enttäuschen. Denn A Blind Arcade kommt auch gänzlich ohne visuelle Effekte zurecht. Gerade auch, weil die Musik so authentisch klingt. Da hat man selbst beim streamen das Gefühl, dass die Musik direkt vom Vinyl abgespielt wird. Das warme Knistern, die Töne beim Übergreifen der Saiten und der zerbrechliche Gesang machen dieses Album zu einem stimmungsvollen Highlight!


Closer – „All This Will Be“ (Middle Man Records) [Name Your Price Download]
Auch wenn die Band Closer nur aus drei Leuten besteht, klingt das hier nach einem Abriss der Extraklasse. Das New Yorker Trio liefert mit diesen neun Songs ein Wahnsinns-Debut ab. Den Sound kann man irgendwo zwischen Screamo/Skramz, Emocore und Post-Hardcore einordnen, dabei reicht die Spannweite von spannungsgeladen, energiereich und roh bis über intensiv und emotional. Komplexe Songstrukturen treffen auf unterschwellige Melodiebögen, dazwischen wird es auch mal ruhiger, Spoken Words lockern das leidende Geschrei der Sängerin/Drummerin ab und an dann auch mal auf. Hört euch mal zur Einstimmung den Song Birdhouse an, da habt ihr eigentlich das ganze Spektrum der Band auf einen Blick. Ich verspreche: danach werdet ihr gierig vom Name Your Price Download Gebrauch machen und das Album in Dauerschleife packen.


Hop Along – „Bark Your Head Off, Dog“ (Saddle Creek) [Stream]
Also, kurz mal Wachrütteln: Für alle, die die Band Hop Along noch nicht kennen oder ihr bisher nicht die Aufmerksamkeit schenkten, die sie eigentlich verdient hätte, kommt hier eine kleine Zusammenfassung: Hop Along entstand eigentlich als Soloprojekt von Sängerin und Gitarristin Frances Quinlan im Jahr 2004, damals noch unter dem Namen Hop Along, Queen Ansleis, unter welchem auch ein Album veröffentlicht wurde. Nachdem Frances drei Jahre solo unterwegs war, bekam sie von ihrem Bruder an den Drums Unterstützung, zudem stieß ein Bassist mit dazu, so dass man sich zur Namenskürzung entschloss. Seit dem 2012er-Album Get Addicted ist Hop Along vom Trio zum Quartett gewachsen. An der Gitarre wirkt seither Joe Reinhart mit, den man von Algernon Cadwallader kennt. War die Band auf Get Addicted noch ziemlich dissonant und sperrig unterwegs, überzeugte das 2015er Album mit eingängigeren Melodien. Dennoch brauchte es ein paar Runden, bis ich mit der Band warm wurde und es irgendwann „klick“ machte. Und was soll sich sagen, mit Bark Your Head Off, Dog schafft es die Band auf Anhieb, mich mit Haut und Haaren in den Bann zu ziehen. Seit Wochen läuft das Ding nun nahezu täglich. Mir erscheint das Album um Längen zugänglicher als der Vorgänger, zudem dürfte dieses Material zum Besten gehören, was die Band bisher veröffentlicht hat. Die Musik klingt wie eine feinschmeckende Melange aus Indierock, Grunge, Folk, Punk, Shoegaze und Power-Pop. Zudem steht dem Sound die neu hinzugewonnene Experimentierfreude ziemlich gut zu Gesicht, so dass die neun Songs sehr kurzweilig ausgefallen sind. Die Gitarren verzaubern mit wunderschönen Melodien, der Sound dringt glasklar aus den Lautsprechern. Da kommen Streicher zum Einsatz, dort lassen sich Vocoder-Soundspielereien und verschachtelte Rhythmen entdecken. Und über all dem thront diese wahnsinnig emotionale Stimme, die leidenschaftlich zwischen zerbrechlich und kraftvoll pendelt. Dabei ist es wieder eine Freude, an der fabelhaften Welt und den kuriosen Gedanken von Songschreiberin Frances teilzuhaben. Von einem Gesamtkunstwerk kann man hier wirklich sprechen, denn das Artwork stammt ebenfalls von Frances Quinlan. Ach ja, und wenn ihr was wirklich Ergreifendes sehen wollt, dann lohnt es sich, die Band mal live zu bestaunen (das sag ich jetzt einfach mal, nachdem ich ein paar Live-Videos auf Youtube geschaut hab).


I Feel Fine – „Long Distance Celebration“ (Failure By Design Records) [Stream]
Ihr kennt sicher den Spruch „Wenn man erstmal einen Fuß in der Tür hat, dann…“? Na, sowas ähnliches ist mir mit der Band I Feel Fine passiert. Die Jungs kommen aus Brighton und hier zockt unter anderem der Gitarrist von Chalk Hands mit, deren EP vor nicht allzulanger Zeit hier wohlwollend empfohlen wurde. Und weil unsere Chalk Hands-Kritik bei den Mitgliedern der Band wohl ganz gut angekommen ist, kam unmittelbar vor der Deutschland-Tour von Chalk Hands die Anfrage zu I Feel Fine reingeschneit. Und ja, die Mucke läuft mir ebenfalls ganz genehm rein. Eigentlich ist das arg untertrieben, denn was an meine Ohren drang, schloss ich auf Anhieb ganz tief ins Herz. Denn während Chalk Hands mit ihrem Post-Hardcore zwar durchaus melodisch unterwegs sind und ’nen Ticken härter klingen, verzücken I Feel Fine mit wunderbar verschachtelten Gitarrenmelodien und catchy Refrains, Bandchöre sind ebenfalls mit an Bord. Zum melodischen Post-Hardcore gesellt sich noch massig Herz in Form von Jahrtausendwenden-Emo. Während bei Chalk Hands auch ab und an mal gescreamt wird, dominiert bei I Feel Fine der hymnische Gesang. Da könnte man sich direkt reinlegen! Und bei all der Catchyness bleibt es trotzdem schön ruppig. Auch die ruhigeren Parts sind unglaublich tight, so dass der Sound in seiner Gesamtheit äußerst pfiffig, verspielt und ausgefeilt daher kommt. Diese fünf Songs sind geprägt von spürbar intensiver Spielfreude und sehr viel Herzblut. Da kann man nur raten: checkt das unbedingt an!


I Said Goodbye – „Fairweather“ (Little Rocket Records) [Stream]
Melodischen Emo-Pop-Punk gibt es auf dem Debutalbum der jungen Band I Said Goodbye aus Norwich/UK zu hören. Der Werdegang zum Album begann wohl damit, dass das Grundgerüst der Songs als Soloalbum von Sänger Alan Hiom geplant war, der aber letztendlich dann doch noch Mitmusiker fand, so dass die Band I Said Goodbye geschaffen war. Das Label Little Rocket Records hat es sich zur Aufgabe gemacht, junge Nachwuchsbands unter die Arme zu greifen. Das Label wird übrigens u.a. vom Leatherface-Bassist betrieben. Nun, die Songs reißen mich nicht unbedingt vom Hocker, dennoch klingt das Ganze sehr sympathisch, gerade auch wegen der sehr emotionalen Textebene. Wenn ihr auf Zeugs wie The Get Up Kids, Motion City Soundtrack oder Saves The Day könnt, dann solltet ihr hier mal reinlauschen.


Slow Bloom – „Hex Hex Hex“ (Dog Knights Productions) [Stream]
Hex Hex! Das geht hier doch nicht mit rechten Dingen zu, da kommt man sich ja vor wie in einer Bibi Blocksberg-Folge, total verhext halt. Ungläubig reibe ich mir kurz die Augen, irgendwie hab ich die Band seit ihrer 2014er Debut-EP aus den Augen verloren. Ungünstig. Gerade auch, weil ich die Vorläuferbands State Faults und Strike To Survive fast schon vergötterte. Dadurch, dass ich die 2016er EP verpennt hab, hab ich nun doppeltes Vergnügen! Hex Hex Hex besticht jedenfalls durch ausgeklügeltes Songwriting, verdammt geile Gitarrenmelodien, die sich fast schon grungig in die Gehörgänge drehen, dazu treibendes Schlagzeug und ein Sänger, der seine Zeilen lebt. Der Song Neon Sequitor ist jedenfalls ein verdammt starker Auftakt, gleichzeitig ist dieser Song mein Favorit auf Hex Hex Hex. Im kommenden Immaculate wird die Neo-Grunge-Keule geschwungen, das hat was von Nirvana, als die noch gut waren. Im weiteren Verlauf gibt es noch mehr solche Momente, zudem wird in Sachen Post-Hardcore ordentlich gegengesteuert. Sehr starke EP, die Apettit auf mehr macht, aber auch den Wunsch nach mehr Brachialität á la State Faults in den Raum stellt! Boah, das wäre nochmal doppelt so mächtig!


Strafplanet – „Freizeitstress“ (Contraszt! Records) [Name Your Price Download]
Ich musste wirklich gerade herzhaft lachen, nachdem ich meinen geistigen Auswurf zum Strafplanet-Debut-Tape gelesen hab, den ich vor genau vier Jahren für ’ne Fuck Up The Neighborhood-Runde auf Borderline Fuckup verfasste. Wenn ich mir es recht überlege, war diese Rubrik damals eigentlich schon ’n duftes Konzept. Schön politisch unkorrekt und so, da konnte man flapsig was auf’s Korn nehmen, das NetzDG war zu der Zeit eine weit entfernte Fiktion aus Romanen wie z.B. 1984 oder Filmen wie Titanium – Strafplanet XT-59. Vier Jahre später hat die Datensammelwut noch längst nicht ihren Höhepunkt erreicht, zudem kontrollieren künstlich intelligente Maschinen die literarischen Internet-Beiträge der Bewohner unseres Planeten. Entscheidungsprozesse haben längst keinen individuellen Charakter mehr, denn für satirisch angehauchte Beiträge hat die künstliche Intelligenz einfach ’nen zu geringen IQ. Dabei würde es doch fürs Erste helfen, wenn irgendeine Maschine Internet-Beiträge mit etlich vielen Rechtschreibfehlern einfach mal zickzack löschen würde. Dann wären viele Hobby-Schreiber vielleicht bald ziemlich unmotiviert, um ihre unbedeutenden Gedanken in grammatikalisch bedenklichen Texten offen zu legen. Freizeitstress hätten dann nur noch die normalen Leute, die eben Freizeitstress haben wollen. Überhaupt taucht Freizeitstress ja erst auf, wenn man aufgrund Fremdbestimmung zu wenig Freizeit hat. Ups, bevor ich mich hier noch wie ein Philosophie-Student anhöre komm ich mal lieber noch kurz zum zweiten Album der Band aus Graz, das diesmal in Form einer 12inch erscheint. Im Grunde genommen ist alles beim alten geblieben. Angepisster Sound, schön oldschoolig, mit ordentlichem Hardcore/Crust-Einschlag und viel Geknüppel. Das tollwütige Gekeife der Sängerin setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Fett walzend, verdammt kurzweilig und einfach voller Energie und positiver Power! Und jetzt: ganz viel Anlauf nehmen und drüber!


Wellsaid – „Setbacks“ (Sweaty & Cramped) [Stream]
Diese Band hier kommt aus Hong Kong und erinnert mich so dermaßen an eine meiner absoluten Lieblingsbands so um die Jahrtausendwende herum. Die Rede ist von The Close, deren Album 20,000+ bis heute tief eingebrannt ist. Das Ding hab ich mal aus ’ner Distro-Kiste aus Neugier mitgenommen, ich hab es bis heute nie bereut. Ich hab es auch nicht verstanden, warum die nicht ’ne riesige Fangemeinde ergattern konnten. Naja, egal. Klar, Wellsaid klingen auch noch nach ’ner Menge anderer Midwest-Emo-Bands Ende der Neunziger, aber beim Gesang und bei der Instrumentierung sind da schon einige Parallelen erkennbar. Schmissige Bassriffs treffen auf schrammelige Emo-Gitarren, ab und zu kreischt der Sänger so ähnlich wie der Algernon Cadwallader-Sänger, dann kommen wieder so Mid Carson July-mäßige Passagen. Sehr schön. Und eigentlich hätten es vier Songs anstelle von fünf getan, denn die Demo-Version vom Opener Narrow Pass ist durch diesen Disco-Beat ganz schön verhunzt. Knoten ins Taschentuch: mal wieder The Close rauskramen!


 

Kishote – „Kaleidoskop“ (lifeisafunnything, Koepfen u.a.)

Alle, die Kishote mit der Hammer-Debut Bis die Hülle bricht kennen und lieben gelernt haben, werden neuem Material der Bielefelder Band verbissen entgegengefiebert haben. Et voilá, mit der Kaleidoskop-12inch rutscht ein gebührender Nachfolger in euer Leben. Wiederum wird das Albumcover durch eine wunderschöne Zeichnung von Rodrigo Almanegra verziert. Und auch die durchsichtige Vinylscheibe kommt geil rüber, denn auf der B-Seite blinzelt im gewohnten Almanegra-Stil ein überdimensional großes Auge vom Plattenteller. Auf der Rückseite ist dann noch bei jedem Exemplar eine individuelle schwarz-weiß-Fotographie aufgeklebt. Artwork und Albumtitel stehen somit im Einklang. Nun, im Kindergarten hab ich selbst mal ein Kaleidoskop gebastelt, das hab ich bis heute sogar aufgehoben. Neulich haben wir das Ding auf dem Dachboden meiner Eltern gefunden. Die Kinder haben mir nicht geglaubt, dass dieses magische Ding von mir erbaut wurde. Im Kindergarten und der Schule basteln sie heutzutage ja nur noch Klorollen-Hündchen. Deshalb juckt es mich in den Fingern, mit den Kindern und dem Albumcover-Motiv ein Kaleidoskop in Angriff zu nehmen. Einen Soundtrack zum Basteln hätten wir jedenfalls schonmal. Auch wenn das Basteln eines Kaleidoskops nicht lange dauert, bei meinen zwei linken Händen braucht es wahrscheinlich vier Durchläufe der Platte. Jedenfalls hat die einseitig bespielte 12inch mit ihren zehn Songs eine Spieldauer von knapp 19 Minuten. Beim Betrachten des Covers krame ich in meinem physikalischen Gedächtnis und werde sogar fündig. Beim Kaleidoskop bilden drei Winkelspiegel ein Dreieck, wodurch die Bilder wiederholt gespiegelt werden, so dass so etwas wie auf dem Frontcover zu sehen ist. Allerdings in bunt.

Nun, Kaleidoskop heißt übersetzt in etwa „Schönbildseher“. Nach dem ersten Durchlauf kommt man daher schon ins Grübeln, in welchem Bezug der Albumtitel zum Inhalt der Texte steht. Denn die Lyrics sind sehr kalt und düster und behandeln Themen wie z.B. Angststörungen, innere Leere, Isolation und Selbstzweifel. Das herzzerreißende Geschrei von Sänger Holger geht jedenfalls direkt durch Mark und Bein, es scheint keinen Ausweg und keine Hoffnung zu geben. Fast jeder der zehn Songs beginnt mit fiependen Rückkopplungsgeräuschen, die in flächig dichte Gitarrenwände und wildes Getrommel führen, dabei aber unterschwellig schöne Melodien mit an Bord haben. Gleichzeitig wird innerhalb kürzester Zeit Spannung aufgeladen, so wie z.B. beim ersten Song Zukunftsschleier, der nach eineinhalb Minuten in einem hyperschnellen Emoviolence-Massaker gipfelt. Man könnte diesen Auftakt als kleine Vorwarnung betrachten, was man bei den restlichen Stücken zu erwarten hat. Denn das nachfolgende Titelstück Kaleidoskop bündelt den schieren Wahnsinn wie ein Lichtstrahl und streut unzählige Bilder durch das Prisma. Und wenn es bei Das Trauma, das Erbe dann auch mal mächtig stampfend und walzend beginnt, so findet man sich unmittelbar danach bereits wieder im Strudel des Wahnsinns. Der Sound von Kishote erinnert das ein oder andere Mal an Bands, die gerne als Bremer-Schule-Hardcore bezeichnet werden, Loxiran, Age, ACME oder Systral fallen mir da spontan ein, aber auch US-Screamo-Bands wie Orchid dürften zu den Einflüssen zählen.

Jedenfalls toppen die Bielefelder mit Kaleidoskop ihr eh schon starkes Debutalbum. Diese rundum gelungene 12inch wird bei Skramz/Screamo-Fans wie eine Bombe einschlagen. Haltet euch also ran und holt euch das Teil bei einem der vier DIY-Qualitätslabel die da wären: lifeisafunnything, Koepfen Records, Miss the Stars Records und Crystalmeth&Heartattack.

10/10

Facebook / Bandcamp


 

 

Please Wait – „Look Around, See Inside“ (Dingleberry u.a)

Neulich entdeckte ich beim Bandcampsurfen über die oftmals angesteuerte La Agonía de Vivir-Bandcamp-Seite die katalanische Band Please Wait. Nach den ersten zwei Songs setzte ich direkt ein Lesezeichen, da ich über dieses Release unbedingt etwas schreiben wollte. Und ein paar Tage später finde ich doch tatsächlich diese tolle 12inch  im Dingleberry Records-Paket. Wie abgefahren ist das denn? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, oder? Hach, ich wiederhole mich, aber das hier ist schon wieder passiert.

Nun denn, rein optisch sieht die 12inch richtig schön aus, gerade auch wegen der farblichen Wärme. Das Cover hat ein ausgestanztes Fenster, durch das man die Frontseite des Textblatts bewundern kann. Look Around, See Inside! Sehr schöne Idee. Packt man das Scheibchen aus, dann freut man sich an den Tränen weinenden A-und B-Labels, zudem lässt das clear Vinyl mit den pinken Sprengseln das Herz höher schlagen. Kleine Recherche im Netz, bevor die Musik ans Ohr dringt: Please Wait gründeten sich vor ca. sechs Jahren. Die  Bandmitglieder kannten sich von der Schule. Das muss man sich mal reinziehen, da waren die Jungs gerade mal im zarten Alter von 12-13 Jahren. Und zwei Jahre nach Bandgründung wurde auch schon eine erste EP veröffentlicht. Vier Jahre später (nach dem Stimmbruch, hehe) folgt also mit Look Around, See Inside das erste Full-Length.

Und sobald die Plattennadel das Vinyl berührt, setzt auch schon die Gänsehaut ein, denn Please Wait spielen sehr emotionalen Emocore/Midwestemo, der auch locker aus der Jahrtausendwende herum stammen könnte. Unglaublich, diese jungen Typen haben’s wirklich drauf. Lifetime, Appleseed Cast, Coach Potatoes, Audio Karate. Der Sänger hat wirklich eine ähnliche Stimme wie der Typ von Audio Karate, an manchen Stellen wird der Sound dann auch mal härter und klingt nach Bands wie Kid Dynamite oder Blue Skies Burning. Und dann sind da noch Bands am Start, deren Namen mir absolut nicht einfallen wollen, aber die eigentlich auch gar nichts zur Sache tun, denn Please Wait überzeugen mit den insgesamt acht Songs auf ganzer Linie. Klar, das Rad wird nicht neu erfunden, aber die vorgetragene Musik strotzt vor Herzblut und Intensität. Auch die Texte passen hervorragend, dort werden sehr persönliche Themen behandelt, die Verletzlichkeit und die Melancholie tropft aus allen Rillen. Das Rundum-Paket gefällt mir auch deshalb so gut, weil jedem Instrument sehr viel Platz eingeräumt wird. Die Gitarren kommen total gefühlvoll und verspielt daher und der knödelnde und gegenspielende Bass ist die Wucht, ergänzt und untermalt zugleich. Dazu gesellt sich ein Schlagzeuger der sich in Trance spielt. Und über allem dieser melancholische Gesang, der die Nackenhärchen aufstellen lässt. Das Trio kommt übrigens von der Costa Brava, genauer gesagt aus dem beschaulichen Städtchen Sant Feliu de Guíxols. Und so, wie auf den gegoogelten Landschaftsbildern rund um Sant Feliu de Guíxols die Sonne scheint, so wird mir beim Lauschen dieser Scheibe ganz warm ums Herz. Ach so, die beteiligten Labels fehlen noch: Dingleberry Records, Caleiah, Tief In Marcellos Schuld, Saltamarges, Hang The DJ, Krimskramz und La Agonia De Vivir.

8.5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Bandsalat: Admiral Phantom, Fox Wound, Insula, Perish Song, Repetitor, Slow Mass, Tano!, Trees

Admiral Phantom – „Shelter Dog“ (DIY) [Name Your Price Download]
Je umfangreicher der Lesezeichen-Ordner im Browser, umso unübersichtlicher der Inhalt. Scheiße, wie bin ich auf diese Band wohl wieder gestoßen? Eine Anfrage war es jedenfalls nicht. Direkt von den Gitarren und vom Schlagzeug des Openers It’s Dangerous To Go Alone angefixt, ist man jedenfalls bis zum Platzen gespannt, was da jetzt im Verlauf des Albums alles folgen wird. Und spätestens, wenn der Gesang einsetzt, bekommt man dieses Leuchten in den Augen. Admiral Phantom kommen aus Cleveland und bisher wurde eine EP in etwas schlechter Soundqualität veröffentlicht. Okay, im Verlauf der neun Songs merkt man zwar auch den ein oder anderen Spielfehler, aber das stört überhaupt nicht. Denn Admiral Phantom vereinen gekonnt emotive Screamo, Post-Hardcore,  Emocore und Punk zu einem Soundgemisch, das frisch und lebendig klingt. Children Of Fall treffen auf Merchant Ships oder so.


Fox Wound – „In Passing, You Too Faded“ (625846 Records DK) [Stream]
Nach zwei EP’s legt die Band aus Atlanta/Georgia ein Debut-Album vor, das unglaublich intensiv und einlullend daherkommt und Dich auf eine sagenhafte 34-minütige Reise mitnimmt. Die Gitarren schwirren Dir dabei nur so um die Ohren, die Crashbecken scheinen von weiter Ferne zu rauschen, Du driftest ab in träumerische Klangwelten, bevor ungeheuer dichte Screamo-Passagen an Dein Ohr dringen, die Dich mit rausgebrülltem und leidendem Schrei-Gesang  aus dieser geheimnisumwobenen und mit bunten Luftblasen gefüllten Traumwelt hochschrecken lassen. Fox Wound schaffen es gekonnt, melancholischen Emocore mit Shoegaze-Einflüssen, Post-Hardcore, Indie und Screamo zu einem extrem spannenden Sounderlebnis zu machen.  Die Intensität wird durch die teilweise länger andauernden Instrumental-Passagen noch weiter gesteigert, zudem handeln die Texte vom Umgang mit Verlust und Trauer. Ein Wahnsinnsalbum, hört da unbedingt rein, es wird euch warm ums Herz werden!


Insula – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Zum Albumcover hab ich absolut keine Idee, echt nicht. Ich find das sogar irgendwie scheiße. Das kennt man ja: man hat fünf Songs aufgenommen und will die unbedingt unters Volk bringen. Leider fehlt ein Coverartwork. Deshalb nimmt man das nächstbeste Foto auf dem Rechner, auf welchem keine Gesichter und kein Autokennzeichen zu sehen ist. Passt doch irgendwie, also schnell mal hochladen. Gut, wenn trotz Gurken-Cover die Musik akzeptabel ist. Denn Insula macht ’ne Mucke, die mir ganz gut reinläuft. Verspielte, teils clean gespielt und teils runtergestimmte Matsch-Gitarren, Vocal-Samples, chaotische Drums, pulsierendes Geschrei und nette Rückkopplungs/Übersteuerungs-Geräusche machen diese fünf Songs zu einem kurzweiligen Gebräu aus Hardcore, Punk, emotive Skramz, Emopunk und Post-Hardcore.


Perish Song – „Where Nothing Is Born And Nothing Dies“ (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Perish Song handelt es sich um eine neue zwei-Mann-Band, bei der Jason Springer von Wherebirdsmeettodie mitwirkt. Geboten wird intensiver emotive Screamo, der mit wunderschöner Gitarrenarbeit für den ein oder anderen Brustklopfer sorgt. Insgesamt drei Songs in knapp sieben Minuten machen unweigerlich Appetit auf mehr. Irgendwo zwischen der Melancholie von Bands wie den frühen Appleseed Cast, den twinkle-Gitarren von Algernon Cadwallader und der Intensität von Bands wie den frühen Touché Amore, dabei bleibt alles in so einer gewissen Mid90’s Emocore-Stimmung. Zippt euch diese drei Songs mal schnell auf die Festplatte, ihr werdet sie lieben!


Repetitor – „Gde ćeš“ (Moonlee Records) [Name Your Price Download]
Mit Stoner-Rock kann ich ja absolut gar nix anfangen, keine Ahnung, warum ich trotzdem auf den Play-Button bei Bandcamp gedrückt habe. Aber, ich kann euch Stoner-abgeneigten Menschen auch sofort Entwarnung geben. Klar, es gibt Stoner-Gitarren, aber eigentlich überwiegt hier Noise und Dissonanz. Und obendrein gibt es eine Sprache auf die Ohren, die man gar nicht so gewohnt ist. Denn Repetitor kommen aus Belgrad/Serbien und singen in der Landessprache. Zwischen Post-Punk mit fetten Slap-Bässen und runtergestimmten Gitarren erinnert zumindest der Gitarrensound an Bands wie Sonic Youth, Drive Like Jehu oder Dead Kennedys. Und zwischendurch gibt es auch mal Songs, die eure Nerven strapazieren.


Slow Mass – „Treasure Pains“ (Landland Is Not A Record Label) [Stream]
Das Coverartwork war es mal wieder, was mich bei Bandcamp auf die Play-Taste drücken ließ. Slow Mass kommen aus Chicago und das hier ist die Debut-EP der Band. Und wow, Treasure Pains hat sechs Songs im Gepäck, die mich absolut fesseln können. Die Gitarren schrammeln, das Schlagzeug klingt dreckig und der Bass vibriert gewaltig, genial auch die abwechselnd weiblichen und männlichen Vocals. Post-Hardcore, Emo, Indie, Grunge, Punk, Pop und Noise, von Melodie bis Dissonanz ist alles enthalten. Das dürfte euch gefallen, hört da unbedingt rein!  Dark Dark Energy  kommt auf’s nächste Mixtape!


Tano! – „Selftitled“ (Krimskramz u.a.) [Name Your Price Download]
Unglaublich, mit welcher Wucht dieses Duo aus Girona/Spanien auf seinem Debut nach vorne prescht. Bei Tano! handelt es sich um das neue Baby von Oskar Garcia, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der Band Hurricäde und Víctor Álvarez, welchen man als Bassisten und Sänger der Band Anchord kennt. Die zehn Songs werden in katalanischer Sprache vorgetragen und besitzen so unglaublich viel Power, dass man kaum still sitzen kann. Stop’N’Go-Hardcore, Noise, Screamo, Emoviolence, Post-Hardcore und Math-Core verschmelzen zu einem derart dichten Soundgebräu, welches Dir bereits beim passiv hören den Schweiß auf die Stirn treibt. Ob die zwei Typen sich live bei diesem dichten und satten Sound noch jemanden dazuholen müssen, ist gar nicht mal so sicher, wenn man nur mal das kurze Live-Video auf der Facebook-Seite betrachtet.  Krasse Live-Action! Refused treffen auf The Locust, Hurricäde verbünden sich mit Drive Like Jehu und bleiben dabei aber so düster und bedrohend wie Converge oder Botch. Ein monströses Wahnsinnsalbum! Erscheint neben Krimskramz noch auf den DIY-Labels La Agonia De Vivir und Saltamarges.


Trees – „Selftitled“ (midsummer records) [Name Your Price Download]
Das Albumcover würde als Siebdruck auf ’nem braunen Naturkarton sicher sehr schön rauskommen, zumindest hat mich das Artwork so angesprochen, dass ich den Play-Button auf der Bandcamp-Seite gierig betätigte. Und siehe da, die Musik kann vom ersten Ton an überzeugen und reißt mich direkt mit. Zwischen Post-Hardcore, etwas Ambient, Emo und Post-Rock klingt das hier nach ziemlich ausgeklügeltem Jahrtausendwendenposthardcore. Das erinnert dann an Bands wie Thursday oder Thrice auf der US-Seite oder an Sachen wie Three Minute Poetry, Lockjaw, Treadmill oder  Ambrose auf der deutschen Seite. Warum diese ollen deutschen Emocore-Bands als Vergleich herhalten müssen? Nun, Trees kommen erstens auch aus Deutschland, genauer gesagt aus Saarbrücken und zweitens hätten sie in die damalige Szene mit diesen genannten Bands hervorragend reingepasst. Die sechs Songs gefallen jedenfalls außerordentlich gut und nachdem die Band das Release für lau auf die Bandcamp-Seite gestellt hat, ist die EP mittlerweile auch digital über midsummer records erhältlich. Wobei das auch wieder wie die Faust auf’s Auge passt, denn da gibt’s mit City Light Thief, A Saving Whisper oder This April Scenery ähnlich gestrickte Bands in der Nachbarschaft.


 

They Sleep We Live – „Escaping The Measures Of Time“ (Koepfen Records u.a.)

Immer wenn man gerade so ’nen kleinen Durchhänger hat, weil man mit Review-Anfragen zugeschüttet wird und deshalb kaum noch mit Reinhören hinterherkommt, klingelt es an der Haustür und die freundliche Postbotin überreicht ein Päckchen, dessen Inhalt sofort die Augen aufleuchten lässt. In diesem Fall ist das die erste 12inch der Bremener Screamo-Band They Sleep We Live, die schon auf der Split 7inch mit Vi som älskade varandra så mycket meine Neugier auf kommende Releases erweckte. Die Platte wurde mir von Koepfen Records zugeschickt, es sind aber auch noch die Labels Pike Records, Samegrey Records, Framecode Records, Dingleberry Records und Zegema Beach Records am Release beteiligt.

Nun, zuallererst sticht die optische Aufmachung der 12inch heraus, die ist nämlich der absolute Wahnsinn. Das Artwork im Lexika-Stil stammt von Rodrigo Almanegra, der auf diesen Seiten schon wiederholt lobend erwähnt wurde. Die gezeichneten Uhren stammen alle aus verschiedenen Epochen, zusammen mit dem EP-Titel bietet dieses Motiv natürlich ausreichend Spielraum für Interpretationen. Noch geiler wird es, nachdem man das einseitig bespielte, durchsichtige und auf der B-Seite mit einem wundervollen Siebdruck verzierte Vinyl auf dem Plattenteller bestaunen kann und die Nadel mit zittrigen Händen an den Beginn gesetzt hat. Der erste Song wird mit dem Ticken einer Uhr eingeleitet und erinnert zu Beginn ganz weit entfernt an die Anfangssequenz des Songs Hier kommt Alex von den Toten Hosen. Aber das war’s auch schon mit den Toten Hosen, denn sobald Keyboard/Orgel-artige Sounds ertönen und die flächigen Gitarren einsetzen, gipfelt der Song in einer hypnotisch wirkenden atmosphärischen Soundwand, die von rasend schnellen Blackmetal-Getrommel begleitet wird. Nach diesem wahnsinnig geilen Intro-Feuerwerk gleitet der Song ins Midtempo, allein diese schrammelige Gitarre zu Beginn zaubert eine zentimeterhohe Gänsehaut in den Nacken. Dann kommt noch Nicos unverkennbare Stimme dazu, die anklagend und wütend, aber auch melancholisch und traurig zugleich  über allem schwebt. Emotive Screamo at its best. Und auch die nachfolgenden drei Songs zeigen, wie gekonnt sich die drei Bremener zwischen Screamo, Punk, Emoviolence, Post-Hardcore, Post-Metal, Post-Rock, Emocore und Blackmetal bewegen und diese Melange durch ihre schiere Spielfreude und massig Herzblut zu einem eigenständigen Gebräu werden lassen, dem es weder an Intensität noch an langweiligen Songarrangements mangelt. Verdammt intensiv wird es dann, wenn die Band ’nen Gang zurückschaltet und im Midtempo ankommt und diese unterschwelligen Melodien den Raum füllen, wie z.B. im letzten Drittel des Songs Equilibrium oder beim Song Escaping The Measures Of Time, bei dem obendrein noch Spoken Words für eine weitere Gänsehaut sorgen. Und zwischen den Songs immer die tickende Uhr, die daran erinnert, dass man bald schon wieder die Nadel an den Anfang setzen sollte, denn nach vier Songs und knapp zwanzig Minuten ist die Zeit auch schon wieder abgelaufen. Apropos tickende Uhr: dieser Text lag mal wieder ein paar Wochen in der Pipeline, bevor er endlich online gehen sollte, so dass diese Zeile, die ihr jetzt zu lesen bekommt, noch nachträglich eingefügt wurde. Genau an dieser Stelle, weil es eben so gut passt, denn wir wären mal wieder bei der tickenden Uhr des Lebens angekommen: They Sleep We Live haben zu meinem großen Bedauern Anfang letzter Woche ihre Auflösung bekannt gegeben. Was für ein Schlamassel.

Naja, wie dem auch sei…was mir neben Musik und Artwork auch noch ziemlich gefällt, sind die im Textblatt abgedruckten linernotes zu den einzelnen Songs, die deutlich Stellung beziehen. Ich habe das Gefühl, dass solche klaren Aussagen in den letzten Jahren leider immer seltener geworden sind. Neben intelligenten gesellschaftskritischen Texten gegen Ausbeutung und Unterdrückung werden auch persönliche Themen wie Verlust behandelt, zudem gefällt mir der kritische Blick auf die DIY-HC/Punk-Szene und das Hinterfragen besorgniserregender Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Hoffen wir mal, dass die Menschen von They Sleep We Live alle neue Bands starten und ihre Message plus Herzblut dadurch vervierfacht wird, oder so…

9/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records


Bandsalat: Apartments, Algae Bloom, Blowout, Clearer The Sky, Dead Koys, Fossa, Idle Threat, Ingrina

Apartments – „The Only Thing That Keeps Me Here“ (Never Meant Records) [Name Your Price Download]
Das Cover, naja. Schönes Haus, kann man sicher was draus machen. Aber warum musste das ausgerechnet auf’s Cover? Keine Frage, mich würde so ein Häuschen wahrscheinlich auch am Arsch der Welt gefangen halten. Proberaum in den Keller, Pizzaofen in den Garten, Totenkopf-Fahne auf’s Dach, Spießbürgertum im neuen Gewand.  Nun, die Band kommt aus Irland und klingt etwas nach dem Emo/Post-Hardcore-Zeug, das man um die Jahrtausendwende so häufig hören konnte. Schrammelige Gitarren, schön angepunkt und mit einem schrägen Sänger. Dürfte Leuten gefallen, die mit Bands wie Clairmel, Lockjaw oder Couch Potatoes was anfangen können. Mir gefällt’s jedenfalls.


Algae Bloom – „I am everyone I’ve ever met“ (Wolf Town DIY) [Name Your Price Download]
Beim Bandcamp-Surfen entdeckt, aufgrund des Artworks umgehend reingelauscht und direkt angefixt. Nach kurzer Recherche im Netz kann ich folgendes offenbaren: Hier sind zwei Typen am Start, der eine spielt Gitarre und schreit, der andere spielt stehend Schlagzeug und schreit auch ab und an. Mich wickeln hier v.a. die Gitarren um den Daumen, die völlig eigenständig Melodien aus dem Ärmel zaubern, die absolut zeitlos und atemberaubend sind. Dazu dann das Schlagzeug, das sich auf diese Melodien einlässt, da hat man direkt zwei Freunde vor Augen, die schon seit der Grundschule zusammen sind und bis jetzt durch dick und dünn gegangen sind.


Blowout – „No Beer, No Dad“ (DIY) [Stream]
Immer diese skrupellosen Kunststudenten, die zwar bei jeder Tierrechtsdemo dabei sind, aber dann doch die Nachbarskatze für obskure Albumcover missbrauchen. Vielleicht war das aber auch wieder mal der besoffene Papa, der sich in einem unbemerkten Moment das Smartphone irgendeines Bandmitglieds geschnappt hat und wild in der Gegend rumgeknipst hat. Und anschließend wundert man sich über die gespeicherten Bilder und denkt sich: wow, ein Albumcover. Was kann einem besseres passieren, man hat ja schließlich schon genug mit der Musik um die Ohren. Zuckersüss sein strengt an. Denn so klingt die Band aus Portland, Oregon. Melodische, schrammelige Gitarren, Frauengesang, tolle bombastische Chöre, treibendes Schlagzeug. Pop-Punk mit Biss, liegt irgendwo zwischen Algernon Cadwallader, den Pixies, Saves The Day und Beach Slang, aber in rotzig.


Clearer The Sky – „Held In Merciful Light“ (Wolf Town DIY u.a.) [Stream]
Da ist erstmal dieses instrumentale Intro, über das man weg muss, das dauert 3:38. Aber danach fängt man direkt an zu strahlen, wenn man auf emotive Hardcore steht, natürlich mit Elementen aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore. Nicht unbedingt neu, aber gut gemacht, zudem aus Schottland, was ja auch eher unüblich ist. Abwechslungsreich, schöne Instrumentierung, bei der jedes Instrument auch den eigenen Freiraum bekommt. Und ein keifender Sänger. Mir gefallen v.a. die ruhigeren Passagen, die etwas an Bands wie We Never Learned To Live erinnern. Dass die Jungs dieses Jahr auch schon wieder zehnjähriges Bandjubiläum feiern, das kann man zweifelsohne hören.


Dead Koys – „Wehringhausen“ (Antikörper ) [Stream]
Das, was die Band aus Dortmund hier abliefert, gefällt mir echt mal richtig gut. Die sechs Songs müssen dafür nicht mal ganz durchlaufen, bereits beim zweiten Song weiß ich, dass ich das hier total mag und die restlichen Songs garantiert auch in die gleiche Kerbe schlagen. Und wie zu erwarten war, ist das auch letztendlich so. Melodic Punkrock trifft auf 90’s Emocore, die Gitarren flirren und rotieren, während der Gesang zwischen Damien/As Friends Rust und dem Samiam-Sänger pendelt. Reinhören tut hier garantiert nicht weh!


Fossa – „Selftitled“ (DIY) [Free Download]
Ich zitiere mal aus der Mail, die dieser Download-only-Anfrage beigefügt war: Fossa kommen aus Portsmouth, UK und setzen sich aus einer Menge Mitglieder von in Portsmouth bekannten Bands zusammen. Weil die Jungs gern Zeugs wie pg.99 und American Football mögen, gehen die drei Songs plus Intro natürlich in eine ähnliche Richtung. Zwischen Emo, Screamo und Post-Hardcore entdeckt man dann immer wieder Sachen, die man irgendwie schon mal gehört hat, die aber trotzdem ganz nett sind. So erinnert mich der Gesang bei Under The Rose irgendwie an Damien von As Friends Rust, während die Chöre bei I’ll Set Sail an Bands wie I Love Your Lifestyle erinnern.


Idle Threat – „Grown Tired“ (DIY) [Stream]
Bandcamp rockt manchmal schon die Bude. Diese Band hier aus Nashville hätte ich niemals gefunden, wenn ich gezielt nach einer bestimmten Rock-Band aus Nashville gesucht hätte. Am Albumcover kann es nicht gelegen sein. Und wenn die Band den Song Ghost als Referenz gewählt hätte, dann hätte ich ruckzuck weitergezappt. Die oldschooler unter euch denken jetzt bestimmt aufgrund des Bandnamens an Bands wie Minor Threat und Teen Idles. Denkt schön weiter, Idle Threat könnten eher im Melodic Hardcore-Milieu Gehör finden.


Ingrina – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Was ist das für 1 Anfrage, um es mal ganz primitiv auszudrücken, harr harr. Die Band Ingrina aus Frankreich scheint nicht viel auf Marketing und Promogedöns zu geben. Zwei Zeilen reichen, um das erste 3-Song-Release schmackhaft zu machen. Die hab ich aber auch erst durchgelesen, nachdem ich den Audiolink ausgiebig angecheckt hatte. Die Franzosen gehen vorwiegend instrumental zur Sache, also auch eher wortkarg. Post-Hardcore, etwas Post-Rock ist ebenfalls mit von der Partie. Die Gitarren flirren schön, kommen auch ab und an düster und wummig, dennoch überwiegt der freundliche Grundton. Schade, dass der Gesang so in den Hintergrund gemischt wurde, mehr dominierender und deutlich herausstechender Gesang wär der Burner. Aber für’s erste Release ganz geil, reinhören ist Pflicht.


 

Kÿhl – „Drittweltstrauma“ (Tanz Auf Ruinen u.a.)

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich beim Bandcamp-Surfen auf dieses Release stieß, welches zur damaligen Zeit in Form eines Tapes beim Berliner Label Mustard Mustache erschien. Vielleicht erinnert ihr euch, Drittweltstrauma wurde bereits im Rahmen einer Bandsalatrunde angepriesen. Damals brachte ich beiläufig an, dass sich dieses Release auch hevorragend auf Vinyl machen würde. Nun, wer hätte gedacht, dass einige Wochen später die Songs doch noch auf Vinyl erscheinen und die Dresdner Band als Dankeschön für’s ursprünglich unaufgefordert geschriebene Review ein Exemplar auf den Postweg geschickt hat. Eine durchaus nette Geste, vielen Dank dafür! Und weil die Platte so gut ist, komm ich auch nicht drum rum, nochmals was dazu zu schreiben.

Nun, die 12inch sieht mit ihrer schwarz-weißen Siebdruck-Optik auf dieckem Natur-Karton wie ein klassisches DIY-Release aus, die beteiligten Labels unterstreichen diesen DIY-Charakter ebenfalls. Neben Tanz Auf Ruinen sind noch die Labels Dingleberry Records, Pure Heart Records, Trace In Maze, Arkan Records, My Name Is Jonas, Adorno Records und TKxPV am Release beteiligt. Das durchsichtig-grüne Vinyl ist mit Rauchschwaden durchzogen, was natürlich klasse aussieht. Im Plattenkarton findet sich neben den Texten ein mit einem hÿbschen linolschnittartigen Motiv bedrucktes Poster. Die deutschen Texte plus englische Übersetzung sind ebenfalls abgedruckt. Die Lyrics kommen mit Botschaft und Köpfchen daher, dabei werden Themen wie innere Zerrissenheit, Verzweiflung, gesellschaftliche Missstände oder Ausbeutung durch kapitalistisch orientierte Machtsysteme behandelt. Und spätestens im Song klitzekleinkariert läuft es einem im letzten Drittel des Songs unerwartet kalt den Rücken runter, wenn diese jazzig-geklimperten Gitarren mit Tonaufnahmen einer Pegida-Demo hinterlegt werden.

Dass diese Musik unbedingt auf Vinyl gehört werden sollte, muss man ja eigentlich nicht extra erwähnen. Die sechs Songs von Drittweltstrauma bewegen sich gekonnt düster zwischen Screamo/Skramz, Bremer Schule-Hardcore, Crust, Emoviolence und etwas Jazz-Gefrickel-Emocore. Fans von Zeugs wie Aussitot Mort, Kishote, Manku Kapak, Yage oder Jet Black sollten sich das Ding schnell mal sichern.

8/10

Bandcamp / Tanz Auf Ruinen


Bandsalat: Enola, Fabrik Fabrik, Grav Zahl, I Heart Sharks, La Luna, Vandalism, You Blew It, Zeit

enola-of-lifeEnola – „Of Life“ (Midsummer Records) [Stream]
Also, das Coverartwork finde ich persönlich schön, die gemalten Blumen und Knospen ziehen sich dann auch durchs Booklet, zudem passen diese Blümchen ganz gut zum Sound der Band aus Essen. Denn dieser kommt ebenso harmonisch rüber, die Mischung aus Pop-Punk und etwas Emo-Collegerock erinnert an eine Zeit um die Jahrtausendwende herum, als Bands wie Jimmy Eat World, Saves The Day oder Fall Out Boy versuchten, Richtung Charts zu schielen. Enola klingen jedoch auf ihrer ersten EP, die insgesamt sechs Songs beinhaltet, noch poppiger und weichgespülter, als die eben genannten Bands. Blümchenpunk? Für meinen Geschmack fehlt hier etwas der Biss, auch wenn es gut gemacht ist und die Gitarren an manchen Stellen tolle Melodien aus dem Ärmel zaubern.


Fabrik Fabrik – „Selftitled“ (Phantom Records) [Name Your Price Download]
Wenn man bereits nach 20 Sekunden des ersten Songs völlig irre auf den Name Your Price Download klickt und erstmal null eingibt, dann bereut man das bereits beim zweiten Song, weil man von der Musik so hingerissen ist, dass man sich eigentlich schämt, nichts beim „Vorbeigehen“ ins Kässchen geworfen zu haben. Fabrik Fabrik entdeckte ich neulich beim Bandcamp-Zappen. Verdammte Hacke, wie geil die Band aus Berlin doch ist! Und was sehen meine entzündeten Augen denn da, das Ding gibt es tatsächlich  auf Vinyl. Aber erstmal ein paar Details hierzu: Fabrik Fabrik sind verdammt verdammt geil geil. Davon überzeugen insgesamt neun Songs, die nicht nur durch das geniale Mastering der Tonmeisterei erstklassig klingen, sondern auch noch mit exzellentem Songwriting und ordentlich Power punkten können. Stellt euch eine Mischung aus roheren Fjørt und melodischeren Nervöus vor, addiert noch etwas Screamo á la Todd Anderson, dazu noch ’nen Hang zum Experimentieren und ein kräftig gehauener Bass, und ihr habt ungefähr das, was Fabrik Fabrik etwas aus dem Rest der Masse rausstechen lässt. Verdammte Scheisse, ziemlich geil das!


Grav Zahl – „schon/erst“ (DIY) [Name Your Price Download]
Es gibt ja noch diese andere Band, die sich wie die Vampir-Puppe Graf Zahl aus der Sesamstraße schreibt. Nun, diese Grav Zahl hier kommen aus Berlin und ohne den lieben Hinweis von Moritz/Rauschemusik wäre ich auf die Band nicht von alleine gestoßen. Grav Zahl machen emotive Screamo, der mich vom Vibe her an französischen oder italienischen Screamo erinnert. Berlin ist ja sehr international, da wundert es nicht, wenn in vier Songs auch vier Sprachen auftauchen (Deutsch, Englisch, Französisch, Englisch). Habt ihr den Fehler bemerkt? Haha. Mir gefällt jedenfalls, was die vier Typen da fabrizieren. V.a. die Gitarren wühlen auf, dazu beruhigt das Schlagzeug fast, während man in der Phantasie beim leidenden Gesang so ’nen Typen mit kaputten Jeans auf den Knien rumrutschen sieht. Schönes Coverartwork. Da bin ich gespannt, was von dieser Band in Zukunft noch zu hören sein wird.


iheartsharks_hideaway_cover1600pxI Heart Sharks – „Hideaway“ (AdP Records) [Video]
Also, das Cover hat schon etwas Faszinierendes. Das hab ich aber erst entdeckt, als ich meinen sechsjährigen Sohn dabei heimlich beobachtet habe, wie er die LP minutenlang in seinen Händen hielt und das Frontcover anstarrte. Man hörte buchstäblich die Rädchen im Gehirn rattern. Als er mich entdeckte und verlegen lächelte (er bekommt Ärger, wenn er Papas Platten in die schokoladenverschmierten Griffel nimmt), hatte er auch schon eine Frage gestellt, auf die ich keine Antwort hatte. Normalerweise improvisiert der allwissende Papa souverän, aber diesmal behielt ich meine Theorie lieber für mich. Na, warum haben die Leute da an dem Pool wohl alle durchsichtige Gesichter? Na, vielleicht hat sie ja der Hai rausgefressen? Die zweite Möglichkeit wäre das Foto im Keller des verrückten Serienmörders gewesen…FSK 12. Was Besseres wollte mir wirklich nicht einfallen, zu umnebelt waren meine Sinne von den Songs, die auf dieser Platte zu hören sind. Klar, es braucht ca. drei Durchläufe, bis man alles erfasst hat und die Lückenfüller ausgesiebt hat. Aber dann wird klar, dass I Heart Sharks einfach eine klasse Indie-Pop-Band sind, die zwar nah am 80er-Kitsch-Pop vorbeischreddern, aber dennoch anspruchsvoll sind. Gerade die A-Seite ist gespickt mit Ohrwürmern: Songs wie Walk At Night, Walls oder My Arms brachten zwar anfangs meine Liebste zum Lästern (ernsthaft, es fiel der Modern Talking-Vergleich), aber etliche Runden später kamen dann Bands wie Starfucker, Empire Of The Sun, Phoenix oder Wyoming ins Gespräch. Die B-Seite hat mit Lost Forever und Giving It Up zwei weitere Indiepop-Ohrwürmer am Start, die den mißglückten Ausflug zum Majorlabel wieder wettmachen. Manchmal ist es eben kein Fehler, sich zu seinen Wurzeln zu besinnen, denn dieses Album erscheint wie auch die im Frühjahr veröffentlichte Hey Kids 7inch wieder auf dem alten Label AdP Records. Man hört hier einfach heraus, dass die Band unverkrampft an die neuen Aufnahmen rangegangen ist. Und übrigens, mittlerweile ist das Trio zum Quartett angeschwollen.


La Luna – „Always Already“ (Middle Man Records) [Stream]
Shit, was ist das für 1 wuchtiges Release! Eigentlich wollte ich darüber schon eher berichten, aber der Schreibtisch ist halt immer mit physischen Releases gefüllt, die irgendwie Vorrang haben. Naja, von Zeit zu Zeit lass ich Schreibtisch Schreibtisch sein und schnappe mir interessante Releases, die es wert sind, gehört zu werden. La Luna gehören da ohne Zweifel dazu. Ohne das lesenswerte Interview bei den Kollegen von Form und Leere wäre mir die Band aus Toronto, Ontario wahrscheinlich durch die Lappen gegangen, deshalb 1000 Herzchen an Form und Leere <3. Und wahrscheinlich gähnt ihr jetzt eh alle, weil ihr das Ding schon lange in- und auswendig kennt (ist ja bereits seit Mai verfügbar). Und ganz ehrlich: dieser kurze Text hier sagt eh nullkommagarnix über dieses intensive Stück Musik aus. Unbeschreiblich gut: Skramz, emotive Screamo, Emo, Post-Hardcore, Powerviolence, alles was das Herz begehrt. Meine Lieblingsparts sind die Passagen mit den Spoken Words. Und alles danach. Aber hört selbst, falls ihr das eh nicht schon ausgiebig getan habt.


Vandalism – „Kings & Beggars“ (DIY) [Stream]
Ich lese ja höchst selten irgendwelche Band-Bios, die per copy & paste in die Anfrage-Mail kopiert wurden, aber wenn man bereits im ersten Satz erfährt, dass sich Vandalism irgendwo zwischen Propagandhi und Raised Fist zuhause fühlen, dann wird schon ein wenig die Neugier geweckt. Zudem erfährt man, dass Vandalism ohne Casting vor ca. 15 Jahren zusammengefunden haben, obwohl anno 2001 die Casting-Shows auf dem Höhepunkt angekommen waren. Ich finde mich da absolut wieder, in diesem Beschreibungstext: Proben, abhängen, Bier trinken, Krach machen, vielleicht noch peinliche Ansagen, die auf Tape mitgeschnitten wurden. Wie dem auch sei, mittlerweile sind die Jungs in den Dreißigern, haben teils selbst schon Nachwuchs und nehmen das, was sie heute machen schon etwas ernster. Dass die Jungs brennen, merkte ich auch daran, dass die selbstreleaste Digi-CD bereits zwei Tage später im Briefkasten steckte. Geil. Und ja, die Sache mit Raised Fist und Propagandhi trifft es eigentlich ganz gut. Man könnte auch noch Bands wie As Friends Rust, Strike Anywhere oder Abhinanda und Intensity zum Vergleich heranziehen. Mir gefallen v.a. die Gitarren, die schön schnittig und auch flott melodisch um die Ecke kommen. Der Schlagzeuger gibt alles (die Double-Bass-Einlage bei Getaway, boah), dazu bomben die Chöre alles weg. Und trotzdem merkt man der Mucke den Punkbackground an.  Vandalism haben definitiv ’ne geile Gang am Start, die live sicher überaus nett anzusehen ist.


You Blew It – „Abendrot“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Das reduziert wirkende Cover erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus rosa Katzenpfötchen und wärmeempfindlichem Yps-Gimmick. Moment mal, eine Katzenpfote hat nur vier Stempel, oder? Vielleicht ist das dann doch die Hand einer ertrinkenden Person, die nach einem schönen Abendrot-Sonnenuntergang nochmal baden gehen wollte und dann auf heimtückische Art und Weise zu Fischfutter geworden ist. Zur Mucke: zwölf Songs zwischen Emo und Indierock. Manchmal schön, manchmal unerträglich melancholisch, manchmal ziemlich abgekupfert. Aber das stört alles nicht, wenn man auf die langsameren Get Up Kids-Songs steht, Sunny Day Real Estate vergöttert und Jimmy Eat World schon kannte, bevor sie bei Malcolm mittendrin mit einer They Might Be Giants-Coverversion auf sich aufmerksam machten. Mir gefällt’s.


Zeit – „Monument“ (Dingleberry Records) [Stream]
Das Cover der letzten 12inch der italienischen Post-Hardcore/Metalcore-Band war ja schon monumental angehaucht, nun haben die Jungs auch noch eine EP am Start, die auf den schönen Namen Monument getauft wurde. Das Artwork wirkt auf der tonfarbigen Digi-CD ja bereits enorm, die Vinyl-Version sieht aber sicher noch genialer aus. Einseitig bespielt, Siebdruck auf der B-Seite. Nun gut, vier Songs sind hier zu hören. Brachial, chaotisch. Erinnert mich ein wenig an die Band Pestilence, v.a. gesangstechnisch, da der Sänger etwas nach Martin van Drunen klingt. They Run In Circles macht mich jedenfalls wahnsinnig, was für ein Hammersong. Und das nachfolgende Monument bruzzelt ebenfalls hammermäßig was weg. Wer auf chugga chugga Mosh und unterschwellige Gitarrenmelodien abfährt, sollte hier unbedingt mal reinhorchen.


 

Highlights des Jahres 2016

2016-best-of-2016Ups, schon wieder ein Jahr rum? Ja, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das erst mitbekommt, wenn draußen die ersten Silvester-Böller gezündet werden und schon die ersten Promi-Toten 2017 auf Facebook gepostet werden. Und das, obwohl einige meiner Schreiber-Kollegen und Kolleginnen bereits Ende November erste Best-Of-Listen unter die Leute ballern. Spätestens dann werde ich nervös und spiele mit dem Gedanken, dass ich dieses Jahr gar kein Best-Of mache. Aber irgendwie kitzelt es mich dann doch und ärgere ich mich wegen der Nichteinhaltung des guten Vorsatzes des aktuellen Jahres, ein paar liebgewonnene Platten schon während des Jahres auf eine Liste zu schreiben. An diesem Punkt angekommen, setzt meine Zwangsneurose ein: Sicher gibt es die ein oder andere tolle Platte, die mir durch die Lappen gegangen ist. Oder zu wenig gehört habe, um sie lieb zu gewinnen. Z.B. das tolle Touché Amore-Album, aber das führt ja eh jede Bestenliste an. Kann also unter den Tisch fallen? Genauso das durchaus gelungene American Football-Album, das ich auch noch besprechen wollte, aber nicht mehr dazu gekommen bin. Menschliches Versagen! Ganz zu schweigen von den zwischen-den-Jahren-Veröffentlichungen, die ebenfalls auf der Strecke bleiben. In der 2016-er Liste sind deshalb auch Sachen drin, die schon 2015 erschienen sind. So eine Best-Of-Liste ist eigentlich niemals vollständig, weil es da draußen eben so viel unentdeckte Releases gibt, die das Zeug zum Album des Jahres haben. Ja, das beste Album des Jahres könnte wirklich von ein paar Losern stammen, die ihr heute morgen im Bus oder in der U-Bahn vom Sitz gescheucht habt, um selbst einen Platz zu bekommen. Aber bevor ich euch jetzt mit blödem Zeug nerve, gibt es hier die wahrscheinlich unvollständigste Best-Of-Liste im gesamten Internetz. Ohne Touché Amore und American Football. Dafür aber mit dem ein oder anderen Release aus 2015.

Nun, dieses Jahres-End-Ding ist auch immer eine schöne Gelegenheit, um all den netten Menschen Danke zu sagen, die diese Seite hier durch ihre Unterstützung am Laufen halten. Mein unendlicher Dank geht an dieser Stelle natürlich in erster Linie raus an euch Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid wahnsinnig! Dicke Props natürlich auch an meine Schreiber-Kollegen und Kolleginnen. Und ja, 2016 hatte neben den vielen musikalischen Highlights auch genügend Scheiße im Gepäck. Wie schon die Cro-Mags einst treffend prophezeiten: World Peace Can’t Be Done. In diesem Sinne: Macht euch keine Sorgen, 2017 wird schon irgendwie laufen, wenn ihr nur lieb zueinander seid! Weiterlesen

lypurá – „á“ (Twisted Chords)

Die letzte Veröffentlichung von Twisted Chords, die ich so richtig abfeierte, war die Colored Moth 12inch, die ich witzigerweise nicht vom Label, sondern von der Band selbst zugeschickt bekommen habe. Lypurá aus Karlsruhe taten es ihren Labelkollegen gleich, zudem freute ich mich, als ich in der e-Mail-Anfrage nebenbei erfahren durfte, dass Schlagzeuger David treuer thisborderlinefuckup-Leser war und seit der Geburt von Crossed Letters nahezu täglich auf diesen Seiten hier vorbeischaut. Wow! Solches Feedback freut mich natürlich riesig. Und bevor ihr euch jetzt denkt, dass man mir hier nur genügend süßen Honig ums Maul schmieren muss, damit es eine gute Kritik gibt, dann muss ich euch enttäuschen. Ein Shirt (Größe L) oder ein bis zwei grüne Scheinchen solltet ihr eurem Tonträger schon beilegen, wenn ihr sicher sein wollt, dass keine Gemeinheiten oder sonstige Enthüllungen im Text zu lesen sein werden. Wenn die Musik aber so gut ist, wie im Fall lypurá, dann genügt auch ’ne schön besiebdruckte Stofftasche. Ha, endlich kann ich wieder stilsicher auf den Wochenmarkt zum Einkaufen gehen! Mit farbigem, kanarienvogelgelbem Vinyl macht ihr sicher auch nichts falsch. Und wenn dann noch ein Downloadcode und eine persönlich beschriebene Postkarte beigelegt ist, dann wird vielleicht sogar aus Höflichkeit eines der grünen Scheinchen zurückgeschickt.

Aber Spaß beiseite. Diese 12inch, die es neben dem oben erwähnten kanarienvogelgelben Vinyl auch in schwarz gibt, trifft mich auch ohne Gimmicks direkt ins Herz. Schon das Coverartwork spricht mich an. Früher, als es das Internet noch nicht gab und man keine Möglichkeit hatte, mal kurz reinzuhorchen, hätte ich mir das Ding alleine aufgrund der Optik gekauft. Die warmen Brauntöne, die Achterbahn, der schwarze runde Aufkleber…einfach genial. Die lesenswerten und teils sehr persönlichen Texte sind auf dicken Karton gedruckt, welcher sogar noch ein bisschen manuell angesprüht wurde und ohne zu knicken sehr schön und praktisch in der Hand liegt. Das liebe ich. In einer Hand lässig das Textblatt halten, ohne dass es knickt. Die andere Hand kann multitaskingmässig agieren und eine Bierflasche oder ein Marmeladebrot zum Mund führen.

Lypurá haben sich erst im Winter 2014 gegründet, so dass ein paar Monate später im Sommer ein erstes selbstreleastes Demo erschien. Von dieser Demo nahm ich leider ebensowenig Notiz wie von den früheren Bands der Jungs namens It All Takes Place und Huxleyam, lediglich Juvenalis war mir bisher unter die Ohren gekommen. Warum ich euch mit den Vorgänger-Bands behellige? Nun, die neun Songs hier drauf kitzeln enorm in der Nase und machen neugierig. Sie werfen Fragen auf: Kommt diese Band aus dem Nichts? Karlsruhe ist nicht weit, war die Band eventuell schonmal hier in der Gegend? Hab ich sie etwa verpasst? Scheiße, wenn ja, warum? Bin ich aus der Szene raus, weil ich nur noch mit dem Schreiben von Plattenkritiken beschäftigt bin und deshalb verdammt selten auf Konzerte gehe? Welche Szene? War ich überhaupt jemals Bestandteil dieser Szene? Wie kann ich denken, wenn all meine Gedanken verschwunden sind? Fragen über Fragen.

Bei all den Fragen weiß ich jedoch eines ziemlich sicher: Lypurá sind mir auf Anhieb sympathisch. Bereits nach dem ersten Durchlauf auf dem Plattenteller sind sie mir sehr ans Herz gewachsen, nach fünf Runden bin ich reglrecht süchtig. Die neun Songs sind zwischen Screamo, Post-Hardcore, Emo und chaotisch angehauchtem Skramz angesiedelt. Und sie ballern ohne Ende und sind obendrein äußerst melancholisch. Sehr cool! So macht emotive Hardcore richtig Laune. Da kommen Bands wie La Petite Mort, At The Drive-In, Algernon Cadwallader oder Thursday in den Sinn. Hört euch den Refrain bei Growing an, und ihr wisst, was ich meine. Vom Feeling her kommt das hier an die Zeit ran, als ich Bands wie Blue Water Boy, Tidal oder Secretos Del Corazon kennen und lieben lernte. Ach, was schwafel ich hier eigentlich groß rum? Ihr bestellt euch die Platte eh sofort, nachdem ihr auch nur die ersten Töne gehört habt.

9,5/10

Facebook / Bandcamp / Twisted Chords


Weak Wrists- „Selftitled 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Wie oft ich die Demoaufnahmen dieser genialen Band aus Asheville/North Carolina bis heute gehört habe, kann ich eigentlich gar nicht mehr zählen. Das Ding tauchte sogar in meiner 2014-er Best-Of-Liste auf (hier könnt ihr mein damaliges Review auf Borderline Fuckup lesen). Immer, wenn ich gerade drauf und dran war, an irgendwas meine aufgestaute Wut rauszulassen, drückte ich auf Play und war innerhalb von nicht mal zehn Minuten wieder der alte, gemütliche und ausgeglichene Typ, der ich eigentlich immer bin. Nun, ihr könnt euch denken, dass ich ziemlich aus dem Häuschen war, als ich das Debutalbum der vier Herren und der Dame am Mikro im Paket aus dem Hause Dingleberry Records entdeckte. Boah, wie geil! Ach so, neben Dingleberry Records sind an dem Release noch die Labels Halo of Flies, IFB, Rubaiyat  und Suspended Soul Records beteiligt.

Aber erst mal zum Albumartwork: das hier sieht aus, wie ein wunderbarer Ausblick aus einer Berghütte, die ziemlich heruntergekommen zu sein scheint. Schöner Kontrast. Mit ein paar Handgriffen könnte man so ’ne Hütte für reichlich Schotter an Touris vermieten. Auf der schimmligen Matratze würd ich jedenfalls nicht mehr pennen wollen. Diese versiffte Matratze weckt Erinnerungen an vergangene Tage, als ich selbst noch in einer Band spielte und wir in einem abgefuckten alten Haus einen Proberaum beherbergten. Eines Tages schleifte unser Bassist eine echt übel riechende und völlig ramponierte Matratze an, die er angeblich im Wald gefunden hatte. Wie krank ist das denn? Wenn ich’s mir heute so überlege muss ich zugeben, dass mein „Umgang“ nicht gerade der Beste war, haha. Abgesehen davon, dass dieses Proberaum-Loch kalt, stinkend und feucht war (wir hatten Rattenbefall) und kein normaler Mensch je auf die Idee gekommen wäre, auf einer intakten, frisch überzogenen Matratze dort zu übernachten, schlief unser Bassist nach jeder verdammten Probe auf diesem ekligen Ding seelig ruhig seinen Rausch aus. Mit klingeln in den Ohren, da wir immer verdammt laut zu proben pflegten. Aber bevor ich zu sehr abschweife, komm ich zurück zur Platte. In der Plattenhülle findet sich neben einem Download-Code ein Textblatt, so dass dem Plattengenuss nix mehr im Wege steht.

Und nun zur Mucke: Die ersten Töne zaubern mir direkt ein Lächeln ins Gesicht. Die Gitarren fetzen richtig geil los, der Schlagzeuger hackt die Bude klein, die Sängerin keift alles in Grund und Boden. Der schiere Irrsin. Aber was ist das? Nach ungefähr einer Minute kommt ein slow down, es wird ruhiger, der Bass tritt in den Vordergrund und ohne Vorwarnung dringt engelsgleicher Frauengesang an die Ohren des überraschten Hörers. Das hier gab’s bei den Demosongs noch nicht, aber wider erwarten kommt dieses neue Stilelement ganz gelegen. Bisher glaubte man, dass Janie Warstler wahrscheinlich brüllend und Gift und Galle spuckend durch den Alltag wandeln würde, aber überraschenderweise gibt es da noch eine andere, einfühlsamere  Seite. Und diese entschleuningenden Parts finden in den 13 Songs gar nicht mal so selten statt, selbst männliche Vocals versuchen sich am lieblichen Gesang. Ihr ahnt es schon, der Gesamtsound von Weak Wrists klingt mit diesem Album also noch intensiver als bisher. Und spätestens jetzt kommt das Kontrast-Motiv vom Cover wieder ins Spiel.

Vom Demo sind natürlich auch ein paar Songs neu aufgenommen worden, aber da muss ich gestehen, dass mir die Aufnahmen vom Demo echt besser gefallen. Nicht nur, weil ich die eben schon so oft gehört habe, eher weil die irgendwie die rohe Energie der Band richtig gut eingefangen haben. Trail Stained hört sich in der neuen Version zwar fett an, aber an die Demo-Version kommt das bei Weitem nicht ran. Sorry, das ging mir auch schon bei Ignite so. Wie geil waren die Aufnahmen vom Demo mit Joe Nelson am Gesang! Und hört euch mal die Band heutzutage an [Ohne Worte]. Naja, aber insgesamt feiere ich dieses Album trotzdem ab. Die Gitarre bei The Weight drückt Dich so dermaßen in die Knie, zentnerschwer! Wither hingegen macht Dich zuerst mit seinen wahnwitzigen Flirr-Gitarren flott, bevor Du von der sanften Engel-Stimme wieder beruhigt wirst und anschließend sogar ein ganzer Youth-Crew-Chor auf Dich einwirkt. Weak Wrists vermitteln mit ihrer Musik nicht nur Wut und Emotion. Nein, bei dieser Band spürt man den Drang, so nah wie möglich ans Feuer zu kommen, ohne zu verbrennen. Geile Scheibe!

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Drei Affen – „Selftitled 12inch“ (lifeisafunnything/Dingleberry Records u.a.)

Lange hab ich überlegt, ob der Bandname Drei Affen deshalb gewählt wurde, weil sich die Band aus drei Menschen zusammensetzt, oder ob zusätzlich eine tiefere Bedeutung dahinter steckt. Betrachtet man das von Rodrigo Almanegra entworfene Albumartwork  genauer – und das sollte man unbedingt tun, denn auch hier liefert der Künstler erstklassig ab – dann rätselt man zuerst, was diese drei Zeichnungen wohl darstellen mögen. Das in der Mitte ist zweifelsohne ein Ohr, Nummer 1 sieht aus wie ein Mund und Nummer 3 könnte ziemlich sicher ein Auge sein. Zusammen mit den drei Symbolen auf der Rückseite und dem Wissen, dass es ein japanisches Sprichwort gibt, das bildhaft für drei Affen steht und das übersetzt so viel bedeutet wie „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ schließt sich der Kreis. Moment mal: die Discharge-Platte „Hear Nothing, See Nothing, Say Nothing“  hab ich auch im Schrank stehen. Interessant wird es dann, wenn man den Begriff bei Wikipedia eingibt und dort erfährt, dass das Sprichwort in Japan eine andere Bedeutung als in der westlichen Welt hat. Während man in Japan die Worte im Zusammenhang benutzt, um über etwas schlechtes weise hinwegzusehen,  kommt die Redewendung  in Europa häufig zum Einsatz, wenn man schlechtes nicht wahr haben will. Aber bevor ich jetzt gnadenlosen Frontalunterricht mache, komme ich lieber mal zum Inhalt dieses wunderbaren Releases. Beim Auflegen der Platte musste ich mich sehr beherrschen, dass ich nicht vor rasender Begeisterung auf das herrlich aussehende und durchsichtige Vinyl sabberte, das ebenfalls mit einer Zeichnung von Rodrigo Almanegra besiebdruckt ist. Boah, alleine das hier ist den Besitz dieses Releases wert.

Die Latte an Labels, die diese Veröffentlichung ermöglicht hat, ist sehr lang. Und auch, wenn ihr diesen Part der Reviews immer schnell überfliegt (ich hoffe insgeheim, dass ihr wenigstens den Rest lest und nicht nur auf den Bandcamp-Link klickt), sollten diese Labels gebührend erwähnt werden. Die Arbeit, das Herzblut, die Liebe…hier steckt einfach alles und noch viel mehr davon drin. Das wird auch nochmals deutlich, wenn man die Thankslist auf dem Textblatt liest und weiß, dass der rote Faden noch weiter gespinnt wird, weil im Zuge dieser Veröffentlichung Zines darüber berichten werden, Leute Shows auf die Beine stellen usw…aber ihr kennt das Spiel ja. Die spanischen Texte plus englische Übersetzung liegen praktischerweise auch bei. Ups, jetzt schnell noch die Labels: lifeisafunnything (schon wieder fett ins Schwarze getroffen!), Dingleberry Records, Arkan, Blessed Hands, Discos Finu, Don’t Care, Hydrogen Man, Krimskramz, Pure Heart, Monte Calvario, Pifia, Rakkerpak, Rubaiyat, Screamore, Unlock Yourself, Voice Of The Unheard und Zegema Beach. Wow, alles klasse Labels, die ihr unbedingt anchecken solltet. Unterstützt das mal.

Oje, jetzt hab ich den Fehler gemacht, der mir bei Deutschaufsätzen in der Schule immer sehr schlechte Noten und ein Affentheater zuhause einbrachte. Erstmal ewig drauflosschwafeln und dann schauen, dass man noch zwei Sätze zum eigentlichen Thema aufs leere Blatt rotzt. Glücklicherweise ist es bei der Musik von Drei Affen genau anders, denn die fallen gleich mit der Tür ins Haus und zünden direkt beim ersten Song mehrere Pointen, und das mit einem Affenzahn. Und auch bei den nachfolgenden Songs werden keine Gefangenen gemacht. Voll intensiv permanent auf die zwölf, dazu sogar noch mit einer melancholischen und hochemotionalen Ader. Hab lange überlegt, wie man die Energie dieser Band in Worte fassen könnte, was eigentlich fast nicht möglich ist. Obwohl…es gibt da diesen neuen Ausdruck, der zum deutschen Jugendwort 2016 gekürt wurde und der soviel wie „besonders abgehen“ bedeuten soll. „Fly sein“ heißt der. Auch wenn es sich mir nicht erschließt, wie man das dann in einen Satz packen kann, versuch ich mich mal als jungebliebener Intellektueller in Pädagogen-Jugendsprache: Hey Alter, Drei Affen sind so fly!!! Pfff, zu meiner Zeit sagte man so altbackenes Zeug wie: Affenstark, wa? oder auch noch affengeil, hier würde das ja dann auch passen.

Zwei Mitglieder der Band aus Torrelavega/Spanien kennt man übrigens bereits von der Band Osoluna (Elsa und Eloy), deshalb dachte ich mir bereits vor dem Aufsetzen der Nadel, dass das hier bestimmt kein Schuss in den Ofen wird. Und wie bereits angedeutet, werden beim Hören des Sounds bestimmte Gehirnfelder besonders stimuliert, so dass man sich im Jungbrunnen wähnt und mit von der Presse ermittelten Jugendwörtern um sich wirft, obwohl man eigentlich nur high von der Musik ist. Was das Trio da für ein wuchtiges Brett fährt, ist einfach unglaublich. Grob kann man das zwischen Screamo, Crust, Post-Hardcore und Emo-Powergrind einordnen. Die Gitarren fetzen alles weg, dazu kommen immer wieder diese unterschwelligen Melodien hinzu, das leidende Geschrei von Bassistin und Sängerin Elsa geht ebenfalls durch Mark und Bein. Auf der einen Seite wird rasend schnell mit einem Affentempo nach vorne geknüppelt, dann kommen aber auch immer wieder langsamere Parts zum Zug, die Dich mit ihrer Schwere auf den Boden drücken und wie einen Gorilla auf die Brust klopfen lassen. Knapp 20 Minuten dauert das Feuerwerk mit Inferno-Wucht, danach fällt es leicht, den Plattenarm wieder an den Anfang zu setzen und bei einem weiteren Durchlauf der sechs Songs völlig auszuflippen.

10/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything / Dingleberry Records


 

Masada – „Selftitled“ (Dingleberry Records u.a.)

Das Albumcover find ich persönlich ja so genial wie einfach, dazu dieses knallige orange und das verloren wirkende Küken, das mit einem Beinchen den Schritt in die ungewisse Zukunft zu wagen scheint, in der es sowieso nur den bitteren Tod im Schredder finden wird. Na, was meint ihr wohl, was auf so einer Platte für Musik drauf sein könnte? Vielleicht ein schönes Frühlingskonzert heimischer Singvögel? Wohl kaum, aber da gibt’s wirklich ’nen riesigen Markt für! Ich weiß es aus Erfahrung: Schallplatten für natur-und vogelliebende Menschen bewundere ich von Zeit zu Zeit beim Durchstöbern von Flohmarkt-Vinyl-Kisten (neben Geräuscheplatten für Hörspiel-Macher findet man diese Art Schallplatten neben Heintje-Scheiben am Häufigsten).

Wie dem auch sei, das hier ist wieder mal eine Platte, bei der Musik und Coverartwork total im Kontrast stehen, denn Masada aus Erlangen klingen auf ihrer Debut 12inch ziemlich roh. Der Sound bewegt sich in erster Linie zwischen Screamo, Crust, schnellem Hardcore, Skramz und Punk. Wenn man die Anlage bis fast zum Anschlag aufgedreht hat, wähnt man sich sicherlich in keinem Vogelstimmen-Konzert. Nein, man fühlt sich eher wie der Zeichentrick-Kater Sylvester, der vom kleinen Küken Tweety mit ’nem überdimensional großen Vorschlaghammer einen wuchtigen Schlag auf die Rübe bekommen hat, so dass eine Vielzahl zwitschernder Vögelchen um die rosa pulsierende Beule schwirrt und die Äuglein mit etlichen roten Äderchen durchzogen sind.

Schon beim Opener uneindeutigkeiten wird es deutlich, dass die Erlanger Band seit ihrem 2014er Demo nochmals eine Schippe Dreck und Ausgereiftheit draufgelegt hat. Was für ein genialer Song, das Ding geht Dir nach ein paar Durchläufen durch Mark und Bein. Und auch der Rest (insgesamt sind es elf Songs) lässt nicht zu wünschen übrig. Die damaligen Demoaufnahmen hatten ja schon gezeigt, dass hier einiges an Potential drin steckt. Glücklicherweise wurden drei Songs vom Demo erneut eingespielt, in diesen neuen Versionen klingen die Stücke nochmals um einiges intensiver. Zum einen, weil die Abmischung um Längen tighter ist, zum anderen, weil das auf Vinyl einfach nur die totale Macht ist.

Bei Masada gefällt mir generell, dass nicht nur stur runtergeknüppelt wird, sondern dass sich auch immer wieder diese hochmelodischen Emocore-Parts in die Songs einschleichen und plötzlich die Grundstimmung von wütend nach vorne knüppelnd in emotional melancholisch umschwappt. Dieser Kontrast innerhalb eines Songs ist total spannend und kurzweilig, zudem klingt das alles so, als ob die Jungs den lieben langen Tag keiner Lohnarbeit nachgehen und nix anderes machen würden, als locker flockig ein Riff nach dem anderen runterzuzocken. Hört euch nur mal den Song Defeat an. Den kennt man zwar auch schon vom Demo, aber der zeigt ganz gut, wie vielseitig das Quartett klingen kann. Und wenn die Platte letztendlich mit diesen tollen Gitarren bei Repeat ausklingt, dann spricht absolut nichts dagegen, nochmals voller Freude die A-Seite aufzulegen.

Hmmm, das mit den Vergleichen fehlt noch. Vielleicht ist es hilfreich, diese Art von Musik Leuten zu empfehlen, die in ihrer Plattensammlung Bands wie Kishote, Battle Of Wolf 359 oder Ojne stehen haben und bei welchen man bei genauerem Stöbern auch Zeugs wie Queerfish, frühe Appleseed Cast oder Daitro findet. Zum Schluss verrate ich euch noch, dass ihr in der Plattenhülle einen schön bedruckten (mit den beteiligten Labels – Dingleberry Records, i.corrupt, ruined smile, Upwind, Rubaiyat, Don’t Care Recs), braunen DIN-A-5-Briefumschlag mit wunderschönem Inhalt finden werdet. Wenn ihr schon seit Ewigkeiten keine analoge Post mehr bekommen haben solltet, dann bestellt diese Platte und lasst euch vom Briefinhalt überraschen!

8/10

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