Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

Bandcamp / Dingleberry Records


 

moss rose / caton & ophélie / duct hearts / child meadow – „Split 12inch“

Hier haben wir mal wieder ein astreines DIY-Release, das obendrein auch noch richtig gut aussieht. Vier Bands, sieben Labels (time as a color, Dingleberry Records, Dreaming Gorilla Records, HC4LZS, Keep Hope Productions, Adornorecords und Friendly Otter). Das Artwork stammt von Yasmin Ensor, die auch Mitglied bei der Band Moss Rose ist. Die 12inch gibt es in zwei Ausführungen. Die einseitig bespielte 12inch ist in beiden Varianten auf der B-Seite mit einer hübschen Zeichnung besiebdruckt. Mein Besprechungsexemplar ist schwarz, es gibt jedoch auch hellbraun marmoriertes Vinyl. Der Siebdruck stammt übrigens von Blakk Meadow, einer kleinen Siebdruckwerkstatt aus Leipzig.

Den Auftakt machen Moss Rose aus dem Vereinigten Königreich. Die Band kannte ich bis dato nicht, bisher sind zwei EP’s erschienen, soweit ich das im Netz richtig recherchiert habe. Moss Rose beginnen das über fünfminütige Stück Drowning In Fire mit ruhigen Klängen, die wie durch einen Wattefilter etwas gedämpft klingen. Die Gitarren kommen gefühlvoll, dazu wird verzerrter Schreigesang und arhythmisches Getrommel beigesteuert. Das lässt eine schöne Atmosphäre entstehen, die sich fast hypnotisierend langsam steigert und nach ca. zwei Minuten in rasendes Chaos ausbricht. Hierbei sticht v.a. auch das Wechselgeschrei der zwei Bandmitglieder Yasmin und Shaun hervor. Das Stück ist jedenfalls ein richtiger Grower, der etwas Zeit braucht, bis er so richtig zündet! Sehr starker Auftakt! Wer mit einer Mischung aus Post-Hardcore, Blackened Screamo und Ambient klarkommt, sollte diese Band im Auge behalten. Moss Rose wird übrigens mit Portulakröschen übersetzt, das sind so nelkenartige bunte Blümchen, also ein zur Musik des Duos totaler Gegensatz.

Caton & Ophélie aus Kanada sind ebenso Neuland für mich. Bisher ist eine EP erschienen. Hinter dem Bandname steht auf der einen Seite Cato, der Widerstandskämpfer gegen Caesar, der den Freitod wählte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Auf der anderen Seite wurde mit Ophelia eine Figur aus Hamlet gewählt, die am Ende in völliger Verzweiflung in den Wahnsinn verfällt. Dieses psychologische Mischungsverhältnis spiegelt sich auch im emotionalen Sound des Quartetts wider. Beim Song A Safe Place Pt. 2 sticht zuerst die etwas raue und matschige Produktion hervor. Und trotzdem lassen sich aus dem Soundbrei einzelne Instrumente wahrnehmen, hierbei gefällt mir der Gegensatz der Gitarren, die auf der einen Seite schrammeln und auf der anderen Seite aber auch immer wieder unterschwellige Melodien einstreuen. Dazu passt natürlich der verzweifelte Schreigesang, der sehnsüchtige Text und der Schlagzeuger, der mit viel Crashbecken sein Drumkit zermamlt.

Dann folgt mit Duct Hearts aus München der erste Act, bei dem mir der gesamte Backgroundkatalog geläufig und lieb ist. Das Stück The Sun Downed. And So Did We. (Excerpt B) hätte sich vom Stil und Feeling her auch noch gut auf dem letztjährigen Debutalbum der Münchener gemacht. Größtenteils geht das Trio hier instrumental zur Sache, in den Linernotes erfährt man, dass es sich um einen Auszug aus einem größeren Song handelt, an welchem die Band immer noch arbeitet. Geboten wird hier ausgeklügelter Post-Rock mit emotionaler Tiefe. Die Gitarren schwirren durch die Lüfte und entwickeln diese besondere Atmosphäre, zwischen laut und leise dominiert hier v.a. die Melancholie. Und dass die Band auch intensiv explodieren kann, zeigt dieses Stück mal wieder mehr als deutlich. Hier ist pure Leidenschaft zu hören.

Child Meadow aus Frankreich sind ja auch längst keine Unbekannten mehr. Zur Zeit der Aufnahmen zum Song Anders war die Band noch ein Duo, mittlerweile sind die Jungs aber zum Sextett angewachsen. Jedenfalls stimmt auch bei diesem Song das Verhältnis von rauer Härte und gefühlvoller Schwere. Zwischen Emopunk und Screamo geht es auf der einen Seite ungestüm zur Sache, auf der anderen Seite verkörpern die melancholisch gespielten Gitarren so eine gewisse Zerbrechlichkeit, die natürlich noch von den von Selbstmitleid zerfressenen Lyrics unterstrichen wird. Dieses Release eignet sich jedenfalls für Fans und Neu-Entdecker gleichermaßen. Die einen bekommen das, was sie von den Bands zu schätzen wissen und die anderen haben die Chance, gleich vier Bands kennenzulernen. Ein gelungenes Split-Release, bei dem das Herz auf der richtigen Seite schlägt!

8/10

Bandcamp / Time As A Color


 

мятеж & Kelut – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Das hier sieht wieder mal nach einem astreinen DIY-Release aus: zwei Bands teilen sich ’ne Scheibe, eine der Bands ist mir schon ein paar mal auf diversen anderen Split-Scheiben untergekommen, die andere war mir bisher nicht bekannt. Dazu sind auf dem Backcover einige Logos von einschlägigen DIY-Qualitätslabels aufgedruckt, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records sind das Zegema Beach Records, IFB Records, Dead Tank, Dead Punx Records und Friendly Otter. Auf Front-und Backcover ist in schöner schwarz-weiß-Optik der Kontrast zwischen Industrialisierung (Zahnrad) und der modernen Zivilisation (Wolkenkratzer) dargestellt. Das lässt viel Spielraum für Interpretationen offen.

Jedenfalls bin ich ziemlich überrascht, als die ersten Klänge der A-Seite ertönen. Wie geil, ein auf das Label gestempeltes Herzchen markiert die A-Seite, die B-Seite ist logischerweise mit zwei Herzchen markiert. Nun, мятеж traten bisher sehr brachial auf, daher reibe ich erstmal ungläubig die Augen, nachdem die warmen Klänge des Intros meine Ohren streicheln. Sehr melancholisch drehen sich die Gitarren wie ein Mantra ins Gehör. Die spirituelle Yoga-Atmosphäre nimmt jedoch mit dem zweiten Song ein jähes Ende, denn hier wird gebolzt (Drum-Computer, fast Industrial-Style…Ministry lassen grüßen), was das Zeug hält. Dazu gesellt sich fieses Wutgeschrei. Plötzlich wird es wieder ruhiger, spoken words und gesampelte Vocalfetzen dringen aus dem Off an die Ohren. Irgendwie klingt das nach einer wunderbaren, apokalyptischen Soundlandschaft. Das hier gefällt mir um Längen besser, als das, was die Band bisher fabriziert hat. Auch das nachfolgende The Dark Ages 2.0 hat eine dichte Atmosphäre. Und im letzten Stück wird dieses chaotische Screamo-Geblaste mit Spoken Words und lieblichen Post-Rock-Klängen – sogar mit Piano – kombiniert, wow!

Bei Kelut wirken wohl Leute der Band Yusuke mit und laut Aussage vom Label wird das hier das einzige Output der Band aus Peoria/Illinois bleiben, aktuell ist den Jungs wohl ein Gitarrist abgekommen. Die sechs Jungs fabrizieren auf der B-Seite jedenfalls das absolute Screamo-Brett, jeder Song ist mit manischem Doppel-Dreifach-Geschrei ausgestattet. Die ellenlangen Songtitel in italienischer Sprache deuten bereits darauf hin, dass die Jungs nicht mehr alle Tassen im Schrank haben können. Krass chaotisch kreisen die Gitarren, neben den Highspeed-Passagen lockern aber immer wieder schön melodische Zwischenparts mit zauberhaften Gitarren die Sache etwas auf. Auf dem beiliegenden Textblatt ist zu erkennen, dass sowohl auf Englisch als auch auf Italienisch gebrüllt wird, eine Übersetzung der Italienischen Texte ist ebenfalls vorhanden, vorwiegend werden Themen wie Angst, die verkommene Gesellschaft oder persönliche Probleme behandelt. Solltet ihr auf Zeugs wie eben Yusuke, Saetia oder Orchid abfahren, dann werdet ihr das hier lieben!

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records


 

Cirrus minor​ & ​The Fourth Is Bearded – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Wieder mal zwei französische Bands, die mir absolut nichts sagen aber bereits seit einiger Zeit unterwegs sind. Liegt wahrscheinlich daran, dass beide Bands ohne Gesang auskommen. Bevor ihr jetzt abgeschreckt seid: die Musik beider Bands überzeugt auch ohne Gesang auf ganzer Linie, zudem ist das äußere Erscheinungsbild der 12inch vorzüglich anzusehen. Das Halfcut-Cover ist besiebdruckt, und zwar in Silber, so dass man sogar Glitzer an den Griffeln hat, wenn man das Ding aus der Schutz-Plastikhülle rausnimmt und dran schnuppern will. Aus dem Inneren flattert dann ein Downloadcode-Kärtchen und ein pinkes „Textblatt“ entgegen, auf welchem von beiden Bands in französischer Sprache abgedruckte Thankslisten zu lesen sind, zudem sind hier auch die beteiligten Labels aufgelistet: Dingleberry Records, Les disques du Hangar 221 und Emergence Records.

Die A-Seite  wird von dem Quintett Cirrus Minor in Beschlag genommen. Die Band stammt aus Evreux, einer kleineren französischen Stadt in der Normandie und bevor Cirrus Minor im Jahr 2013 das Licht der Welt erblickte, spielten die Mitglieder in Bands wie Scold For Wandering, As We Bleed, Alceste, No Junk Food und Mura Hachigu. Vielleicht klingelt es jetzt ja bei irgendwem, ich zumindest kenne außer Alceste und As We Bleed weder die anderen genannten Bands, noch ist mir Cirrus Minor jemals unter die Ohren gekommen. Die zwei Songs der Franzosen bringen es jedenfalls zusammen auf eine Spielzeit auf über zwanzig Minuten, so dass sich jeder Song bei einer Laufzeit von zehn Minuten einpendelt. Spätestens jetzt wird klar, dass wir es hier vermutlich mit einer instrumentalen Post-Rock/Post-Hardcore-Band zu tun haben. Und ja, in der Tat, außer ein paar gespenstischen Spoken Words-Einlagen gibt es auf dieser 12inch nur sehr gut abgemischte Instrumente zu hören, die sich zusammen teils mystisch, teils sphärisch, dann auch wieder hämmernd und explosiv anhören, so dass man sich wie ein zeitreisender Mensch fühlt, der verwundert die Klangwelten der verschiedenen Epochen entdeckt und sich dabei manchmal fürchtet, aber sich gleichzeitig auch wohl und geborgen fühlt. Flirrige Gitarren treffen auf verträumt gespielte Passagen, bis in einer wuchtigen Eruption auch mal runtergestimmte Gitarren und crashbeckenbetonte Drums die Post-Hardcore-Seite markieren. Das hier entfaltet erst auf Vinyl die ganze Macht!

The Fourth Is Bearded kommen aus Le Havre und wurden im Jahr 2011 gegründet. Mitglieder der Band spielten zuvor in Bands wie Taïga und  Liquid TV zudem sind einige Mitglieder auch noch bei Dog and Pony Show aktiv. Wie auch schon bei Cirrus Minor schwebt ein großes Fragezeichen über meiner Gehirnregion, die für die Speicherung von Bandnamen+Musik zuständig ist. Aber was solls. The Fourth Is Bearded scheinen trotz ihrer düsteren und traurigen Musik ziemlich lustige Typen zu sein, anders kann ich mir den Bandnamen nicht erklären. Stellt euch mal die ganzen französisch-sprachigen Leute an, die auf ein Konzert der Jungs gehen und dann von nichtsahnenden Dritten gefragt werden, wie denn nun die tolle Band da auf der Bühne heißt. Die bekommen nämlich mit Sicherheit ziemlich viel Feuchtigkeit ab, denn Lautstärke+Alkohol+die französische Aussprache des Bandnamens birgt die Gefahr eines Spucketröpfcheninfernos, haha. Nun, The Fourth Is Bearded dominieren die B-Seite mit nur einem einzigen Song, der aber knapp 15 Minuten auf den Plattenteller bringt. Das Stück beginnt sehr melancholisch, man wird regelrecht in den Bann gezogen. Ziemlich hypnotisch schraubt sich diese melancholische Stimmung hoch, bis sogar noch Schlagzeug und Bass mit einsetzen und das ganze gipfelt, indem überraschend plötzlich Gröhl-Vocals auftauchen, die sogar bis zum Ende des Songs erhalten bleiben. Auch wenn bei The Fourth Is Bearded Gesang dabei ist, gefallen mir bei diesem Release Cirrus Minor in Sachen Abwechslungsreichlichkeit ’ne Ecke besser.

Cirrus Minor Bandcamp [Stream] / The Fourth Is Bearded Bandcamp


 

Arrowhead & Forever Losing Sleep – „Split 12inch“ (lifeisafunnything)

Diese einseitig bespielte 12inch besticht erstmal mit einer saustarken Optik, außen wie innen. Das Artwork wurde von Arrowhead-Schlagzeuger Dylan Sylvester entworfen, die symbolträchtigen Quadrate mit den ausgekehlten Ecken auf dem Front-und Backcover und dem Textblatt laden jedenfalls zum Grübeln ein, wozu man während der 17minütigen musikalischen Reise noch ausgiebig Zeit haben wird. Aber es wird noch besser. Das Vinyl schimmert auf dem Plattenteller wie ein glattgeschliffener Türkis-Edelstein. Mein Exemplar zumindest, denn neben der türkisen Variante, die mit Rauchschwaden durchzogen ist, gibt es auch noch eine gelbe Version, ebenfalls mit Rauchschwaden. Von beiden Varianten existieren jeweils nur 100 Stück, haltet euch also ran.

Den Anfang machen Arrowhead aus Boston. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich über Arrowhead beim Bandcamp-Surfen stolperte und von ihrem Album A Collection Of What You’ve Lost derart begeistert war, dass ich nicht drum herum kam, ein paar Zeilen in einer der 2015-er Bandcamp-Runden zu schreiben. Kaum zu glauben, dass ich fast eineinhalb Jahre später von dieser Band einen Song auf Vinyl mein eigen nennen kann, noch dazu ein so schönes Exemplar und dann auch noch auf lifeisafunnything. Wahnsinn! Es ist zwar nur ein einziger Song, aber dieser ist die absolute Wucht. Thousand Palms, Sung And Reposed ist ein fast achtminütiges Monster. Was leise und etwas düster beginnt und zu Beginn so Gitarrengezirpe mit an Bord hat, wie man es bei dieser Schlussszenenmelodie in jeder Dexter-Folge hören kann, bricht erstmal nach etwas mehr als einer Minute unkontrolliert und mit wuchtigen, schleppenden Donnerschlägen aus, bevor es wieder ruhiger wird und man mit melancholischen und unterschwellig melodischen Gitarrenklängen etwas gezähmt wird. Dabei schreckt die Band auch nicht davor zurück, ein Vibraphon, ein Saxophon und ein Piano einzusetzen, was erstaunlich gut zum Sound der Bostoner passt. Und über allem dieser wahnsinnig leidend rausgeheulte Gesang. Ganz grob kann man diesen Song zwischen emotionsgeladenem Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock einordnen. Dass Bands wie z.B. I Hate Myself, Funeral Diner oder The Saddest Landscape dicke Spuren im Sound von Arrowhead hinterlassen haben, kann man jedenfalls deutlich hören. Erinnert an Bands wie We Never Learned To Live, Envy oder State Faults.

Forever Losing Sleep kommen aus New Jersey, mir waren sie bis jetzt nicht bekannt, obwohl auch schon ein Album veröffentlicht wurde und das Bandgründungsjahr auf der Facebook-Seite mit 2011 angegeben wird. Aber wie das bei lifeisafunnything-Releases so ist, trifft auch der neunminütige Song Woken By The Sun genau ins Schwarze. Forever Losing Sleep sind viel harmonischer als Arrowhead unterwegs, alleine der Gesang hat das Zeug dazu, ganze Gänsehaut-Autobahnen über Deinen Rücken zu jagen. Zusammen mit den spielerisch klingenden und durch die Luft flirrenden Gitarren und den bedächtig gespielten Drums klingt das dann so, als ob Du glücklich und schwerelos durch den Raum schweben könntest. Und trotzdem ist da die nötige Portion Dreck, die diesen Sound alles andere als harmlos macht. Dabei schwirren dann massig Bands im Kopf herum, die entfernt mit dem Sound des Quintetts in Verbindung gebracht werden können, der auch so grob zwischen den Stühlen Post-Hardcore, Emo und Post-Rock eingeordnet werden kann. Da sind auf der einen Seite so Jahrtausendwenden-Emo-Bands wie z.B. neuere Appleseed Cast, Juliana Theory, Thursday oder Lifestory Monologue und auf der anderen Seite so Post-Rock-Zeugs wie z.B. Mew oder Explosions In The Sky. Ich bin jedenfalls sehr angetan und bin gespannt, was man noch alles von dieser Band zu hören bekommt. Auch wenn die Bands gegenseitiger kaum sein könnten, funktioniert diese Scheibe als Einheit, als Kunstwerk. Kein Wunder, dass diese Platte eine richtige Herzensangelegenheit von lifeisafunnything-Betreiber Marcus ist. Sehr, sehr geil!

8.5/10

Bandcamp / lifeisafunnything


 

Don Karacho & Neat Mentals – „Split 12inch“ (Subzine Records)

Bock auf ’ne Punkrock-Party mit Filmriss? Na dann erzähl ich euch mal einen Schwank aus meinem Leben, der mir zwar etwas peinlich ist, aber eigentlich ganz gut zu dieser Split-LP passt, weil die Geschichte im direkten Zusammenhang mit dem Release steht. Nun, ihr kennt die Tage sicher selbst, an denen man aufgrund des schönen Wetters und diversen anderen Umständen die Kein-Bier-vor-Vier-Regel nach Überwindung des inneren Schweinehunds und mit etwas schlechtem Gewissen über Bord wirft und es sich in idyllischer Umgebung und bei sommerlichen Außentemperaturen mit einem kühlen (ähem…alkoholischen) Getränk bequem macht. Schließlich ist ja Wochenenede und Punks dürfen auch schon mal ein paar Regeln brechen, wobei die selbst auferlegten Regeln halt diese Gewissensbisse auslösen können, die aber bereits nach den ersten paar Schlucken abgehakt sind.

Die idyllische Kulisse war an diesem vorsommerlichen Nachmittag der schöne Bodensee und als Belohnung eines 30-minütigen Schwimmaufehnthalts im 15-18 Grad warmen Wasser war die Überwindung des innneren Schweinehunds ein Klacks. Noch während sich der äußerlich ausgekühlte Körper an der Sonne aufwärmte, wurde eine Art Balance geschafffen, indem auch das Körperinnere mit reichlich kühlem Nass versorgt wurde. Und da am Abend eine kleine Punkrock-Fete mit Don Karacho im heimatlichen Wohnort stattfinden sollte, bekam der Begriff Vorglühen endlich mal eine angemessene Bedeutung, denn in der prallen Sonne sollte man auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr achten. Also, von vorn. Die Vorgeschichte kennt ihr…bin ein wenig angeschickert und mit ein paar Bieren im Gepäck zum besagten Punkrock-Konzert gepilgert…während des Konzerts wurde natürlich kräftig weitergepichelt und viel Blödsinn gelabert, der Abend machte trotz Besucherflaute riesigen Spaß und am Ende bekam ich noch diese feine Split-12inch geschenkt, die ich -upsi- auf dem schwer zu bewältigenden Nachhauseweg irgendwie verloren habe, was ich aber erst am darauffolgenden Morgen mit Schrecken bemerkte. Filmriss. Nachdem ich die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt hatte und die letzten Stunden des Abends vergeblich abrufen wollte, machte ich mich in Hangover-Manier auf den Weg, um das gute Stück zu suchen. Schöne Katerbeschäftigung. Nachdem alle Ecken und Winkel ergebnislos abgesucht wurden, blieb noch eine letzte Möglichkeit. Die Alternativ-Route im letzten Drittel des Nachhausewegs, welche ich eher selten laufe. Aber nach diesem Abend war nicht auszuschließen, dass ich diesen Weg im Delirium gewählt hatte. Und siehe da, auf einem Mäuerchen am Wegesrand lag tatsächlich das gute Stück, das wahrscheinlich auf Grund menschlicher Bedürfnisse abgelegt und nach Verrichtung des Geschäfts vergessen wurde. Und obwohl es in der Nacht geregnet hatte, total unversehrt und bereits trocken. Das spricht für den Druck auf dem starken LP-Karton. Übrigens kommt die Scheibe mit einem Wende-Cover, so dass beide Bands ihr Artwork präsentieren können. Zuhause angekommen hab ich erstmal die Platte rausgefriemelt, dabei krabbelte zur Krönung des Ganzen eine Kellerassel mit raus, die sich über Nacht im Karton verkrochen hatte. Was für ’ne Punk-Story, könnte glatt erfunden sein.

Nun, fangen wir aber mal mit Don Karacho aus Ravensburg an. Laut Bandcamp-Info liefert das Trio snotty Mofapunk ab, mit Fuchsschwanz und Attitüde, dabei werden Eindrücke aus dem harten Leben als Halbstarker in der Kleinstadt verarbeitet. Dass mit einer gehörigen Portion Humor an die Sache rangegangen wird, zeigen alleine die Künstlernamen: Rita Ritalin, Kurbel Kickstarter und Asphalt Karacho. Die Band auf der Bühne oder auf dem Floor ist jedenfalls eine wahre Freude. Man sieht dem Trio live an, dass der Spaß riesengroß ist. Lächeln statt Hass, trotzdem wird geknüppelt und geschreddert, was das Zeug hält. Obwohl ab und an mal auf deutsch gesungen wird, erinnert das Ganze dann schwer an Ami-Punk-Zeugs aus den Achtzigern wie die ersten Sachen von den Beastie Boys gemischt mit Ignition, Minor Threat, American Standard oder den Couch Potatoes, aber immer mit einer melodischen aber dennoch trashigen Kante. Supergeil gefällt dann der knödelnde Punker-Bass, die Gitarren drehen auch schön schrammelig am Rad. Cool auch, dass der abgesiffte Nörgelgesang vom Sänger ab und an kreischende Unterstützung von der Bassistin bekommt und manchmal sogar beide gleichzeitig hektisch bis hysterisch auf die zwölf geben. Mit Songlängen um die anderthalb Minuten kann man eigentlich nix falsch machen, so dass für Langeweile gar keine Zeit bleibt. Die sieben Songs sind jedenfalls schnell durchgelaufen, als Anspieltipps eignen sich ADHD oder Fresst Sternenstaub ihr F****r!  Checkt das unbedingt mal an, ihr Punkers!

Neat Mentals aus Stuttgart sind dann mit sechs Songs am Start, die auch alle unter der 3-Minuten-Marke bleiben. Und das ist auch gut so, so wird auch aus dieser Seite der Split ein kurzweiliges Vergnügen. Geboten wird melodischer Punkrock der oldschooligen Sorte mit rotziger Kante und treffsicheren Chören, die live sicher für ordentliche Bierpfützen im Pit sorgen. Mich erinnert das grob ein wenig an frühe Turbonegro-Sachen, gerade die Gitarre-Bass-Fraktion, das treibende Schlagzeug und die mehrstimmigen Whohoho-Chöre. Der Mischmasch aus Garagepunk, Amipunk und etwas Schweinerock läuft mir ganz gut rein, schade dass ich die Band neulich bei der Record-Release-Party bei mir um die Ecke verpasst habe. Gerade das letzte Stück Alcoholic  geht sowas von ins Ohr. Die Jungs verstehen jedenfalls ihr Handwerk, für das die Mitglieder bereits reichlich an Erfahrung in Bands wie Sonic Träsh, Smalltown Rockets, Nakam und den Derby Dolls gesammelt haben, um mal ein paar wenige zu nennen.
Don Karacho Bandcamp / Neat Mentals Bandcamp


Témpàno & Eros + Massacre – „Split 12inch“ (lifeisafunnything)

Zum ersten Mal ins Schwärmen geraten bin ich direkt, als mir diese LP nach dem Öffnen des von lifeisafunnything versandten dicken Plattenpakets sofort ins Auge stach. Die Cover- und Backcovergestaltung trifft absolut meinen Geschmack und wenn man unter einem Vinylfetisch leidet, dürfte man beim Anblick des mahagonifarbenen Vinyls, das mit marmorierten Sprengseln aufgepeppt ist, direkt sabbernd ins Wachkoma fallen. Rein optisch gesehen schonmal gut gepunktet. Natürlich ist ein mit den Texten der beiden Bands bedrucktes Inlay und der obligatorische DL-Code mit dabei, zudem lassen sich die in spanisch verfassten Lyrics der Band Témpàno auch in der englischen Übersetzung nachlesen. Full Service! Das alles freut natürlich umso mehr, wenn auch die Musik passt, die mich beim Aufsetzen der Nadel ganz schön basslastig erwischt. Wenn ich meine antike Anlage voll aufdrehe, die seit den Achtzigern wie ein mit Amphetaminen aufgeputschter chinesischer Fabrikarbeiter keinerlei Schwäche zeigt, dann bricht ein regelrechtes Gewitter los. Klar, mein umtriebiger Sohn hat natürlich mal wieder an den Knöpfchen der Anlage gedreht, so dass eine Neujustierung notwendig wurde. Nachdem ich aber die Anlage wie gewohnt eingestellt hatte, konnte die Nadel nochmals in die Anfangsrille der Eros + Massacre -Seite gesetzt werden, das Gewitter tobt trotzdem weiter…

Also, zuallererst aber mal ein paar allgemeine Infos: beide Bands der Split kommen aus dem gebeutelten EU-Land Spanien. Neben lifeisafunnything erscheint das Release auch bei folgenden Labeln: Don’t Live Like Me, Boslevan Records, fxtxpx Records, Pure Heart Records, Upwind Productions, Dingleberry Records, Unlock Yourself, WOOAAARGH, Nostalgia Records, Pike Records, saltamarges, Unnamed, Nonorthzine. Na hoffentlich hab ich jetzt keines vergessen. Jedenfalls zeigt dies wieder deutlich, wie vielen Menschen dieses Release am Herzen liegt. Außer der marmorierten Mahagonischeibe gibt es auch noch rot-weiß marmoriertes und schwarzes Vinyl.

Ach ja, Eros + Massacre dürfen bei mir aufgrund der alphabetischen Rangfolge als erste ran, auch wenn auf Cover und Backcover Tempano zuerst aufgeführt sind. Von der ersten Sekunde an hat man das Bedürfnis, sich permanent auf die linke Brusthälfte zu klopfen, während man sich die Jeans in Kniehöhe durch intensives Knierutschen ordentlich zerlöchert hat. Auch wenn die Band sich selbst im Emoviolence verankert sieht, finde ich, dass die Schreie des Sängers gepaart mit den Drums ganz schön nah an manchen Blackmetal-Bands vorbeischrubbern, obwohl ganz klar die Basis im Screamo zu finden ist. Wenn ihr mir nicht glauben solltet, dann hört doch mal genau hin: Highspeed-Drums, krasses Gekeife, schrammelige Screamo-Gitarren und ein knarzender Bass. Unter den neun knackigen Songs befinden sich auch zwei Stücke mit spanischen Texten. Hier liegt aber leider keine englische Übersetzung bei, naja egal. Manchmal klingen die melodischen Momente in etwa so, als ob man eine Temperance- oder BlueSkiesBurning-Platte auf 45rpm laufen und den New Day Rising-Sänger dazu (ebenfalls 45 rpm) kreischen lassen würde. Zudem erinnern mich manche Passagen an die geniale Wiener HC-Band Hope Dies Last (falls irgendwer weiß, ob die Mitglieder dieser Band noch irgendwo aktiv sind, bitte dringend melden!). Eros + Massacre bolzen sich mit ihrem schmerzvollen und düsteren Screamo, der ganz unbemerkt etliche melodische Momente mit an Bord hat jedenfalls direkt in mein Herz.

Laut Presseinfo sollen die Jungs der Band Témpàno eher stille Typen sein, die ihre Songs live wohl sehr in sich gekehrt vortragen. Nun, beim Hören des Sounds der Band aus Torrelavega würde man so eine Schüchternheit eigentlich nicht vermuten, denn hier wird gekeift, geknüppelt, gemosht und gelitten. Témpàno kommen übrigens aus dem gleichen Örtchen wie die lifeisafunnything-Labelkollegen von OsoLuna. Und wie das so mit gleiche-Gegend-Bands ist, klingen die Bands aus bestimmten Gegenden irgendwie ähnlich. War schon immer so und wird sich wahrscheinlich auch durch das verdammte Internet niemals ändern. Bremer Schule, Hamburger Schule, New York HC, Cali-Punk, Norwegischer Blackmetal und eben Spanischer AnarchoCrustScreamoDüsterMetalPunkHC. Liege ich mit dieser gleiche-Gegend-Bands-Theorie falsch? Kann schon sein, denn internetbedingt gibt’s ja auch Bands, die sich an Hamburger Schule versuchen, obwohl sie aus Süddeutschland kommen. Andererseits kenne ich keine NYHC-Band, die sich Hamburger Schule auf die Fahnen geschrieben hätte. Aber bevor ich abschweife: Tempano gehen recht chaotisch und brachial zur Sache, neben großer Wut spürt man auch ziemlich viel Gefühl und Leidenschaft zwischen den Zeilen. Beim Gesang würde ich mir etwas mehr Abwechslung wünschen, das permanente Geschrei würde mir auf Albumlänge sonst irgendwann langweilig werden, aber bei einer 15-minütigen Spielzeit ist das gerade noch im grünen Bereich.

Bei der Punktebewertung tu ich mir bei Split-Veröffentlichungen ja besonders schwer. Da mir die Eros + Massacre-Seite um Längen besser gefällt, als Témpàno, mach ich einfach mal die Durchschnittspunktvergabe. Eros + Massacre streichen locker ’ne 8.5 ein, während Témpàno an ’ner aufgerundeten 7 rumschrauben. Macht rein rechnerisch eine 7.75, mathematisch gerundet gibt’s deshalb 8 Punkte. Also alles in allem eine runde Sache.

8/10

Témpàno Facebook / Témpàno Bandcamp / Eros + Massacre Facebook / Eros + Massacre Bandcamp / lifeisafunnything