Hell & Back – „B-Sides“ (Flying Penguin Records)

Dieses Jahr im April veranstalteten Hell & Back in ihrer Heimatstadt Stuttgart anlässlich ihres siebten Bandgeburtstags das Hellfest, dem ich leider nicht beiwohnen konnte. Netflix war nicht schuld, hab das nicht. Der Weg ist mir mittlerweile einfach zu weit. Lieber kommt der Berg zum Propheten, sag ich mir da. Naja, trotzdem war ich ein wenig geplättet, dass ich keine der extra für dieses Event auf dem bandeigenen Label releasten 7inches abgreifen konnte. Umso erfreulicher ist es natürlich für mich, dass die limitierte 100er Auflage noch nicht restlos vergriffen ist und mir zwecks Besprechung sogar ein Exemplar per Post zugespielt wurde. Slowlife funktioniert also irgendwie doch, welch Freude!

Und das Ding liegt richtig schwer in der Hand. Die 7inch ist mit einem dicken Falt-Karton in der stabilen PVC-Hülle jedenfalls gut verpackt, im Inneren finden sich dann die Texte und ein paar Infos zum Release. Diesmal stammt das Artwork nicht von Mara Piccione, Luka Grey Days hat die Illustration entworfen. Ob der beigelegte Schwarzmahler-Patch regulär zum Release gehört oder einfach nur augenzwinkernd zur Bestechung beigefügt wurde? Egal, das Ding sieht geil aus und wird natürlich irgendwo aufgenäht! Die Songs stammen übrigens aus verschiedenen Aufnahmesessions aus den Jahren 2016 und 2017, wurden aber allesamt von Jack Shirley/Atomic Garden gemastert.

Und während man beim Opener direkt Lifetime, Weston, Black Train Jack, Dag Nasty und Bad Religion im Ohr hat, findet man sich im kommenden Song unmittelbar in der eigenen missratenen Jugend wieder: Liebeslied! Eine Coverversion! Wahnsinn, die Toten Hosen! War schon ’ne geile Zeit damals! Der Song ist aus der Zeit, als die Toten Hosen hier bei mir um die Ecke in ’ner alten Bruchbude für uns Landjugend-Punks gespielt haben und der Eintritt gerade mal fünf Mark kostete. Bauernpogo in üblen Klamotten, echt gruselig! Wir sahen damals echt fieser als die Toten Hosen selbst aus, was ja auch keine unüberwindbare Leistung war. Naja, auch wenn man die Hosen über all die Jahre aus den Augen verloren hat und sich ab und zu fremdschämen musste – die Klamotten waren nur selten dafür verantwortlich-, so waren doch eigentlich alle Platten bis zur Horroshow echt Bombe. Opelgang, Damenwahl, Unter Falscher Flagge! Yeah! Der Song Liebeslied ist jedenfalls vom Text her immer noch zeitlos gut und zudem ist er gespickt von unheimlich vielen Erinnerungen (siehe oben). Obendrein merkt man, wieviel Spaß er der Band bereitet, inklusive dem kleinen Patzer an der Gitarre. Die Spielfreude und die Leidenschaft der Jungs spiegelt sich auch auf den eigenen Songs der B-Seite wieder. Gut, dass sich die Stuttgarter dazu entschlossen haben, diese Songs nicht auf irgendwelchen Bändern verstauben zu lassen. Ich könnte mich mal wieder total reinlegen und trete mir selbst kräftig in den Arsch, weil ich das Hellfest mal wieder völlig Slowlife-mäßig versäumt habe.

8/10

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Hell & Back – „Slowlife“ (Video)

Die Jungs von Hell & Back bescheren uns mit einem tollen neuen Video zum Song Slowlife, in dem tonnenweise Arbeit, Herzblut und ganz viel Liebe zum Detail drin steckt. Das drollige Ding erscheint gerade rechtzeitig, um noch ein paar unentschlossene Menschen vom Sofa zu locken, wenn die Stuttgarter Ende Oktober mit den Resolutions auf Tour gehen. Hier mal die Tourdaten:

27.10. Rorschach (CH) @ Treppenhaus
28.10. Wangen @ Tonne
29.10. Stuttgart @ Kap Tormentoso
30.10. Zürich (CH) @ Hafenkneipe


 

Hell & Back – „Slowlife“ (Fond Of Life)

Manchmal verliert man ja ein wenig den Bezug zu Zeit und Raum. Kaum zu glauben, dass die erste Demo-EP der Stuttgarter Punkband Hell & Back auch schon wieder sechs Jahre auf dem Buckel hat. Wahnsinn! Wahnsinn gerade auch, wenn man bedenkt, dass sechs Jahre eigentlich gar keine lange Zeit ist. Nun, in dieser Zeit ist trotzdem einiges passiert. Auf die erste Demo-EP folgte eine schicke 7inch, das vielseitig gelobte Debutalbum Heartattack und die wahnsinnig tolle Split 12inch mit Perfect Youth. All diese Releases trugen dazu bei, dass Hell & Back mittlerweile zu einer beachtlichen Größe in der heimischen Punk/Hardcore-Szene herangewachsen sind. Nach unzählig geilen Liveshows, von welchen ich selbst etliche besucht habe und jedes Mal begeistert war, erscheint nun also das zweite Album der sympathischen Jungs, die auch schon vor Bandgründung mit verschiedenen anderen Bands wie z.B. Comecloser oder Morethanever für reichlich Furore in der Szene sorgten.

Wie bereits auf den drei vorangegangenen Veröffentlichungen wurde erneut die von mir sehr geschätzte Künstlerin Mara Piccione fürs Coverartwork angeheuert. Diesmal ist das Artwork aber nicht so ganz durchschaubar und lässt reichlich Platz für Interpretationen. Das Farbenzusammenspiel und die Formen sehen aber trotzdem dufte aus. Überhaupt fällt auf, dass Mara Piccione in letzter Zeit häufiger mit Form und Farbkontrasten spielt. Vielleicht hat das Ganze auch einen Bezug auf den Albumtitel? Entschleunigung und Minimalismus sind ja auch beliebte Stilelemente in der Kunst. Aber wahrscheinlich verbirgt sich hinter dem Cover eine ganz andere Geschichte. Es könnte z.B. sein, dass Mara ihrer kleinen Tochter Schere, Kleb und Papier in die Hände gedrückt hat. Natürlich mit der Bitte, ein paar schöne Formen auszuschneiden. Haha, eher nicht! Schaut mal auf ihrer Seite vorbei, da werdet ihr so ziemlich geiles Zeug entdecken (eines ihrer Plakate hatte neulich sogar ’nen kurzen Auftritt in einem Tatort auf der ARD). Nachdem man die Texte und die Musik ausgiebig eingeatmet hat, grübelt man natürlich weiter über das Cover. Plötzlich schwirren auch abwegige Gedanken im Geiste herum. In den hintersten Gehirnregionen erinnere ich mich z.B. an eine Tier-Doku, in der mich ein schwarzer Drachenfisch mit scharfem Gebiss für den Rest meines Lebens daran hindern wird, in irgendwelchen trüben Gewässern ein Bad zu nehmen. SchniSchnaSchnappi!

Nun, das mir vorliegende Besprechungsexemplar wiegt zwar gegenüber der schwarzen 180g-Ausgabe nur leichte 140g, dafür punktet die durchsichtige Aperol-Sprizz-Vinyl-Optik. Oder ist das Rosé? Keine Ahnung, denn spätestens, wenn die Nadel aufsetzt, fischt man nervös das Textblatt heraus, um die intelligenten, gesellschafts- und kapitalismuskritischen Lyrics zu studieren, die mit viel Sarkasmus angereichert sind. Wir leben in verrückten Zeiten, Intoleranz, Hass und Gewalt sind so verbreitet wie noch nie, permanente Angst und Stress machen das Leben auch nicht unbedingt angenehmer. Deshalb: Entschleunigung, yeah! Genau das predige ich seit Jahren! Einfach mal die 5 gerade sein lassen, sich keinen Kopf um morgen machen. Ich muss heut nicht zur Arbeit, zum Skaten bin ich irgendwie auch zu faul. Mal wieder was lesen, das Smartphone ausschalten, Dinge machen, die Glück hervorrufen. Deinen Mitmenschen auf der Straße ein Lächeln schenken. Mal wieder die geile Weston anhören, Black Train Jack ebenso, Lifetime und Grey Area. Die verstaubte Gitarre durch einen kräftigen Pusteblumen-Puster vom Staub befreien. Einfach erstmal ohne Strom und Amp rumklimpern…und Minuten später einstöpseln und volle Pulle auftdrehen! Wenn das alle Leute dieser Erde machen würden, dann hätten wir sicher bessere Nachrichtensendungen mit weniger Hass und Gewalt. Und nicht zu vergessen: mit Hell & Back auf den Ohren breit grinsend durch die Fußgängerzone schlendern!

Wie dem auch sei, Hell & Back klingen anno 2017 noch besser, als sie es bisher schon getan haben. Die zwölf Songs zünden spätestens nach dem zweiten Durchlauf ein gigantisches Punkrock-Feuerwerk! Songs wie der Opener Treasure Chest, das mitdtempolastige Nailed It, das geniale Fiction & History oder das hymnenhafte Cringer stechen besonders hervor und auch der Rest des Albums ist catchy ohne Ende und lässt kein Auge trocken. Da wird im Pit sicher in Zukunft noch mehr Bier verschüttet! Die Gitarren fetzen hochmelodisch und verspielt, während die Drums treibend nach vorne gehen und der Bass munter knödelt, was das Zeug hält. Und darüber die unverkennbar hohe und kraftvolle Stimme von Sänger Vuki, die an manchen Stellen mit mehrstimmigen und hymnenartigen Bandchören unterstützt wird. Allerfeinste Sahne! Der Sound kommt absolut klar und druckvoll aus den Lautsprechern, jedes Instrument hat seine Daseinsberechtigung. Das Mastering hat diesmal Jack Shirley/Atomic Garden erledigt und wie ihr auf diesen Seiten schon öfters lesen konntet, hat er dies erneut mit Bravour gemeistert. Ich liebe den satten Sound, der trotzdem noch eine gesunde Portion Dreck drin hat. Hell & Back katapultieren sich mit diesem Album definitiv noch weiter an die Speerspitze der deutschen Punkszene. Slowlife ist ganz großes Kino! Und auch wenn man jeden Bissen 30 Mal kauen sollte, bevor man ihn runterschluckt: dieses Ding sollte man hastig und mit gierig starrenden Augen verschlingen, so dass man sich nach 3-4 mal Nachschöpfen richtig fertig auf dem Sofa ein Verdauungsschläfchen genehmigen kann.

9/10

Facebook / Bandcamp / Fond Of Life


 

Don Karacho & Neat Mentals – „Split 12inch“ (Subzine Records)

Bock auf ’ne Punkrock-Party mit Filmriss? Na dann erzähl ich euch mal einen Schwank aus meinem Leben, der mir zwar etwas peinlich ist, aber eigentlich ganz gut zu dieser Split-LP passt, weil die Geschichte im direkten Zusammenhang mit dem Release steht. Nun, ihr kennt die Tage sicher selbst, an denen man aufgrund des schönen Wetters und diversen anderen Umständen die Kein-Bier-vor-Vier-Regel nach Überwindung des inneren Schweinehunds und mit etwas schlechtem Gewissen über Bord wirft und es sich in idyllischer Umgebung und bei sommerlichen Außentemperaturen mit einem kühlen (ähem…alkoholischen) Getränk bequem macht. Schließlich ist ja Wochenenede und Punks dürfen auch schon mal ein paar Regeln brechen, wobei die selbst auferlegten Regeln halt diese Gewissensbisse auslösen können, die aber bereits nach den ersten paar Schlucken abgehakt sind.

Die idyllische Kulisse war an diesem vorsommerlichen Nachmittag der schöne Bodensee und als Belohnung eines 30-minütigen Schwimmaufehnthalts im 15-18 Grad warmen Wasser war die Überwindung des innneren Schweinehunds ein Klacks. Noch während sich der äußerlich ausgekühlte Körper an der Sonne aufwärmte, wurde eine Art Balance geschafffen, indem auch das Körperinnere mit reichlich kühlem Nass versorgt wurde. Und da am Abend eine kleine Punkrock-Fete mit Don Karacho im heimatlichen Wohnort stattfinden sollte, bekam der Begriff Vorglühen endlich mal eine angemessene Bedeutung, denn in der prallen Sonne sollte man auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr achten. Also, von vorn. Die Vorgeschichte kennt ihr…bin ein wenig angeschickert und mit ein paar Bieren im Gepäck zum besagten Punkrock-Konzert gepilgert…während des Konzerts wurde natürlich kräftig weitergepichelt und viel Blödsinn gelabert, der Abend machte trotz Besucherflaute riesigen Spaß und am Ende bekam ich noch diese feine Split-12inch geschenkt, die ich -upsi- auf dem schwer zu bewältigenden Nachhauseweg irgendwie verloren habe, was ich aber erst am darauffolgenden Morgen mit Schrecken bemerkte. Filmriss. Nachdem ich die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt hatte und die letzten Stunden des Abends vergeblich abrufen wollte, machte ich mich in Hangover-Manier auf den Weg, um das gute Stück zu suchen. Schöne Katerbeschäftigung. Nachdem alle Ecken und Winkel ergebnislos abgesucht wurden, blieb noch eine letzte Möglichkeit. Die Alternativ-Route im letzten Drittel des Nachhausewegs, welche ich eher selten laufe. Aber nach diesem Abend war nicht auszuschließen, dass ich diesen Weg im Delirium gewählt hatte. Und siehe da, auf einem Mäuerchen am Wegesrand lag tatsächlich das gute Stück, das wahrscheinlich auf Grund menschlicher Bedürfnisse abgelegt und nach Verrichtung des Geschäfts vergessen wurde. Und obwohl es in der Nacht geregnet hatte, total unversehrt und bereits trocken. Das spricht für den Druck auf dem starken LP-Karton. Übrigens kommt die Scheibe mit einem Wende-Cover, so dass beide Bands ihr Artwork präsentieren können. Zuhause angekommen hab ich erstmal die Platte rausgefriemelt, dabei krabbelte zur Krönung des Ganzen eine Kellerassel mit raus, die sich über Nacht im Karton verkrochen hatte. Was für ’ne Punk-Story, könnte glatt erfunden sein.

Nun, fangen wir aber mal mit Don Karacho aus Ravensburg an. Laut Bandcamp-Info liefert das Trio snotty Mofapunk ab, mit Fuchsschwanz und Attitüde, dabei werden Eindrücke aus dem harten Leben als Halbstarker in der Kleinstadt verarbeitet. Dass mit einer gehörigen Portion Humor an die Sache rangegangen wird, zeigen alleine die Künstlernamen: Rita Ritalin, Kurbel Kickstarter und Asphalt Karacho. Die Band auf der Bühne oder auf dem Floor ist jedenfalls eine wahre Freude. Man sieht dem Trio live an, dass der Spaß riesengroß ist. Lächeln statt Hass, trotzdem wird geknüppelt und geschreddert, was das Zeug hält. Obwohl ab und an mal auf deutsch gesungen wird, erinnert das Ganze dann schwer an Ami-Punk-Zeugs aus den Achtzigern wie die ersten Sachen von den Beastie Boys gemischt mit Ignition, Minor Threat, American Standard oder den Couch Potatoes, aber immer mit einer melodischen aber dennoch trashigen Kante. Supergeil gefällt dann der knödelnde Punker-Bass, die Gitarren drehen auch schön schrammelig am Rad. Cool auch, dass der abgesiffte Nörgelgesang vom Sänger ab und an kreischende Unterstützung von der Bassistin bekommt und manchmal sogar beide gleichzeitig hektisch bis hysterisch auf die zwölf geben. Mit Songlängen um die anderthalb Minuten kann man eigentlich nix falsch machen, so dass für Langeweile gar keine Zeit bleibt. Die sieben Songs sind jedenfalls schnell durchgelaufen, als Anspieltipps eignen sich ADHD oder Fresst Sternenstaub ihr F****r!  Checkt das unbedingt mal an, ihr Punkers!

Neat Mentals aus Stuttgart sind dann mit sechs Songs am Start, die auch alle unter der 3-Minuten-Marke bleiben. Und das ist auch gut so, so wird auch aus dieser Seite der Split ein kurzweiliges Vergnügen. Geboten wird melodischer Punkrock der oldschooligen Sorte mit rotziger Kante und treffsicheren Chören, die live sicher für ordentliche Bierpfützen im Pit sorgen. Mich erinnert das grob ein wenig an frühe Turbonegro-Sachen, gerade die Gitarre-Bass-Fraktion, das treibende Schlagzeug und die mehrstimmigen Whohoho-Chöre. Der Mischmasch aus Garagepunk, Amipunk und etwas Schweinerock läuft mir ganz gut rein, schade dass ich die Band neulich bei der Record-Release-Party bei mir um die Ecke verpasst habe. Gerade das letzte Stück Alcoholic  geht sowas von ins Ohr. Die Jungs verstehen jedenfalls ihr Handwerk, für das die Mitglieder bereits reichlich an Erfahrung in Bands wie Sonic Träsh, Smalltown Rockets, Nakam und den Derby Dolls gesammelt haben, um mal ein paar wenige zu nennen.
Don Karacho Bandcamp / Neat Mentals Bandcamp