They Sleep We Live & Piri Reis – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

So langsam erkenne ich von Weitem, wenn Rodrigo Almanegras Tuschefeder mal wieder dazu beigetragen hat, dass man ein schön bedrucktes Coverartwork vor sich hat. Nach ausgiebiger Betrachtung von Front- und Backcover versichere ich mich kurz und hole das aufklappbare Cover aus der Hülle…und ja, da steht’s geschrieben, mal wieder ein Volltreffer. Müsste ich das Kunstwerk auf dem Frontcover unter der Berücksichtigung des Backcovers interpretieren, dann würde mir als erstes das Sprichwort „frei wie ein Vogel“ in den Sinn kommen. Der Schlüssel, das Käfig, die zwei frei flatternden Vögel. Auch wenn das Sprichwort häufig eingesetzt wird, um das Gefühl „frei und unabhängig sein“ auszudrücken, hat das Adjektiv „vogelfrei“ auch eine andere Bedeutung. Wer früher als vogelfrei deklariert wurde, war rechtlos und geächtet und durfte sogar straflos umgebracht werden. Ob diese Doppeldeutigkeit eines Ausdrucks hinter dem Coverartwork steht? Könnte sein. Die andere Sache, die mir als zweites in den Sinn kam, ist die zeichnerische Darstellung des deutschen Volkslieds „Die Vogelhochzeit“, das von der Vermählung einer männlichen Drossel und einer weiblichen Amsel handelt. Die Drossel steht symbolisch für Piri Reis, die Amsel für They Sleep We Live. Oder andersrum. Je länger ich das Cover betrachte, umso mehr abgedrehteres Zeug fällt mir ein.

Also klatsche ich erstmal die 7inch auf den Plattenteller. Scheiße, die falsche Seite erwischt, denn das Ding ist wirklich nur einseitig gepresst. Verdammt, das bedeutet auch, dass es ziemlich kurz werden wird. Und gerade, weil man beide Bands schon kennt und weiß, dass in beiden Fällen optimal abgeliefert wird, ist man deshalb etwas angepisst. Aber hilft ja alles nix, also richtige Seite aufgeklatscht und Textblatt in die Pfoten. Entgegen der Erwartungen vom Cover (They Sleep We Live wurden ja eigentlich zuerst genannt), pfeffern Piri Reis mit ihrem pfiffigen und hochemotionalen Screamo direkt los. Scheiße, ist das geil! Das erste Stück Lend Me Your Life, Mine Is Kaput ist so schnell vorbei, wie es angefangen hat. Da hat man gar keine Zeit, sich drauf einzustellen. Könnte deshalb abkotzen, aber ich frage mich irgendwie gleichzeitig (gerade auch weil ich den Song geil finde), warum ich mich darüber künstlich aufrege. Schließlich ist der Songtitel ’ne ernst gemeinte Aussage. Aber wahrscheinlich ist es das fortgeschrittene Alter, das mich so rasend macht. Klar, als Kind empfand man die Schulferien unendlich lange, aber als Jugendlicher hatte man schon bei zweisekündigen Napalm Death Songs das Gefühl, dass man während des Hörens schon um Jahre gealtert ist. Mit dem anschließenden Song Meranduk Ke Laut, Merekah Ke Danau krieg ich dann doch noch mein Piri Reis-Erlebnis der Extraklasse. Die herzzerreißend leidenden Vocals der Sängerin, die melancholisch und hochemotional runtergezockten Gitarrenriffs und das lebendige Drumming, das alles kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Hört das an! Hoffentlich kann ich das irgendwann live sehen.

They Sleep We Live sind leider schon wieder Geschichte, dennoch freue ich mich wie ein Schneekönig über diesen letzten verbliebenen Song, der so intensiv und stürmisch an den Gehörknospen nagt und gleichzeitig zeigt, was wir in Zukunft von dieser Band noch zu hören bekommen hätten, wenn sie doch nur weitergemacht hätten! Naja, manchmal ist es halt so. Man kann ja froh sein, dass die Jungs wieder mit neuen und vielversprechenden Bands am Start sind und dieses letzte Vermächtnis auf Vinyl archiviert wurde. Der Song wischt jedenfalls in etwas knapp über zwei Minuten einmal komplett Deine Wohnung durch! Was für eine Intensität! Ich bin sprachlos. Die Linernotes tun ihr übriges, gerade auch deshalb, weil ich darin viele Parallelen zu bereits erlebten Zeiten Ende der Achtziger erkenne. Traurig, aber absolut wahr! Und diese Orgel, die passt da sehr gut rein, ist mal was anderes. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, Pike Records, Time As A Color, Koepfen, React With Protest, Don’t Care Records, Zegema Beach Records, Framecode Records. Dieses Scheibchen hat das Zeug zum zukünftigen Klassiker!

9,5/10

Bandcamp / Piri Reis / They Sleep We Live / Dingleberry Records


 

They Sleep We Live – „Escaping The Measures Of Time“ (Koepfen Records u.a.)

Immer wenn man gerade so ’nen kleinen Durchhänger hat, weil man mit Review-Anfragen zugeschüttet wird und deshalb kaum noch mit Reinhören hinterherkommt, klingelt es an der Haustür und die freundliche Postbotin überreicht ein Päckchen, dessen Inhalt sofort die Augen aufleuchten lässt. In diesem Fall ist das die erste 12inch der Bremener Screamo-Band They Sleep We Live, die schon auf der Split 7inch mit Vi som älskade varandra så mycket meine Neugier auf kommende Releases erweckte. Die Platte wurde mir von Koepfen Records zugeschickt, es sind aber auch noch die Labels Pike Records, Samegrey Records, Framecode Records, Dingleberry Records und Zegema Beach Records am Release beteiligt.

Nun, zuallererst sticht die optische Aufmachung der 12inch heraus, die ist nämlich der absolute Wahnsinn. Das Artwork im Lexika-Stil stammt von Rodrigo Almanegra, der auf diesen Seiten schon wiederholt lobend erwähnt wurde. Die gezeichneten Uhren stammen alle aus verschiedenen Epochen, zusammen mit dem EP-Titel bietet dieses Motiv natürlich ausreichend Spielraum für Interpretationen. Noch geiler wird es, nachdem man das einseitig bespielte, durchsichtige und auf der B-Seite mit einem wundervollen Siebdruck verzierte Vinyl auf dem Plattenteller bestaunen kann und die Nadel mit zittrigen Händen an den Beginn gesetzt hat. Der erste Song wird mit dem Ticken einer Uhr eingeleitet und erinnert zu Beginn ganz weit entfernt an die Anfangssequenz des Songs Hier kommt Alex von den Toten Hosen. Aber das war’s auch schon mit den Toten Hosen, denn sobald Keyboard/Orgel-artige Sounds ertönen und die flächigen Gitarren einsetzen, gipfelt der Song in einer hypnotisch wirkenden atmosphärischen Soundwand, die von rasend schnellen Blackmetal-Getrommel begleitet wird. Nach diesem wahnsinnig geilen Intro-Feuerwerk gleitet der Song ins Midtempo, allein diese schrammelige Gitarre zu Beginn zaubert eine zentimeterhohe Gänsehaut in den Nacken. Dann kommt noch Nicos unverkennbare Stimme dazu, die anklagend und wütend, aber auch melancholisch und traurig zugleich  über allem schwebt. Emotive Screamo at its best. Und auch die nachfolgenden drei Songs zeigen, wie gekonnt sich die drei Bremener zwischen Screamo, Punk, Emoviolence, Post-Hardcore, Post-Metal, Post-Rock, Emocore und Blackmetal bewegen und diese Melange durch ihre schiere Spielfreude und massig Herzblut zu einem eigenständigen Gebräu werden lassen, dem es weder an Intensität noch an langweiligen Songarrangements mangelt. Verdammt intensiv wird es dann, wenn die Band ’nen Gang zurückschaltet und im Midtempo ankommt und diese unterschwelligen Melodien den Raum füllen, wie z.B. im letzten Drittel des Songs Equilibrium oder beim Song Escaping The Measures Of Time, bei dem obendrein noch Spoken Words für eine weitere Gänsehaut sorgen. Und zwischen den Songs immer die tickende Uhr, die daran erinnert, dass man bald schon wieder die Nadel an den Anfang setzen sollte, denn nach vier Songs und knapp zwanzig Minuten ist die Zeit auch schon wieder abgelaufen. Apropos tickende Uhr: dieser Text lag mal wieder ein paar Wochen in der Pipeline, bevor er endlich online gehen sollte, so dass diese Zeile, die ihr jetzt zu lesen bekommt, noch nachträglich eingefügt wurde. Genau an dieser Stelle, weil es eben so gut passt, denn wir wären mal wieder bei der tickenden Uhr des Lebens angekommen: They Sleep We Live haben zu meinem großen Bedauern Anfang letzter Woche ihre Auflösung bekannt gegeben. Was für ein Schlamassel.

Naja, wie dem auch sei…was mir neben Musik und Artwork auch noch ziemlich gefällt, sind die im Textblatt abgedruckten linernotes zu den einzelnen Songs, die deutlich Stellung beziehen. Ich habe das Gefühl, dass solche klaren Aussagen in den letzten Jahren leider immer seltener geworden sind. Neben intelligenten gesellschaftskritischen Texten gegen Ausbeutung und Unterdrückung werden auch persönliche Themen wie Verlust behandelt, zudem gefällt mir der kritische Blick auf die DIY-HC/Punk-Szene und das Hinterfragen besorgniserregender Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Hoffen wir mal, dass die Menschen von They Sleep We Live alle neue Bands starten und ihre Message plus Herzblut dadurch vervierfacht wird, oder so…

9/10

Facebook / Bandcamp / Koepfen Records


Highlights des Jahres 2016

2016-best-of-2016Ups, schon wieder ein Jahr rum? Ja, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die das erst mitbekommt, wenn draußen die ersten Silvester-Böller gezündet werden und schon die ersten Promi-Toten 2017 auf Facebook gepostet werden. Und das, obwohl einige meiner Schreiber-Kollegen und Kolleginnen bereits Ende November erste Best-Of-Listen unter die Leute ballern. Spätestens dann werde ich nervös und spiele mit dem Gedanken, dass ich dieses Jahr gar kein Best-Of mache. Aber irgendwie kitzelt es mich dann doch und ärgere ich mich wegen der Nichteinhaltung des guten Vorsatzes des aktuellen Jahres, ein paar liebgewonnene Platten schon während des Jahres auf eine Liste zu schreiben. An diesem Punkt angekommen, setzt meine Zwangsneurose ein: Sicher gibt es die ein oder andere tolle Platte, die mir durch die Lappen gegangen ist. Oder zu wenig gehört habe, um sie lieb zu gewinnen. Z.B. das tolle Touché Amore-Album, aber das führt ja eh jede Bestenliste an. Kann also unter den Tisch fallen? Genauso das durchaus gelungene American Football-Album, das ich auch noch besprechen wollte, aber nicht mehr dazu gekommen bin. Menschliches Versagen! Ganz zu schweigen von den zwischen-den-Jahren-Veröffentlichungen, die ebenfalls auf der Strecke bleiben. In der 2016-er Liste sind deshalb auch Sachen drin, die schon 2015 erschienen sind. So eine Best-Of-Liste ist eigentlich niemals vollständig, weil es da draußen eben so viel unentdeckte Releases gibt, die das Zeug zum Album des Jahres haben. Ja, das beste Album des Jahres könnte wirklich von ein paar Losern stammen, die ihr heute morgen im Bus oder in der U-Bahn vom Sitz gescheucht habt, um selbst einen Platz zu bekommen. Aber bevor ich euch jetzt mit blödem Zeug nerve, gibt es hier die wahrscheinlich unvollständigste Best-Of-Liste im gesamten Internetz. Ohne Touché Amore und American Football. Dafür aber mit dem ein oder anderen Release aus 2015.

Nun, dieses Jahres-End-Ding ist auch immer eine schöne Gelegenheit, um all den netten Menschen Danke zu sagen, die diese Seite hier durch ihre Unterstützung am Laufen halten. Mein unendlicher Dank geht an dieser Stelle natürlich in erster Linie raus an euch Leserinnen und Leser. Tausend Küsse auch an alle Labels, die Bands und die Promo-Menschen, die Vinyl, CD’s, Tapes, Zines, Shirts, Digital-Downloads & sonstiges abgefahrenes Zeugs rumgeschickt haben. Ihr seid wahnsinnig! Dicke Props natürlich auch an meine Schreiber-Kollegen und Kolleginnen. Und ja, 2016 hatte neben den vielen musikalischen Highlights auch genügend Scheiße im Gepäck. Wie schon die Cro-Mags einst treffend prophezeiten: World Peace Can’t Be Done. In diesem Sinne: Macht euch keine Sorgen, 2017 wird schon irgendwie laufen, wenn ihr nur lieb zueinander seid! Weiterlesen

Vi Som Älskade Varandra Så Mycket & They Sleep We Live – „Split 7inch“ (Miss The Stars Records/Dingleberry Records u.a.)

Obwohl das Cover sehr einfach und lo-fi gestaltet ist, ist dieses Scheibchen ein kleiner Blickfang. Gatefoldcover findet man bei 7inches eher selten, dazu gefällt die einheitliche, dreifarbige Optik, die sich auch beim Vinyl selbst fortsetzt. Selbiges kommt nämlich edel orangefarben, die schwarzen Labels dazu und die schwarze Innenhülle bilden einen schönen Kontrast dazu. Das Release ist eine Zusammenarbeit von insgesamt sechs Labels, darunter Miss The Stars Records, Dingleberry Records, Pike Records, Tief In Marcellos Schuld, Zegema Beach Records und Blood Of The Young, natürlich liegt ein Download-Code bei und die Texte können im Innencover nachgelesen werden.

Auf der A-Seite legt die schwedische Band Vi Som Älskade Varandra Så Mycket mit ihrem mystisch angehauchten Screamo gewohnt intensiv los, so dass es einem die Tränen in die Augen treibt. In fast sechs Minuten Spielzeit zeigt die Band mit dem komplizierten Namen, der soviel wie wir liebten einander so sehr  bedeutet, warum sie momentan zur Speerspitze der europäischen Screamo-Szene gehört. Die Jungs legen innerhalb dieser kurzen Spielzeit ihr innerstes Seelenleben offen, da bleibt wirklich kein Auge trocken. Dieser unglaubliche Part beim Opener Alla vägar leder både bort och hem  bei ca. 1:15 demonstriert die ganze Macht dieser Band. Die Gitarren kommen teilweise so gefühlvoll und verträumt daher, nur um im nächsten Moment sphärisch dicht zu flirren, dazu der gegenspielende Bass, das intensive Getrommel und natürlich die genialen Vocals, die zwischen Verzweiflung, Wut und Resignation so ziemlich alle Gefühle ausdrücken können. Nicht von dieser Welt. Wahnsinn. Und viel zu schnell vorbei, so dass man wie in Trance den Tonarm des Plattenspielers wieder an den Anfang setzt.

Aber es gibt ja noch eine B-Seite, die es ebenfalls in sich hat. Hier tritt nämlich erstmalig die deutsche Band They Sleep We Live releasetechnisch in Erscheinung. And The Curtain Falls ist ein 6½-minütiger Batzen voller Atmosphäre. Sehr professionell für eine Debutaufnahme, die in Eigenregie aufgenommen wurde. Klar, dass hier Leute mit am Start sind, die schon einiges in der deutschen DIY- und Punkszene gestemmt haben. Sänger Nico z.B. war zuvor bei Manku Kapak aktiv, zudem singt er auch noch bei Fljora. Ich liebe seine Stimme, die so zerbrechlich rüberkommt. Aber von vorne: nach einem gespenstischen Intro (ist das eine Kirchenorgel im Hintergrund?) geht es direkt mit wild gespielten Blackmetal-Drums zur Sache, dazu die Schreistimme, die immer kurz vor’m Überschlag steht. Und dann fährt die Band plötzlich einen ruhigen Kurs, baut bedächtige Töne ein, erzeugt Spannung, die sich eruptionsartig in einer erneuten Blackmetal-Orgie entlädt, bevor ganz leise ein atmosphärischer und dichter Part für Gänsehaut sorgt. Man darf gespannt sein, was man von dieser Band noch so zu hören bekommt. Superschönes Release jedenfalls!

9/10

[Name Your Price Download] / Miss The Stars Records / Dingleberry Records