Midsummer Records-Special: December Youth, Noir Reva, Rivers & Tides, Tides!

December Youth – „How Are You“ (Midsummer Records)
Alles neu bei December Youth: Zwei der ursprünglichen Mitglieder wurden ausgetauscht (Sänger und Schlagzeuger), dazu erfolgte ein Umzug von Düsseldorf nach Essen. Dass gerade ein Sängerwechsel auch mit musikalischen Veränderungen verbunden ist, das lässt sich eigentlich mehr als erahnen. Nicht, dass December Youth auf ihrem zweiten Album komplett anders klingen würden, wie noch auf dem 2016er Debutalbum, aber die Veränderung lässt sich trotzdem irgendwie spüren. Der Sound des Quintetts klingt weit ausgereifter als noch auf dem Debut, was v.a. daran liegt, dass December Youth den dargebotenen Post-Hardcore-Sound geschickt mit Elementen aus Grunge, Emorock, Post-Rock und poppigen Gitarrenmelodien angereichert haben. Und auch beim Gesang wurde mehr auf Abwechslung gesetzt: auf der einen Seite wird leidend gescreamt, zudem kommen auch immer wieder melodisch und clean gesungene Vocals zum Einsatz. In beiden Varianten schwingt sehr viel Melancholie mit, was durch die gefühlvoll gezockten Gitarren und den gegenspielenden Bass noch unterstrichen wird. Und auch in den sehr persönlichen Texten finden sich nachdenklich machende Inhalte. Dass hinter dem Albumtitel kein Fragezeichen steht, hat wohl tiefere Gründe, wie man im beiliegenden Textblatt nachlesen kann. So wird die eigentliche Frage nach dem Wohlbefinden selten aus wahrem Interesse heraus gestellt sondern eher als Floskel benutzt und dementsprechend ungenau fällt auch die Antwort der befragten Person aus. Passend zum Thema wurde wahrscheinlich auch das Coverartwork entworfen. Es zeigt einen bedrohlichen Felsbrocken, der symbolisch wie die seelische Last über einer aufs Meer blickenden Person schwebt. Durchaus ein ernstes Thema, gerade auch in Bezug auf mentale Gesundheit. Jedenfalls schaffen es December Youth in vierzig Minuten Spielzeit und insgesamt zehn Songs, mich total in den Bann zu ziehen. Songs wie das sagenhaft verträumte Pixie Dust, das eindringliche Rain, das mantraartige Sway oder das flirrende Vergissmeinnicht muss man einfach ins Herz schließen! Teilweise erinnert der Sound an Bands wie Thursday oder Touché Amore, dann kommen aber auch Sachen wie Citizen, Basement oder Balance And Composure in den Sinn. Das Album dreht jedenfalls schon einige Zeit seine Runden auf dem Teller und es werden in Zukunft noch etliche folgen, zudem schimmert das Vinyl in silber/grau so schön, wenn das Licht drauf fällt, vermutlich ist das bei der purple marbled-Version ebenso. Jedenfalls ein tolles Album!

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


Noir Reva – „Continuance“ (Midsummer Records)
Schon das 2016er-Debut der Band Noir Reva aus Koblenz stieß bei mir seinerzeit auf helle Ohren, obwohl instrumentaler Post-Rock normalerweise nicht so zu meinen musikalischen Vorlieben zählt. Und auch der Nachfolger Continuance führt das konsequent und konstant fort, was mir schon auf dem Debut so gut gefiel. In einer Spielzeit von vierzig Minuten umwickelt das Quartett die Hörer*innen mit einem Konstrukt aus mächtigen Songstrukturen und atmosphärischen Klangfeldern. Das sichtbeschränkte Motiv auf dem Cover der 12inch will zum vielschichtigen Kosmos des Sounds eher nicht so recht passen, denn taucht man in die Musik der Koblenzer ein, dann eröffnet sich ein weitsichtiger Rundumblick in eine geheimnisvolle Sagenwelt. Sobald die Nadel in das in meinem Fall blau schimmernde und mit ein paar Rauchschwaden durchzogene Vinyl eintaucht, empfiehlt es sich, sich voll und ganz auf die Musik einzulassen. Bei mir gelingt das tatsächlich am Besten mit Kopfhörern. Dadurch saugt man jeden noch so winzigen Ton ein, den man womöglich sonst gar nie wahrgenommen hätte, in sich auf. Und von diesen unscheinbaren winzigen Tönen entdeckt man bei jedem weiteren Durchlauf noch weitere. Von ihnen geht eine unglaubliche Intimität und Wärme aus, dazu sorgt die glasklare Produktion für manches Staunen. Flirrende Tremolo-Gitarren schwirren wie Schmetterlinge durch die Lüfte, die Töne umkreisen Dich von allen Seiten, so dass man sich in manchen Momenten wie jemand fühlt, der drei Ohren hat. Im Vergleich zum Debut meine ich, dass Noir Reva ihrem Sound noch einiges an Elektronik-Spielereien hinzugefügt haben. Wieviel Zeit und Arbeit wohl in dem Ding steckt? Sicher ist, dass die Musik mit viel Herzblut, Leidenschaft und Spielfreude ausgestattet ist. Ein ausgeklügeltes Soundspektrum zwischen laut und leise baut sich schichtweise auf, die Instrumente scheinen sich ineinander zu verweben, gerade die beiden Gitarren lassen immer neue Gitarrenmelodien entstehen. Schlagzeug und Bass gehen dynamisch zur Sache, begleiten die Schmetterlingsgitarren wie kleine Marienkäfer im Windschatten und sorgen an den lauten Stellen für reichlich Druck. Dass es dabei auch mal etwas galoppierender zugehen kann, zeigen Songs wie z.B. Skyward oder Goraiko, bei denen auch schonmal eine Double-Bass zum Einsatz kommt. Die atmosphärische Dichte wird an vielen Stellen durch die Verwendung von Synthesizern verstärkt, hört mal diesen wimmernden Geigenton im Song Come Back Apollo! Überhaupt klingen manche der gefühlvoll gespielten Töne nach purer Melancholie. Selbst, wenn nur Piano und Synths wie z.B. beim Beginn von They Do Exist erklingen, strotzt die Musik nur so vor Atmosphäre. Und wenn dann mit Phobia das Grand Finale über die Bühne gegangen ist, dann reibt man sich die Augen, wie wenn man gerade aus einem schönen Traum erwacht ist und man sich umdreht und gleich versucht, nochmals einzuschlafen, um die Traumsequenz zu wiederholen. Meistens gelingt das ja nicht, bei Continuance aber hat man die Möglichkeit, die Platte nochmal umzudrehen und die Reise von vorn zu beginnen! Sehr geile Post-Rock-Platte, kann nur wärmstens empfohlen werden!

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


Rivers & Tides – „Sincere Uncertainty“ (Midsummer Records)
Nach zahlreichen EP’s (wenn ich richtig gezählt hab, dann sind es insgesamt vier Stück) und einer knapp achtjährigen Bandlebenszeit wird es endlich mal Zeit für das erste Album. Und das hauen die Regensburger auf leckerem 12inch-Vinyl über Midsummer Records raus. Ob der Albumtitel wohl auch im Zusammenhang mit der langen Wartephase auf das Debutalbum so gewählt wurde? Möglich wäre es. Das Cover zeigt einen Blick mit verschwommener Optik in ein fremdes Wohnzimmer, zusammen mit der Erklärung der Band auf der Rückseite des Textblatts und den Texten kommt langsam Licht in die Sache. Die Band geht auf die lange und beschwerliche Suche nach dem eigenen Ich. Der Selbstfindungstrip wird durch allerlei positive und negative Einflüsse bestimmt, man hat Verantwortung zu übernehmen, Anforderungen und Erwartungen zu erfüllen. Es herrscht Ratlosigkeit, Verlustängste bedrohen das Gemüt genauso wie die Angst vor dem eigenen Versagen. Ein ständiger Balanceakt inklusive Gefühlschaos ist die Folge! Und davon erzählen die 12 Songs. Wie ihr euch vorstellen könnt, wird es im Verlauf des Albums sehr emotional, was sich natürlich auch auf die Musik des Quintetts niederschlägt. Die Regensburger bewegten sich mit den letzten EP’s immer mehr weg vom emotionalen Punk ihrer Anfangsjahre und drifteten immer weiter in Richtung Grunge und Shoegaze ab. Und diese Marschrichtung wurde bei Sincere Uncertainty weiter fortgeführt. Emo und Punk trifft auf Grunge, Post-Hardcore, Indie und Shoegaze, dabei schleichen sich bei jeder Gelegenheit melancholische Momente ein. Natürlich wird man beim Hören an Bands wie Basement, Balance And Composure, Citizen, New Native und Turnover erinnert, dennoch wäre es unfair zu behaupten, dass hier einfach nur die musikalischen Vorbilder kopiert wurden. Denn die Songs haben großes Potential, die Songstrukturen sind spannend aufgebaut, nebenbei besitzen sie allesamt einen schön groovigen Drive und strotzen vor Spielfreude. Die Stärke liegt hier ganz klar bei den catchy Refrains und den gefühlvoll wabernden Gitarren, die eine Hookline nach der anderen raushauen. Songs wie z.B. Forever, das sagenhaft verträumte Progress, das etwas flottere Crush oder das kraftvoll gesungene Getting Better Takes Forever stechen hier besonders hervor. Insgesamt bewegt sich Sincere Uncertainty im ausgeklügelten Spiel zwischen laut und leise, gefühlvoll und wütend, verbittert und optimistisch. Und wenn das Album mit Yours To Keep tosend zum Finale kommt, weiß man, dass noch viele weitere Hörrunden folgen werden. Sehr starkes Debutalbum, auch wenn es so lange gedauert hat!

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


Tides! – „I’m Not Afraid Of The Dark“ (Midsummer Records)
Drei Jahre nach ihrem Debutalbum Celebrating A Mess legt die Band Tides! aus Saarbrooklyn mit I’m Not Afraid Of The Dark ein weiteres Release mit sechs neuen Songs vor. Das Coverartwork der 12inch zeigt in Anlehnung an den EP-Titel einen ängstlich dreinblickenden Jungen, der sich mit einer Taschenlampe bewaffnet aufmacht, den dunklen Keller zu erkunden und dort die Kiste mit Papas Zeug finden wird, das von Mama aus den bewohnbaren Räumen verbannt wurde, inklusive Rockstar-Poster. Das gemalte Bild lässt jedenfalls schon mal viel Spielraum zur Interpretation zu, zusammen mit den Texten hat man während der zahlreichen Hörrunden sicher noch reichlich Gelegenheit, darüber nachzudenken. Ein Textblatt liegt bei, diesmal wurden auch brav alle Texte abgedruckt. Auf der Rückseite des Textblatts sieht man noch ein paar Wimmelbilder der Band, schade dass hier die Bilder ein wenig verpixelt/verschwommen sind. Dafür kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus, sobald man das in meinem Fall bierfarbene Vinyl aus der Hülle fischt. Da bekommt man doch sofort Durst auf ein hopfiges Getränk! Vor allem, wenn man dazu noch den melodischen Punkrock im Gehör hat, der nach einem kurzen Spoken Word-Intro trabend aus den Lautsprechern ertönt. Irgendwie erscheint es mir bereits beim ersten Song, dass die Band ihren Sound im Vergleich zum Debut weiter verfeinert hat. Die Songstrukturen sind schön abwechslungsreich gestaltet, Gitarre und Bass scheinen gegeneinander anzutreten, während alles zusammen verdammt catchy um die Ecke kommt. Hierfür sind natürlich die ins Ohr gehende Singalongs und die stets vorhandene Melancholie in den heulenden Gitarren und im wehmütigen Gesang tragende Eckpfeiler. Wie man ja bereits auf den Bildern im Textblatt und dem Video zu 9000 Miles sehen kann, touren die Jungs für ihr Leben gern und mit Leib und Seele, was natürlich auch erklärt, warum der Sound des Quartetts so aufeinander eingespielt wirkt. Wenn ich Songs wie eben 9000 Miles oder den meiner Meinung nach alles übertreffenden Song Icarus höre, dann wünsche ich mich direkt in einen kleinen Punkrock-Moshpit, um mit einem Bier bewaffnet und erhobener Faust die Refrains mitzugröhlen. Falls ihr in den Nullern so ziemlich alles aus Gainesville abgefeiert habt und auch Bands wie Pennywise, The Wonder Years, Hell & Back oder Resolutions mögt, dann wären auch Tides! eine gute Wahl für euch!

Facebook / Bandcamp / Midsummer Records


 

Bandsalat: AYS, Decibelles, Heim, Il Mare Di Ross, Mobina Galore, Start A Fire, Tides, Witness

AYS – „Worlds Unknown“ (End Hits Records) [Stream]
Es liegt an Veröffentlichungen wie der neuen Miozän-Scheibe oder Zeugs wie diesem hier, die Deutschland in Sachen Hardcore im Jahr 2017 Back On The Map bringen und selbst mich dazu anstiften, nervös zappelnd einen Live-Moshpit herbeizusehnen. AYS sind ja längst keine Unbekannten mehr, sie tingeln mittlerweile auch schon wieder seit 15 Jahren unermüdlich durch die Lande, unglaublich. Und diese Live-Präsenz, die sich zuletzt sogar auf Länder wie China, Indonesien, Malaysia und Singapur ausweitete, macht sich auf Worlds Unknown deutlich hörbar, inhaltlich wie musikalisch. Nach einem asiatisch angehauchten Intro klatscht Dir erst mal die brachiale Wucht des Openers die Emobrille von der Nase. Das Ding zerstört atompilzmäßig! Nach diesen zarten Intro-Klängen wird man unerwartet brutal mit fetten Drums und ultraderben Gitarren, die sofort mit dem wuterfüllten Gekeife von Sänger Schommer begleitet werden, an die Wand gedrückt. Die Lyrics handeln von Eindrücken und Gefühlen, die Schommer während einer Asien-Tour beschäftigt haben. Schade, die Texte hätte ich gern gelesen, aber leider war das nur eine Downloadbemusterung. Das Artwork kommt im 12inch-Format sicher auch geil. Jedenfalls Hammer! Dieser schleppende, im Midtempo angesiedelte Sound hat soviel Power an Bord, dass man schon nach dem ersten Song nostalgische Sternchen vor Augen hat und unweigerlich an Bands wie Strife (Frühphase), die metallastigen Cro-Mags (Best Wishes und so), Snapcase, Biohazard, härtere Life Of Agony, Path Of Resistance (die Victory Band), die Stuttgarter Band Sidekick (RIP – deren Sänger Jogges – mittlerweile Empowerment – hat übrigens auch einen Gastauftritt) oder auch neuere Bands wie Time’s Tide denken muss. Fuck, diese 12 Songs zerstören einfach alles und sind so genial, dass ich schon endlose Sätze mit Klammern schreibe. Bevor das hier in ner mathematischen Formel ausartet, solltet ihr dieses Hammerding unbedingt anchecken und der Band anschließend einen Besuch bei einer ihrer nächsten Shows abstatten!


Decibelles – „Tight“ (Kidnap Music) [Stream]
Obwohl die Decibelles auch schon wieder seit Bandgründung zwölf Jährchen auf dem Buckel haben, wurde ich erst vor kurzem auf die drei Damen aus Lyon aufmerksam und staunte nicht schlecht, als ich aufgrund der Promo-Meldung von Rookie Records bezüglich eines neuen Signings des Labels Kidnap-Music ein paar auf Youtube zur Verfügung stehende Videos der Decibelles betrachtete. Und kaum ein paar Monate später trudelt auch schon das neue Album Tight als Vorab-Promo-CD hier ein. CD in den Schacht und auf Play gedrückt, wird man auch schon direkt von diesen Songs in Beschlag genommen. Die zappelige Mischung aus Post-Punk, Noise und etwas Indie-Punk klingt äußerst charmant, obwohl stellenweise reichlich Wut, Power und Rotzigkeit im Sound der Französinnen an die Oberfläche schwappt. V.a. der Bass bröselt ordentlich, die Schlagzeugerin hat coole abgedrehte Moves und Rhythmen drauf und die Gitarre schrammelt ungehemmt, während der Gesang schön Riot-Grrrl behaftet ist. Auf der einen Seite sind also diese sperrig-noisigen Passagen, die mit zappeligen Rhythmen um die Ecke kommen, auf der anderen Seite kommen aber auch fast poppige und shoegaze-affine Züge mit rein, da wird sogar zuckersüß gesungen (z.B. das geniale Super Fish oder der Ohrwurm All Wet), aber auch schön gekreischt (Yeux Secs, Sick As Shit). Stellt euch eine Mischung aus Sleater-Kinney, frühen Le Tigre, frühen Lush, Primus, X-Ray-Spex, etwas At The Drive-In und  Shellac vor, das kommt so ungefähr hin. Die Decibelles sollen laut Presseinfo live übrigens richtig geil sein, nicht umsonst haben keine geringeren als die eben genannten Shellac die Band als Support für einige Shows der kommenden Europa-Tour eingeladen.


Heim – „Palm Beach“ (Tapete Records) [Stream]
Verdammt! Neulich kam eine lieb geschriebene Anfrage aus dem Hause Tapete Records in das elektronische Postfach geflattert, die neben einem Downloadlink dieses Albums auch noch auf eine Show der Band bei mir um die Ecke hinwies. Verdammt deshalb, da ich an diesem Abend verhindert war und leider nicht hingehen konnte. Ein wenig mit Tapete Records hin und hergeschrieben kam dann just an dem Tag des Konzerts die CD mit der analogen Post ins Haus geflattert und um mich zu quälen, legte ich die CD dann dooferweise auch noch direkt in den Schacht. So bitter! Denn Heim klingen auf Palm Beach so lebendig, dass man sich ausmalen kann, wie geil ein Konzert der drei aus irgendwelchen Käffern der bayerischen Provinz stammenden Slacker-Typen wohl sein könnte. Dass die acht Songs des Albums live eingespielt wurden, das kann man direkt fühlen. Erstmal sind da diese Gitarren, die alles in Grund und Boden rocken, dabei aber so verdammt gefühlvoll rüber kommen. Mal gehen sie fuzzy ab, dann schwirren sie Dir wie verliebt tänzelnde Schmetterlinge um die Ohren, um Dir im nächsten Moment die volle Breitseite zu geben. Das mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug und der knarzende Bass sorgt für den nötigen Noise-Faktor, der sich oftmals psychotisch ins Hirn hämmert. Und dann sind da noch die deutschen Texte, die mal gesungen und mal derb geschrien vorgetragen werden. Stellt euch vor, Dinosaur Jr., Shellac und Pavement jammen mit The Jesus Lizard und Drive Like Jehu, dazu holen sie sich noch ’nen Sänger, der wie eine durch einen Touch And Go Records-Filter gejagte Mischung aus dem Tele-Sänger und Udo Lindenberg klingt und zudem noch derbe schreien kann. Sehr sehr geil also. Mein Tipp: bestellt euch die Platte und packt Songs wie Das Alte Versteck oder Nicht Mehr Da auf euer nächstes Mixtape!


nullIl Mare Di Ross – „Nulla è per sempre neppure l’inverno“ (Dingleberry u.a.) [Stream]
Die Digi-Pack-CD kommt im schönen DIY-Papp-Stil mit eingestecktem Hochglanz-Booklet, die CD in Vinyloptik rundet das ästhetische Gesamtbild entsprechend ab. Denn im Booklet finden sich neben komplett schwarzen Seiten schön düstere schwarz-weiß-Fotografien, zudem sind die italienischen Texte nachzulesen. Allerdings ohne englische Übersetzung, was das ganze natürlich spannend macht, wenn man italienische Sprache nur im Zusammenhang mit Pizza gewohnt ist. Ich schließe mal aufgrund der düsteren Grundstimmung, dass die Textinhalte sich dem Gesamtbild anpassen. Der Sänger speit Gift und Galle, erstickt fast an seiner Verzweiflung, so dass man sich auch ab und an an ruhigeren Post-Rock-Passagen erfreuen kann, bevor wieder das Chaos ausbricht und die ganze Schwere der Musik aufs Gemüt drückt. Seit dem Split Tape mit Riten und Aperture (was machen die eigentlich?) haben die fünf Sardinier deutlich mehr Post-Hardcore/Post-Rock-Klänge in ihrem Sound verarbeitet. Würd ich gern mal live sehen!


Mobina Galore – „Feeling Disconnected“ (Gunner Records) [Stream]
Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, dass ich das kanadische Duo bisher komplett ignoriert habe. Dementsprechend war ich positiv überrascht, als Feeling Disconnected per vorab-Promo-CD im Briefkasten lag und ich gespannt diesen verdammt intensiven zehn Ohrwurm-Hymnen lauschte, die dazu noch die nötige Portion Biss und Power im Gepäck haben. Auf der einen Seite sind diese eingängigen Hooks mit perfekt geschrammelten Gitarren und hymnenhaften Vocals, auf der anderen Seite hat das ganze noch genügend Rotze. Die insgesamt zehn Songs lassen keinerlei Langeweile aufkommen. Das ist eigentlich Wahnsinn, da hier ja nur Gesang, Schlagzeug und Gitarre zu hören ist. Laut Presseinfo handelt es sich bei Feeling Disconnected um eine Art loses Konzeptalbum, da die Songs sich allesamt mit dem Thema Trennung beschäftigen. Arschtretend und eingängig zugleich, das müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Start A Fire – „Schattenjagd“ (Twisted Chords) [Stream]
Dass Start A Fire eine Vorliebe für selbst gedrehte Musikvideos haben, lässt sich kaum verheimlichen. Zum neuen Album gab es deshalb im Vorfeld gleich drei neue Videos zu sehen. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt kommt, an welchem die Jungs ein komplettes Album im Videoformat rausbringen, das wäre doch mal eine Überlegung wert. Die andere Leidenschaft, die die Band zu haben scheint, ist deutsche Lyrik. Nun, neulich zockten die Jungs im JuHa um die Ecke, weshalb ich das Angebot des Labels auf einen Gästelisten-Platz als alte asoziale Punkerzecke natürlich gern in Anspruch nahm, auch wenn man am Einlass dann doch peinlich berührt ist, dass der Eintrittspreis für 3 Bands gerade mal 4 Euro beträgt. Naja, egal. Dieser nette Abend mit vielen altbekannten Gesichtern begann mit Vorglühen wie in alten JuHa-Zeiten und entwickelte daher von Anfang an eine gewisse feuchtfröhliche Stimmung. Die Kohle, die beim Eintritt gespart wurde, ging also im Laufe des Abends für die zwei Kaltgetränke mehr drauf, die letzlich das Fass zum Überlaufen brachte und die dann dafür verantwortlich waren, dass ich anstelle mit dem Fahrrad heimzuradeln die Mitfahrgelegenheit eines Kumpels in Anspruch nahm und dadurch die letzten 3 Songs von SAF verpasste, aber wenigstens heil nach Hause kam. Nun, ich erwähnte es bereits im Review zur Mein Name ist Bedauern, dass Gitarrist Sebastian und meine Wenigkeit vor Jahrzehnten zusammen musikalisch aktiv waren und sich Sebastians technische Fähigkeiten im Vergleich zu den damaligen Kellercombo-Aktivitäten deutlich verbessert haben. Erstaunt war ich auch, als ich gerade dieses ellenlange Review zum Mein Name ist Bedauern-Album durchgelesen habe, das ich einst für Borderline Fuckup schrieb.  Aber eigentlich ist diesem Text in Bezug auf das neue Album nichts mehr hinzuzufügen, außer dass mir auf diesem Album irgendwie die Kreischeinlangen von Ex-Basserin Pana fehlen. Dafür dürfte der Gastauftritt vom WIZO-Sänger Axel beim Song Täterschmiede Zaubertrank für etwas mehr Abwechslung im Gesangsbereich sorgen.


Tides! – „Celebrating A Mess“ (Midsummer Records) [Video]
Das einzige, was ich an dieser CD auszusetzen habe, ist, dass im Booklet lediglich der Text zum Song Signals Southwest abgedruckt ist. Aber das ist auch schon alles, denn Tides! aus Saarbrücken machen ganz genehmen melodischen Punkrock, der v.a. im instrumentalen Bereich zu überzeugen weiß. Das Zusammenspiel der melodischen Gitarren und dem warmem, aber trotzdem treibenden Bassspiel könnte nicht abgestimmter klingen. Der Sänger hat obendrein eine angenehme Stimme, auch wenn man sich ab und an wünscht, dass er etwas mehr aus sich rausgehen könnte. Aber diesen Wunsch vergisst man schnell wieder, sobald die mehrstimmigen Chöre einsetzen. Neun Songs sind auf der mit einem hübschen Albumartwork gestalteten Debutscheibe insgesamt enthalten und man kann schon sagen, dass sich diese neun Stücke bereits nach dem zweiten Durchgang im Gehör fest einnisten, so dass man direkt Lust bekommt, die Band mit einem Bier bewaffnet live zu begutachten. Musikalisch erinnert das dann an die im Booklet gegrüßten Bands wie Hell & Back, Irish Handcuffs und Resolutions, es kommen aber auch so Bands wie z.B. The Wonder Years in den Sinn. Hey, und bei Stay Warm Part II (schaut euch das Video an!) wird die Band auch noch von Philipp Dunkel (MNMNTS, Finding Faith, Homestayer) unterstützt. Runde Sache!


Witness – „Seasons“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit der ersten EP Trials & Tribulations konnten die Kölner bei mir schon punkten, nun ist die zweite EP der vier Jungs erschienen, diesmal in Form eines Tapes bzw. einer Digitalversion, die zum Name Your Price-Download zu haben ist. Und Witness machen genau da weiter, wo sie mit der letzten EP aufgehört haben und bieten mitreißenden, melodischen Hardcore-Punk mit ein paar Emo-Einflüssen. Großer Pluspunkt ist das ausgeklügelte Zusammenspiel von Gitarre/Bass. Das Ding ist gut produziert, die drei Songs strotzen vor Spielfreude und sind schön abwechslungsreich arrangiert, so dass keine Langeweile aufkommt. Kann man nur empfehlen, ist live sicherlich nett anzusehen!