Reveries & Chalk Hands & Okänt – „Split 12inch“ (Dingleberry Records u.a.)

Insgesamt drei Bands teilen sich hier eine einseitig gepresste 12inch, die dazu noch mit einem schönen Albumartwork daher kommt, das zum Grübeln einlädt. Auf dem Frontcover ist eine Zeichnung zu sehen, auf dem ein Typ noch in halbwegs geordneten Bahnen zu existieren scheint, allerdings kündigt sich hier schon ein gewisses Unheil/Chaos an. Auf der Rückseite scheint bereits einige Zeit vergangen zu sein, die Erde liegt in Trümmern, der Typ ist verschwunden. Nur noch seine Klamotten, die bereits zerfallenen Möbel und die Pflanze, die sogar weitergewachsen ist, deuten auf die Existenz des Typen hin.

Dass es sich bei den drei Bands um die Crème de la Crème der internationalen Underground-Szene handelt, zeigt bereits die Latte an renommierten DIY-Labels, die am Release beteiligt sind. Neben Dingleberry Records und Time As A Color sind noch Missed Out Records, Future Void Records, Callous Records, Smart & Confused ‎und Dischi Decenti mit am Start.

Auf die Band Reveries wurde ich vor einiger Zeit aufgrund eines Leser-Tipps aufmerksam. Deren selbstbetiteltes Debut hat schon etliche Hördurchläufe meinerseits hinter sich, das Ding nutzt sich überhaupt nicht ab! Reveries aus Boston, Massachusetts zeigen gleich mal zum Auftakt, dass von der Band noch einiges zu erwarten ist. Casting Shade beginnt mit diesen weinenden 90’s Emo-Gitarren, die zuerst flächig bretzeln und dann zurückgenommen werden. Zusammen mit dem Bass, den variantenreich gespielten Drums und dem verzweifelt heiseren Geschrei ist das hier vertonte pure Emotion! Schade, dass nach vier Minuten schon wieder Schluss ist.

Bevor man aber jetzt Zeit hätte, Reveries lange hinterherzutrauern, lassen Chalk Hands, die ja auch keine Unbekannten mehr sind, mit ihrem Song Charm für viereinhalb Minuten alle Lampen lichterloh leuchten. Die Band aus Brighton, UK habe ich mit ihrer Burrows & Other Hideouts EP kennengelernt, zudem machte ich im Zuge dessen auch noch mit der Band I Feel Fine Bekanntschaft, die sich mit Chalk Hands den Gitarristen teilen. Auch hier findet man sich direkt im Song wieder. Die Gitarren sind zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, dafür ziehen die Drums langsam an, fahren dann etwas zurück, nur um hinterher wuchtiger wiederzukommen. Der Sänger leidet auch Höllenqualen. Die Gitarren fangen an zu rotieren, türmen sich etwas auf, bis dieser gefühlvoll gezockte Mittelteil kommt, der einem wahrlich eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Insgesamt bekommt ihr hier einen vielschichtigen und sehr emotionalen Sound auf die Ohren, der sich zwischen Post-Hardcore, Emocore, Screamo und etwas Post-Rock bewegt.

Okänt sind dann die einzige Band, deren Schaffen mir bisher gänzlich unbekannt ist. Das Quintett aus Stockholm, Schweden hat bisher eine digital releaste EP im Rücken. Der Beitrag zur Split lautet auf den Namen Begravningsvisa/Näktergal und scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Die Reise beginnt mit Piano-Klängen und herzzerreißend gescreamten Vocals, mehr braucht es nicht, um pure Melancholie zu erzeugen. Nach diesem zweiminütigen Auftakt wird es erstmal ohrenbetäubend laut, bleibt aber mindestens genau so emotional, sogar noch mal an Intensität steigernd. Flirrende Gitarren, treibend gespielte Drums und die bereits bekannten gescreamten Vocals türmen sich zu einem epischen Sound auf, der sehr melancholisch in seiner Grundstimmung rüberkommt. Die in schwedischer Sprache gesungenen Vocals haben etwas mystisches an sich. Musikalisch bewegt sich das Quintett zwischen Post-Hardcore, Screamo und Post-Rock.

Alle, die die Bands sowieso bereits kennen, werden eh blind zugreifen. Allen anderen sei dieses DIY-Release ans Herz gelegt, um auf einen Hau gleich drei geile Bands kennen und lieben zu lernen. Großes Kino, das!

9/10

Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Aesthetics Across The Color Line, Trafaret, An Horse, Brausepöter, Clowns, Fortuna Ehrenfeld, Get Up Kids, Trigger Cut, Winter Dust

Aesthetics Across The Color Line & Trafaret – „Split“ (DIY) [Name Your Price Download]
Im Rahmen des Bandcamp-Specials mit russischen Bands wurde Aesthetics Across The Color Line ja schon gebührend abgefeiert, nun gibt es neuen Stoff der Emo-Band, diesmal in Form einer Split EP mit der ebenfalls aus Russland stammenden Band Trafaret. Beide Bands spielen frickeligen und verspielten Emo an der Schwelle zum Punk. Wer auf Bands wie Snowing, Algernon Cadwallader oder I Love Your Lifestyle steht, dem sollte das hier ebenfalls munden. Beide Bands liefern jeweils zwei Eigenkompositionen ab, zudem covern beide den Song Caitlyn der US-Emo-Band JANK, wobei mir die AATCL-Coverversion irgendwie mehr zusagt.


An Horse – „Modern Air“ (Grand Hotel van Cleef) [Stream]
Wußtet ihr, dass der Bandname An Horse durch einen Grammatikstreit zwischen Sängerin und Gitarristin Kate Cooper und ihrem Nachbar entstanden ist? Hab ich gerade beim Wikipedia-Eintrag über das australische Duo nachgelesen. Richtig würde es natürlich A Horse heißen, aber der Nachbar war so überzeugt von seiner „Version“, dass er sogar einen Pullover mit der Aufschrift An Horse für sie anfertigte. Solche Geschichten liebe ich ja! Nun, An Horse sind mir mit einzelnen Songperlen wie Camp Out oder Postcards schon noch im Gedächtnis, aber richtig verfolgt habe ich das bisherige Schaffen der Band nie. Zudem hat sich das Duo die letzten Jahre, genauer gesagt nach dem Ende der letzten Tour etwas rar gemacht, auch aufgrund ständiger Touraktivitäten und drohendem Burnout. Ganze sechs Jahre später hat das Duo also nun doch wieder an Songideen gearbeitet, so dass auf Modern Air insgesamt elf Songs zu hören sind. Weiterhin ist hier gitarrenlastiger, etwas sperriger Indierock zu hören, der ein paar Durchläufe braucht, bis man die Melodien mitsummen kann. Man hat sofort Bands wie Nada Surf, Idlewild, Lemuria oder Mates of State im Ohr. Als Anspieltipp empfehle ich mal das knödelige Live Well, das eingängige Get Out Somehow oder das einfühlsame Started A Fire.


Brausepöter – „Nerven geschädigt“ (Tumbleweed Records) [Video]
Man lernt doch nie aus! Bei Brausepöter handelt es sich um eine der ersten deutschen Punkbands, die Punk mit New Wave und deutschen Texten kombinierten und somit den Weg für die Neue Deutsche Welle ebneten. Brausepöters Debut-Veröffentlichung liegt tatsächlich 40 Jahre zurück! Auch wenn ich Mitte bis Ende der 80er eine starke Deutschpunkphase durchgemacht habe, ist mir die Band bisher nicht bekannt gewesen. Nun, damals gab es noch kein Internet, zudem hat sich die Band im Jahr 1982 aufgrund der Kommerzialisierung und der aufkeimenden NDW-Hysterie aufgelöst. Selbst ihr bekanntester Song Bundeswehr fand sich auf keinem der vielen im oberschwäbischen Freundeskreis kursierenden Mixtapes wieder und aufgrund dieser Unkenntnis ging auch die Reunion in Originalbesetzung im Jahr 2011 und die zwei vor dem aktuellen Album erschienen Releases spurlos an mir vorbei. Tja, das ist dann wohl richtiger Underground, haha. Brausepöter klingen im Jahr 2019 nicht mehr so roh wie 1980, den Sound der Band aus Rietberg/NRW kann man so grob in die Schublade Post-Punk, New Wave und Indie-Punk einordnen. Das Trio scheint es gern reduziert zu haben, das zeigt schon das unspektakuläre Albumartwork, das ich irgendwie nicht interpretieren kann. Erinnert irgendwie an das Spiel „Vier gewinnt“. Die persönlichen Texte kommen nachdenklich rüber, eine gewisse Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch knapp vierzig Minuten Spielzeit und 13 Songs. Die markantesten Soundmerkmale sind schrammelige Gitarren, eigensinnige Bassläufe und wehleidiger Gesang. Hier wird man mal an die Nerven, Das Neue Nichts oder die Fehlfarben erinnert, da hat man poppigeres Zeug wie Kettcar oder die Sterne im Ohr, selbst Ami-Bands wie die Dead Kennedys oder Sonic Youth kommen in den Sinn. Neben dem Titelstück Nerven geschädigt empfehle ich mal die Songs Seele, Ganzer Körper brennt und Dies ist nicht meine Welt, um sich ein ungefähres Bild zu machen.


Clowns – „Nature / Nurture“ (Fat Wreck Chords) [Stream]
Okay, spätestens jetzt dürften die Konzerte der Band aus Australien bald in größeren Läden stattfinden, die Clowns sind mit ihrem vierten Album bei Fat Wreck gelandet. Der Band sei es gegönnt, die haben sich das hier hart erarbeitet und jeder, der die Truppe schonmal live gesehen hat, kann das sicher unter Eid bestätigen. War Lucid Again ja schon ’ne große Nummer, wird Nature/Nurture noch mehr Anklang in der Szene erlangen. Denn das Ding mit seinen elf Songs ist echt knackig geworden. In 36 Minuten zerlegen die Australier mal eben kurz Deine Bude und pfeffern Dir ihren rotzigen, aber dennoch melodischen Hardcore-Punk um die Ohren, dazu gesellt sich eine dreckige Rock’N’Roll-Attitude, Leidenschaft, pure Energie und massig Spielfreude dürfen ebensowenig nicht fehlen. Wahnsinn, wie dicht und ausgefeilt das alles klingt, zudem hat man bereits jetzt schon die ausgeflippte Bühnenshow rund um Sänger und Dynamitstange Stevie Williams vor Augen. Songs wie Soul For Sale oder Freezing In The Sun werden mit Sicherheit zu neuen Gassenhauern werden, während die experimentelle Seite der Band für Verblüffung sorgen wird. Auf dem letzten Stück Nurture gibt’s sogar Sitar-Klänge zu hören, zudem sticht hier ein satter Alternative-Grunge-Sound aus den Lautsprechern. Und was mich persönlich freut: das tolle Albumcover wurde von Rodrigo Almanegra gezeichnet, dessen Werke hier im Rahmen anderer Releases bereits desöfteren in den höchsten Tönen gelobt wurden.


Fortuna Ehrenfeld – „Helm ab zum Gebet“ (Grand Hotel van Cleef) [Video]
Konnte mit Fortuna Ehrenfeld bisher eigentlich gar nicht so viel anfangen, ehrlich gesagt hab ich mich auch noch nie wirklich tief mit der Band beschäftigt. Obwohl, eine Band war das bisher ja wohl noch nie so richtig, die bisherigen Alben sind alle im Alleingang Martin Bechlers entstanden, erst mit diesem Album ist das Ding zum Trio gewachsen. Jedenfalls haben mich die zu Promozwecken zugesandten Videos auch nie wirklich von den Socken gehauen. Ich meine, der Typ tritt zwar auf jeglichen Geschmack scheißend obercool im Pyjama und mit Bärentatzenschuhen auf, aber eigentlich ist das heutzutage auch keinen Aufschrei mehr wert. Dementsprechend überrascht war ich, als ich von den ersten drei Songs vom mittlerweile dritten Album, die ich über Kopfhörer lauschte, total geflasht wurde. Wow, Heiliges Fernweh beginnt mit dieser wahnsinnig melancholischen Pianomelodie, die gesprochenen und fast gegrummelten Vocals schlagen mit ihrer ausgefeilten Poesie in die gleiche Kerbe. Und jetzt tanz mit mir Du Sau! Das alles mit einem schönen Beat hinterlegt, auf in die Indie-Disco! Ach, hab ich da gerade rollende Augen bei irgendjemand von euch entdeckt? Wie wär’s dann damit: Hör endlich auf zu jammern. Das ist der Songtitel des zweiten Stücks, der sich mit einem minimalistischen Beat und moogigen Klängen langsam in Dein Herz stampft, bis eine tolle Gitarrenmelodie für Abwechslung sorgt. Beim dritten Song, der gleichzeitig das Titelstück ist, stehen wieder diese poetischen Gedankengänge im Vordergrund, dazu gibt es ein Gesangsduett zwischen Sänger/Gitarrist Martin Bechler und Keyboarderin Jenny Thiele. Insgesamt 13 Songs nehmen Dich also mit auf eine poetische Reise, die ganz ohne Kitsch auskommt und selten laut wird, Ausnahme stellt hier der Song Das ist Punk, das raffst Du nie. Und das klingt wie eine Mischung aus den NDW-lern von Trio und den Deutschpunks von Pisse. Insgesamt gefallen mir die mit dezenter Elektronik ausgestatteten Songs aber weitaus besser, als die reinen Balladen. Ach ja, hab ich’s schon erwähnt? Die ersten drei Songs sind meine absoluten Favoriten!


Get Up Kids, The – „Problems“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Schon die 2018er EP Kicker zeigte, dass man alte Helden niemals abschreiben sollte. Nach der eher schwachen Comeback-EP Simple Science schien die Band wieder zu alter Kraft gefunden zu haben, so dass man aufgrund der Ankündigung des neuen Longplayers namens Problems vorfreudig gespannt war, ob der Funke auch wieder auf Albumlänge überspringen würde. Die erste Single Satellite klang bereits vielversprechend und nach mehrmaligem Hörgenuss des mittlerweilen sechsten Studioalbums kann ich nur freudig sagen, dass auch die restlichen Songs in die gleiche Kerbe schlagen. Es gibt ja mehrere Faktoren, die ein gutes Album ausmachen: das ist zum einen die technische Begabung, die Instrumente zu beherrschen, zum anderen gehört aber auch ausgetüfteltes und in sich stimmiges Songwriting dazu. Das alleine genügt aber noch nicht, den Songs sollte auch noch das gewisse „Leben“ eingehaucht werden. Und das ist den Get Up Kids auf Problems ohne Probleme gelungen. Die stets präsente Melancholie ist in allen Bereichen spürbar, seien es die gefühlvoll gespielten Gitarrenriffs oder der liebevoll gegenspielende Bass und natürlich die durchdringende und viel Emotionen tragende Stimme von Matt Pryor. Was dem Album natürlich zugute kommt und viel Authentizität vermittelt, sind die persönlichen Inhalte direkt aus dem Leben, die hier dargestellt werden. Während sich die Texte der frühen Get Up Kids um die alltäglichen Probleme im Leben eines Twens drehten, beschäftigt sich die Band auf dem aktuellen Album ihrem Alter entsprechend mit den Gefühlen und Gedanken eines Forty-Somethings, den in diesem Lebensabschnitt auftretenden Sorgen und Ängste. Dass diese Dinge von anderer Natur sind, kann wahrscheinlich jeder von euch Senioren aus eigener Erfahrung bestätigen. Jedenfalls verpacken die Get Up Kids diese persönlichen Textinhalte in die so geschätzten hymnischen Refrains, dazu kommen diese wundervollen Gitarren und die großartigen Singalong-Melodien, die man mit jedem weiteren Durchlauf nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Hört doch nur mal das Gitarrenriff bei Now Or Never, die Gesangs- und Basslinie bei Lou Barlow oder das emotionale Common Ground an. Und zwölf Songs und knapp vierzig Minuten später ist man froh, dass das alles so unverbraucht, frisch und vor allem so vertraut klingt!


Trigger Cut – „Buster“ (Token Records) [Stream]
Aus der Asche der großartigen Buzz Rodeo sind Trigger Cut aus Stuttgart und München hervor gegangen. Im Prinzip formierte sich eine neue Band um Gitarrist und Sänger Ralph, mit von der Partie ist unter anderem der Drummer der Münchener Band Haikkonen. Soundtechnisch ist das Ganze nochmal ’nen kleinen Ticken knackiger geworden. Soll heißen, dass durch die Rhythmusmaschine aus extrem fuzzigem Bass und kraftvoll geknallten Drums gepaart mit dreckigen Gitarrenriffs und dem wütenden und am Rande des Nervenzusammenbruchs bewegenden Geschreis eines irren, manischen Psychopathen ordentlich Druck aufgebaut wird. Es dröhnt und pumpt gewaltig und mächtig an allen Ecken und Enden. Schlagzeug, Bass und Noise-Gitarre bilden das stabile Grundgerüst, hinzu kommen angeschrägte und etwas dissonante Gitarren, die schön noisig auf die Kacke hauen. Natürlich geht das nicht ganz ohne Rückkopplungsgeräusche und das ein oder andere schmissige Gitarrenriff über die Bühne. Die zehn Songs erinnern aufgrund des rohen und knackigen Sounds und der Intensität natürlich unweigerlich an 90er-Bands wie z.B. The Jesus Lizard, Drive Like Jehu, Shellac, frühe Lack oder aber auch an deutsche Noise-Bands wie Craving oder eben Buzz Rodeo. Wer auf diese Art Musik steht, kommt hier voll auf seine Kosten!


Winter Dust – „Sense By Erosion“ (time as a color u.a.) [Name Your Price Download]
Die italienische Band Winter Dust konnte letztes Jahr auch schon ihr zehnjähriges Bandjubiläum feiern. So begaben sich die sechs Herren aus Padova in ihrem Jubiläumsjahr für drei Tage ins Tonstudio, um die in den letzten drei Jahren entstandenen Songs aufzunehmen, so dass nach einer EP und zwei Alben mit Sense By Erosion Album Nummer drei das Licht der Welt erblickte. Das Ding ist in Zusammenarbeit der Labels Time As A Color, Dingleberry Records, Dreamingorilla Records, È Un Brutto Posto Dove Vivere, Voice Of The Unheard, la speranza records, Dischi Sotterranei und Backwater Transmission zum einen als Doppelvinyl und zum anderen als Digipack erschienen. Anhand des mir vorliegenden Digipacks und der Fotos der Vinylausgabe kann nur vermutet werden, dass die Doppelvinylversion im Gatefoldcover mit goldenem oder schwarzem Vinyl ziemlich schick und edel aussieht. Das mystisch angehauchte Artwork gefällt mir zumindest bereits auf Digipack-Größe enorm gut. Es gibt insgesamt acht Songs zu hören, bei einer Albumspielzeit von knapp 50 Minuten pendeln die Songlängen eher im oberen Bereich zwischen sechs und neuneinhalb Minuten. Und ja, ganz genau, Winter Dust machen epischen Post-Rock, dabei schwappen immer wieder auch Post-Hardcore, Screamo und Post-Metal-Einflüsse an die Oberfläche. Ich stell mir es übrigens echt mal voll kompliziert vor, zu sechst solche vielschichtigen Songarrangements abzusprechen, zumal auch noch vier der sechs Bandmitglieder mit Vornamen Marco heißen und die Jungs räumlich weit verstreut leben. Aber erstaunlicherweise klingt das Resultat sehr dicht und ausgklügelt, die Jungs sind bestens aufeinander eingespielt. Obwohl fünf der acht Songs mit Lyrics ausgestattet sind, ist die Band größtenteils instrumental unterwegs. Textlich beschäftigt man sich mit persönlichem Kram, die räumliche Trennung von geliebten Menschen spielt auch ein zentrales Thema. Unterstrichen wird das ganze von melancholischen, ruhigen Melodien, die sich überwiegend leise und sanft aufbauen, langsam zu Soundwänden anwachsen, bis es mit Tremolo-Gitarren im Rücken zu einem spannungsgeladenen Ausbruch kommt, inklusive gequältem Schreigesang. Dürfte ein gefundenes Fressen für Leute sein, die Bands wie z.B. Caspian, Explosions In The Sky oder Moving Moutains zu ihren Faves zählen.


 

Crowning & Swallows Nest – „Split“ (Dingleberry Records, Time As A Color u.a)

Wenn Schlichtheit bildlich dargestellt werden sollte, dann wäre diese 7inch sicher ein gutes Beispiel dafür. Natürlich nur rein äußerlich gesehen. Und das auch nur ohne jegliches Hintergrundwissen, was letztendlich zu diesem Artwork samt spärlicher Aufmachung geführt hat. Denn da steckt bekanntlich entweder gar nichts (wir hatten gerade dieses eine Foto auf der Festplatte, ein anderes hatten wir einfach nicht zur Hand) bis hin zur unglaublichen Story (ein Freund von uns erstickte fast an dieser Schnake, er hustete wie verrückt und auf einmal lag da dieses eklige Insekt vor uns auf dem Tisch. Irgendjemand hat das dann fotografiert und liebevoll die üblen Kotzflecken vom Original wegretuschiert. Und weil gerade niemand ’ne andere Coveridee am Start hatte, waren alle so yeah) dahinter. Nun, die offensichtlich umgekommene und künstlerisch in Szene gesetzte Schnake wird die wahre Geschichte hinter dem Cover auch nicht mehr ausplaudern können, soviel ist sicher.

Okay, kommen wir lieber mal zum Scheibchen selber, das in meinem Fall ungewöhnlicherweise mit unbedruckten, blanken Labels auf dem Plattenteller landet. Crowning ist eine ziemlich neue Band aus Chicago, die aus der Asche der Band Pregnancy Pact hervorgegangen ist. Bisher ist eine EP der vier Jungs und der Frau am Bass erschienen. Und ich verspreche euch, nachdem ihr diese drei Songs hier gehört habt, werdet ihr auch die EP gierig auf eure Festplatte zippen. Nach einer kurzen Rückkopplung geht es direkt mit chaotischem Screamo im Stil von Bands wie Loma Prieta oder Dangers los. Die Gitarren spielen Dich schwindlig, die Drums sind unberechenbar und wechseln spielerisch von rasend schnell zu walzenden Midtempo-Moshparts. Und dann der Bass, hört mal nur den Anfang vom Song Old References, zu dem wurde übrigens auch noch ein abgefahrenes Video mit Hunden abgedreht. Ich liebe dieses Zusammenspiel der melancholisch gespielten Instrumente, dazu der verzweifelte Schreigesang und die immer spürbare Energie. Nach dem letzten Song Nerves setzt man wie in Trance die Nadel an den Anfang zurück, gerade auch deshalb, weil die drei Songs nur eine Gesamtspielzeit von etwas über viereinhalb Minuten haben. Wahnsinn, diese Band sollte man im Auge behalten.

Auf der B-Seite sind Swallows Nest mit dem Song A Subtle Knife for New Doors vertreten. Die wohl relativ neue Band aus Dunedin/Neuseeland hat einige Mitglieder an Bord, die man bereits aus Bands wie Machine Rex, Yung Nat$, мятеж, The World That Summer und Gali Ma kennt. Nun, Swallows Nest gehen die Sache etwas entschleunigter an und lassen sich innerhalb des über vier Minuten dauernden Stücks genügend Zeit. Die Gitarren schwurbeln und drehen sich langsam und doomig vor, der wechselseitige Frau/Mann-Gesang bringt Abwechslung in die Sache. Nach der Hälfte des Songs zieht das Tempo ein wenig an und es bricht ein bisschen Chaos aus, trotzdem schlittert die Band im letzten Drittel wieder in dieses groovig doomige und verdammt heavy klingende Massaker. Schon anhand der am Release beteiligten Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, Zegema Beach Records und IFB Records) erkennt man, dass hier Qualität drin steckt. Checkt das Scheibchen unbedingt mal an!

8/10

Bandcamp / Dingleberry Records / Time As A Color


 

They Sleep We Live & Piri Reis – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)

So langsam erkenne ich von Weitem, wenn Rodrigo Almanegras Tuschefeder mal wieder dazu beigetragen hat, dass man ein schön bedrucktes Coverartwork vor sich hat. Nach ausgiebiger Betrachtung von Front- und Backcover versichere ich mich kurz und hole das aufklappbare Cover aus der Hülle…und ja, da steht’s geschrieben, mal wieder ein Volltreffer. Müsste ich das Kunstwerk auf dem Frontcover unter der Berücksichtigung des Backcovers interpretieren, dann würde mir als erstes das Sprichwort „frei wie ein Vogel“ in den Sinn kommen. Der Schlüssel, das Käfig, die zwei frei flatternden Vögel. Auch wenn das Sprichwort häufig eingesetzt wird, um das Gefühl „frei und unabhängig sein“ auszudrücken, hat das Adjektiv „vogelfrei“ auch eine andere Bedeutung. Wer früher als vogelfrei deklariert wurde, war rechtlos und geächtet und durfte sogar straflos umgebracht werden. Ob diese Doppeldeutigkeit eines Ausdrucks hinter dem Coverartwork steht? Könnte sein. Die andere Sache, die mir als zweites in den Sinn kam, ist die zeichnerische Darstellung des deutschen Volkslieds „Die Vogelhochzeit“, das von der Vermählung einer männlichen Drossel und einer weiblichen Amsel handelt. Die Drossel steht symbolisch für Piri Reis, die Amsel für They Sleep We Live. Oder andersrum. Je länger ich das Cover betrachte, umso mehr abgedrehteres Zeug fällt mir ein.

Also klatsche ich erstmal die 7inch auf den Plattenteller. Scheiße, die falsche Seite erwischt, denn das Ding ist wirklich nur einseitig gepresst. Verdammt, das bedeutet auch, dass es ziemlich kurz werden wird. Und gerade, weil man beide Bands schon kennt und weiß, dass in beiden Fällen optimal abgeliefert wird, ist man deshalb etwas angepisst. Aber hilft ja alles nix, also richtige Seite aufgeklatscht und Textblatt in die Pfoten. Entgegen der Erwartungen vom Cover (They Sleep We Live wurden ja eigentlich zuerst genannt), pfeffern Piri Reis mit ihrem pfiffigen und hochemotionalen Screamo direkt los. Scheiße, ist das geil! Das erste Stück Lend Me Your Life, Mine Is Kaput ist so schnell vorbei, wie es angefangen hat. Da hat man gar keine Zeit, sich drauf einzustellen. Könnte deshalb abkotzen, aber ich frage mich irgendwie gleichzeitig (gerade auch weil ich den Song geil finde), warum ich mich darüber künstlich aufrege. Schließlich ist der Songtitel ’ne ernst gemeinte Aussage. Aber wahrscheinlich ist es das fortgeschrittene Alter, das mich so rasend macht. Klar, als Kind empfand man die Schulferien unendlich lange, aber als Jugendlicher hatte man schon bei zweisekündigen Napalm Death Songs das Gefühl, dass man während des Hörens schon um Jahre gealtert ist. Mit dem anschließenden Song Meranduk Ke Laut, Merekah Ke Danau krieg ich dann doch noch mein Piri Reis-Erlebnis der Extraklasse. Die herzzerreißend leidenden Vocals der Sängerin, die melancholisch und hochemotional runtergezockten Gitarrenriffs und das lebendige Drumming, das alles kann man eigentlich gar nicht beschreiben. Hört das an! Hoffentlich kann ich das irgendwann live sehen.

They Sleep We Live sind leider schon wieder Geschichte, dennoch freue ich mich wie ein Schneekönig über diesen letzten verbliebenen Song, der so intensiv und stürmisch an den Gehörknospen nagt und gleichzeitig zeigt, was wir in Zukunft von dieser Band noch zu hören bekommen hätten, wenn sie doch nur weitergemacht hätten! Naja, manchmal ist es halt so. Man kann ja froh sein, dass die Jungs wieder mit neuen und vielversprechenden Bands am Start sind und dieses letzte Vermächtnis auf Vinyl archiviert wurde. Der Song wischt jedenfalls in etwas knapp über zwei Minuten einmal komplett Deine Wohnung durch! Was für eine Intensität! Ich bin sprachlos. Die Linernotes tun ihr übriges, gerade auch deshalb, weil ich darin viele Parallelen zu bereits erlebten Zeiten Ende der Achtziger erkenne. Traurig, aber absolut wahr! Und diese Orgel, die passt da sehr gut rein, ist mal was anderes. Ach so, die Labels: Dingleberry Records, Pike Records, Time As A Color, Koepfen, React With Protest, Don’t Care Records, Zegema Beach Records, Framecode Records. Dieses Scheibchen hat das Zeug zum zukünftigen Klassiker!

9,5/10

Bandcamp / Piri Reis / They Sleep We Live / Dingleberry Records


 

Coma Regalia-Special: Coma Regalia – „There’s Still Time“ 12inch & Tapestry & Coma Regalia – „Our Laughter Under Cerulean Skies“ 9inch

Coma Regalia – „There’s Still Time“ (Dingleberry Records u.a.)
Gefühlt vergeht eigentlich kaum ein Quartal, ohne dass ein Release von Coma Regalia erscheint. Wenn sich eine DIY-Band mit Haut, Haaren und Herz ihrem Sound widmet und zusätzlich noch dem gesplitteten 7inch-Format huldigt, dann kann es schonmal sein, dass man bei dieser Masse irgendwann den Überblick verliert. Auch die vielen Labels, die an solchen Releases beteiligt sind, muss man erstmal auf dem Schirm haben. There’s Still Time erscheint in Zusammenarbeit von elf Labels (Dingleberry Records, Time As A Color, i.corrupt Records, À Fond d’Cale, Adorno Records, Bad Break Records, Boslevan Records, Dasein Records, The Land In Between DIY, Lost State Records, Middle-Man Records). Ich musste doch nun wirklich gerade bei Discogs nachschlagen, nur um sicher zu gehen, dass diese 12inch nun das mittlerweile dritte Full-Length-Album der Band aus Lafayette, Indiana ist. Man denkt ja immer, dass es so Bands mit vielen Split-Veröffentlichungen eventuell nicht schaffen könnten, auf ganzer Albumlänge das hohe Niveau zu halten. Diesen Kritikern empfehle ich mal, sich die Mühe zu machen, alle Coma-Regalia-Split-Beiträge auf ein Tape aufzunehmen und hintereinander anzuhören. Ihr werdet dabei entdecken, dass es ein richtig abwechslungsreiches Tape ist, Coma Regalia klingen wirklich bei jedem Song etwas anders, die Ideen scheinen den Jungs jedenfalls niemals auszugehen. Eines meiner Lieblingsreleases der Band ist ja die Split mit What Of Us, bei der ich dieses Phänomen eigentlich erstmals bewusst wahrgenommen habe. Diese Vielseitigkeit im Sound lässt sich auch auf There’s Still Time entdecken. Neben den kurzen Smashern, die unter einer Minute einen Total-Abriss auf’s Parkett legen, kommen auch immer wieder diese warmen Bass-Spielereien zum Vorschein, daneben verzücken die mehrstimmigen Chöre, die unterschwelligen Melodien und der intensive Gesang. Dieser ist dann sowas wie ein Markenzeichen: von cleanen Vocals über gescreamten Heulgesang bis hin zum kläffenden Pitbull-Gekeife: da steckt einfach sehr viel Emotion, Herzblut, Verzweiflung, Schmerz und Wut drin. Da stört es auch nicht, dass sich die Gitarren bei In The Circle ein wenig kaputt anhören, für mich ist gerade dieser Song eines der Highlights auf der Platte. Weitere Höhepunkte: Curtain Call. Und dann noch die Überraschung zum Schluss: ein zwölfminütiges hypnotisches Stück, das trotz der immer wiederkehrenden Gitarrenschlaufe nicht langweilig wird und zum Ende hin nochmal richtig ausbricht. Faszinierend, meine Augen leuchten, während ich wie hypnotisiert die Platte umdrehe und den Tonarm an den Anfang setze. Wie der Albumtitel und das Artwork schon prophezeit, geht es in manchen Stücken um die Zeit, um die Vergänglichkeit. Wie und was genau gesungen/geschrien/gelitten wird, das könnt ihr auf dem schön gestalteten Textblatt nachlesen.
Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


Tapestry & Coma Regalia – „Our Laughter Under Cerulean Skies“ (Dingleberry Records u.a.)
Hach, hier haben wir mal wieder ein tolles DIY-Scheibchen im nicht alltäglichen 9inch-Format, das man sich gerne in den Plattenschrank stellt. Das Release ist schlicht in der Aufmachung, die Plattenhülle besteht aus einem besiebdruckten Papiermantel, ein Textblatt sucht man vergebens, auch zu den Bands gibt es keinerlei Infos, die Songtitel erfährt man erst, wenn man nach dem Release online gesucht hat und einen Stream aufgestöbert hat. Lediglich die am Release beteiligten Labels sind auf der Hülle abgedruckt (Dingleberry Records, Middle-Man Records, Canopus Distro, Pointless Forever Records). Da hat man also nur noch die Wahl, sich voll und ganz dem schwarzen Scheibchen zu widmen und die Musik beider Bands aufzusaugen, was sich auch ohne große Probleme oder gar Langeweile erledigen lässt. Tapestry kommen aus Singapur, bisher hatte ich diese Band leider noch nicht auf dem Schirm, obwohl die Band ihr erstes Release bereits 2012 veröffentlichte und dabei auch noch sagenhaften Midwest-Emocore fabriziert, der direkt ins Herz geht. Bei den beiden Songs der A-Seite hat man jedenfalls immer wieder das Gefühl, dass man hier auf verschollene Songs von Mineral, Sunny Day Real Estate, Ida oder Penfold gestoßen ist. Die Gitarren, der Rhythmus und der Gesang klingen total nach diesen Bands. Gleich mal den Backkatalog von Tapestry zum Name Your Price Download zippen! Okay, nun zu Coma Regalia. Wie zu erwarten war, steht der Sound der Screamo-Band im totalen Kontrast zum ruhigen, zerbrechlichen Emo von Tapestry. Coma Regalia schmettern direkt keifend los, der Song Day One beginnt mit einem groovigen Intro, das in hypnotisches Gitarrenklimper übergeht, bevor es mit den besten Emo-Gitarren ever richtig geil in astreines Screamo-Geknüppel gipfelt, die für die Band typischen unterschwelligen Melodien kommen auch wieder mal nicht zu kurz. Wer jetzt denkt, dass es das schon gewesen sein muss, dem werden im Verlauf des fünfminütigen Songs gründlich die Augen geöffnet. Das Ding hat so viele Parts, die aber alle zueinander passen, einfach genial! Day One ist dann auch für mich persönlich das absolute Highlight dieser 9inch. Das soll aber keineswegs heißen, dass der Rest absoluter Käse ist, ganz im Gegenteil. Der zweite Song Day Two verzückt ebenfalls, hier stechen v.a. die mehrstimmigen Backgroundchöre hervor. Mal wieder ein durchaus gelungener Song!
Bandcamp / Dingleberry Records


 

Split-Storm: TDOAFS & Duct Hearts – „Split 6inch“, TDOAFS & Albatros – „Split 10inch“

TDOAFS & Duct Hearts – „Split 6inch“ (time as a color u.a.)
Dieses kleine 6inch-Juwel besticht schon einmal rein äußerlich: die bordeauxrote, aufklappbare Plattenhülle ist mit einer wunderschönen Bleistift/Kohle-Zeichnung besiebdruckt, auf dem Backcover sind die Texte der beiden Songs und die am Release beteiligten Labels nachzulesen (time as a color, zilpzalp records, Dasein Records, Civic Duty, Don’t Live Like Me, Dingleberry, A Fond D’Cale, Hardcore For The Losers, Adorno Records). Das Scheibchen selbst befindet sich in einem briefähnlichen schwarzen Umschlag und ist mit ebenfalls bordeauxroten Labels beklebt. TDOAFS aus Kanada dürfen als erste ran und steuern einen knapp über zwei Minuten dauernden Song bei, der irgendwo zwischen eindringlichem Post-Hardcore und emotionalem Screamo angesiedelt ist. Die Gitarren zwirbeln verdammt melancholisch, darüber thront intensiver Heulgesang, zudem gefallen mir bei diesem Song die etwas dumpf klingenden und präzise gespielten Drums, die auch mal arhythmisch vor sich hin eiern. TDOAFS ist übrigens die Abkürzung von The Discord Of A Forgotten Sketch, das hab ich mal bei meiner Recherche zur Besprechung der bereits im Jahr 2015 erschienenen 7inch herausgefunden. Duct Hearts zeigen dann auf der B-Seite, dass sie auch hin und wieder „kurz“ können. Der Song Enduring War erreicht nicht mal die drei-Minuten-Marke und kommt nach einem kurzen, flächigen Intro direkt zur Sache und ist so schnell vorbei, wie er begonnen hat. Zwischen gespenstischen delayartig in die Höhe wachsenden Post-Rock-Gitarren und bedächtigem Ambient-Geklimper ragt hier wieder einmal Daniels unverkennbare Stimme hervor. Irgendwie ist mir der Song dann aber doch zu kurz, also hilft nur, erneut die Nadel an den Anfang zu setzen. Ich kann mir nicht helfen, aber die abschließenden Gitarrenklänge wirken so, als ob man den Song einfach mal abgewürgt hat, weil die Spielzeit nicht mehr gereicht hat. Trotzdem mal wieder ein sehr schöner Duct Hearts-Song, der übrigens über Koenich Sound (Südkorea) gemischt und gemastert wurde.
Bandcamp / time as a color


TDOAFS & Albatros – „Split 10inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Manchmal ist es wie ein verflixter Zufall! Man hat vor längerer Zeit eine Band kennen und lieben gelernt, hat sie aber aufgrund massigem Alltagsstress und gnadenloser Übersättigung durch etlich zugesandte Bemusterungsexemplare fast schon wieder vergessen und plötzlich bekommt man innerhalb von einer Woche von zwei verschiedenen Labels gleich zwei neue Releases dieser Band zugeschickt. Obendrein erhält man auf einem Split-Release auch noch eine weitere Band mit dazu, die ebenfalls schon einmal eine Rolle spielte. Völlig verrückt! Solche LOST!-Zufälle lassen mich glücklich wie ein Honigkuchenpferd grinsen. Nun, die Sprache ist zuerst mal von TDOAFS aus Kanada, die mir mit ihrem schnörkellosen Screamo/Post-Hardcore schon auf der damals besprochenen 7inch ziemlich zugesagt haben. Und als Entschädigung des kurzen und absolut geilen Songs auf der Split 6inch mit Duct Hearts wird man hier mit vier Songs verwöhnt, die wiederum Apettit auf noch mehr machen. Ein Teufelskreis! Verschwurbelt-verspielte, quirrlige Gitarren, krachig, roh und meistens etwas dissonant, bahnen sich hier ihren Weg durch die Abgründe der menschlichen Seele. Hier hört man viel Washington DC raus, hypnotische Passagen finden sich bei diesen vier Songs genauso wie ruhigere, bedächtigere Momente. Und mit jedem weiteren Durchlauf entdeckt man neue Melodiebögen. Einfach klasse! Aber es gibt auch noch eine B-Seite, die mit vier Songs der ebenfalls aus Kanada stammenden Band Albatros gefüllt ist. Und das ist die nächste Kuriosität. Die Sous​-​Entendu-EP erschien im Jahr 2014 und wurde von mir kräftig abgefeiert, damals noch auf Borderline Fuckup. Und jetzt treffen sich unsere Wege wieder mit dieser tollen Split 10inch und vier neuen Songs. Was mich im Vergleich zu den damaligen Aufnahmen etwas stört: der Gesang kommt teilweise nicht mehr so roh und authentisch rüber, als auf der gerade erwähnten EP, dennoch bleibt das Geschrei im grünen Bereich. Die Eigenständigkeit des Sängers hat sich wahrscheinlich durch äußere Einflüsse etwas verändert, schließlich wollen doch alle Hardcoresänger irgendwann grölen können wie eine Mischung aus Tom Araya und Jeremy Bolm. Was geblieben ist, sind die für Screamo- und Post-Hardcore unüblichen Bläser, die den Sound von Albatros wesentlich prägen. Sehr geile Band! Und überhaupt: sehr geiles Release: das handliche 10inch-Scheibchen fasziniert mit einem schön besiebdruckten Front- und Back-Cover, einziger Kritikpunkt ist das fehlende Textblatt. Zum Trost liegt ein kleines Kärtchen bei, auf dem man die am Release beteiligten Labels nachlesen kann: Dingleberry, Much Love To, L’oeil Du Tigre, Don’t Live Like Me, Black Lake und Le Mrt.
Bandcamp / Dingleberry Records


 

You Could Be A Cop – „Selftitled“ (time as a color u.a.)

Kennt ihr das? Ihr hört ein paar Takte einer Band und wisst sofort, dass es um euch sowas von geschehen ist? So erging es mir, als mir Daniel von time as a color einen Download-Link mit Aussicht auf Vinyl von dieser mir noch völlig unbekannten Band aus Trondheim/Norwegen schickte. Und einige Zeit später halte ich auch schon das äußerlich sehr ansprechende 12inch-Exemplar in den Händen, dem ich so sehr entgegenlechzte. Eine richtige Scheibe zum Anschmiegen und Abschmusen: schwarzer Siebdruck auf dickem braunem Pack-Karton, der mit  Schreibmaschine geschriebene Bandschriftzug fällt in seiner unaufdringlichen Größe kaum auf, die Songtitel auf dem Backcover und die am Release beteiligten Labels (time as a color, strictly no capital letters, adiago 830, Worried Songs, Lilla Himmel, How Is Annie Records, Friends Of Mine Records, Siste Sukk, Middle-Man Records, Beth Shalom Records) sind ebenfalls auf Schreibmaschine geschrieben und wirken wie einst schlecht kopierte Flyers aus den Neunzigern, auf denen man Bands, Uhrzeit und Datum nur mit viel Phantasie erkennen konnte. Aus dem Inneren purzelt ein schön besiebdruckter dicker Falt-Karton heraus, auf dem ich eigentlich die Texte vermutete. Aber Fehlanzeige. Das einzige, das ich an diesem Release wirklich vermisse, ist ein Textblatt.

Aber sobald die Nadel aufsetzt und die Musik ertönt, ist dieses Manko schnell vergessen, auch weil man die klare Stimme von Sängerin Natalie Evans so gut verstehen kann, so dass das fehlende Textblatt nicht so sehr ins Gewicht fällt. Bei der Internet-Recherche über den Background von You Could Be A Cop erfährt man übrigens, dass die Band von den zwei norwegischen Brüdern Morten und Marius gestartet wurde. Morten hatte wohl zuvor in ein paar Indie-Punk- und Emobands Schlagzeug gespielt und sich auch ein wenig als Produzent ausgetobt, während Marius das Gitarrespielen über das Internet erlernen wollte und daran aber kläglich scheiterte, gerade auch weil das künstlerische Dasein immer wieder durch sein kleines Kind gestört wurde. Ich kenn das, darum hab ich ja irgendwann das Schreiben angefangen. Meine Kinder kamen -sobald sie mich schrammeln hörten- immer in mein kleines Probezimmerchen und griffen mir mit voller Wucht in die Saiten, so machte das irgendwann keinen Spaß mehr. Und wie man sieht bzw. hört: wenn man sich den Scheiß irgendwie selbst in ein paar schlaflosen Nächten erarbeitet und Melodien finden muss, bevor wieder irgendein Balg die künstlerische Kreativität stört, klingt das ganze viel lebendiger. Nachdem also vier Songs aufgenommen wurden, fehlte zur Vollkommenheit noch der Gesang. Und gerade dieser macht diese vier Songs so unglaublich intensiv. Morton lernte nämlich zufällig Sängerin Natalie Evans kennen, die kurzerhand in ihrem Londoner Schlafzimmer die Lyrics einsang. DIY und Homerecording waren mir schon immer sympathisch.

Oh ja, und das hat sie richtig gut hingekriegt. Schön piepsig, manchmal etwas kindlich verspielt, aber keineswegs nervig. Da denkt man vom Vibe her an Bands wie z.B. Hidalgo, Reno Kid, The Cherryville, 125 Rue Montmartre oder Elektrolochmann. Keine Frage, da sind Leute am musizieren, die mit dem Mid-90’s Emo von Bands wie Mineral, The Anniversary, SDRE oder Boys Life aufgewachsen sind. Absolute Herzplatte!

9/10

Facebook / Stream / time as a color


 

Pettersson & Det Är Därför Vi Bygger Städer – „Split 7inch“ (Koepfen u.a.)

Es ist zwar eine sehr kurze 7inch – sie dauert lediglich knapp fünf Minuten – aber dafür hat sie alles, was eine saftige DIY-7inch braucht. Zum einen sind da zehn namhafte Labels beteiligt, die allesamt mit Liebe und Herzblut bei der Sache sind. Zum anderen sind da diese zwei Bands, die in der europäischen Undergroundszene schon einen festen Namen haben, obwohl beide Bands noch gar nicht so lange existieren.

Die 7inch ist optisch schonmal richtig ansprechend: das Cover ist eigentlich ganz schlicht gemacht, aber es wirkt so verdammt persönlich. Genau das ist es, was ich an DIY-Split-Releases so liebe! Man nimmt umweltfreundliches beigefarbenes Packpapier, druckt in schwarzer Farbe die Bandnamen drauf und pinselt mit einer mit weißen Farbe eingepinselten Druckvorlage-Rolle drüber. Ach ja, davor haut man noch den Label-Stempel drauf, mit aller Kraft und Liebe natürlich. Während man diesen künstlerischen Beschäftigungen nachgeht, dröhnt schöner 90er-Emo aus den Lautsprechern der heimischen Anlage. Am Besten ein Mixtape mit Bands wie I Hate Myself, Shotmaker, Orchid, Indian Summer oder Yaphet Kotto. Mit ein wenig Glück hat man noch ein paar Helfer/innen, die immensen Spaß an der Sache haben, denn das Aufkleben des schwarz-weiß-Polaroids mit dem Schiffchen drauf kann auf Dauer ganz schön anspruchsvoll sein, da krumm aufgeklebte Polaroids nur in Teenie-Poesie-Alben kleben sollten.

Die Debutscheibe Rift And Seam der Wiener Band Pettersson kam mir leider nie ins Haus geflattert, obwohl da so viele Labels dran beteiligt waren, die immer gerne was zuschicken. Schade eigentlich, da hätte ich wirklich gern was dazu geschrieben, leider ging das irgendwie unter. Nun, die Österreicher klingen hier sehr amerikanisch, italienische und französische Screamo-Einflüsse hört man auch noch raus. Songtitel sind auf der 7inch leider nirgends abgedruckt, aber dank Bandcamp erfährt man, dass das etwas über drei Minuten dauernde Stück den Titel Sensory Deprivation > Motion Sickness trägt. Die ruhige Anfangssequenz mit den cleanen Gitarren und dem zurückgelehnten Schlagzeug lässt bereits die ein oder anderen Nackenhärchen aufstehen, aber spätestens, wenn die Gitarren flirrend zu Soundwänden aufsteigen und der Sänger leidenschaftlich jauchzt und leidet, hat man einen ganzen Krokodilpanzer am Rücken. Sehr geiler Song!

Bei den Schweden Det Är Därför Vi Bygger Städer sind Leute mit dabei, die vorher bei den sagenhaften Careless gespielt haben. Der Song Reverse Polarity dauert zwar nur eine Minute und 41 Sekunden, dafür packt er dich sofort am Kragen und schnürt Dir für die restliche Laufzeit die Kehle zu. Die Gitarren kommen locker aus der Hand gespielt, dazu dieser heulend-leidende Gesang und die teils wild rüberkommenden Drums, die sehr crahbeckenlastig gespielt werden. Ach herrje, beide Bands sollten ziemlich schnell mal neue Sachen rausschmettern, das hier macht definitiv tierischen Kohldampf! Neben koepfen records sind noch Dingleberry Records, Through Love Rec., My Name Is Jonas, Pundonor Records, Hardcore For The Losers, Krimskramz, Zilp zalp Records, Rubaiyat Records und time as a color beteiligt.

8,5/10

Bandcamp / Koepfen


 

Interview mit Duct Hearts


Nach vielzähligen Split-Veröffentlichungen und zwei EP’s wagt die Münchener Band Duct Hearts den längst überfälligen Schritt und veröffentlicht demnächst ihr erstes Full-Length-Album. Und während das gute Stück namens Feathers im Presswerk auf Vervollständigung wartet, bekam ich das Album zwecks Review schon vorab in digitaler Form zugeschanzt. Da eine Besprechung aufgrund einer reinen Download-Datei nicht alle Bereiche eines physischen Releases auf Vinyl abdecken kann, gefiel mir natürlich der Vorschlag der Band, der Besprechung noch zusätzlich ein paar Hintergründe und persönliche Anekdoten hinzuzufügen. Was lag also näher, als Duct Hearts Frontmann Daniel ein paar Fragen zum Debutalbum zu stellen. Ach so, wer es noch nicht bereits gelesen hat: hier gibt’s die Rezi zu „Feathers„.


Bitte gib unseren Leserinnen und Lesern einen kleinen Abriss über die Entwicklung von Duct Hearts. Da Du Duct Hearts als Solokünstler begonnen hast, war es mir bisher nie so richtig klar, ob Duct Hearts nun ein Projekt mit wechselnden Musikern ist, oder ob man mittlerweile von einer „festen“ Band sprechen kann.

David (Schlagzeug) und ich spielen jetzt seit ca 3 Jahren zusammen. Anfänglich hat uns Franz am Bass unterstützt, da aber klar war, dass er früher oder später nach Südkorea auswandert, war das schon von Anfang an etwas improvisiert, hat uns aber sehr geholfen richtig loszustarten. Jetzt macht er in Seoul ein kleines Studioprojekt namens KOENICH SOUND und hat dort auch unser kommendes Album gemischt und gemastert. 2014 und 2015 haben wir uns die Bassisten unserer jeweiligen Tourpartner Human Hands und Bail „ausgeliehen“, seit Herbst 2015 hat Chris bei uns den Bass um den Hals. Das ist eine verrückte aber auch sehr kreative klassische 3er Kombination.

Ihr habt bisher außer zwei EP’s vorwiegend Split-Releases veröffentlicht. Ich könnte mir vorstellen, dass sich bei Releases auf Albumlänge schon so eine Art Druck aufbaut, ob die eigene Musik auf dieser Länge ebenfalls funktioniert. Hattet ihr solche Gedanken, als ihr das Album in Angriff genommen habt?

Man schreibt schon anders für ein Album, als man es für eine Platte tut, auf der nur 1 Song drauf ist. Wenn ich einen Song für ne Split schreibe, versuche ich meist sehr viele Ideen zu kombinieren, um den Song sehr vielseitig und -schichtig zu machen, so dass er alle Aspekte der Band einfängt. Das sieht man z.B. gut auf der „If you prick us…“ 7“, die so viele verschiedene Ideen in 11 Minuten packt, wie manch anderer Band für ein Album reichen. Das ist mir eigentlich beim Schreiben für die LP leichter gefallen, da man auch mal einen Song machen kann, der etwas aus der Reihe tanzt, also hat man weniger Druck, dass jeder einzelne Song die Band repräsentieren muss, da ja das ganze Album das tun soll, und andersherum macht das ein Album erst spannend, wenn nicht jeder Song gleich klingt. Etwas Druck hab ich mir schon gemacht, vor allem da ich finde, ein Album (gerade in unserem Genre-Mix) sollte schon eine Art Spannungsbogen haben, was nicht ganz einfach ist bei Songs die von 2:30 bis 8 Minuten dauern und sich ja auch schön auf 2 LP Seiten aufteilen müssen. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen, ich hab mir aber immer das Hintertürchen gelassen, dass falls 1 Song nicht so wird wie wir uns das vorstellen oder nicht zum Rest passt wir ihn einfach auf ne Split packen und die Platte im Sinne des Gesamtkonzepts kürzer wird.

Ich vermute mal, dass viele der Songideen von Dir stammen? Wie geht ihr denn beim Songwriting vor?

Das ist ganz unterschiedlich. Den Titeltrack „feathers“ spielen wir z.B. von Anfang an live als Intro. Damals haben wir unsere Sets mit „This has taken way too long“ begonnen, also ein sehr ruhiger Start, vor dem wir etwas Lärm setzen wollten, damit die Gäste merken dass es los geht. Da haben wir viele rhythmische Ideen von David verwurstet, diesen cleanen 7/8 Teil z.B. und das ganze basiert hauptsächlich auf Harmonien von „this has taken“. Irgendwann dachte ich dann, es wäre schade, wenn der Song instrumental bliebe und hatte diese Gesangsidee. Den rockigen 9/8 Teil haben wir dann wieder davor gesetzt, damit wieder etwas lautes vor dem leisen Gesang kommt. Die meisten Songs basieren aber auf einem „Leute ich hab folgende Idee, spielt mal was dazu“ Prinzip von mir, und Arrangements, Längen von Parts und so laufen dann überwiegend recht demokratisch ab, hab ich zumindest das Gefühl. Manchmal hat dann auch jemand eine zusätzliche Idee und wir bauen das ein oder nicht. „Hide“ hatte z.B. ursprünglich ein lautes Intro, das fanden David & Chris blöd, also haben wir es weggelassen, dafür hat der Song dann ein instrumentales Outro gekriegt.

Ihr macht ja mit Duct Hearts vieles selbst, seid tief im DIY verwurzelt. Das ist sicher sehr arbeits- und zeitintensiv. Dabei steckst Du ja auch sicher noch enorm viel Zeit in Dein Label time as a color.  Und um das Ganze zu finanzieren, wirst Du nebenher auch noch einer Lohnarbeit nachgehen müssen. Worauf ich hinaus will: es ist schon sehr schwer, das alltägliche Leben mit Arbeit und Beziehung zu meistern und dazu noch kreativ und künstlerisch tätig zu sein. Wie schaffst Du bzw. ihr das alles, was treibt Dich/euch an?

Das ist richtig, neben Pressungen, Artwork, Merch, Vertrieb, Promo, Booking für duct hearts mache ich das ganze auch noch für einige andere Veröffentlichungen, habe inzwischen auch einen recht umfangreichen Online-Shop und dementsprechend viele Bestellungen zu verpacken, das ganze neben dem Job und Familie unterzukriegen ist oftmals stressig und da bleiben nur wenige Pausen. Ich merke da auch, dass ich das besser organisieren, Aufgaben delegieren und vielleicht auch etwas mehr fokussieren muss. Nach dem Ende meiner vorherigen Band Wishes on a Plane habe ich mich eher auf das Label konzentriert, ohne es dann, als wir mit duct hearts eine richtige Band wurden, wieder etwas einzubremsen. Und nun, da wir die „feathers“ über Broken Silence vertreiben, kommt natürlich noch etwas mehr Arbeit und Verantwortung dazu, ein zweites Format (CD) und mehr Promo. Ich denke das ist ein richtiger und wichtiger Schritt, und wir sind sehr dankbar für diese Chance, da sich unsere Musik relativ schwierig in klassische Genre-Schubladen packen lässt. Da braucht man einfach etwas mehr Aufwand und längeren Atem, um den Hörern das nahe zu bringen. Was mich antreibt ist tatsächlich eine gute Frage…manchmal ist es die bloße Tatsache, dass ich ca 800 verschiedene Platten im Büro stehen habe und die dort nicht für immer bleiben sollen :-D Generell ist es aber wohl eher der Wunsch, seinem Leben etwas Tiefe und Vielseitigkeit und auch Nachhaltigkeit zu geben. Ich habe in meinen jungen Jahren so viel Trost und Zuhause und auch Zauber erfahren, der Zauber, wenn man eine schwer zu kriegende Jimmy Eat World split aus ebay ersteigerte und die dann aus den USA ankam war einfach unbeschreiblich. Vielleicht treibt mich die Hoffnung an, solchen Zauber auch bei anderen zu verursachen, oder zumindest dabei zu helfen.

Das eben angesprochene scheint ja in den Texten ebenfalls ein Thema zu sein. Kannst Du bitte etwas zu den Inhalten sagen? Mir ist aufgefallen, dass die Songtitel alle aus einem Wort bestehen und auch anhand der Songtexte könnte man vermuten, dass eine Art Konzept verarbeitet wurde.

Es ist in der Tat eine Konzeptplatte. Thematisch handelt sie von Familien, und wie sie funktionieren, bzw. oft auch nicht funktionieren. Von Nestwärme, aber auch vom Druck, der oft aufgebaut wird, von Erwartungen, die Kinder davon abhalten können, sich frei zu entwickeln. Auch darum, was Menschen durchleben müssen, und wie diese Erlebnisse Ihre Beziehungsfähigkeit formen. Der Titel „feathers“ steht für mich für die Fragilität eines jeden einzelnen und einer jeden Beziehung, aber auch für die Dankbarkeit für die Menschen im eigenen Umfeld, die so leicht mit nur einem Windstoß in eine andere Richtung hätten getragen werden können.

Diese eine Textzeile aus dem Song Cera „we will make them whisper, we will make them sing“ scheint eine besondere Bedeutung zu haben, er steht sogar in der Auslaufrille der LP geschrieben. Warum steht dieser Satz so stellvertretend für das Album?

Ich denke, so unrepräsentativ der Song vielleicht musikalisch für die LP ist, so repräsentativ ist er inhaltlich. Er beschreibt eine Metamorphose, wie ihn die Daune zur Feder vollzieht. Ich spreche ja in den Liner Notes ganz konkret Kriegstraumata an, wie sie von den meisten Großeltern meiner Generation durchlebt wurden und die die Erziehung ihrer Kinder (also unserer Eltern) maßgeblich beeinflusst haben. Der Song beschreibt den Wunsch, die Hoffnung und Dankbarkeit dafür, dass meine Generation ihre Kinder (weitestgehend) ohne diese Last erziehen kann.

Kannst Du ein wenig vom Entstehungsprozess berichten?

Die Songs haben wir tatsächlich recht gleichmäßig innerhalb der letzten 3 Jahre geschrieben, bzw. eigentlich von Frühling 2014 bis Anfang 2016. Einige Ideen wie das Anfangsriff von Piuma hatte ich schon 2012, manchmal hat man so Ideen, schreibt oder nimmt sie auf und dann liegen sie etwas rum und reifen, bis man sie in einem Song unterbringen kann. Shell haben wir schon im Herbst 2014 geschrieben und im gleichen Jahr auch schon live gespielt (eine Live Version ist als Bonus Track auf der im Frühjahr erschienen Collection CD auf Friend of Mine Records drauf). An Ideen für Spinae habe ich auch sehr lange rumgebastelt, bis ich das ganze in der Probe vorgestellt habe. Die Idee, eine LP zu machen entstand irgendwann Anfang 2015 oder so, nach den Aufnahmen für die ganzen 7“s die 2015/2016 rausgekommen sind. Anfang 2016 hatten wir dann genug Songs und haben uns hingesetzt und an der Vorproduktion gearbeitet, die einzelnen Parts und deren Länge und Geschwindigkeiten festgelegt und dazu geprobt. Anfang August waren wir in den Clang Studios in München um das Schlagzeug aufzunehmen und direkt danach hab ich mich im Proberaum verkrochen, Gitarren und Bass aufgenommen und dann eingesungen. Franz (unser früherer Bassist) hat uns hier viel geholfen, hatte ein zweites Ohr für Mikrofonsignale und wir haben einige  schöne Sachen mit Raummikrofonen gemacht, er hat das Schlagzeug editiert und dann im Herbst/Winter gemischt und gemastert.

Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass auf den neuen Songs die Emoanteile weniger geworden sind und dafür die Post-Rock-Elemente verstärkt in den Vordergrund rücken. Wie siehst Du das? Bisher erinnerte euer Sound ja schon ein wenig an Bands, die im Neunziger-Emo verwurzelt waren, Christie Front Drive und Elliott fallen mir da spontan ein. Was gibt es sonst noch für Einflüsse?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass man als Songschreiber oder Künstler allgemein tief in sich die ersten Einflüsse nie von sich schütteln kann, die man hatte, als man mit der Kunst anfing. Zumindest geht es mir so. Dieser Zauber, den man empfunden hat, dieses „wow, so was möchte ich auch machen!“ der einen dazu bewegt hat, die Gitarre in die Hand zu nehmen und so lange zu spielen bis die Fingerkuppen beinahe bluteten, dieser Drang, trotz Schmerz wieder weiter spielen zu wollen. Und diese Einflüsse waren bei mir halt der ganze Mid 90er Kram, Jimmy Eat World, The Get Up Kids, oder die von dir angesprochenen Elliott oder CFD. Andererseits muss ich aber auch sagen, dass wenn ich denn mal zum Musik hören komme, das inzwischen eher Postrock oder Post-Metal Kram ist, das fing schon zu Ende von Wishes on a Plane an, als die Mid 2000er Postrock Welle über mich schwappte, Red Sparowes, This Will Destroy You aber dann auch härtere Sachen wie Isis, eine großartige Band, die mich dann auch etwas offener härteren Sachen gegenüber gemacht hat, sowohl musikalisch als auch was die Gesänge angeht. In den letzten Jahren höre ich viel mehr Post Kram mit metalligen Einflüssen, es ging mit Arktika los, die so wunderbar die Brücke zwischen den 3 Genres Emo/Postrock und Metal geschlagen haben, die leider inzwischen ebenfalls aufgelösten Amber und deren Nachfolgeband Yanos, Terraformer, Watered. Gerade Amber und Arktika haben einige Songs auf ‚feathers‘ beeinflusst, manchmal habe ich Angst dass einer kommt und sagt „ey, ihr habt unser Riff geklaut“ :-D In letzter Zeit habe ich Light Bearer entdeckt, und deren „Nachfolgebands“, wie zB Archivist, bei letzteren stören mich manchmal etwas die d-beatigen Parts, aber es sind ja nur wenige Teile und den Rest find ich fantastisch. Vor allem an Light Bearer inspiriert mich die Mythologie und Konzeption, die Alben sind unglaublich spannend und vielseitig und perfekt geschrieben was Spannungsbögen angeht, und die Storyline ist natürlich außergewöhnlich. Das ist schon sehr inspirierend und wird sich bestimmt auch auf unseren nächsten Platten wiederspiegeln.

Was gibt’s zum Artwork zu sagen?

David hat es speziell für die Platte gezeichnet. Ich mag die Tiefe, wie düster aber auch sehr hoffnungsvoll es wirken kann, je nachdem wie man es sehen möchte. Unsere letzten Artworks waren ja allesamt sehr diy, Siebdrucke, Stempel, selbst gefaltet etc… Für die LP wollte ich einen anderen Weg gehen, etwas edler. Die Platte ist in 180g gepresst, eine limitierte Stückzahl gibts in weiß. Schwarze Innenhüllen, klassisches quadratisches Inlay mit Texten, klassische Cover-Sleeves in extra schwerem rauem Karton.

Bisher habe ich die Live-Aktivitäten von Duct Hearts nicht so wahrgenommen. Seid ihr so aktiv wie andere DIY-Bands, so dass es jedes Wochenende auf die Piste geht, oder geht das eher so, dass ihr mal eine Tour wie z.B. der mit Bail oder Human Hands mitfahrt?

Generell ist es von München aus sehr schwierig einfach mal ein Wochenende spielen zu können, da du immer ein Ziel brauchst, was man Freitag nach der Arbeit noch erreichen kann, und da Bayern etwas dünn gesäht ist mit Emo-DIY-Subkultur (es wird mehr, aber dennoch) muss man meist schon 4h fahren, für einen Freitag zu schwer zu erreichen ohne Urlaubstage zu nehmen. Wir wollen das demnächst aber schon öfter versuchen, bisher scheiterte es eher daran, dass wir entweder noch keinen festen Bassisten hatten oder an anderen Projekten gearbeitet haben, wie
Chris einzuüben oder jetzt Songs zu schreiben/aufzunehmen für die LP. Trotzdem haben wir es seit 2014 geschafft, eine Tour pro Jahr und insgesamt ca. 30 Shows zu spielen, wir waren wie erwähnt schon mit Human Hands und Bail unterwegs in Deutschland, Holland, Österreich und Tschechien und vergangenes Jahr haben wir uns sogar bis Dänemark, Norwegen und Schweden hochgewagt. Im Sommer/Herbst werden wir wieder einige Shows spielen.

Du hast vorhin ja von Abgeben und Delegieren gesprochen. Hast Du schonmal überlegt, was Du machen würdest, wenn ein anderes Label den Wunsch äußern würde, etwas von euch auf Vinyl veröffentlichen zu wollen?

Das hängt natürlich davon ab welches Label fragen würde, und was meine Bandkollegen dazu sagen. Ich meine wir veröffentlichen ja schon von Anfang an alle unsere Platten über mehrere Labels, also ist das keine völlig hypothetische Annahme. Natürlich bin ich schon jemand, der gerne alles unter Kontrolle hat, aber das muss ja nicht heissen, dass man die Kontrolle völlig abgibt, wenn man mit einem Label zusammen arbeiten würde, das die Platte alleine rausbringen möchte. Und abseits vom Platte rausbringen gibt es ja noch tausend andere Dinge an Band- und Labelarbeit, oder man steckt die gewonnene Zeit in andere Dinge, Songs schreiben oder Privatleben, das fördert ja auch die Inspiration. Also wenn es das richtige Label ist und man professionell und persönlich auf Augenhöhe zusammenarbeitet wäre meine 1/3 Stimme von duct hearts auf jeden Fall interessiert.

Okay, das waren jetzt mal die Fragen, vielen Dank für das informative Interview! 

Vielen Dank an dich für dein Interesse und deine Mühe. Wir arbeiten ja jetzt schon echt lange zusammen, schon früher beim Borderline Fuckup Blog, es ist schön zu sehen dass es Leute gibt, die bei der Stange bleiben und Musik im Untergrund langfristig unterstützen, denn das hilft der Szene viel mehr als wenn jemand mal 2 Blogeinträge macht und dann wieder keinen Bock mehr hat, eine Szene braucht feste Eckpfeiler, zwischen denen sie ihr Netz spinnen kann, um dann hoffentlich auch jüngere Leute dazu zu bringen, selbst etwas zu machen, sei es n Distro oder Shows oder so, und du / Crossed Letters sind da echt ein wichtiger Bestandteil von, also im Namen aller Bands und Labels für die du dir regelmäßig die Finger wund schreibst: Vielen Dank!


 

 

Duct Hearts – „Feathers“ (time as a color)

Am Anfang war diese 31 Minuten und 49 Sekunden dauernde m4a-Datei, die obendrein noch mit einem falschen Albumcover getaggt war, welches mir irgendwie bekannt vorkam. Einen Mausklick später (Vorschaubild im Vollbild) war klar, dass hier sicher ein Fehler vorlag, denn das angezeigte Cover gehörte zu einer Band aus Baltimore, die keinen mir erkennbaren Bezug zu Duct Hearts hat. Nun, das von Duct Hearts-Frontmann Daniel geschickte Sound-File ist aber zweifelsohne das richtige.  Das merkt man ziemlich bald nach dem sphärischen Reverb-Intro (mischt da etwa eine Orgel mit?), spätestens dann, wenn die markante Stimme von Daniel einsetzt.  Denn eines ist sicher: auch wenn Daniels Stimme oft mit der von Chris Higdon/Elliott verglichen wird, hat sie einen enorm eigenständigen Charakter und damit einen sehr hohen Wiedererkennungswert. Generell muss ich ja anmerken, dass mir Rezensionen viel besser von der Hand gehen, wenn ich auch etwas in der Hand halte, an dem ich schnuppern, reiben oder drüber streicheln kann. Und manche Musik wirkt auf Vinyl dann nochmal eine ganze Ecke anders, als rein digital. Im Fall der sechs Songs dieses Albums kann ich mir sehr gut vorstellen, wie die Musik auf Vinyl klingen wird, soviel schon mal vorneweg. Aber kommen wir endlich mal zur Musik: denn die kann vom ersten Ton an in den Bann ziehen und obendrein merkt man ziemlich schnell, dass Feathers ein Album ist, das sehr durchdacht um die Ecke kommt, so wie man es ja auch von den Münchenern gewohnt ist. Vom Mastering her ist das Album stimmig gemischt, so dass es ein Genuss ist, die etwas länger als eine halbe Stunde andauernde Reise durch die Welt von Duct Hearts am besten mit einem Kopfhörer ausgestattet anzutreten.

Laut aufgedreht taucht man förmlich in eine vielseitige, geheimnisumwobene Unterwasser-Welt, die sich irgendwie anfühlt, als wäre man von einem von weichen Federn ausgebettetem Kissenmeer umschlossen. Von sphärischen Klangteppichen über leise, reduziert daher kommende oder nur mit Gesang hinterlegte Passagen bis hin zu bombastischen Soundausbrüchen fällt hier kein Ton unter den Tisch. Im Gegenteil, die Instrumente ergänzen sich und treten sich absolut gleichgestellt gegenüber. Die Gitarren klingen an manchen Stellen so schön glasklar und flirrig, während im Kontrast dazu auch schon mal ordentlich gebraten wird und das Schlagzeug einen verrückten Rhythmus raushaut. Und bei einigen wenigen Stellen könnte man wirklich eine Feder fallen hören, so zart und zerbrechlich sind die, bis wieder  delay-artige Klangfelder durch den Raum schwirren, die wie märchenhafte Erzählungen scheinen. Apropos Erzählungen: hinter Feathers steckt ein durchdachtes Konzept, die tiefgehenden Texte dürften reichlich zum Nachdenken anregen. Wenn ihr mehr erfahren wollt: in Kürze erscheint auf diesen Seiten ein Interview mit der Band.

Mit dem Intro-ähnlichen Feathers beginnt das Album wie gesagt erstmal ruhig, sphärisch und behutsam. Das ändert sich abprupt mit bombastischen Doublebass-Paukenschlägen und sich auftürmenden, schweren Gitarren, die den zweiten Song Spinae einleiten. Und hier sind sie wieder, die verspielten Gitarrenklänge, die eine Melodie spielen, die aus einer anderen Welt zu kommen scheint. Schon bei den ersten Durchläufen merkt man, wieviel Ideen in einem einzigen Song umgesetzt wurden. Und das ist auch der Grund dafür, dass das Album keinesfalls Langeweile verursacht, da man auch noch etliche Hörrunden später Passagen entdeckt, die bisher am Gehör vorbeigeflossen sind. Bei Piuma z.B. erwartet man zu Beginn aufgrund der eher schleppenderen Gangart nicht, dass der Song noch in einem sphärischen, fast orchestralen Chor gipfelt. Was auch spannend ist: die Songs scheinen irgendwie ineinander überzufließen, so dass es schwer fällt, einzelne Songs heraus zu picken, Shuffle-Mode mochte ich sowieso noch nie. Da ist man total versunken und wird von den Gitarren um den Finger gewickelt, bis man sich im nächsten Moment beim Song Hide in einem wunderschönen Refrain á la frühe Elliott findet. Überhaupt klingt der Sound der Münchener insgesamt nicht mehr so sehr nach Mid90’s Emo, auch wenn Christie Front Drive desöfteren um die Ecke schielen. Die Post-Rock-Anteile überwiegen deutlich auf diesem ersten Album. Da kommen dann Bands wie This Will Destroy You  oder Red Sparowes in den Sinn.  Ha, und beim letzten Song Shell erinnert mich dann das als Outro dienende Instrumental ganz entfernt an eine Michung aus einem Coldplay-Song, als diese noch nicht so richtig scheiße waren und dieser einen Boy Sets Fire-Ballade. Ach ja, am Release sind neben time as a color noch die Labels Upwind Productions, Strictly no capital letters, Friend of Mine, Middle Man Records und Pundonor Records beteiligt, wobei die CD/digital-Version nur auf time as a color erscheint und für den Vertrieb Broken Silence zuständig ist.

8.5/10

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Bandsalat: Belka, Gli Altri, Hafensaengers, The History Of Colour TV, King Slender, Mira, The Smith Street Band, Time As A Color

Belka – „Ermitage“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese erste, zum Name Your Price Download bereitstehende EP der Hamburger Band Belka wird wohl im Laufe des Jahres auch noch auf Vinyl veröffentlicht. Ja, bitte doch! Denn was die vier Herren, die zuvor in Bands wie Reasonist, Snakes & Lions (bzw. jetzt Shakers), Moro und See More Glass mitwirkten da fabrizieren, hat sehr viel Potenzial. Die sieben Songs sind schön satt abgemischt, die Songstrukturen wirken ausgefeilt und abwechslungsreich und was das wichtigste ist: die Seele stimmt. Die Gitarren braten auf der einen Seite scharf nach vorn, auf der anderen Seite kommen immer wieder gewisse melancholischen Momente zur Geltung, was nicht zuletzt auch noch vom herzzerreißenden Geschrei  von Sänger Dominik und den ab und zu auftretenden Gangshouts untermalt wird. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore und emotive Screamo fahren die Gitarren auch mal einen Gang zurück und klingen fast gar postrockig. Klar, die Vorbilder dürften mit Bands wie Touché Amore oder La Dispute schnell gefunden sein, aber hier stimmt einfach das Gefühl. Beim Song Forellenzucht zeigt das Quartett, dass der Sound auch mit deutschen Texten hervorragend klappt, überhaupt sind die persönlichen Texte alles andere als oberflächlich. Als Anspieltipps empfehle ich die Songs Needles und Tristan Da Cunha oder ganz einfach die ganze EP!


Gli Altri – „Prati, Ombre, Monoliti“ (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Diese fünf Herren kommen aus dem malerischen Städtchen Savona/Italien und machen ganz schön abgefahrene aber intensive Musik, die sich zwischen Emo, Post-Rock, Post-Hardcore und Screamo einpendelt. Gitarre & Bass + Schlagzeug, sehr geil produziert, dazu noch eindringlicher Gesang. Jetzt kommt etwas, für das ich mich absolut hasse. Ich liste im folgenden alle am Release beteiligten Labels auf, ohne dass ich sie verlinke, zudem ist dann nicht mehr viel Platz, um die geile Mucke der Italiener anzupreisen. Klickt auf Play, es lohnt sich! Also, hier mal die Labels:  Burning Bungalow, Lanterna Pirata, DreaminGorilla Records, Salterò Autoproduzioni, Scatti Vorticosi,  QSQDR, Smartz Records, Annoying Records, Taxi Driver Records, Vollmer Industries, É un Brutto Posto dove Vivere, CSA Next Emerson, Toten Schwan Records, Omoallumato Distro,  Messaggi/ERF, Strigide Records, Insonnia Lunare Records,  Greenfog Records,  Minoranza Autoproduzioni,  Screamore, Santavalvola Records, Brigante Records & Productions, Più Amici Meno Storie Records, Unbending Records,  Guglielmo Pendio Records,  Sound Town, Gustosissimo Records,  Bus Stop Press,  Mellow Club Distro, Wild Collective, Dingleberry Records , Ancient Injury Records, Rubaiyat Records,  Boripunk Asso,  Entes Anomicos, Désertion Records,  Ruffmo Records, The Screever Zine. Puh!


Hafensaengers – „Selftitled“ (DIY/Tunecore) [Video]
Als Nebenprojekt von Leuten der Bands Light Your Anchor und Coyotes wurde das gestartet, was nun den Namen Hafensaengers trägt. Auch wenn die Jungs in deutscher Sprache singen, erinnert der Sound an diesen Jahrtausendwenden-Hardcore mit Bands wie Grade oder alten Hot Water Music. Gefällt zumindest instrumental eigentlich ganz gut, allerdings ist der Gesang etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt und an manchen Stellen klingt es, als ob ein paar Ableton-Effekte draufgeknallt wurden.


The History Of Colour TV – „Something Like Eternity“ (Cranes Records / Weird Books) [Stream]
Von manchen Bands erfährt man nur durch irgendwelche Promo-Anfragen, so auch im Falle dieses Trios aus Berlin, welches bereits seit 2010 existiert und schon zwei Alben und einige EP’s veröffentlicht hat, von denen ich bisher noch nix mitbekommen habe.  Diese elf Songs wurden irgendwann im Frühjahr 2016 mit Produzent Peter Deimel (Shellac, The Wedding Present) in Frankreich im legendären Black Box Recording Studio eingespielt und kaum ein Jahr später erscheinen die Songs sogar auf Vinyl in Form einer Doppel 12inch, die mir aber leider nur als Downloadbemusterung vorliegt. Denn der Sound der Berliner dürfte auf Vinyl seine ganze Schönheit entfalten. Zwischen gitarrenorientiertem Emocore, Post-Rock, Noise, Shoegaze, Indie und sogar etwas Drone bewegen sich die elf Stücke eher laid back, wissen aber durch entzückend gespielte Gitarren und dynamische Steigerung zu überzeugen. Dabei kommt den Songs zugute, dass sie live eingespielt wurden. In manchen Passagen kann man sich richtig verlieren, so eindringlich treten die Gitarren, das Schlagzeug, der etwas knarzende Bass und die weinerlich klingenden Vocals in Aktion. Da kommen dann so Bands wie Sunny Day Real Estate, The Close oder Pussybox in den Sinn, im Pressetext werden auch noch Radiohead und Sonic Youth als Vergleiche angeführt. Die Songs Broken Trip oder Wreck eignen sich perfekt, um vom Sound der Berliner angefixt zu werden, checkt das also an!


King Slender – „Selftitled“ (Parking Lot Records) [Name Your Price Download]
Bisherige bzw. aktuelle Mitglieder der Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen stecken hinter King Slender. Dass die Jungs schon reichlich an Banderfahrung gesammelt haben, kann man auf diesen ersten drei Songs zweifelsohne hören. Ihr bekommt jedenfalls genial treibenden Hardcore mit einer ordentlichen Portion Dreck und mit Versatzstücken von Emocore, Indie, Noise, Punk und Post-Hardcore auf die Ohren, dabei schreit sich der angepisste Sänger wütend in Ekstase. Daran könnten Menschen eine Freude haben, die Bands wie Comadre oder Battle Of Wolf 359 zu ihren Faves zählen. Ich steh jedenfalls drauf!


Mira – „Selftitled“ (mum says: be polite rec.) [Name Your Price Download]
Es ist noch gar nicht lange her, dass They Sleep We Live und Fljora das Zeitliche gesegnet haben. Dass die Auflösung beider Bands jeweils einen sehr großen Verlust darstellt, habe sicher nicht nur ich bemerkt. Nun, jeder Verlust, jedes Ableben, so traurig es auch für Angehörige oder Freunde sein mag, schafft auch neues Leben, das wiederum das Zeug dazu haben kann, uns zu glücklichen und ausgefüllten Menschen zu machen und das den Schmerz des Verlustes langsam verblassen lassen kann. Obwohl in den drei Songs auf diesem Release die melancholische und verzweifelte Seite mehr Tragweite zu haben scheint, zaubert die Musik und das ganze Drumherum neben der Gänsehaut auch ein befreiendes Lächeln ins Gesicht, hier stimmt einfach alles. Naja, außer vielleicht die kurze Spielzeit und der blöde Gesichtsausdruck, wenn man die 7inch aus dem Karton rausfischen will und ins Leere greift und dann „nur“ eine CD zum Vorschein kommt. Mogelpackung? Nee, mit Sicherheit nicht! Denn wenn man den von allen Seiten linolbedruckten dicken Karton aus der PVC-Hülle gefriemelt hat und im Inneren noch die Texte vorfindet, die ebenfalls gesiebdruckt und wie ein kleines Büchlein reingetackert sind, dann kriegt man schier den Mund nicht mehr zu. Und dann erst fällt eigentlich erst die CD ins Auge, die ebenfalls besiebdruckt ist und sich perfekt ins restliche Sternbild-Artwork integriert und auf eine Art Filzgleiter geploppt ist. Wie das Licht eines toten Sternbilds kitzelt Dich dann diese Musik an Stellen, an die sonst niemand ran darf. So fühlt sich 90’s Emo an, yeah! Roh, intensiv, zerbrechlich! Hier sind übrigens Leute der oben bereits erwähnten Bands am Start, zudem kennt man einige Bandmitglieder von Bands wie Manku Kapak und Ilill.


The Smith Street Band – „More Scared Of You Than You Are Of Me“ (Uncle M) [Stream]
Hach, wie ich mir doch den Sommer herbeisehne, wenn ich diese herzzerreißenden zwölf Songs des mittlerweile vierten Albums der australischen Punk/Emo/Indie-Band The Smith Street Band anhöre. Kraftvoller Gesang, der sich nicht darum schert, wenn mal nicht exakt der Ton getroffen wird, dazu Gitarren, die einerseits verträumte Melodien zum Besten geben und auf der anderen Seite aber trotzdem die Beinchen rhythmisch im Takt auf den Boden tröppeln lassen. Und dieser Bass, der unabhängig vom Rest der Band zu sein scheint und unerwartet stimmig dazu beiträgt, dass der Gesamtsound so rund klingt. Jack Shirley ist mal wieder für diese satte und lebendige Produktion verantwortlich. Geil auch, dass ab und zu Frauenchöre bzw. Frauenstimmen den nöligen Gesang des Sängers etwas aufpeppen. Hach, wie soll man diesen Sound zwischen Lebensfreude, Melancholie und Energie bloß beschreiben? Stellt euch vor, die Smashing Pumpkins (zur Siamese Dreaming-Phase) covern (ohne vorher Dope geraucht zu haben) Algernon Cadwallader-Songs und haben noch dazu diesen übriggebliebenen Typen von Nirvana (jetzt Foo Fighters) am Schlagzeug. Sehr schön!


Time As A Color – „X“ (Time As A Color) [Stream]
Gleich zwei Ereignisse werden mit diesem geilen Sampler gefeiert. Zum einen ist das der zehnjährige Geburtstag des Labels, zum anderen ist dieses Release die fünfzigste Veröffentlichung! Clap Your Hands And Say Yeah! Verbeugung und Gratulation! So geht DIY! Wenn ihr euch einen Überblick von den Bands machen wollt, die bisher auf time as a color veröffentlicht haben, dann ist dieses Release eine perfekte Gelegenheit dafür, wenn es auch unter den bisherigen 49 Veröffentlichungen etliches mehr zu entdecken gibt. Jedenfalls sind alle neun Songs bisher unveröffentlicht. Und das hier ist drauf: Carson Wells, Nebraska, Bail, Coma Regalia, Lorraine, Duct Hearts, Kumulus, Terraformer und ein live dargebotener Song von Grand Détour. Und wahrscheinlich ist es für euch knauserigen Geizhälse sicher eine Freude, den Big Anniversary Sale des Labels zu nutzen und ein paar Schmankerl zu erhaschen. Schlagt zu und unterstützt lieber kleine Herzblut-Labels wie time as a color bevor ihr beim Shit-Record-Store-Day für irgendwelche billig und lieblos produzierte Grütze Unsummen an Kohle rausschleudert. In diesem Sinne, Happy Birthday!


 

Split-Storm: Det Är Därför Vi Bygger Städer & Coma Regalia, Gillian Carter & Coma Regalia, What Of Us & Coma Regalia, Youth Novel & Coma Regalia

Det Är Därför Vi Bygger Städer & Coma Regalia – „Split 7inch“ (time as a color u.a.)
Aus dem Kunstwerk auf dem Frontcover werde ich leider nicht so richtig schlau. Nach längerer Betrachtung und der Erkenntnis, dass es sich hier um einen Greifvogel handeln könnte, der ein Kaninchen oder so was in der Art frisst, mach ich mir ernsthaft Sorgen um mein räumliches Vorstellungsvermögen, da ich das nicht auf Anhieb erkannt habe. Bin ich womöglich altersfarbenblind? Gibt’s so ein Augenleiden? Wollt ihr auf dieser Seite hier  Krankheitsgeschichten lesen? Wohl eher nicht…Ich meine, wenn das jetzt so ein 3D-Bild wär, dann wär das sicher nicht so tragisch. Aber das hier? Jetzt wo ich’s weiß, seh ich’s ja auch sofort, sogar auf dem Kopf stehend. Hab vorhin wahrscheinlich nur die falsche Stelle im Fokus gehabt, wodurch sich das Bild schon ein wenig verändert. Oder bilde ich mir das jetzt ein? Wie gern hätte ich euch die Publikums-Joker-Frage gestellt, aber das geht ja nun nicht mehr, ihr wisst ja Bescheid. Alterssenilität auch noch? Boah, jetzt steigere ich mich aber hoffentlich nur in was rein, bin ja schon ein wenig hypochondrisch veranlagt. Also, lieber mal nicht nach solchen Symptomen googeln. Ich verbitte mir auch jeglichen Kommentar in der Sache (macht ihr ja eh viel zu selten…aber die Kommentar-Leiste sieht man ja auch fast nicht, ist gut versteckt für Leute, die an Augenleiden leiden). Nun, bin beruhigt, dass ich den Kaktus auf der Cover-Rückseite sofort erkennen kann. Klappt man das Cover dann auf, wird man wiederum aus dem Innencover nicht so richtig schlau. Zwei dämlich grinsende Jäger, die ihre jämmerliche Beute präsentieren und ein Auto, das offenbar gegen einen Baum gefahren ist. Man hofft insgeheim, dass sich die Natur (in Form des Baumes) an den zwei Jäger-Schwachköpfen gerächt hat, hoffentlich nur ein Blechschaden. Das Vinyl schimmert hellblau und klar wie ein Gebirgsbach. Ein Textblatt liegt natürlich auch bei, leider lässt sich die Handschrift sehr schlecht lesen. Im Fall vom Song Alla Mina Vänner von Det Är Därför Vi Bygger Städer ist es nicht so schlimm, da ich schwedisch eh nicht verstehe und keine englische Übersetzung beiliegt (und bei Bandcamp der Text per Copy&Paste sehr schnell „annähernd“ übersetzt werden kann). Der Song geht emotional und mit leisen, gefühlvoll gezockten Gitarren loss, das locker gespielte Schlagzeug und der abwesend gesprochen/gesungene Gesang katapultiert dich in eine Gegend, die von Fjörden und klaren blauen Seen durchzogen ist. Bis dann dieser chaotisch geile Skramz/Screamo jegliche Idylle zerstört und ordentlich Vollgas gibt. Danach wird es zwar wieder etwas ruhiger, aber man erhofft sich trotzdem nochmals so einen chaotischen Ausbruch, der aber letztendlich ausbleibt. Wie neulich schon bei der 3-Way-Split mit Sans Visage und Careless angefordert: Macht endlich ’ne Full-Length! Aber jetzt zur B-Seite: Bei An Apology von Coma Regalia kann man sich die verschnörkelt geschriebenen Worte dann schon eher zusammenreimen. Und hier hört sich die Band aus Lafayette, Indiana so richtig anders an. Der Song beginnt gleich mit diesen melodischen Gitarren und einem 90’s-nahen Emocore-Geplärre des Sängers, bis das hektische Getrommel einsetzt, das zusätzlich zur Emotionalität ordentlich Power reinpfeift. Planes Mistaken For Stars schwirren mir im Kopf rum, während ich das höre. Und dann, in der Mitte des Songs setzt das gewohnte Gekeife ein. Wieder mal sehr geil. Die beteiligten Labels: time as a color, Miss The Stars Records, ödebygd records, Through Love Rec., Middle Man Records, Zegema Beach Records, Friendly Otter, Samegrey Records. Scheiße, für ’ne 7inch mit zwei Songs hab ich jetzt wirklich genug geschrieben. Darf ich Amen sagen? Nö, nä?
Bandcamp / time as a color


Gillian Carter & Coma Regalia – „Split 6inch“ (time as a color u.a.)
Heilige Scheiße, das hier lässt meine Augen aufleuchten, wie damals, als ich neun Jahre alt war und mein erstes YPS-Comic bekam. Das Heftchen war zu der Zeit nicht so wichtig, aber das beiliegende Gimmick war für einen Neunjährigen in den Achtzigern das Non-Plus-Ultra: ein 15cm-Miniatur-Tennisspiel aus Plastik, bei dem zwei Spieler einen an einem Plastikstäbchen befestigten Ball per Knopfdruck hin-und herschießen konnten. Das Spiel machte zwar keinen Sinn, da beim hin und herballern der Kugel eigentlich nix schiefgehen konnte, aber trotzdem hatten wir Spaß und waren zufrieden. Nun, bevor ich euch mit langweiliger Nostalgie-Grütze vollsülze, komme ich lieber mal zu diesem spannenden Release, das über die Labels time as a color, Middle Man Records und Fake Crab Records erschienen ist. Übrigens die Premiére bei Crossed Letters: Erstmals kam eine 6inch ins Haus geflattert. Dazu sieht die auch noch soooo geil aus. Und es liegen zwei Gimmicks im Baseball-Sammelkartenstil bei, wie beim eingangs erwähnten YPS. Boah, wie geil doch der extra reinretuschierte Rote-Augen-Effekt auf der The Low End Theory-Karte kommt! Auf den Rückseiten der Karten finden sich neben den Infos zur 6inch auch die Texte der beiden Songs. Mein 6inch-Exemplar ist neon-pink (es gibt wohl auch noch neon-grün), ist einseitig bespielt und die B-Seite ist mit einem weißen Siebdruck verziert. Ein Schmuckstück. Und legt man das winzige Scheibchen nach ausgiebiger Betrachtung endlich auf den Teller, dann sind die zwei Songs nach vier Minuten auch schon wieder rum. Nichtsdestotrotz soll das nicht heißen, dass kein bleibender Eindruck entsteht. Gilian Carter fackeln in ihrem einminütigen Smasher nicht lange. Hab die Band leider irgendwie nach dem 2013er-Album Lost Ships Sinking With The Sunset total aus den Augen verloren. Der Song The Novelty Of Joy macht mich jetzt aber neugierig auf die zwei Alben, die seither erschienen sind. Verzweifelter Hardcore trifft auf hysterischen Screamo, zwischendurch schleicht sich eine Gitarre ein, die Dir ’ne Gänsehaut einjagt, zudem schreit sich der Sänger den Hals blutig. Kurz und chaotisch. Der Song von Coma Regalia dauert dann knapp drei Minuten. Und in diesen drei Minuten zeigen die Jungs die ganze Bandbreite, die sie drauf haben. Chaotisch, krass knüppelnd, schreiend, keifend, ganz kurz fast unverzerrt und ruhig,  dann wieder hymnisch mit mehrstimmigen und leidenden Chören, die sich herzzerreißend anhören. Ich erwähne es zwar in fast jedem Review zu Coma Regalia, aber auch hier sind diese unterschwelligen Gitarrenspuren herausragend.
Bandcamp / time as a color


What Of Us & Coma Regalia – „Split 12inch“ (time as a color u.a.)
Das etwas düstere Cover im Graphic Novel-Stil lässt viel Interpretationsspielraum. Was will uns dieses Kunstwerk sagen, was passiert mit den zwei Typen im Heißluftballon? Nun, es wird nichts gutes sein, denn auf dem Backcover sieht man den Heißluftballon, wie er von dürrem Geäst aufgespießt an einem vertrockneten Baum hängt, der Korb ist leer. Aus die Maus. Ob die Texte beider Bands ein wenig Licht ins Dunkel bringen? Weiß man ja nie, deshalb finde ich es immer wieder spannend, wie neugierig die Optik einer Platte auf den musikalischen sowie den textlichen Inhalt machen kann. Aus diesem Grund schaff ich es auch selten, eine Platte beim ersten Durchlauf auf den Teller zu legen, ohne dass ich sofort die Texte mitlesen muss. Im Falle dieser Split-12inch liegt ein schönes Textblatt bei, also steht meinem Zwang nichts mehr im Wege. Aber beginnen wir doch einfach mal mit What Of Us aus New Jersey. So wie es scheint, existiert das Quartett noch nicht arg lange, dafür waren die Jungs bisher bei Capacities,  Au Revoir, Black Kites, Less Life und Guidelines aktiv. Dass Erfahrung und Spielfreude vorhanden ist, wird gleich beim ersten Song deutlich, der mit wildem arhythmischen Getrommel, verzweifeltem Geschrei und wundervollen Skramz-Gitarren ordentlich Heißluft in den Ballon bläst. Was für ein Sturm. Nach diesem kurzen aber eindrucksvollen Auftakt geht es ein wenig midtempo-lastiger und schleppender weiter. Grob gesagt, bewegen sich die Jungs gekonnt zwischen Hardcore, Punk, Screamo und Skramz. Das erinnert dann direkt etwas an diese oldschooligen Emocore-Ebullition-Bands á la Downcast, Portraits Of Past oder Iconolast, allerdings im modernen Soundgewand, Orchid oder Pg. 99 dürften auch Pate gestanden haben. Die A-Seite besteht aus insgesamt acht Songs und dauert so in etwa vierzehn Minuten. Und bereits nach wenigen Durchläufen ist mir diese Seite der Split bereits ans Herz gewachsen. Hört euch nur mal Songs wie Recognize (der Gesang erinnert teilweise an die Band Temperance)  oder das mit einem gänsehautverursachenden Instrumental-Intro versehene Bury My Shell at Wounded Knee an, dann wisst ihr, was ich meine. Ach so, die Texte sind sehr systemkritisch, hinterfragen das kapitalistische System von Grund auf, zeigen das fehlende Gleichgewicht in unserer zerrütteten Gesellschaft auf. Dass Gier und Machtstreben keine neuzeitlichen Erscheinungen sind, wird nebenbei auch noch thematisiert, dadurch wird das Endzeitgefühl noch plasmatischer. Aber nun zur B-Seite. Die lässt Coma Regalia mit einem instrumentalen Emo-Intro beginnen, das an allererste Appleseed Cast-Scheiben erinnert. Und die neun Songs, die darauf folgen, jagen Dir nach und nach eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Der etwas übersteuert abgemischte Sound trägt sicher dazu bei, dass man das Gefühl nicht los wird, mitten im Proberaum zu stehen und all die Energie, all den Schmerz, all die Euphorie und all die Verzweiflung und Wut 1:1 am Körper zu erfahren. Und auch hier kratzen die Texte am Thema Kapital, Macht und Ausbeutung. Und spätestens jetzt wird deutlich, dass die Typen im Heißluftballon die Spielfiguren im bösen Spiel sind, die keine Chance haben und vom (durch kapitalistische Umweltsünden verursachten) Wind, der symbolisch für Macht und Gewalt steht, ins Verderben, sprich in den Tod getrieben werden. Da ich aber zu Schulzeiten immer ganz miserable Noten beim Thema „Interpretation“ hatte, weil ich immer „das Thema verfehlte“, ist nicht ausgeschlossen, dass ich auch hierbei nur phantasiere. Aber Scheiß drauf, denn Coma Regalia sind auf diesem Release in Höchstform. Jeder verdammte Song dieser B-Seite trifft mitten ins Herz. Es hat mich fuchsig gemacht, unter diesen Hammersongs irgendwelche Highlights herauszusuchen, die die komplette Stimmung dieser Aufnahmen wiedergeben können. Das ist hier schlichtweg einfach unmöglich. Ach ja, das Ding erscheint auf time as a color und Middle Man Records. Um das hier  ganz kurz auf einen Nenner zu bekommen: Coma Regalia waren ja schon immer was besonderes, aber spätestens mit diesen Aufnahmen katapultieren sie sich in den Screamo/Skramz-Olymp. Eine durchaus empfehlenswerte Scheibe!
Bandcamp / time as a color


Youth Novel & Coma Regalia – „The Gentle Harm Of Tradition Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Von außen betrachtet ist das Coverartwork sehr schlicht gestaltet, aber packt man das Scheibchen aus, dann kommt die wahre Schönheit ans Tageslicht. Das durchsichtige Vinyl ist mit bronzefarbenen und olivgrünen Farbsprengseln übersät und sieht gegen das Licht gehalten supergeil aus, auch auf dem Plattenteller liegend macht das gute Stück was her. Etwas schade finde ich, dass auf dem beiliegenden Blatt keine Lyrics zu finden sind. Nun, Youth Novel aus Ann Arbor/Michigan knüpfen da an, wo sie bei ihrer 2014-er EP Turned Around Abruptly Beside a Mirror and Jumped at My Own Reflection aufgehört haben. Dort waren nämlich die Songs I-IV vertreten, nun werden Song V und VI nachgeliefert. Hier bekommt man intensiven Emo/Screamo der alten Schule geboten, das erinnert dann an Bands wie Portraits Of Past, Kidcrash, Instil, Funeral Diner oder Daitro. Gänsehaut bekommt man immer dann, wenn es mal ruhiger von den Gitarren her wird, worauf bei der anschließenden Sounderuption gleich ein Adrenalinstoß folgt. Beim Song VI gibt es dann noch ein geniales Klimperintro, das mit Spoken Words hinterlegt ist und welches das nachfolgende Szenario noch intensiver steigert. Genialer Song, schön impulsiv gelittene Vocals. Wird Zeit für ’ne Full-Length. Zu Coma Regalia aus Indiana muss man eigentlich gar nicht mehr viel schreiben, die Band ist mit ihren zahlreichen Splitveröffentlichungen fest verankert in der DIY-Szene. Nun, das als Intro dienende instrumentale Each Day A Gift passt als Überleitung bzw. Einleitung ganz gut, hier gefallen mir die gefühlvoll gespielten Gitarren mit ihren unterschwelligen Melodien. Da kommt ein richtiges Emocore-Feeling auf, v.a. in der zweiten, treibenderen Hälfte des Stücks. Danach wirkt natürlich der chaotisch knüppelnde Screamo/Skramz-Ausbruch am Anfang des Stücks From Me To You umso heftiger. Auch hier wieder ein Mittelteil, der Dir mit seinen wundervollen Gitarren die Härchen aufstellen lässt. Dazu das gewohnt intensive, schmerzverzerrte Geschrei. Diese tolle Split 7inch ist ein Co-Release der Labels Dingleberry Records, Middle Man Records, Zegema Beach Records und Too Far Gone Records.
Bandcamp / Dingleberry Records


Lorraine – „Gimbal Lock / Pitch​/​Roll​/​Yaw 7inch“ (Dingleberry time as a color ua)

Erstmal muss man sagen, dass das hier abgebildete oder auf der Bandcamp-Seite der Band zu sehende Cover in physischer Form sehr viel lebendiger wirkt (das tun übrigens fast alle Vinyl-Cover, welch Wunder). Alleine die fast leuchtenden, kontrastreichen und satten Farben bilden zusammen mit den zylinder- und kreisförmigen Formen eine schöne Einheit.  Und dann kommt noch dazu, dass man, wenn man das Scheibchen aus seiner Hülle befreit, einen dreigefalteten Karton in den Händen hält (leider ohne Textblatt). Scheiße, durch das eben geschriebene werden wahrscheinlich etliche religiöse Leute diesen Text hier lesen, weil sie in ihrer Suchmaschine nach #Dreifaltigkeit gesucht haben. Herzlich willkommen ihr Menschen, vielleicht lernt ihr hier noch was fürs Leben. Zumindest findet ihr auf diesen Seiten Musik, für die es sich zu leben lohnt. Bevor ich gnadenlos abschweife: dieses Coverartwork entzückt mich v.a. wegen seiner Schlichtheit. Genauso minimalistisch wie das Artwork kommen dann auch die zwei Songs der Band aus Wien. Auf den ersten Blick zumindest. Denn hat man sich nach ein paar Durchläufen erstmal rangetastet, dann wird deutlich, dass sich hinter dem reduziert wirkenden Sound doch etwas tiefgründigeres versteckt, das einen letztlich nicht mehr loslassen will.

Die bisherigen Veröffentlichungen der DIY-Band hatten ja bereits die ein oder anderen Post-Punk und Wave-Verweise, deshalb ist es nur logisch, dass diese auf diesem Release auch mal stärker in den Vordergrund rücken. Die A-Seite beginnt mit dem Song Gimbal Lock sehr wavig, fast erinnert dieses abgehackte Gitarrenriff und der wummernde Bass an diese eine Sequenz aus dem Song Spiderman von The Cure. Aber dann kommt plötzlich diese dreckige Punkattitude der Jungs um die Ecke, so dass man sich direkt im dissonanten Washington DC/Dischord-Sound á la Fugazi & Co wiederfindet, mit all den emotionalen Begleiterscheinungen, die diesen Sound so lebhaft erscheinen ließen bzw. lassen. Das Zusammenspiel von gefühlvoll gespielter Gitarre/Bass und lebendig gespielten Drums wird vom flehend wirkenden Gesang vefeinert. Genial! V.a. auf Vinyl ist das natürlich die Wucht. Und ehe man sich versieht, ist die A-Seite auch schon wieder durch.

Und wenn man danach merkt, dass die B-Seite mit dem Song Pitch/Roll/Yaw nur so ca. die halbe Spielzeit der A-Seite hat, ist man fast enttäuscht. Denn auch hierfür gibt es volle Punktzahl. Post-Punk-Wave mit treibendem Bass, geilen Gitarren und einem einprägenden Refrain. Einziger Wehrmutstropfen: Schade, viel zu kurz. Naja, der Rundum-Pfeil auf dem Frontcover deutet es an: Dreh die Scheibe erneut um, drück auf Play, dreh langsam durch. Während die Labels der A-Seite symbolisch in sich gekehrt sind, gehen die Pfeile auf dem Label der B-Seite sternförmig nach außen, was symbolisch auch für die Musik der B-Seite steht: diese ist vorantreibend, in alle Richtungen strebend. Das edle Teil erscheint übrigens in Zusammenarbeit folgender Labels: Time as a color, My name is jonas, Art for blind Rec., Dingleberry Rec., Laserlife Rec., Stereo Dasein, Désertion Rec. und Krimskramz.

8/10

Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records / time as a color


Bandsalat: Anorak., Coppersky, Halcyon Days, Hexis, Human Abfall, Humans The Size Of Microphones, Leoniden, Twin Red

anorak_enthusiatsandcollectors_cover_digitalanorak. – „Enthusiasts And Collectors“ (Uncle M) [Video]
Schon die neulich vorgestellte Kalter Frieden-EP machte Neugier, welch spannende Sachen man noch von der Post-Hardcore-Band aus Köln hören wird und ein paar Wochen später ist es auch schon so weit. Auf Uncle M erscheint das Debutalbum des Quintetts in 500er-Auflage als handgefertigte 12inch im Sleeve, auf dem auf der Frontseite jeweils ein Polaroid-Foto eingeklinkt ist, jedes der 500 Stücke ist also ein Unikat. Den Fotos im Uncle M-Shop nach zu urteilen sieht das Ding schön Oldschool-Emo-mäßig aus, das Teil würd ich mir gern auf dem Plattenteller versenken. Nun, geboten werden insgesamt elf Titel, darunter auch der Song The Mood, den man schon von der Kalter Frieden EP her kennt. Mit etwas über 45 Minuten Spielzeit geht man als Band das Risiko ein, dass ein Album zu einer zähen Angelegenheit werden könnte. Nicht so bei anorak., denn die ausgefeilten Songarrangements lassen keine Spur von Langeweile aufkommen, zudem bauen die Jungs zum intensiven Posthardcore auch noch intensive Emopassagen, Screamo, Modern Hardcore und Post-Rock-Elemente ein, so dass das Ganze zu einem höchst interessanten Soundgebräu wird. Die Gegensätze laut/leise und ruhig/treibend sind bei diesem Album hervorragend herausgearbeitet, zudem merkt man der ganzen Sache an,  dass hier viel Herzblut drin steckt. Musikalisch gefallen die melodischen Gitarrenparts, die sich mal zu meterhohen Soundwänden auftürmen und anschließend wieder bedächtig in sich kehren genauso, wie der gegenspielende Bass und das Druck machende Schlagzeugspiel, zudem fügt sich die Stimme des Sängers in den Gesamtsound hervorragend ein, mal wird heiser geschrien und dann wieder kraftvoll gesungen. Auch die Texte sind nähere Betrachtung wert, sie behandeln gesellschaftliche sowie persönliche Bereiche. Interessante und spannende Angelegenheit.


DIGITAL ARTWORKCoppersky – „If We`re Losing Everything“ (Uncle M) [Video]
Die aus Utrecht/Niederlande stammende Band Coppersky ist fast ein Familienbetrieb, da sie sich zu 3/5 aus Brüdern zusammensetzt und daher rein oberflächlich betrachtet an Bands wie die Kelly Family oder Kings Of Leon erinnert. Vom Sound her geht es aber eher in die Richtung der letztgenannten, The Gaslight Anthem und The Hold Steady wären auch Referenzen. Wer auf so ’nen Heartland-Rock-Kram mit Bruce Springsteen-Stimme gepaart mit ein paar Punk-und Emo-Einflüssen kann, sollte sich die Band mal genauer anhören.


Halcyon Days – „Selftitled EP“ (DIY) [Stream]
Im Presseinfo stehen nicht allzuviel brauchbare Infos, es wird zumindest gleich zu Beginn irgendwas von Metal/Hardcore gelabert, der sich von Bands wie Architects oder Counterparts inspiriert fühlt. Und ja, das kann man diesen vier Songs der aus Oslo/Norwegen stammenden Band durchaus attestieren, zudem erinnern mich die eingängigen Chor-Refrains an manchen Stellen stark an Bands wie Linkin Park oder Underoath. Post-Hardcore gepaart mit Melodic Hardcore und einigen Moshparts eben. Technisch gibt’s nix zu meckern, wer  aber auf der ständigen Suche nach Eigenständigkeit ist, wird hier eher nur altbewährtes finden. Reinhören tut jedenfalls nicht weh, wenn ihr auf die o.a. Bands könnt.


Hexis – „MMXIV A.D. XII KAL. DEC.“ (time as a color u.a.) [Stream]
Wie lang ist das her, dass ich ’ne Flexi auf meinen Plattenspieler geklatscht habe? Mindestens 20 Jahre, wenn nicht mehr. Früher lagen die Dinger ja gerne irgendwelchen Undergroundzines bei, die geniale Impulse Manslaughter-Flexi kommt mir dabei gerade in den Sinn. Der Knüller in meiner Schallplattensammlung: eine rote Flexi mit dem Song: Raider heißt jetzt Twix…haha. Damit hat die Kopenhagener Band Hexis natürlich nichts im geringsten am Hut. Aber was mir persönlich bei Flexi-Discs auffällt: der Sound ist deutlich kratziger und heller, als auf „richtigem“ Vinyl. Keine Ahnung, vielleicht liegt das auch an meinem billigem Schallplattenspieler, aber die drei Songs von Hexis klingen sehr hochtönig. Das könnte aber auch daran liegen, dass es sich dabei um eine Liveaufnahme handelt, die in Japan entstanden ist. Auf der A-Seite gibt’s den Song Odium, auf der B-Seite erwarten euch die Songs Timor und Abalam.  Für Fans der Band sicher interessant.


Human Abfall – „Form Und Zweck“ (Sounds of Subterrania) [Stream]
Mit ihrem Debut Tanztee von Unten konnten die Stuttgarter bei mir schon punkten, da dieser kalte Post-Punk irgendwie an die depressiven und trostlosen 80er erinnerte, als es keine Zukunft zu geben schien und politisch wie umwelttechnisch einiges im Argen lag. Projiziert auf unser aktuelles Weltgeschehen kommt der reduziert, beklemmend und trostlos wirkende und sehr eigenständig bisweilen sehr psychedelische Sound der Stuttgarter natürlich gerade recht. Der atonale Gesang und die doppelbödigen und scharfzüngigen Texte von Sänger Flavio Bacon setzen dem ganzen noch die Krone auf. Kaputter Dada-Post-Punk mit Surf/Dub/Soul/Jazz und Hip Hop-Einflüssen, erinnert ein wenig an Bands wie EA80, Einstürzende Neubauten und The Young Gods.


Humans The Size Of Microphones –  „Human Crop Circles“ (SuperFi Records) [Name Your Price Download]
Wow, die Gitarren sägen schonmal ordentlich los, auch das Schlagzeug macht massiv Dampf, das erinnert an alte Ebullition/Gravity-Emocore-Bands. Zwischen Skramz und Screamo passen aber immer wieder dick melodische emotive Hardcore-Gitarren, die schön Wall Of Sound-mäßig und fett abgemischt aus den Lautsprechern kriechen und Dich an die Wand drücken. Und jetzt das Traurige: soweit ich das verstanden habe, existiert diese UK-Band längst nicht mehr , die Jungs waren wohl in den Nullerjahren bekannt für ihre ausufernden Live-Shows. Auf der LP befinden sich die 5-Song-Demo und 5 bisher unveröffentlichte Songs, absolut zeitlos. Schönes Zeitdokument, da solltet ihr mal reinlauschen.


leoniden_single_coverLeoniden – „Two Peace Signs“ (Two Peace Signs Records) [Video]
Diese selbstreleaste EP der norddeutschen Band Leoniden ist mit vier Stücken ausgestattet, die absolut eigenständig daherkommen, ein bisschen kann man den Sound von Leoniden mit funky Indierock umschreiben, der zeitweilig sogar recht radiotauglich klingt (ich hör zwar selbst kein Radio und kann daher nicht beurteilen, was da so läuft, aber es wäre wünschenswert, wenn so eine Mucke unter das Volk gebracht werden würde). Nun, gleich der Opener 1990, zu dem es übrigens ein nettes Video gibt, geht sofort ins Ohr und verzückt mit einem bombastischen Refrain und sexy Guitar/Bass-Tunes, um es mal auf neudeutsch zu sagen. Solltet ihr mal für zwischendurch als Kontrast zu dem ganzen Screamo-Geschredder vormerken.


Twin Red – „Please Interrupt“ (Evil Greed/Uncle M) [Stream]
Warum sich die Hannoveraner Band Client. in Twin Red umbenannt hat, lässt sich im Presseinfo leider nicht rauslesen, für Internet-Recherche bin ich gerade auch zu faul. Ein Stilrichtungswechsel kann unmöglich dahinterstecken, denn die Weiterentwicklung zwischen dem letzten unter dem Namen Client. veröffentlichten Album Joy Is The Only Treat und der neuen Scheibe ist kaum merkbar, die Jungs stecken immer noch tief drin im 90’s Emosound. Manche der zehn Songs klingen zwar an einigen Stellen gezähmter als früher, da schleicht sich schonmal ein catchy College-Rock-Riff ein. Bands wie Basement, Jimmy Eat World, Sense Field oder Titel Fight kommen genau so in den Sinn wie Neo-Grunge-Zeugs á la Superheaven, Turnover oder Citizen. Die Melancholie steht jedenfalls nicht nur textlich im Vordergrund, auch musikalisch  reicht das Spektrum von geil klingenden Gitarren bis zu verträumtem Gesang und  ins Ohr gehenden Refrains, trotzdem hat der Sound noch genügend Biss und Drive. Twin Red bewegen sich mit diesem Album jedenfalls auf internationalem Niveau und brauchen sich hinter irgendwelchen gehypten US-Bands nicht zu verstecken. Der Sommer kann kommen.


Trembling Hands, Duct Hearts, Careless, Coma Regalia, Human Hands – „Divided By Water 2x7inch“ (time as a color)

Dass in diesem Release ’ne Menge Arbeit, Zeit, Überlegungen, Gedanken und schlaflose Nächte stecken, das wird einem bereits klar, wenn man die liebevolle Aufmachung in Augenschein nimmt. Da hat time as a color-Betreiber Daniel wirklich ’ne ganze Menge Herzblut reingesteckt. Der zweifarbige und gesiebdruckte Linolschnitt  mit dieser königsblauen – an Füller-Tinte erinnernden Farbe – kommt echt mal super. Der Linolschnitt wurde übrigens von Laura Oberjatzas-Duque, einer befreundeten Künstlerin angefertigt. Bevor ich die linernotes von Daniel im Textblatt gelesen habe, machte ich mir anhand des Titels Divided By Water und den darauf vertretenen Bands bereits Gedanken, ob zwischen Titel und Herkunft der Bands ein Konzept hinter dem Release stecken könnte, was sich letztendlich im Textheftchen nach dem Lesen der linernotes bestätigt. Am Anfang schwirrte wohl die Idee im Kopf, 6-8 Bands aus verschiedenen Kontinenten auf zwei 7inches zu verewigen, dabei sollten die Bands durch die Aufteilung auf den einzelnen Vinylseiten die geografische Trennung durch die Ozeane symbolisieren. Zudem sollten die Bands in ihren Songs ebenfalls dieses Konzept aufgreifen, was auch letztendlich hervorragend umgesetzt ist, die persönlichen linernotes lesen sich jedenfalls super. Nur die Idee mit den verschiedenen Kontinenten hat nicht so ganz hingehauen, ich persönlich finde das aber gar nicht so schlimm, denn letztendlich sind auf diesen zwei Scheiben insgesamt fünf Bands verewigt, die zwar alle aus verschieden Gegenden kommen und teils durch Wasser getrennt liegen, aber trotzdem eines gemeinsam haben: die Liebe zu emotionaler Musik vor dem Hintergrund des DIY-Gedankens.

Die mit einem Seepferd bestempelte Labelseite darf beginnen, da geben Trembling Hands aus Göteborg mit Rewind And Repeat einen brandneuen Song zum Besten. Das 2014er Release der Schweden hat bis heute immer wieder den Weg auf meinen Plattenteller gefunden, daher konnte ich es kaum erwarten, diesen neuen Song zu hören. Wuchtig, wie eine Walze wabern die etwas tief klingenden Gitarren aus den Lautsprechern, darüber herzerreißendes Geschrei, bei Trembling Hands übernimmt ja gerne mal jeder der Bandmitglieder das Mikro. Geil auch der ruhigere Zwischenpart und die wogenden Wellen zum Schluss hin, das Wechselspiel aus tosender See und ruhigem Wellengang weist jedenfalls gleich mal die Richtung.

Auf der unbestempelten B-Seite gibt’s  einen bereits bekannten (in einer neuen Version aufgenommenen) Song von Duct Hearts. I’m A Cat Person war bereits in einer etwas raueren Version auf dem 2014er Proberaumdemo drauf. Hier klingt die Münchener Band um time as a color-Betreiber Daniel etwas satter und klarer, die lauteren Passagen haben mehr Dampf, während die leiseren glasklar plätschern. Der Song erinnert mich an manchen Stellen etwas an Sunny Day Real Estate, dann wieder kommen ein paar an Falling Forward angelehnte Passagen in den Sinn, bis am Ende sogar noch die tobende Gischt in Form eines Double-Bass-Gewitters zum Zug kommt.

Auf dem zweiten Scheibchen sind auf der mit einem Seestern bestempelten Seite Careless aus Stockholm/Schweden mit dem Song Evidence For Recent Flows vertreten. Das Ding ist ein richtig intensives emotive Screamo-Brett, dem man die Verzweiflung und die innere Zerissenheit sofort abnimmt. Das ist dann wie eine Wildwasserfahrt: nachdem die gefährlichen Stromschnellen überwunden sind, treibt man im ruhig fließenden Wasser, bis erneut die Post abgeht.

Auf der blanken B-Seite schleudern Coma Regalia nach einer fiesen Rückkopplungs-Intro-Orgie ihr typisch hektisches Screamo/Skramz-Massaker über Bord. I’m Not A Boat, You’re Not A Captain ist aber auch wieder hochemotional und hat ein paar echt geile, unterschwellige Melodien unter Deck. Das ist dann wohl der Eisbrecher, der ’nen kleinen Umweg über die Arktische See in Kauf nimmt, um direkt auf das Vereinigte Königreich zuzusteuern.

Denn da stehen auch schon die Human Hands aus Birmingham in den Fluten und lassen mit dem Song Moon die 7inch leise, aber gewohnt intensiv ausklingen. Und auch da schließt sich der Kreis, denn die periodischen Wasserbewegungen des Ozeans werden von den Gezeitenkräften Mond und Sonne hervorgerufen. Der Doppel 7inch liegt übrigens ein Download-Code bei. Sehr schönes DIY-Release, sollte man haben.

9/10

Bandcamp / Time As A Color


The Blue Period – „Summer 2013 10inch“ (time as a color)

Das Artwork im Windows-PC-Fensterlook wärmt Erinnerungen an eine Zeit auf, in welcher man erstmals von der mp3-Datei erfuhr und fortan das Tapetrading , das immer mit ellenlanger Beschriftungsarbeit verbunden war, ad acta legte. Ich erinnere mich nur allzu gut, wie genervt ich war, wenn der gesamte Freundeskreis die Scum von Napalm Death, die Our Culture Is Boring von 7 Minutes Of Nausea und die Dirty Rotten  von DRI überspielt haben wollte. Diese drei Scheibchen passten nämlich locker auf eine 60er, für die Songtitel brauchte man jedoch etwas mehr Platz,  als auf  die Tapehüllen jemals draufgepasst hätte. Nun, mit dem Aufkommen der mp3-Datei genügte eine Hardcopy vom CD-Laufwerk und ein Drucker und schon war man innerhalb von 5 Minuten fertig, ohne den ganzen Mist auch nur anhören zu müssen. Hätte ich in der Hochphase von mp3-Tauschdateien und Soulseek eine EP wie diese hier im mp3-Format bekommen, wäre sie sehr wahrscheinlich ungerechterweise sofort in den Untiefen der Festplatte versunken, denn in digitaler Form kann es leicht passieren, dass man der Musik von The Blue Period nicht die Aufmerksamkeit schenkt, die ihr gebührt. Denn diese entfaltet erst  so richtig ihre magische Wirkung, wenn man das Vinyl aus der Hülle friemelt und es sich mit dem Textblatt in der Hand auf dem Boden liegend gemütlich macht. Ach so, bei den Aufnahmen handelt es sich um ein Re-Release des 2013er-Demos der Band aus Nottingham, welches neu remastered wurde. Die 10inch ist über Wolf Town DIY, strictly no capital letters und time as a color zu haben. Und die Texte sind ebenfalls in der Windows-Optik aufgemacht, ich brech ab. So eine exzellente Idee!

Die A-Seite beginnt etwas verschroben. Zum einen hat man erst den Eindruck, dass es holpert und poltert, aber mit jedem weiteren Durchlauf stellt sich heraus, dass viel mehr dahinter steckt. Man verliebt sich nach und nach weiter in diese Platte. Vor allem funktioniert der minimalistische Sound, wenn draußen totales Sudelwetter ist und es regnerisch und stürmisch ist. Da kann man es sich bei einem Tässchen Tee gemütlich machen und den Klängen lauschen, die da aus den Lautsprechern knistern. Da wabert beim Opener gleich ein Keyboard-Ton zu den sonderbaren Gitarren aus den Boxen, der etwas an eine Violine erinnert, dazu kommen die abwechselnd männlich und weiblich gesungenen Vocals, die zwischen der Schrägheit von Bands wie Joan Of Arc oder Owen und 125, Rue Monmartre pendeln. Und bereits beim zweiten Song Carpool  verliebe ich mich direkt in die Gitarren und den kantig knödelnden Bass. Wenn der Begriff Hard-Art-Emo-Pop noch nicht von irgendwelchen Pop-Akademie-Koksern erfunden wurde, dann würde diese Musikrichtung hervorragend auf den Sound der britischen Band passen. Tief sitzende Emotionen werden im Laufe der vier Songs freigesetzt, bis die 10inch auch schon wieder mit dem Song The Slow Pass beendet wird. Dieser letzte Song hört sich streckenweise ein wenig nach The Notwist zur Shrink oder 12-Phase an und gegen Ende hin wird dann doch noch demonstriert, wie Wut bei The Blue Period umgesetzt wird. Schönes Scheibchen!

8/10

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Kumulus – „White 12inch“ (time as a color u.a.)

Ein Wort, mehrere Bedeutungen…spontan verknüpfe ich mit Kumulus zwei Dinge: Zum einen gibt es eine Rakete gleichen Namens, zum anderen hat man diese bilderbuchhaften klassischen Schäfchenwolken vor Augen, in die man sich allzu gerne mal reinlegen würde, allerdings schreibt man diese mit C. Nun, betrachtet man den Namen der Kölner und hat dabei den Sound der Jungs schön laut aufgedreht auf den Kopfhörern, dann wird unweigerlich der folgende Vergleich im Hirn rumschwirren, über den die Band sicher schon öfters beim Lesen eines Reviews gestolpert ist: der verträumte, sich hochschraubende Sound von Kumulus lässt sich nämlich schon in etwa mit den Entwicklungsstufen einer Cumulus humilis bis hin zur sich auftürmenden Cumulus mediocris vergleichen.

Nach der schwarzen EP aus dem Jahr 2013 folgt jetzt also als Gegenstück eine weiße EP. Die 12inch kommt passend zur Hülle in edlem, weißem Vinyl. Neben time as a color sind an dem Release noch Dingleberry Records, Holy Goat, Monday Morning Records und á l’ombre de cette vie beteiligt. Wie auch schon auf der schwarzen EP sind die Stücke unbetitelt, bzw. mit römischen Zahlen versehen, falls man sich die 12inch auf den Rechner zieht. Kumulus machen nicht nur rein optisch und musikalisch da weiter, wo die schwarze EP aufgehört hat, die vier Stücke sind auch fortlaufend nummeriert, wenn auch nicht in chronologischer Reihenfolge. Mit knapp 25 Minuten erwartet euch eine sehr vielschichtige Musik, die mehrere Durchläufe braucht, bis sie so richtig zündet. Ich persönlich tu mir mit reinen Instrumentalreleases etwas schwer, aber im Falle von Kumulus stört es mich nicht die Bohne, dass rein gar nicht gesungen wird. Die Songs zeigen auch so genügend Wirkung und strotzen vor raffinierten und abwechslungsreichen Songarrangements, dabei schimmert immer wieder ein gewisser Hang zu düsterer Melodramatik durch, bis man im nächsten Moment von einer packenden Gitarrenmelodie umgarnt wird. Die vier Stücke klingen so frisch und lebendig, was mal wieder  an der schön rohen, aber dennoch klaren Mischung der Tonmeisterei liegt. Jedes Instrument ist gleichberechtigt, mal tritt der Bass dezent und polternd in den Vordergrund, dann schwebt eine Gitarre wie auf Wolken gebettet durch den Raum, bevor sich wieder Dissonanz breit macht und kräftig in die Felle gehauen wird, so dass eine dichte Soundwand entsteht. Grob könnte man das, was Kumulus fabrizieren, als sphärischen Ambient-Post-Rock bezeichnen, zudem lässt sich ein gewisser Hardcore-Background nicht leugnen, einer der Kumulus-Jungs zockt auch noch bei I Recover mit.

Die B-Seite läuft mir persönlich besser rein, da die darauf zu hörenden Songs etwas leichter zugänglich sind und hier die Emo-Seite der Band schöner zum Vorschein kommt. Angefangen vom Soundcheck-mäßigen Snaredrum-Test bis hin zu den verschwurbelten Gitarrensoli und den lang angespielten und hypnotisierenden Gitarrenverflechtungen geht es beim letzten Stück dann nochmal emotionsgeladen zur Sache. Eigentlich muss man es nicht extra erwähnen, aber auf Vinyl entfaltet der Sound von Kumulus eine ziemlich geniale Atmosphäre.

8/10

Homepage / Bandcamp / time as a color


Regarde & Pastel & Saudade & Marmore – „4-Way-Split 12inch“ (lifeisafunnything u.a.)

Bei diesem Release sind insgesamt 14 Labels beteiligt, wenn ich mich nicht verzählt habe. Dingleberry Records, Allende Records, Unlock Yourself Records, Voice Of The Unheard, Koepfen, Cheap Talks, lifeisafunnything, time as a color, glass of spit, dreamingorilla Records, Monday Morning Records, Vollmer Industries, Upwind Productions, Entes Anomicos. Das im Graphic Novel-Stil gezeichnete Artwork stammt übrigens von Micha/Schwarzer Rand, dessen Arbeiten man schon bei etlichen anderen Bands bewundern konnte. Neben dem obligatorischen Downloadcode liegt dem königsblau schimmernden Vinyl ein zitronengelbes Textblatt bei. Übrigens kommen alle beteiligten Bands aus der DIY-Szene Italiens, so dass dieses Release eine super Gelegenheit darstellt, vier doch etwas unterschiedliche Bands kennenzulernen (mir persönlich waren bisher nur Regarde bekannt).

Völlig weggeblasen war ich von der ersten 7inch der italienischen Band Regarde (aus Vicenza), die ich euch neben diesem Release hier sehr ans Herz lege. Regarde dürfen die A-Seite eröffnen, die zwei aktuellen Songs der 12inch sind zwar enorm stark, aber irgendwie vermisse ich die rotzige Kante vom ersten Release ein wenig. Dafür dominiert hier Melodie und 2000er-Emo-Punkrock, beim zweiten Song wird es sogar aufgrund des mehrstimmigen Backgroundgesangs fast etwas hymnisch, zudem verliebt man sich direkt in die gefühlvoll gespielten Gitarren, gerade Fed By Lust gefällt mir daher außerordentlich gut. Klingt nach alten Hot Water Music mit ein paar Midwest-Emo-Tendenzen und etwas Samiam, zudem erinnern die Gang-Backgroundvocals gegen Ende ein wenig an diesen einen Donots-Song, mit dem diese einst die Pop-Charts stürmten und dessen Titel mir partout nicht einfallen will.

Laut den Infos auf Facebook handelt es sich bei Pastel um ein Duo aus Bari, das sich dem instrumentalen Post-Punk verschrieben hat. Moment mal, die beiden Songs haben zwar längere instrumentale Passagen, sind aber mit italienischen Lyrics ausgestattet, welche übrigens in englischer Übersetzung beiliegen. Der Sound ist treibend, verschachtelt und ein wenig vertrackt, zudem klingen die Gitarren äußerst dreckig. Wo sich andere Bands mit zwei Songideen pro Song zufrieden geben, verdreifachen die Jungs mal lässig, so dass sich hin und wieder auch noch schöne Emo-Riffs einschleichen, die sich langsam ins Gehör bohren.

Auf der B-Seite wird es dann erstmal krachiger, dort eröffnen Saudade aus Neapel mit hektischem und angepunktem Screamo. Das fast viereinhalbminütige Footsteps weist neben derbe gekreischten Vocals auch einen verspielten Mittelteil vor, bei dem es etwas postrockiger zugeht und ein wenig das Tempo rausgenommen wird, nur um anschließend wieder die Sau (dade) rauszulassen. Was auch geil kommt, sind die verzerrten und leiernden Shoegazer-Gitarren, die dem Quartett eine gewisse Eigenständigkeit verleihen. Schöner Chaos-Shoegaze-Core, der definitiv Lust auf mehr macht.

Zum Finale dürfen Marmore aus Turin und Verona ran. Das Trio steuert zwei instrumentale Stücke bei, die sich zwischen verspieltem Math-Rock und etwas Post-Hardcore bewegen. Die Gitarren zaubern das ein oder andere Mal reizende Melodien aus dem Ärmel, während sich der Schlagzeuger in Extase trommelt. Irgendwo zwischen Pelican, Maserati, verzerrten Kaki King und Mogwai gehen die Jungs mit aufgekrempelten Ärmeln an die Sache ran. So dringen immer wieder tolle Gitarrenmelodien aus dem vielschichtigen Sound heraus ans Ohr, langgezogene unnötig wirkende Parts hat man einfach gleich weggelassen, was auch den Songlängen zugute kommt, die in diesem Genre gerne mal die 5-Minuten-Marke knacken.

7/10

Regarde BC / Pastel BC / Saudade BC / Marmore BC / Stream lifeisafunnything