Doppel-Review: Alter Egon! & Das Neue Nichts

Alter Egon! – „Stahlbeton EP“ (Twisted Chords)
Wenn man selbst in den 80ern groß geworden ist und die gruseligen Fotos vergangener Tage in gut abgeschlossenen Kisten im dunklen Keller aufbewahrt (der dazu noch doppelt abgeschlossen ist), dann fragt man sich schon, warum Jahre später Bands dieses trostlose Leben zwischen Pershing, Kohl und Kaltem Krieg  fast gar nostalgisch wieder aufgreifen. Wahrscheinlich liegt das an der momentanen Untergangsstimmung, die der Hölle in den 80ern nochmals ’ne Schippe draufsetzt. Boah, wir dachten damals im zarten Alter von zwölf, dass wir alle ziemlich bald den bitteren Atomtod sterben müssten. Mit wehenden Fahnen dem Untergang entgegen! Naja…Ronald Reagan ist mittlerweile Geschichte. Kommt sicher nichts schlimmeres nach, man lernt doch aus der Vergangenheit. Und ich glaube fest und innig daran, dass die NATO bald Geschichte ist und die dadurch gesparte Kohle sinnvoll verprasst werden kann! NATO-Abwrackprämie für das Volk! Yeah, ich bin dafür! Nun, die NDW bekam ich erst mit, als sie eigentlich schon wieder im Sterben lag. Mein Bruder nahm mich kleinen Stöpsel damals auf Konzerte von Ideal (1982?), Spliff, Trio und zum Schluss dann Nena mit, die Fehlfarben schafften es leider nie in die Nähe von Ravensburg, Peter Hein wäre zu dieser Zeit eh nicht mehr dabei gewesen. Wie dem auch sei, vom jetzigen Zeitpunkt aus betrachtet ist mir das, was nach der ersten Welle als NDW verkauft wurde, irgendwie sehr suspekt. Oh mein Gott, jetzt hör ich mich schon an wie einer dieser C-Promis, die im Nostalgie-Modus auf RTL irgendwie verlauten lassen, dass sie beim Song Major Tom von Peter Schilling das erste Mal ins neongelbe Netzhemd ejakuliert haben und dieses verwichste Netzhemd dann einen ganzen Sommer lang ohne zu waschen getragen haben, so dass die Haut durch Ozon-Sonnenstrahleinwirkung ein schlangenhautartiges Muster annahm. Brrrr, die Achtziger waren so kalt, selbst im Sommer. Die gleichen Typen behaupten dann in der Show, die eine Woche später gesendet wird, dass sie derbe Nieten-Punks waren, die sich Sicherheitsnadeln durch die Augäpfel oder noch unwichtigere Körperteile stachen. Naja, auch wenn Nena und Trio auf jedem NDW-Sampler vertreten sind, gehörten die genauso wenig zur eigentlichen NDW, wie diese doofen C-Promis. Das war eher Mainstream-Mucke. Und jetzt kommt aber das spannende: denn eines Tages gab es noch diese Bands, die sich parallel zu Ideal und Fehlfarben gründeten und die dazu auch noch schrammelige Punk-Gitarren in ihren Sound einbauten. Canalterror, Chaos Z, Hans-A-Plast und wie sie alle heißen.  Womit wir endlich bei Alter Egon! angekommen wären. Denn diese schaffen es gekonnt, zwischen der NDW der ersten Stunde und frühem Deutschpunk irre rumzuzappeln. Was mir am Sound der Ravensburger Punks gefällt, ist diese unbeschwerte rohe Energie, das permanente Schrammeln, die etwas dünne Aufnahme, das nervös und piepsig überschlagende Gören-Geschrei der Sängerin, zudem rockt das Foto auf dem Cover. So einen Roller hatte ich auch mal, leider brach er in der Mitte durch, als ich damit eine Baugrube runterraste, in der heute ein grau gemauertes Hochhaus steht.  Als Anspieltipp empfehle ich mal den Song Stahlbeton, da gefällt mir die Bassline ganz gut. Und das Musikvideo zum Song ist eigentlich jetzt schon ein Klassiker, schaut ruhig mal rein und bleibt bis zum göttlichen Abspann dran.

Bandcamp / Twisted Chords


Das Neue Nichts – „Die Hölle ist unter uns“ (schalltraeger recordings)
In meiner Kindheit gab es nix Langweiligeres, als von den Eltern zum sonntäglichen Schaufensterbummel in die Fußgängerzone der heimischen Kleinstadt geschleift zu werden, in welcher sich noch nicht mal zehn Geschäfte angesiedelt hatten. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie grauenvoll diese Schaufenster damals gestaltet waren, schließlich sind die Achtziger nicht umsonst eine Art Grauzone, wenn es um Geschmack und Stilsicherheit geht. Manchmal findet man diese Art Gestaltung heutzutage vereinzelt noch in ganz ländlichen Gegenden: graue, engmaschige Vorhänge, seitlich in ekligem grün oder orange ein weiterer Vorhang, irgendwo noch eine Orchidee und fertig ist das wunderschöne Ambiente, da glänzen die ausgestellten Produkte umso schillernder. Ja, in den Achtzigern war die Globalisierung  weit entfernt, da erfreute man sich noch an Kleinigkeiten, die man heutzutage mit Langeweile, Leere oder dem absoluten Nichts gleichsetzt. Wer hätte damals gedacht, dass die Entwicklung unseres Weltgeschehens schon 35 Jahre später die Spekulationen verschiedener Science Fiction-Romane der Achtziger weit überschritten hat?  Alles ist in dieser sterilen Zeit auf Fortschritt und Leistung getrimmt, da tut es gut, hin und wieder auf echte Menschen zu treffen, die noch nicht glattgebügelt die immer gleichen Phrasen von sich geben (z.B. Von nichts kommt nichts) und sich zudem Entschleunigung und Rückschritt auf den Leib geschrieben haben.  Jetzt kommt endlich mal die Kurve zur Ravensburger Band Das Neue Nichts, die sich aus Leuten zusammensetzt, die alle schon irgendwie musikalisch und künstlerisch positiv in Erscheinung getreten sind. Hoffmann, Harder, Hartmann. Erinnert sich jemand an Tikitaka (absoluter Lieblingssong: The Sinner)? Und hat irgendwer noch Blindspot A.D. (grunz, knüppel) auf dem Schirm? IRA?  Na dann habt ihr den Intro und Spex-Lesern was voraus. Denn die werden bald erfahren, dass der heiße Post-Punk-Scheiß nicht nur in Metropolen wie Stuttgart, sondern auch in schwäbischen Kleinstädten wie z.B. Ravensburg vor sich hin dampft. Denn: Die Hölle ist unter uns, die Hölle kann nicht lokalisiert werden. Deshalb gründen Leute einfach ein eigenes Digital-Label namens schalltraeger recordings. Und dass die Hölle unter uns ist, wirst Du spätestens nach dem ersten Hörgenuss des Debutalbums des Trios erkennen. Beim primären Durchlauf hat man dann schon irgendwie diese karg geschmückten Schaufenster im Hinterkopf, da der Sound auf den ersten Blick wirklich sehr reduziert klingt. Aber schon nach ein paar weiteren Runden lohnt es sich, hartnäckig am Ball geblieben zu sein. Denn nachdem man fasziniert von den Texten Notiz genommen hat, merkt man, dass sich die Songs trotz der düsteren Ausstrahlung allmählich im Gehörgang einnisten. Sänger Toby Hoffmann kennt man nämlich nicht nur als Kaffeemensch aus dem Ravensburger Balthes, Toby wird auch in der europäischen Poetry Slam-Szene sehr geschätzt, weil er diese in den letzten zwanzig Jahren entscheidend geprägt hat. Die phrasenhaft vorgertagenen deutschen Texte hören sich jedenfalls zusammen mit den harten E-Beats sehr psychotisch an, da hat man dann Bands wie die Einstürzenden Neubauten, The Young Gods, neuere Goldene Zitronen oder DAF im Ohr, auf der anderen Seite kommen aber auch Elektronikspielereien vor, die an Bands wie The Notwist erinnern.  Deshalb sei Dir gesagt: zappe nicht weg, denn die acht Songs entwickeln erst nach mehrmaligem Hörgenuss ihre ganze Kälte.  Am besten gefällt mir der Sound der Ravensburger, wenn es wie bei Wir haben es uns in einer dunklen Ecke schön gemacht ein wenig harmonischer wird oder sich der reine Irrsinn des Songs 99 Plagen ins Gehör hämmert und man nachts anstelle einschlafen zu können immer wieder diese Zeilen in Dauerschleife im Ohr hat. Und auch hier eine Video-Empfehlung: 99 Plagen.

Facebook / Bandcamp / schallträger records


 

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Tapes vs 7inches: Apostles Of Eris & The World That Summer, Janpalach, Membrane & Revok, Yuri

Apostles Of Eris & The World That Summer – „Split Tape“ (Dingleberry Records u.a.)
Zuallererst muss ich bemerken, dass dieses Tape ziemlich geil aussieht. Das Coverartwork würde auch auf einer 12inch ziemlich genial rüberkommen. Nicht nur das, auch die Texte wären besser lesbar, denn das hier ist nicht nur für Brillenträger der absolute Horrortrip. Dem Augenmassaker entgegen wirkt aber das goldene Tape, das auch noch sagenhaft bestempelt/besprüht ist. Ach ja, und es gibt natürlich einen Downloadcode bzw. den Hinweis auf die Bandcamp-Seite. Aber nun zu Apostles Of Eris aus Richmond/Virginia. Bei Apostles Of Eris handelt es sich um das Soloprojekt von einem Typen namens Jesse Mowery, der schon in zig Bands Erfahrung gesammelt hat. Dass die Aufnahmen in Einzelarbeit entstanden sind, hört man zu keiner Zeit. Die vier Songs machen ordentlich Dampf. Das reicht dann von ’ner Mischung aus temporeichem Blackened Hardcore, Screamo und fiesem Sludge bis hin zu ganz spärlich eingesetzten Post-Hardcore und Post-Rock-Parts. Mich packt der Sound an den Stellen, wenn so ’ne unterschwellig melodische Gitarre wie im Mittelteil von So Far To Go für Gänsehautmomente sorgt. Kommt insgesamt ziemlich dreckig und geil rüber, selbst eine Verschnaufpause in Form eines Spoken Words-Instrumental mit dem Titel B.S. ist mit an Bord. The World That Summer aus Hamilton, Ontario kommen dann nicht so heftig knüppelnd daher, hier wird eher emotionaler Post-Hardcore mit gelegentlichen Screamo-Parts zelebriert. Bei dem Quintett wirkt übrigens Zegema Beach Records-Chef David Norman mit. Mir gefällt diese Seite des Tapes ’nen Ticken besser, bereits der Opener Some Guy Named Gabbo fährt gegen Ende des Songs ein wunderbar melodisches Feuerwerk auf. Die sphärischen Parts erinnern etwas an das Zeug von We Never Learned To Live oder Via Fondo, während das krachige eher so Sachen wie Amber oder Daitro  am inneren Auge vorbeiziehen lassen. Gerade durch die verschiedenen Sänger und die Backgroundchöre plus den post-rockigen Gitarren entsteht eine schöne Atmosphäre. Gefällt mir sehr gut, diese Band. Neben Dingleberry ist noch Zegema Beach Records am Release beteiligt.
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Janpalach – „Sensation Tape“ (Dingleberry Records u.a.)
Und, habt ihr in Gemeinschaftskunde (heißt das Schulfach heute noch so?) immer gut aufgepasst? Dieses Quintett aus Odessa/Ukraine hat sich nämlich sehr wahrscheinlich nach dem tschecheslowakischen Studenten Jan Palach benannt. Bevor einige Musterschüler von euch jetzt überhaben mit den Fingern schnippen, weil sie zu wissen glauben, wer dieser Jan Palach war, präsentiere ich ohne diese Musterschüler überhaupt zu beachten die Auflösung: Jan Palach war ein tschecheslowakischer Student, der sich aus Protest gegen die blutige Niederschlagung des Prager Frühlings als lebende Fackel selbst verbrannte. Ob solche Aktionen schlau sind oder nicht, sei mal dahingestellt. Jedenfalls hat diese Aktion wachgerüttelt und einige Aufmerksamkeit erregt, Jan Palach hat als Märtyrer Geschichte geschrieben und nun hat sich fast 50 Jahre später auch noch eine Band nach ihm benannt. Das mir vorliegende Tape ist eine Co-Produktion der Labels Dingleberry Records, Pure Heart Records, Dreaming Gorilla Records und Seasidesuicide Records. Die optische Gestaltung des Tape-Covers erinnert an Knochenüberreste. Aber nun zur Musik. Das Intro vernebelt schon mal die Sinne, aber vielleicht spielt da auch der penetrante Geruch der Druck-Farbe des Booklets eine entscheidende Rolle. Jedenfalls weckt das Intro genügend Neugier auf die darauffolgenden zwei Songs. Und die haben es wirklich enorm in sich. Moment mal, die Band kommt aus Odessa, beim Titelsong wird aber französisch gesungen/gelitten/gescreamt. Ein Blick ins Tape-Booklet verrät, dass hier u.a. Gérome Desmaison zu hören ist (ihn kennt man von Bands wie Amanda Woodward, Peu Être, Rouille und ’ner Latte anderer Bands). Sensation ist ein Hammersong, sensationeller emotive Screamo sozusagen. Diese gefühlvoll gespielten Gitarren, oh yeah! Danach geht es auf russisch (?) weiter, aber leider nur für eine Art eineinhalbminütige Outro-Sequenz. Ein zwei Songs vom Kaliber Sensations noch dazu, und einer 7inch stünde wahrscheinlich nichts mehr im Wege!
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Membrane & Revok – „Split 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Ja, was haben wir denn da? Ein kleines, aber feines Split-Scheibchen, welches den großartigen The Cure Tribut zollt. Angefangen beim Coverartwork, das man sich auch problemlos als Coverartwork bei irgendeinem Release von The Cure vorstellen könnte, steuert jede Band einen Coversong der britischen Goth/Wave-Band bei. Den Auftakt macht auf der A-Seite die Pariser Post-Hardcore/Noise-Band Revok mit dem Song One Hundred Years (von der 1982 erschienenen Pornography). Dieser Song hat ja im Original schon so eine düster-depressive Grundstimmung, diese wird nun von Revok aufgegriffen und noch etwas ausgearbeitet. Durch die leicht runtergestimmten Gitarren und den dissonanten, gegenspielenden Gitarrenparts schleicht sich so eine gewisse gespenstische Atmosphäre ein, dazu passt dann auch der resigniert wirkende, heisere Gesang. Gefällt mir recht gut, der Song. Auf der B-Seite präsentiert dann die ebenfalls aus Frankreich (Vesoul) stammende Noise/Post-Hardcore-Band Membrane einen mir nicht bekannten Cure-Song, welcher im Original aus dem Jahr 1994 stammt und auf dem Soundtrack zum Film The Crow  zu hören ist. Burn kriecht eher schleppend, basslastig und noisig aus den Lautsprechern. Dennoch lassen sich die The Cure-Parallelen heraushören, auch wenn man den Song im Original nicht kennt. Und da ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich mir den Song jetzt auch noch kurz von The Cure via Youtube angehört und dabei festgestellt, dass ich den doch kenne. Insgesamt gesehen, gefällt mir aber die A-Seite einen kleinen Ticken besser. Die beteiligten Labels: Dingleberry Records, Grains Of Sand Records, MusicFearSatan, Basement Apes Industries.
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Yuri – „Demo-I 7inch“ (Dingleberry Records u.a.)
Da mir die Band bisher völlig unbekannt war und auch keinerlei Infos/Texte/Schnickschnack der einseitig bespielten 7inch zu entnehmen waren, musste mal wieder das liebe Internet herhalten. Als erstes bekommt man, wenn man den Namen in die Suchmaschine hackt, jede Menge an Manga/Anime-Comics präsentiert, die sich mit der lesbischen Liebe befassen. Nun, auch durch die Ergänzung Hardcore liefert die Suchmaschine reichlich FSK18-Inhalte und immer noch keine Hinweise auf die Band Yuri aus Derby und Leicester/UK. Wird man dann fündig, sind die aufgetriebenen Infos auch sehr dürftig. Deshalb schreib ich mal einfach, was ich in Erfahrung bringen konnte: bei Yuri wirken vier Leute mit und auf dieser 7inch sind wohl die ersten Aufnahmen der Band enthalten. Und bevor ich mit dem Schreiben dieses Satzes fertig bin, ist die einseitig bespielte 7inch auch schon wieder vorbei. Insgesamt sind fünf Songs zu hören, der Kürzeste ist gerade mal 22 Sekunden lang, der Längste bringt es nur auf 44 Sekunden. Anhand dieser Songlängen könnt ihr euch ja schon zusammenreimen, was Yuri wohl für einen Sound machen. Ja, genau, hier wird ultra-fieser Emoviolence/Powerviolence vom Feinsten geboten. Schön chaotisch, mit einem abnormal schnellen Schlagzeuger und in Helikopterrotationsgeschwindigkeit gespielten Gitarren wird die Bude zu Brei gehauen. Über allem verzweifelt rausgekreischtes Geschrei, zwischendurch entfährt der Sängerin (?) sogar mal ein herzhafter Rülpser. Der Sound weckt dann Erinnerungen an Bands wie Combatwoundedveteran oder Orchid. Sollte man sich schon mal live vormerken, das ist bestimmt der pure Abriss. Die 7inch ist in Zusammenarbeit der Labels Dent Row Records, Rubaiyat Records, Adorno Records und Dingleberry Records erschienen.
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Lorraine – „Gimbal Lock / Pitch​/​Roll​/​Yaw 7inch“ (Dingleberry time as a color ua)

Erstmal muss man sagen, dass das hier abgebildete oder auf der Bandcamp-Seite der Band zu sehende Cover in physischer Form sehr viel lebendiger wirkt (das tun übrigens fast alle Vinyl-Cover, welch Wunder). Alleine die fast leuchtenden, kontrastreichen und satten Farben bilden zusammen mit den zylinder- und kreisförmigen Formen eine schöne Einheit.  Und dann kommt noch dazu, dass man, wenn man das Scheibchen aus seiner Hülle befreit, einen dreigefalteten Karton in den Händen hält (leider ohne Textblatt). Scheiße, durch das eben geschriebene werden wahrscheinlich etliche religiöse Leute diesen Text hier lesen, weil sie in ihrer Suchmaschine nach #Dreifaltigkeit gesucht haben. Herzlich willkommen ihr Menschen, vielleicht lernt ihr hier noch was fürs Leben. Zumindest findet ihr auf diesen Seiten Musik, für die es sich zu leben lohnt. Bevor ich gnadenlos abschweife: dieses Coverartwork entzückt mich v.a. wegen seiner Schlichtheit. Genauso minimalistisch wie das Artwork kommen dann auch die zwei Songs der Band aus Wien. Auf den ersten Blick zumindest. Denn hat man sich nach ein paar Durchläufen erstmal rangetastet, dann wird deutlich, dass sich hinter dem reduziert wirkenden Sound doch etwas tiefgründigeres versteckt, das einen letztlich nicht mehr loslassen will.

Die bisherigen Veröffentlichungen der DIY-Band hatten ja bereits die ein oder anderen Post-Punk und Wave-Verweise, deshalb ist es nur logisch, dass diese auf diesem Release auch mal stärker in den Vordergrund rücken. Die A-Seite beginnt mit dem Song Gimbal Lock sehr wavig, fast erinnert dieses abgehackte Gitarrenriff und der wummernde Bass an diese eine Sequenz aus dem Song Spiderman von The Cure. Aber dann kommt plötzlich diese dreckige Punkattitude der Jungs um die Ecke, so dass man sich direkt im dissonanten Washington DC/Dischord-Sound á la Fugazi & Co wiederfindet, mit all den emotionalen Begleiterscheinungen, die diesen Sound so lebhaft erscheinen ließen bzw. lassen. Das Zusammenspiel von gefühlvoll gespielter Gitarre/Bass und lebendig gespielten Drums wird vom flehend wirkenden Gesang vefeinert. Genial! V.a. auf Vinyl ist das natürlich die Wucht. Und ehe man sich versieht, ist die A-Seite auch schon wieder durch.

Und wenn man danach merkt, dass die B-Seite mit dem Song Pitch/Roll/Yaw nur so ca. die halbe Spielzeit der A-Seite hat, ist man fast enttäuscht. Denn auch hierfür gibt es volle Punktzahl. Post-Punk-Wave mit treibendem Bass, geilen Gitarren und einem einprägenden Refrain. Einziger Wehrmutstropfen: Schade, viel zu kurz. Naja, der Rundum-Pfeil auf dem Frontcover deutet es an: Dreh die Scheibe erneut um, drück auf Play, dreh langsam durch. Während die Labels der A-Seite symbolisch in sich gekehrt sind, gehen die Pfeile auf dem Label der B-Seite sternförmig nach außen, was symbolisch auch für die Musik der B-Seite steht: diese ist vorantreibend, in alle Richtungen strebend. Das edle Teil erscheint übrigens in Zusammenarbeit folgender Labels: Time as a color, My name is jonas, Art for blind Rec., Dingleberry Rec., Laserlife Rec., Stereo Dasein, Désertion Rec. und Krimskramz.

8/10

Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records / time as a color


Mumrunner – „Gentle Slopes“ (Wolves and Vibrancy Records)

Bevor ich zur Musik komme, kann ich nur schon mal andeuten, dass das Artwork dieses 12inch-Release gebührend abrundet. Das Ding verhält sich zur Musik wie ein guter Wein zu einem sagenhaft wohlschmeckenden Essen. Der kreisrund ausgestanzte schwarze Karton gibt den Blick auf den innenliegenden weißen Karton preis, der mit einer schönen Zeichnung bedruckt ist. Die Zeichnungen stammen von Pascal Hauer, der auch schon für Bands wie z.B. Nothing oder Trautonist arbeitete.

Nun, mir kam beim Betrachten des Albumcovers spontan das Märchen Hänsel und Gretel in den Sinn. Kleiner Exkurs für diejenigen von euch, die niemals was frei erzählt oder vorgelesen bekommen haben und deshalb das ulkige Märchen nicht kennen. Ich kann nur sagen: Kinder lieben das Zeug, die sind echt mal sadistisch. Naja, Hänsel und Gretel sind die Kinder eines armen Holzfällers. Zusammen mit der Mutter lebt die Familie nicht im Plattenbau, sondern im Wald. Eines Tages (haha, typisch Märchen) als die Hartz4-Familie nichts mehr zu essen hat, verlangt die Asi-Mutter vom Alki-Vater, dass dieser die Kinder im Wald aussetzen soll, weil nix mehr im Kühlschrank ist. Hänsel hat das Gespräch belauscht und nimmt bei der Wanderung durch den vermüllten Wald extra altes Brot mit, um  den Weg mit Brotkrumen zu markieren, so dass sie später wieder anhand der gelegten Spur zurückfinden. Als sich der Vater verkrümelt und sie alleine zurücklässt, finden sie jedoch die ausgestreuten Brotkrümel nicht mehr, da diese von einem gefräßigen Vogel aufgepickt wurden. Sie verlaufen sich tief im Wald und entdecken ein Haus aus Lebkuchen, in welchem eine kinderfressende Hexe wohnt. Knusper knusper Knäuschen, wer knabbert an meinem  Häuschen? Der Wind der Wind, das himmlische Kind. Na, rattert’s jetzt bei euch? Nun, am Ende bekommt die doofe Hexe ’nen Arschtritt von der frechen Gretel und verbrennt mitsamt ihren vergammelten Klamotten im Backofen. Die Kinder geben sich high five und treffen den vollgefressenen Vogel, der ihnen dankbar den Weg  zurück zu den Eltern zeigt, die mittlerweile beim Pfandleiher waren und wieder mehr zu essen haben. Zurück zu Muttern! Und da wären wir ja schon beim Bandnamen angekommen, Mumrunner. Ach so, es gibt übrigens mehrere Versionen des Märchens. Deshalb habe ich mich gefragt, ob hier eventuell eine neue, bisher noch unbekannte Version der Geschichte im Artwork zu sehen ist. Die Kinder nehmen das Skelett der Hexe mit, um damit zuhause ein bisschen anzugeben. Als sie auf den Vogel treffen, erwacht das Hexenskelett zombiemäßig und schnappt sich den Vogel, so dass Hänsel und Gretel  letztlich doch im Wald verrecken. Diese Idee kam mir in den Sinn, als meine erfreuten Augen die auf der unbespielten Seite der 12inch besiebdruckten und äußerst hübsch anzusehenden Zeichnungen erblickten. Potzblitz, so ein Kunstwerk. Das regt die Phantasie an, wie ihr seht. Und ja, ich bin ein wenig abgeschweift, was aber durchaus passieren kann, wenn man die Nadel nach jedem Durchlauf wieder wie hypnotisiert an den Anfang setzt.

Ich fand ja die Debut-EP Full Blossom schon äußerst gelungen. Kein Wunder, dass diese vielerseits hochgelobt und angepriesen wurde. Nun folgt also die zweite EP der finnischen Band aus Tampere mit insgesamt fünf Songs, die es absolut in sich haben. Und ja, die Band hat ein Händchen dafür, die Songs weiterhin himmlisch magisch klingen zu lassen. Hier werden verträumte Shoegaze-Gitarren mit ebenso verträumtem Gesang kombiniert, dass man sich irgendwo im sounddurchfluteten Traumland wähnt, in dem die umschmeichelnden Melodien niemals ausgehen. Plätschernd, fließend, mit wavigen Bassläufen und ’ner Menge wohlklingendem Hall auf dem Gesang und nachklingendem Echo aus einer Paradies-Welt, in der es keine Kriege und kein menschliches Leid gibt.  Sanft klingt das, aber trotzdem spannend. Sanftes Gefälle, sanfte Steigung, eine hügelreiche Traumlandschaft, wie schon gesagt. Wem Bands wie The Cure, Lush oder ruhigere Sore Eyelids zusagen, sollte das hier absolut nicht verpassen. Der Sänger erinnert von der Tonlage her etwas an den Typen der Band Freewill/Stone Telling. Wenn ihr z.B. das Stück Cascais auf eines eurer nächsten Mixtapes packt, dann könnt ihr euch sicher sein, dass etliche Nachfragen kommen werden, was das jetzt schon wieder für ’ne geile Band sein soll…Absolute Schönheit, das hier!

9/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Wolves And Vibrancy Records


Dingleberry Records 7inch-Special: Boy On Guitar, Eaglehaslanded, Static Means

Boy On Guitar – „We Wait“ (Dingleberry Records u.a.)
Bei dem Bandnamen denkt man ja eher wieder an so ein Country-Soloprojekt eines ehemaligen Sängers irgendeiner x-beliebigen Hardcore- oder Emo-Kapelle, aber weit gefehlt. Boy On Guitar aus Kalifornien setzen sich nämlich aus Mitgliedern der Bands Of Us Giants, Fiver, Kid Mud, Seanario, Duncan Booth und Stepbrother zusammen, zudem sind einige Bandmitglieder nebenbei auch noch anderweitig in der Szene aktiv und betreiben diverse Plattenlabels und Aufnahmestudios (Ronald Records, Way Grimace Records, Chateau Walnut Studios). Bisher wurde eine Demo veröffentlicht, auf dieser Debut-7inch sind drei der Songs vom Demo mit drauf, zudem gab es für die 7inch-preorders eine digitale Bonusversion in Form von Remixes zu den Songs von We Wait. Mittlerweile sind diese Songs ebenso wie die anderen Sachen alle zum Name Your Price Download zu haben. Das Coverartwork find ich schonmal ansprechend, schade aber, dass kein Textblatt beiliegt. Aber egal, dafür wird man mit durchsichtigem orangenem Vinyl zufriedengestellt, das so schön leuchtet, als ob die Sonne darin untergeht. Und dann gibt es auch noch die Musik, die auf Vinyl so unglaublich warm klingt und mich vom ersten Augenblick an hypnotisieren kann. Rein akustisch mit ein paar Keyboards und ganz dezent verzerrter Gitarre wird der Sound hauptsächlich von der verträumten Stimme von Sängerin Taylor Tomita getragen. Die Worte werden zart und melancholisch ins Mikro gehaucht, das Ganze wird von relaxtem Indie-Guitar-Pop mit unplugged-Charakter begleitet. Geil auch das geklaute Riff von Nirvana am Anfang von Skydiving. Die beteiligten Labels: Broken World Media, Ronald Records, Way Grimace Records, Tyburn Woods, Lost State Records, Dingleberry Records, und Allende Records.
Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Eaglehaslanded – „Selftitled 7inch“ (Dingleberry Records)
Obwohl die Jungs aus St. Petersburg/Russland schon etliches Zeug veröffentlicht haben, bin ich erst durch die geniale Split mit Foxmoulder aus Kanada erstmals auf die Band aufmerksam geworden. Auf eben dieser Split störten mich an manchen Stellen diese Nintendo-mäßigen Keyboards und die scheppernd klingende und viel zu hell tönende Aufnahme. Das Nintendo-Gedudel findet man auf diesen sieben Songs glücklicherweise nicht, zudem sind die Songs diesmal nicht so hell sondern schön satt klingend abgemischt. Wenn man mal das Intro überwunden hat, dann bleiben sechs Stücke, die aber hauptsächlich von Gitarre, Geschrei und wildem bis hektischem Getrommel dominiert werden, ab und an schleicht sich statt des nervigen Nintendo-Gedudels  eine warm gespielte Trompete in den Sound mit ein, was mir ziemlich gut gefällt. Und dieser Trompetensound fügt sich so viel besser in den Gesamtsound der Russen ein, der sich weg vom Power/Emoviolence der Split mit Foxmoulder eher in Richtung melancholisch angehauchten emotive Screamo bewegt. Wow. Das gefällt unheimlich gut. Das orange schimmernde Vinyl trägt zudem zusätzlich dazu bei, dass die Songs glühender und intensiver klingen. Was mir als halbblindem Brillenträger dann ein wenig ein Dorn im Auge ist (haha, die Redewendung des Jahres!), ist dann das kleine Textblatt, das sogar noch kleiner als ein handkopierter Flyer aus den 90ern ist. Die beteiligten Labels sind ja bereits auf dem Backcover gedruckt, die braucht man doch nicht nochmals in lesbarer Größe auf dem Textblatt, oder? Da hätte ich lieber die Texte der Songs in lesbarer Größe gehabt (was möglich gewesen wäre), aber in dieser Schriftgröße können dass nur Leute lesen, die schon beim Aufwachen die Spinne an der gegenüberliegenden Wand entdecken. Oder Leute, die in ihrem Agentenspielzeugkoffer eine 1:20 Vergrößerungslupe haben. Naja, 1/3 der Songs hat sowieso russische Lyrics, das könnte ich eh nicht entziffern. Deshalb Schwamm drüber: ich hoffe, die Jungs bauen in Zukunft noch mehr Trompeten in ihren Sound mit ein. Hat irgendwie was von Algernon Cadwallader goes Powerviolence/Screamo/Emoviolence. Auch bei diesem Release sind einige Labels beteiligt: Krimskramz, Dingleberry, Korobushka, Structures//Agony Records, Friendly Otter, Prejudice Records, Ozona Records, I.Corrupt, Gato Encerrado Records, Summercide Records.
Bandcamp / Facebook / Dingleberry Records


Static Means – „Can’t Cope“ (Dingleberry  Records/Jean Claude Madame)
Rein optisch gefällt mir dieses Scheibchen schon mal bestens: Frontcover, Backcover und Textblatt kommen in schwarz-weiß und sind mit schönen Zeichnungen im Graphic Novel-Stil bedruckt. Obwohl die Band aus Leipzig schon seit 2012 existiert, habe  ich noch nie vorher Bekanntschaft mit dem Sound gemacht, der grob in die Post-Punk-Wave-Ecke geht. Es wurde aber auch erst eine Demo veröffentlicht und Can’t Cope ist nun die Debut-7inch des Quartetts, das sich aus drei Typen und ’ner Sängerin zusammensetzt. Vier Songs sind auf Can’t Cope enthalten. Das Ding zündet gleich beim ersten Antesten und mit jedem weiteren Durchlauf schraubt sich der melodische bis melancholische Sound weiter ins Gehör, dabei gefallen die gefühlvoll gespielten Gitarren ebenso, wie der permanent gegenknödelnde Bass und das treibende Schlagzeug, dazu noch der weibliche Gesang und man fühlt sich, als ob gerade die Sonne untergehen würde. Das hört sich dann ungefähr so an, als ob sich Infinite Void oder Arctic Flowers an Songs von Accidente austoben würden. Mir läuft das extrem gut rein, einzig die denglische Aussprache der Sängerin klingt anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig, andererseits  hat das natürlich auch einen gewissen Charme und nach ein paar Durchläufen fällt das gar nicht mehr so stark auf, wie zu Beginn. Neben Dingleberry Records erscheint das Scheibchen bei Jean-Claude Madame.
Bandcamp / Facebook / / Dingleberry Records

Spectres – „Utopia“ (Sabotage Records)

Angefangen vom minimalistischen aber stylischen Albumartwork bis hin zum schweren Vinyl und dem dicken 20-seitigen Booklet (ein bisschen größer als 7inch-Format) kommt diese LP schön düster bis geheimnisvoll um die Ecke. Optisch wie musikalisch ist die LP sehr kontrastreich. Für die Vinylschoner unter euch liegt übrigens ein Download-Code bei, aber glaubt mir, der Sound der Band aus Vancouver/Canada sollte unbedingt auf Vinyl gehört werden, am besten über basslastige Lautsprecher, da das Schlagzeug für meinen Geschmack digital etwas zu hell abgemischt ist und das Vinyl-Knistern bei so ’ner Mucke einfach unschlagbar viel Emotion erzeugt, zudem steht der pluckernde und melodische Bass ebenfalls im direkten Kontrast zu den hellen Klängen. Dieses Sounderlebnis solltet ihr euch nicht entgehen lassen.

Nun, das Quintett klingt schön retro und bewegt sich zwischen Post-Punk und etwas Wave, teilweise wird man ein wenig an die Achtziger erinnert, v.a. bei den Keyboard-Passagen. Mir gefallen v.a. die melodischen Gitarren und die melancholische Grundstimmung, der Hall auf dem Gesang erzeugt auch die ein oder andere Gänsehaut. So kontrastreich wie das Albumartwork ist auch der Sound der Kanadier, aber das deutete ich ja bereits weiter oben  an. An manchen Stellen klingen die Gitarren so, als ob sie in einer großen Sporthalle aufgenommen worden wären bis sie dann im nächsten Moment satt zurückkommen, die tollsten Melodien aus dem Ärmel zaubern und der Sänger schön melodisch drüber singt.

Ich kannte Spectres bisher übrigens nicht, weshalb ich mir die ersten beiden Alben auch noch ein bisschen angehört habe. Die Jungs kommen übrigens aus der Anarcho-Ecke, das konnte ich bei meiner Recherche im Netz rausfinden. Irgendwie scheint es mir, dass die Band im Vergleich zu ihren bisherigen Alben noch ’ne Ecke waviger und melancholischer geworden ist. So klingen die acht Songs nach einer Mischung aus alten Pionieren wie The Cure, Joy Division, frühen Love Like Blood oder Couch Potatoes auf der einen Seite, aber mich erinnert der Sound auch an neuere Bands wie die australischen Infinite Void oder die US-neo-Wave-Punks Arctic Flowers (mit diesen wurde passenderweise bereits eine Split 7inch veröffentlicht), an manchen Stellen klingen die Gitarren dann sogar ein bisserl nach At The Drive-In.

Jedenfalls macht es Spaß, beim Hören der Scheibe im Textblatt zu stöbern, denn Spectres ist eine Band, die etwas zu sagen hat. Auf dieser Scheibe wird textlich passend zum Sound der Post-Punk und Wave-Ära der 80er gehuldigt. Nostalgie pur! Ich empfehle als Anspieltipp Strange Weather, und das natürlich auf Vinyl. Holt euch die LP, es lohnt sich!

8/10

Facebook / Bandcamp / Sabotage Records


Bandsalat: Anorak, Chiefland, The Guests, Planet Watson, Rope, Ubiquity, White Wine, Yndi Halda

Anorak – „Kalter Frieden EP“ (Uncle M) [Video]
Dieses Quintett aus Köln existiert wohl bereits seit 2010 und doch handelt es sich bei diesen zwei Songs um die Debut-EP der Jungs. Nun, manchmal dauert es halt ein wenig länger und im Falle der zwei Songs lässt sich sagen, dass diese sehr durchdacht arrangiert und ausgefeilt klingen. Irgendwo zwischen Post-Hardcore, Screamo, Emo und etwas Post-Rock ist eine Mischung entstanden, die zu begeistern weiß. Verspielte Gitarren-Parts mit schönen Basspassagen werden von atmosphärischen Stimmungen begleitet, bevor die Gitarren dann doch anziehen und fetter werden. Zudem beherrscht der Sänger diese resignierende Melancholie, die emotionsgeladen zwischen predigenden Spoken Words und Geschrei pendelt. Abgefahren auch die nach Nintendo-Spiel klingende Gitarre bei Cold Winter. Und auch textlich hat die Band was zu sagen, Cold Winter z.B. setzt sich mit den tagespolitischen und gesellschaftlichen Themen der Flüchtlingsdebatte auseinander. Fans von Pianos Become The Teeth und La Dispute sollten mal ein Ohr riskieren.


Chiefland – „To Part Means To Die A Little“ (DIY) [Name Your Price Download]
Für die selbstreleaste Debut-EP  haben sich die Jungs aus Göttingen was einfallen lassen, weshalb das Ding letztendlich auch schön anzusehen ist, obwohl es „nur“ eine CD ist. Als Hülle dient ein Hochglanz-Pappschuber, der mit Blumenmustern verziert ist, die man eher von Ikea-Tapeten oder Oma-Bettwäsche her kennt. Mir gefällt sowas ja. Die CD selbst kommt in Vinyloptik, zudem liegt ein äußerst hübsch gestaltetes und Ziehharmonika-mäßig gefaltetes Textblatt bei. Da liest man gerne drin, während man den vier Songs lauscht. Bei Melodic Hardcore geht es mir in letzter Zeit immer häufiger so, dass ich manche Bands aus dem Genre schwer unterscheiden kann, weil sie fast identisch klingen. Bei Chiefland kommen jedoch Elemente vor, die sich etwas aus der Masse abheben. Z.B sind da die Vocals, die an manchen Stellen etwas derber und nicht so extrem leidend klingen, manchmal wird auch nur gesprochen. Zum anderen fahren die vier Jungs öfters mal zurück und lockern dieses Melodic Hardcore-Ding mit  fast schon postrockigen und sehr melancholischen Parts auf. V.a. die Bass/Gitarrenfraktion hat den ein oder anderen Trumpf im Ärmel, hört euch z.B. mal den Anfang von Wolfmouth  an, das klingt doch verdammt cool. Die satte Produktion ist natürlich ebenfalls von Vorteil, aber unterm Strich gefällt mir das, was Chiefland da machen v.a. wegen den melodischen Parts.


The Guests – „Red Scare ’15 Tape“ (Sabotage Records) [Stream]
Wenn man das Tape von außen erst mal dreht und wendet, dann fällt auf, dass alles ziemlich minimalistisch gehalten ist. Die schwarze Hülle wird auf der Frontseite von ’nem kitschigen, aber dennoch hübschen Blumen/Apfelblüten-Motiv geschmückt, Bandname und EP-Titel stehen auf dem Tape-Rücken, die vier Songtitel sind auf dem Falz aufgeschrieben. Nun, innen sind keine Texte vorhanden, jedoch findet man einen DL-Code, von dem ich leider Gebrauch machen muss, da meine Kinder den Tonkopf meines Tapedecks geschrottet haben, indem sie mit ’nem harten Gegenstand dran rumgekratzt haben. Um die Qualität des Tapes anzuchecken, hab ich dem Ding heimlich und außer Sichtweite der Kinder wenigstens einen Durchlauf auf meinem hundert Jahre alten Walkman gegönnt. Erstaunlich, das Gerät hat seinerzeit einiges aushalten müssen, und doch spielt es Musik zuverlässiger ab, als die Playback-Maschine von Justin Biber. Aus diesem Grund muss ich das Ding so lang wie möglich vor meinen Kindern versteckt halten. Jedenfalls laufen mir die vier Songs extrem gut rein. Das, was die Band aus Philadelphia da macht, kann man grob in die Wave-Ecke stecken, dabei ist auch ein gewisser Post-Punk-Drive nicht von der Hand zu weisen. Mir gefällt v.a. der wavige Bass im Zusammenspiel mit den The Cure-angehauchten Gitarren. An manchen Stellen nervt das Keyboard und das etwas monoton gespielte Schlagzeug, aber das machen die melancholisch gespielten Gitarren und die oftmals an den Strokes-Sänger erinnernden Vocals  wieder wett. Zudem ist das alles schön melodisch und eingängig.


Planet Watson – „Do What You Want“ (DIY) [Stream]
Schon das Cover dieses selbstreleasten zweiten Albums der Stuttgarter/Ludwigsburger Skatepunks spricht Bände und zeigt ungefähr die Richtung an, in die es musikalisch geht. Drückt man die Playtaste, brettert der melodische Sound sofort zappelig in die Ohren, dabei keift sich ’ne überschlagende Rumpelstilzchen-Stimme in Ekstase. Und wie man im Verlauf des Albums erfährt, kommen zu dieser Stimme noch etliche anderen Stimmen dazu, denn die Jungs lassen sich wohl gerne von Sängern befreundeter Bands unterstützen, was eindrucksvoll zeigt, dass die Szene doch einen gewissen Zusammenhalt hat. Geil, das Zeug von Planet Watson klingt schön 90er-lastig, da schweben flauschige Wölkchen namens Satanic Surfers, Intensity, Passage 4, Crivits, Good Riddance, schnellere Shades Apart oder aber auch melodischere Heckle vor’m mit grauem Star getrübten Auge rum. Aber auch Bands wie Death By Stereo, H2O, As Friends Rust und Strike Anywhere scheinen große Einflüsse zu sein. Hey, 13 Songs, davon nur ein einziger, der kurz über zwei Minuten kommt, alle anderen liegen darunter. Und auch wenn man aus dem Presseinfo nicht allzuviel herauslesen kann, weil dieses hauptsächlich aus einer Liste mit bekannteren Bands besteht, mit welchen die Jungs schon gespielt haben, dann wird hierdurch deutlich, dass die Jungs von Planet Watson live sicher die Sau rauslassen.  Und übrigens, Planet Watson dürften nicht nur Leuten gefallen, die den Unterschied zwischen Waterboarding und Skateboarding kennen. Also ihr Punx, checkt das mal an…


Rope – „Manteision Bodolaeth“ (Truthseeker Music/Alive) [Stream]
Betrachtet man das Albumcover der Band aus South Wales, dann denkt man eher an eine Ibiza-Disco-Hits Best Of. Weit gefehlt, denn befördert man das Ding in den CD-Schacht, dann wird man gleich mit einem Filmsample aus einem der ersten und bedeutendsten deutschen Tonfilmproduktionen konfrontiert. Geniales Filmzitat eigentlich: Was weißt denn du? Was redest denn du? Wer bist du denn überhaupt? Wer seid ihr denn, alle miteinander? Verbrecher!  Ganz genau. Und es geht auch noch weiter. Wenn eine englische Band so nerdige Filmzitate verwendet, dann schlägt der Sound sicher in eine ähnliche Richtung. Spätestens nach den ersten Klängen wird klar, dass Rope nicht nur im Filmgeschmack Experten sind. Die sechs Songs kommen schön vertrackt und verschwurbelt daher, da kommen Bands wie Shellac oder Lungfish in den Sinn, welche sogar im Bandinfo erwähnt werden. Im Info werden zudem noch Basement und die Self Defense Family genannt, das spiegelt sich aber eher im dreckigen Gitarrensound wieder, göttliche Basement-Melodien sind eher Fehlanzeige. Obwohl, Earth Brian Lung  hat so einen gewissen Basement-Drive, aber wo man mit Basement-Songs auf Anhieb warm wird, braucht es bei Rope schon ein paar Durchläufe, bevor man die Songs im Ohr hat.


Ubiquity – „Quiet in Hopelessness“ (Dingleberry Records u.a.) [Stream]
Beim italienischen Spoken Word-Intro wünscht man sich direkt, ein paar Fetzen davon zu verstehen, die kryptische Übersetzung per google translate bringt dann doch ein wenig Licht ins Dunkel. Zwischen Wut, Verzweiflung und Resignation pendeln sich auch die nachfolgenden sechs Stücke ein, das ganze wird mit einem chaotischen und emotionalen Mix aus Screamo, Emotive Hardcore, Emoviolence, Post-Hardcore und etwas Neo-Crust untermalt. Der Albumtitel könnte die Musik der Jungs nicht treffender beschreiben. Die unterschwelligen Melodien, das verzweifelte Geschrei, dann wird der Sound wieder etwas zurückgefahren. Läuft gut rein. Die Band aus Sardinien erinnert mich ein wenig an eine Mischung aus Øjne, Funeral Diner, Raein und Danse Macabre.


White Wine Cover 2500White Wine – „Who Cares What The Laser Says“ (This Charming Man) [Song-Stream]
Das Cover der Digipack-CD bestätigt meine Vermutung über den Sound der international zusammengwürfelten Band. Das Trio, das sich aus Joe Haege (31 Knots/Tu Fawning/Menomena), Fritz Brückner und Christian Kühr (Zentralheizung Of Death) zusammen setzt, klingt sehr, „sehr“ experimentell. Da wird Industrial mit Indie gemixt, zudem kommen 31Knots-mäßige Ideen zum Einsatz, die ja auch nicht jedermanns Sache sind. Auch wenn oftmals melodische Momente zum entspannen einladen, verwirren im folgenden Verlauf die experimentellen Einsprengsel so einiges.


Yndi Halda – „Under Summer“ (Big Scary Monsters/Alive) [Song-Stream]
Da ich Yndi Halda bisher noch nicht kannte, kam mir der Pressewisch diesmal sehr gelegen, denn diesem entnahm ich, dass es sich bei Under Summer um das mittlerweile zweite Studioalbum der Briten handelt und zwischen dem Debutalbum Enjoy Eternal Bliss und Under Summer auch schon wieder acht Jahre liegen. Vermutlich bin ich nie auf die Band aufmerksam geworden, da ich mich nicht so sehr für instrumentalen Post-Rock interessiere. Nun, zumindest wird auf diesen vier Songs gesungen, so dass die insgesamt 58 Minuten für mich eher erträglich sind. Von der Dichte des Sounds fasziniert, verzücken immer wieder toll gespielte Gitarren und ein Schlagzeuger, der auch mal die Becken ordentlich crashen lässt, da stören auch die häufig eingesetzten Streicher nicht. Wenn ihr auf Mogwai, Explosions In The Sky und GY!BE könnt, dann solltet ihr hier mal in einer ruhigen Minute reinhören.