Show Review: Leoniden & Kids N Cats am 17.11.2018 im Carinisaal/Lustenau (A)


Eine ständig wachsende Fangemeinde, unzählige Videoplays, zwei verpasste Konzerte in der näheren Umgebung, bereits jetzt schon ausverkaufte 2019er-Termine und natürlich das sagenhaft gute aktuelle Album waren Grund genug, die Leoniden endlich mal live zu begutachten. Die gerade aufgelisteten Warnzeichen könnten vermutlich ausschlaggebend dafür sein, dass die Zeiten, in welchen man die Band noch im kleinen Rahmen bzw. bei Clubshows erleben kann, wohl ziemlich bald schon vorbei sein werden. Eine Woche vor’m Konzert bekam ich dann doch Muffensausen, ob es beim gewünschten Termin überhaupt eine Abendkasse geben würde, denn die meisten Shows der laufenden Tour waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft. Also, dann lieber auf Nummer sicher gehen und schnell mal die eh viel zu wenig genutzten Möglichkeiten eines Gästelistenplatzes abchecken! Und natürlich in sparsam schwäbischer Entenklemmerei auch noch einen Platz für die Liebste abstauben! Obwohl mein Organisiationstalent doch eher zu wünschen übrig lässt, war sogar die Kinderbetreuung für den abendlichen Ausflug geklärt, die Reise ins österreichische Lustenau wurde in Angriff genommen. Bei sternenklarer Nacht mit Minusgraden standen wir pünktlich bei Türöffnung mit einer Traube an bibbernden und frierenden Menschen vor’m Carinisaal.

Keine Ahnung, ob es noch Karten an der Abendkasse gab, der kleine und kuschelig warme Club war jedenfalls in kürzester Zeit rappelvoll. Dabei fiel mir der hohe Frauenanteil unter den Anwesenden auf. Da ich seit den Neunzigern auf so gut wie keinem Indie-Konzert mehr war, wunderte ich mich dann doch etwas an den seltsamen Klamotten. Hab ich da was verpasst? Trägt man auf Indie-Konzerten keine Bandshirts mehr? Bei reinen HC/Punk-Shows ist das irgendwie anders. Nun, anstelle der Bandshirts konnten an diesem Abend Klamotten bestaunt werden, vor denen man sich bereits in den 80ern gruselte. Mit Hochwasser-Cordhosen, die fast bis Unterkante Kinn reichen, hatte man seinerzeit auf dem Schulhof gute Aussichten auf eine ordentliche Abreibung. Auch irgendwie abgefahren: einzelne Bandmitglieder der Leoniden wurden beim Gang durch’s Publikum von mehreren jüngeren weiblichen Fans abgefangen und zu einem gemeinsamen Foto genötigt. Am meisten traf es natürlich Sänger Jakob Amr, der aber immer freundlich und höflich in die Kamera grinste. Das nimmt ja fast schon Auswüchse wie bei einer Bravo-Boyband an!

Dass Klamotten nur zweitrangig sind, konnte man eindrucksvoll beim Support-Act Kids n Cats beobachten. Da ich die Band aus Wien bisher nicht kannte, hörte ich im Vorfeld mal ins Material des Quartetts rein. Irgendwie sagte mir die bizarre Mischung aus Hiphop, Electro, Indie und Weird-Pop aber nicht so zu, weshalb ich keine allzu großen Erwartungen an den Auftritt der Band hatte. Nun, so kann man sich täuschen! Zu Beginn lagen die vier Musiker erstmal geschlagene fünf Minuten auf der Bühne, alle einheitlich in schlabberige weiße Klamotten gehüllt, die an eine Mischung aus Pyjama, Judo-Mantel und Zwangsjacke erinnerten, dazu bemalte Gesichter. Dann wachte die Band abrupt auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und startete direkt mit ihrer Show – und zwar mit einem ordentlichen Schuss Post-Punk und einer abgefahrenen Performance. V.a. Sängerin Jeanne Drach verrenkte sich, hüpfte ungehalten durch die Gegend und tanzte wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen um das Feuer. Wie ich nachträglich erfuhr, bestreitet die Dame ihren Lebensunterhalt u.a. als Puppenspielerin. Auch der Rest der Band wirbelte ordentlich Staub auf. Die Bassistin, der Gitarrist und sogar der Drummer halfen stimmlich bei den Refrains mit, letzterer kommunizierte sogar öfters mit dem Publikum. Zwischen den Songs gab es Erklärungen zu den in französischer, spanischer und englischer Sprache vorgetragenen Texten. Größtenteils haben diese feministische Inhalte und drehen sich um Themen wie Gender und Selbstverwirklichung. Die Ansage, dass man/frau sich von der Fremdbestimmung innerhalb der Gesellschaft lösen und Träume verwirklichen soll, wird dem Bühnen- und Erscheinungsbild der Band mehr als gerecht. Denn dass hier eine Menge Herzblut und Leidenschaft dabei ist, hat dieser Auftritt deutlich vermittelt. Schön auch, wie immer wieder das Publikum in die Performance mit einbezogen wurde. Bei einem Song durften z.B. verschiedene Leute aus dem Publikum Tierlaute beisteuern, die anschließend geloopt in einen Song einflossen und für einige Lacher sorgten. Fazit: kurzweiliger Auftritt, äußerst sympathische Band, läuft sicher bald auf FM4 (falls nicht schon längst geschehen). Checkt mal ein paar Videos der Band an, die sind durch die Bank alle zu empfehlen! Kids n Cats ließen übrigens bei Beendigung ihres Sets noch verlauten, dass die Leoniden angekündigt hätten, den Laden heute Abend gründlich zu zerlegen. Solche Aussagen sind manchmal gefährlich, da sie die Erwartungen des Publikums ins unermessliche steigern.

Nun, nach einer kurzen Umbaupause, in welcher die Leoniden persönlich Hand anlegten und erstmal routiniert Ordnung auf der Bühne schafften (es lagen wirklich keine Stolperfallen mehr auf der Bühne rum), starteten die Jungs mit dem Song Colourless und einer unglaublichen Power, die ab dem ersten Ton fesselte. Ich behaupte mit reinem Gewissen, dass der Funke zwischen Band und Publikum in den ersten zehn Sekunden übergesprungen ist und das Feuer über die Gesamtspielzeit von 90 Minuten lichterloh brennen ließ. Der absolute Wahnsinn! Auffallend war der bestens abgemischte glasklare Sound, da war echt jedes Instrument und jeder Ton perfekt zu hören. Und diese energiegeladene Bühnenshow: die komplette Band permanent in Bewegung, als ob sich die Jungs unentwegt gegenseitig zur Höchstleistung anstacheln würden, als ob von diesem einen Auftritt Leben und Tod abhängen würde. Wie man als Sänger bei so einer körperlichen Leistung auch noch jeden Ton treffen kann, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Und obwohl man sofort wild das Tanzbein schwingen will, ist man vom Anblick der Band fasziniert und kann den Blick gar nicht von der Bühne abwenden. Diese Typen haben so viel Freude an ihrer Musik, das kann man gar nicht in Worte fassen, das muss man gesehen haben! Die wollen einfach nur wie ein paar durchgedrehte Irre ihre Mucke machen und dabei maximal Spaß und Freude haben.

Aufgeputscht durch die eigene Musik, pures Adrenalin! Nach dem dritten Song bereits so zu schwitzen, dass selbst ein Handtuch nicht mehr allzuviel bringt, sagt einiges über die Ernsthaftigkeit einer Band aus. Es machte einfach tierisch gute Laune, diese vor impulsiver Leidenschaft und literweise Herzblut strotzende Band bei dem zu beobachten, was sie da auf der Bühne veranstaltete. Die grinsenden Gesichter der perfekt aufeinander eingespielten Musiker erzeugten zusammen mit den aus beiden Alben gespielten Hits und einer unaufdringlichen Lightshow auch in den Reihen des Publikums für zufrieden grinsende Gesichter. Gerade live bemerkt man den massiven HC/Punk-Background der Jungs. Der Gitarrist hat in ein paar Jahren sicher kaputte Knie, diese Kniefall-Beugen können absolut nicht gesund sein. Vielleicht erwürgt er sich aber auch vorher mit dem Gitarrengurt oder haut sich die Gitarre beim Balancieren auf dem Kopf gegen die Rübe. Und ja, an der Zerlegung des Carinisaals wurde weiter gearbeitet, einfach mal die Gitarre hüpfend gegen die niedrige Decke knallen, so dass der Putz rieselt!

Eine ausgeklügelte Idee ist auch der Bühnenaufbau der Leoniden, die zwei Keyboards/Midi-Controller sind so aufgebaut, dass sich Keyboarder Djamin und Sänger Jakob angrinsen können und dabei auch noch ständig die Plätze wechseln, so dass neben der Bewegung auf der Bühne auch mal jeder im Publikum die Chance hat, die zwei beim Paarungstanz frontal zu sehen. Und obwohl so viel Equipment rumsteht, ist trotzdem noch reichlich Platz für die coolen Moves des Bassisten. Zwischen den Songs kommunizierte die Band ausgiebig mit dem Publikum, welchem sogar wiederholt großer Dank ausgesprochen wurde. Das neue Album war zu der Zeit erst 22 Tage draußen, da darf man sich als Band dann auch mal an der Textsicherheit des Publikums freuen! Sehr sympathisch! Überhaupt legten die Jungs einen großen Wert auf Publikumsnähe, Sänger Jakob nahm ein paar sehr ausgiebige Bäder im Publikum. Zu einem dieser Ausflüge nahm er dann sogar sein Kuhglocken-Drumset mit, das er während des Auftritts mehrmals wie ein Irrer bearbeitete, einmal sogar über den Köpfen des Publikums in der Mitte des Saals. Zudem forderte er das Publikum wiederholt dazu auf, nach der Show doch noch ein bisschen zusammen abzuhängen und zu plaudern. Da wir ja noch ein Stückchen Heimfahrt vor uns hatten und zufällig in dieser sternenklaren Nacht mit dem Höhepunkt des Leonidenstroms zu rechnen war (kein Witz!), verließen wir in der Hoffnung auf ein paar Sternschnuppen nach den drei Zugaben glücklich und voller Adrenalin den Ort des Geschehens. Ich muss nicht erwähnen, dass sich auf der Heimfahrt keine Sternschnuppe blicken ließ, aber nach einem solch hammermäßigen Konzert ist das letztendlich auch ziemlich schnuppe!

Kids N Cats Facebook / Leoniden Facebook


 

Advertisements

Hell & Back – „Slowlife“ (Video)

Die Jungs von Hell & Back bescheren uns mit einem tollen neuen Video zum Song Slowlife, in dem tonnenweise Arbeit, Herzblut und ganz viel Liebe zum Detail drin steckt. Das drollige Ding erscheint gerade rechtzeitig, um noch ein paar unentschlossene Menschen vom Sofa zu locken, wenn die Stuttgarter Ende Oktober mit den Resolutions auf Tour gehen. Hier mal die Tourdaten:

27.10. Rorschach (CH) @ Treppenhaus
28.10. Wangen @ Tonne
29.10. Stuttgart @ Kap Tormentoso
30.10. Zürich (CH) @ Hafenkneipe


 

Show-Review: Samiam, Fire Ants From Uranus und Kid Dad im Club Vaudeville Lindau (28.07.2017)

Was kann es besseres geben, als das Wochenende am Freitag Mittag bei ein paar gepflegten Bieren auf einer Familienfeier einzuläuten, wohl wissend, dass man rechtzeitig von einem zuverlässigen Freund – und Mitschreiber – plus Partnerin zu einem herrlichen Punk-Konzert abgeholt wird? Jackpot! Schon richtig gut vorgeglüht ging es also bei herrlichstem Sonnenschein in den frühen Abendstunden in den Club Vaudeville nach Lindau, in welchem an diesem Abend mal wieder nach längerer Live-Durststrecke die göttlichen Samiam Halt im Süden machten. War die Tour an anderen Orten der Republik bereits ausverkauft, hielt sich der Ansturm in Lindau in Grenzen, obwohl die Band dort schon einige Male spielte. Das wundert schon ein wenig, aber andererseits sind mir solche dünn besuchten Shows lieber. Auf der letzten Boy Sets Fire-Tour z.B. vor ein paar Jahren wurde man im Club fast schon zerquetscht. Nun, es wurden wohl nur wenige Karten im Vorfeld verkauft, so dass die Bühne im kleinen Foyer des Clubs aufgebaut war, sozusagen auf Augenhöhe. Sehr gute Bedingungen, zumal auch die Besucherzahlen während des Abends übersichtlich blieben. Wie zu erwarten, war der Altersdurchschnitt der anwesenden Jugendlichen – alle so um die 40 – und der Frauenanteil deutlich höher als sonst.

Als Fire Ants From Uranus (FAFU) die Show eröffneten, war der Saal übersichtlich gut gefüllt. Die Jungs aus Lindau zockten ihr Set solide runter, hierbei stach v.a. der markante Gesang von Sänger Timo im Zusammenspiel mit den melancholisch runtergezockten Gitarren hervor. Bei FAFU kann Timo noch mehr aus sich rausgehen, als bei seinen Solo-Auftritten unter dem Namen Fallstring. Jedenfalls feiere ich nach wie vor den Überhit Got Gum? ab, der live nochmals ’ne Schippe dreckiger als auf Konserve klingt. Horcht doch mal bei Gelegenheit in das Debut Tales From Uranus rein, falls ihr auf melodischen Punkrock steht.

Nach einem kleinen Umbau durften dann die mir noch nicht bekannten Kid Dad aus Paderborn ran, die nach ihrem Aussehen zu urteilen noch ziemlich jung sein dürften. Kid Dad machen so einen Mischmasch aus Indie und Grunge, live hat mich das alles an Zeugs wie Weezer, Pixies oder poppigere Nirvana erinnert. Beim Publikum kam der Sound des Quartetts glaub ich ganz gut an, mir persönlich war der Auftritt aber ein wenig zu lasch, so dass ich mir die Warterei auf Samiam mit einem weiteren Bierchen verkürzte.

Endlich waren Samiam an der Reihe. Diese Band, die mich seit der ersten Begegnung in den Neunzigern (noch in den alten Hallen des Club Vaudevilles) gefangen genommen und nicht mehr losgelassen hat. Für ein Live-Erlebnis dieser Band habe ich einst weite Strecken in Kauf genommen, auf welchen ich z.B. durch unbekannte Orte in der Schweiz fuhr, deren Namen wie unheilbare Krankheiten aus dem Mittelalter klangen. Nun, als die ersten – gut abgemischten – Töne meine Ohren trafen, war ich natürlich äußerst gespannt, ob Sänger Jason diesmal stimmlich besser in Form war, als bei unserem letzten Aufeinandertreffen im Jahr 2007, ebenfalls in Lindau. Da war der sympathische Kerl nämlich schrecklich leise und total heiser. Aber an diesem Abend war von Heiserkeit keine Spur. Jason sang mit einer kraftvollen Intensität, so dass ihm der Schweiß nach wenigen Minuten aus allen Poren rann. Und auch der Rest der Band legte eine jugendliche Spielfreude an den Tag, die man bei so mancher Jungspund-Band heutzutage vergeblich sucht.

Samiam arbeiteten sich durch die Hits ihrer bisherigen Veröffentlichungen, dabei kamen unsterbliche Klassiker wie Dull, Capsized, Sunshine, She Found You, Factory und natürlich Stepson zum Zug, die ohne Frage für reichlich Gänsehaut sorgten und vom Publikum gebührend abgefeiert wurden. Wo kann man denn heutzutage noch in einer total entspannten Atmosphäre in der ersten Reihe debil grinsend mit anderen debil grinsenden und fröhlichen Menschen zu den schönsten Songs der Welt tanzen, ohne dass man einen Sidekick in den Rücken bekommt? Anstatt dessen wird man von wildfremden Menschen umarmt, die vor Glück über die dargebotenen Songs über das ganze Gesicht strahlen und einen fast schon abknutschen wollen. Auffallend war, dass das Geschehen auf der Bühne auch nicht von lästigen Smartphone-Knipsern gestört wurde. Ähem…fast zumindest, denn als ich gezwungenermaßen selbst eines für diesen ursprünglich gar nicht geplanten Bericht knipste, kam ich mir ehrlich gesagt schon reichlich doof vor, zumal ich ja ganz genau weiß, dass Smartphone-Fotos von Bands in halbdunklen Räumen qualitativ nix taugen. Und die für immer eingebrannte Erinnerung an ein geniales Wohlfühl-Konzert wie dieses wird durch verschwommene Smartphone-Fotos auch nicht besser. Ein total schöner Abend war das!


 

Show-Review: Fjørt, Lygo und Kind Kaputt im Jugendhaus Ravensburg (05.11.2016)

fjort-jugi-rav

Vor nicht allzu langer Zeit konntet ihr an dieser Stelle bereits ein Show-Review mit Fjørt lesen, damals von der gemeinsamen Tour mit den Jungs von We Never Learned To Live. Nun, knapp ein halbes Jahr später machten Fjørt einen Katzensprung von meinem Wohnort entfernt im Jugendhaus Ravensburg Halt auf ihrer Herbstreise, diesmal mit den Bonner Schreipunks von Lygo und Kind Kaputt aus Mannheim. Schnell aufs Fahrrad geschwungen und durch die windig-regnerische Nacht die 5 Kilometer nach Ravensburg gedüst, kam die Crossed Letters-Crew etwas durchnässt aber bereits gut vorgeglüht pünktlich zu Kind Kaputt an, die bereits mit ihrem Set begonnen hatten.

Kind Kaputt ist eine relativ neue Band, beim Abchecken des Materials im Vorfeld klang mir der Sound des Quintetts ein bisschen zu konstruiert und auf massentauglich gemacht, aber live mit ein paar Bieren im Schädel war das ganze doch eigentlich ganz nett. Vor allem war der Sound glasklar abgemischt, vielleicht profitierte da die Band von den magischen Knöpfchendreherhändchen des Soundmanns von Fjørt. Grob umschrieben machen die Jungs glattgebügelten Post-Hardcore mit sphärischen Post-Rock Parts und einem Sänger, der mich live von der Tonlage her etwas an Casper erinnerte. Trotzdem fehlte mir persönlich hier die Bewegung auf der Bühne etwas, die Band schien sich mehr auf ihre Instrumente zu verkrampfen. Mehr Punkrock-Attitude würde dem Sound der Jungs bestimmt nicht schaden.

Wie eine Show mit hohem Punkrock-Faktor aussehen kann, demonstrierten dann eindrucksvoll die Punks von Lygo, die von der Pike auf in die Punkrock- Schule des Lebens gegangen zu sein scheinen. Aber von vorne: Worauf ich mich im Vorfeld wirklich freute, war der Auftritt von Lygo, die ich ja auch schon in der Vergangenheit abgefeiert habe, damals noch auf Borderline Fuckup. Habe die Lygo-Rezi zu Sturzflug gerade nochmals gelesen, manchmal ist es ja verrückt, dass man beim Lesen des eigenen Geschreibsels Jahre später schmunzeln muss. Gute Idee, das mit den Greifautomaten auf Livegigs. Vielleicht sollte ich das als Geschäftsidee patentieren lassen, wie der eine Typ, der Telefonzellen zu Ein-Raum-Diskos umfunktioniert. Da kann man 2 € reinwerfen und einen beliebigen Song auswählen, wird dann eingenebelt und darf unter einer Diskokugel mit Lichtshow abhotten. Vielleicht hätte man ein paar dieser Ein-Raum-Diskos aufstellen sollen, um die Leute im Publikum zum Tanzen zu animieren, denn außer Kopfnicken war keine Bewegung zu verzeichnen, was ich mir angesichts des Einsatzes der drei Herren auf der Bühne eigentlich nicht erklären kann. Hier bekam man ein äußerst energiereiches Set geboten, das zudem noch von Hits gespickt war, die man eigentlich lauthals und Bier verschüttend mitgrölen hätte sollen. Wenn ich mir vorstelle, wie vor einigen Jahrzehnten bei einer Show der Spermbirds in diesen Räumen das Kondenswasser von der Decke tropfte, dann wage ich zu behaupten, dass die Jugend früher etwas mehr Einsatz zu zeigen pflegte. Keine Ahnung, es machte trotzdem Freude, die Energie und den Spaß der Jungs an der eigenen Musik aufzusaugen. Live gefällt mir das ganze noch einen Ticken besser als auf Konserve. Da die Stimmen der beiden Sänger sehr ähnlich sind, bringt es nochmals etwas Schwung in die Sache, die zwei Sänger vor sich zu sehen. Und während Lygo mit den Zeilen wieder einen Winter überstanden  aus dem  Song Störche bei mir noch etwas die Nackenhärchen aufstellen lassen, setzt auch schon einen Tag nach der Show im ländlichen Oberschwaben der Winter in vollen Zügen ein.

Die Zeit zwischen den Bands konnte man dann gemütlich plaudernd verbringen. Es ist immer wieder schön, in einer solch entspannten Atmosphäre abzuhängen. Mittlerweile füllte sich das Jugendhaus zwar, aber dass Fjørt andererorts schon mal vor weitaus größerem Publikum in riesigen Clubs auftreten, merkte man an diesem Abend nicht. Obwohl, gleich zu Beginn der Show ist erstmal der Strom ausgefallen, wahrscheinlich aufgrund der Überlastung durch den vielen elektronischen Schnickschnack, den die Jungs bei sich haben. Schon die Auftritte im Frühjahr in Lindau und Lustenau waren ähnlich dünn besiedelt. Wahrscheinlich liegt das einfach daran, dass Fjørt in diesem Landstrich bisher noch nicht ausgiebig genug Präsenz gezeigt haben. Jedenfalls war die Technik ruckzuck wieder hergestellt, so dass der in kühles blaues Licht getauchten Show nichts mehr im Wege stand. Die dunkle Optik und der aufsteigende Nebel transportierten einen Hauch von nordischer Hafenromantik. Die Atmosphäre wurde durch den hervorragend abgemischten Sound noch verstärkt. Fjørt meisterten ihre Sache dann mit Bravour, da merkt man einfach, dass die Jungs auf der Bühne zu Hause sind und sich ihr Können mühsam und ehrlich erarbeitet haben. Dass man es mit einer sympathischen Band zu tun hat, die weiß woher sie kommt, merkt man auch bei den Ansagen, die so viel menschlicher sind und auf hohle Phrasen gänzlich verzichten. Hier erfährt man dann auch ein paar Hintergründe zur Show und den Leuten dahinter, die solche Konzerte mit Leidenschaft und Herzblut ermöglichen. Normalerweise hätte das Tour-Ende schon einen Tag früher in Würzburg stattfinden sollen, aber dann erhielt die Band eine Mail-Anfrage von Yvie. Und Fjørt sagten einfach zu, obwohl solch kleine Locations in der Provinz eher nicht auf dem Tagesprogramm der Aachener steht. Da zeigt sich mal wieder, dass sich mit DIY Sachen erreichen lassen, die man eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Einfach mal machen! Nun, mir gefiel dieser Auftritt der Band sehr viel besser als damals in Lindau. Das lag vor allem an der heimeligen und familiären Atmosphäre, gerade mal 73 Leute hatten den Weg ins Jugendhaus gefunden. Zwar fehlte auch hier die Bewegung im Publikum, dafür sogen die anwesenden Leute die Magie der Show förmlich ein. Neben aktuellen Hits wie Kontakt, Lichterloh und Anthrazit wurden auch ein paar Songs vom Vorgängeralbum D’Accord zum Besten gegeben. Klar, ich habe schon Bands gesehen, die ohne Lightshow und sogar noch bei eingeschalteten Licht die Bude zum Einstürzen brachten, so dass überall Körper durch die Luft flogen, aber das wäre hier ehrlich gesagt etwas fehl am Platze gewesen. Fjørt lieferten jedenfalls super ab, so dass man am Ende in zufriedene Gesichter blickte. Und wie das in der Provinz so üblich ist, verschwanden die Leute auch ziemlich schnell nach dem Abklingen der letzten Töne. Ach so, da ich mal wieder bei den Foto-Aufnahmen mit schlechter Ausrüstung und Pfuscherei nix auf die Reihe bekommen habe und die meisten Bilder absolut verwackelt waren (ich hätte ja beim Knipsen nur mal mein Bier abstellen müssen…), verweise ich an dieser Stelle auf die Fotogalerie vom Jugendhaus Ravensburg, auf der ihr ein paar gelungenere Bilder bestaunen könnt.


Showreviews: Yuppicide (Biberach/Abdera 23.03.2016), PowerPennerPunk (Weingarten/JuHa 02.04.2016)

Yuppicide col 1
Yuppicide – Live im Abdera/Biberach am 23.03.2016

Erinnerungswürdige Auftritte der New Yorker hab ich schon einige gesehen, am meisten blieben jedoch der Auftritt beim legendären Roots Of Hate-Festival in der Biberacher Gigelberghalle, welcher auch schon wieder 20 Jährchen zurückliegt und eine Show in der ausverkauften Röhre in Stuttgart (ebenfalls in den Neunzigern) hängen. Yuppicide waren bisher jedenfalls immer eine Garantie für eine intensive Liveshow. Zwanzig Jahre später also wieder Biberach, diesmal im Abdera. Dort war ich das letzte Mal im letzten Jahrtausend (war glaub ich Most Precious Blood oder Throwdown, keine Ahnung mehr). Auch wenn die bisherigen Shows der laufenden Tour alle ausverkauft waren, machte sich ein mit vier alten Säcken besetztes Auto aus Ravensburg ohne Eintrittskarten auf den Weg nach Biberach. Schon das Überangebot an freien Parkplätzen ließ uns erst zweifeln, ob die Show nicht doch noch in letzter Minute krankheitsbedingt abgesagt wurde. Weiterlesen

Showreview: We Never Learned To Live & Fjørt – Lindau/Club Vaudeville & Lustenau/Carinisaal

01 WNLTL Lindau
Wer mich kennt, der weiß, wie hibbelig und aufgeregt ich sein kann, wenn eine Band in die nähere Umgebung kommt, der ich schon seit Jahren mit Haut und Haaren verfallen bin. Diesmal ist die Rede von We Never Learned To Live, die ich seit der Entdeckung ihrer Debut-EP aus dem Jahr 2013 mit anschließender enthusiastisch vorgetragener Empfehlung (damals noch auf Borderline Fuckup) verdammt tief in mein Herz geschlossen habe. Als ich knapp ein halbes Jahr nach Veröffentlichung des ruckzuck vergriffenen Tapes ein Paket aus dem Hause Through Love Rec erhielt, in welchem eben diese ersten drei Songs auf einer wunderschön aufgemachten EP zum Vorschein kamen, wurde mir klar, dass da geheime Kräfte im Spiel sein mussten. Fortan stalkte ich die Band aus Brighton fast gar, jedes verfügbare und gefundene Livevideo flimmerte über den heimischen PC-Bildschirm. Und spätestens ab der Veröffentlichung des grandiosen Debutalbums im Sommer 2015 war klar, dass es nun langsam Zeit wurde, die Jungs endlich live zu erleben. Nun, ihr könnt euch sicher vorstellen, welch Freude es bei mir auslöste, als ich entdeckte, dass die Band genau einen Tag nach meinem Geburtstag (das beste G-Geschenk ever) im nicht weit entfernten Club Vaudeville in Lindau im Vorprogramm von Fjørt auftreten sollte. Meiner Nervosität nicht gerade positiv förderlich war, dass es an meinem Geburtstag (also einen Tag vor dem Konzert) Schneeflocken vom Himmel schickte, die der Konsistenz von Wattepads nahe kamen. Bei Schnee und Autofahren werde ich nämlich zur bibbernden Memme…nun, letztendlich ging alles gut. Ihr wisst schon…die höhere geheime Macht…Zudem gab es eine weitere Crossed Letters-Premiere: erstmals gingen mein Kunpel Eddie und ich als Crossed- Letters-Kollegen auf ein Konzert. Und da Eddie besser fotografiert wie ich, gibt es diesmal anstelle der gemalten Bilder „echte“ Live-Bilder. Weiterlesen