Bandsalat: Andy The Band, Aviator, Caspian Sea Monster, Diet Cig, Employed To Serve, Gnarwolves, The Heads Are Zeros, Worth

Andy The Band – „Carry On“ (Sabotage Records) [Stream]
Hinter Andy The Band versteckt sich originellerweise ein Mensch namens Andy, der aus dem Punkrock kommt und hier seine Ego-Schiene durchzieht, indem er alle Instrumente selbst und wahrscheinlich ausschließlich seinem Geschmack entsprechend eingespielt hat. Lediglich für die Produktion wurde Tommy von Vånna Inget ins Boot geholt. Andy kennen sicherlich einige von euch von Bands wie den Satanic Surfers, Terrible Feelings oder Sista Sekunden. Nun, Andy The Band steht für schnörkellosen, dirty aber catchy gespielten Garagepunk, diverse Hardcore und Emo-Einflüsse sind auch stark vertreten. Die vier Songs sind eingängig, da hat man auf der einen Seite US-Emocore- und Punkbands wie das Zeug von den späten Dag Nasty, den Adolescents, All oder den Descendents im Ohr, aber gleichzeitig klingt das ganze dann doch nicht so wild und ungestüm. Andy ist indielastiger und gefühlvoller unterwegs, so dass man spätestens nach dem dritten Durchlauf zufrieden mit den Beinchen mitwippt und an Bands wie die Hives oder die Beatsteaks denkt (bevor diese stadiontauglich wurden). Zwischen dem anfangs monoton wirkenden Gitarrengeschrammel entdeckt man immer wieder mal einen raffiniert gespielten Basslauf, eine verzückend verspielte Gitarre oder ein noisiges und dissonantes Einsprengsel. Zu einem meiner persönlichen Favoriten zähle ich dann unter anderem das in die Gehörgänge flutende Doesn’t Exist. Hinter die Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen auf dem Cover bin ich noch nicht gekommen. Ich steh ja nicht auf die Solo-Eskapaden selbstverliebter Bandmitglieder von einst erfolgreichen Punkbands, aber das hier macht richtig Laune. Hört rein und bleibt zwei Runden am Ball, dann fetzt das!


Aviator – „Heaven’s Gate b/w Death’s Door“ (I.Corrupt.Records) [Stream]
Die zwei Songs auf diesem Release sind während einer vierwöchigen Europatour entstanden und wurden in den Faust Records Studios in Prag aufgenommen. Da wünscht man sich nach mehrmaligen Hördurchläufen direkt, die Jungs würden bald wieder auf Tour gehen, um neue Songs für den lang ersehnten Nachfolger zum 2014-er Hammeralbum Head In The Clouds, Hands In The Dirt zu schreiben. Die zwei Songs machen jedenfalls Appetit auf mehr, denn sie bieten intensiven Post-Hardcore mit Herz und Seele. Die Gitarren fetzen richtig los und türmen sich zu dichten Soundwänden auf, Bass und Schlagzeug grooven dazu wie Hölle, hinzu kommt der leidenschaftlich gesungene/gebrüllte Gesang von TJ Copello sowie eine ausgeklügelte Balance zwischen emotionalen, fast bedächtig wirkenden Parts und spannungssteigernden, beinahe mantraartig nach vorne gehenden Passagen. Bitte mehr davon!


Caspian Sea Monster – „Selftitled“ (Stargazer Records) [Stream]
Das kaspische Seemonster, das einem vom Frontcover der Digipack-CD entgegen lächelt, sieht weder von vorn noch von hinten (siehe Backcover) bedrohlich aus. Im Gegenteil, ich finde es eher niedlich, das ist so ’ne Mischung aus den Gremlins (bevor sie zum Monster werden) und einem See-Quitsche-Igel für die Badewanne. Meine Kinder fanden das Ding so witzig, dass sie es sogar abgezeichnet haben, dabei haben sie ständig gekichert. Nun, die Band Caspian Sea Monster kommt aus Chemnitz und existiert seit ca. fünf Jahren. Die Mitglieder spielten zuvor bei Bands wie z.B. Playfellow, Calaveras und Might Sink Ships. Das selbstbetitelte Debut-Album des Quartetts wartet mit insgesamt acht Songs auf, diese dauern fast 70 Minuten. Okay, während des letzten Tracks The Tremblin (der 27 Minuten dauert) wird etwas beschissen, da ca. ab der 7. bis zur 22. Minute nichts weltbewegendes passiert. Egal, denn der Rest überzeugt von vorn bis hinten. Grob umschrieben bekommt ihr hier durchdachten Post-Rock mit einigen Indie-Referenzen und tollen emotionalen Momenten auf die Lauscher. Melancholie spielt auch noch eine große Rolle, die gefühlvoll gespielten Gitarren und der zerbrechlich wirkende Gesang von Sänger Toni Niemaier erzeugen zusammen mit den smoothen Rhythmen und den Synthie-artigen Klängen zusätzlich für kribbeln im Nacken. Auch die satte Produktion weiß zu gefallen. Stellt euch entschleunigte Mewithoutyou vor, die emotionalen Post-Rock für sich entdeckt haben. Geile Scheibe, eher was für die ruhigen Momente in eurem Leben.


Diet Cig – „Swear I`m Good At This“ (frenchkiss) [Stream]
Zuckersüßen Indie-Emocore bekommt ihr von diesem Duo aus New York wie Honig um die Schnauze geschmiert. Boah, ich kannte die Band bisher nicht und hab kürzlich das Video zum Song Maid of the Mist angeschaut. Das Video selbst ist zwar schön gemacht, aber vom Hocker gehauen hat mich nur die Mucke. Was für ein geiler Song, ziemlich sicher war ich mir, dass dieser Song auf irgendeinem Sommer-Mixtape verewigt werden wird! Völlig überrascht war ich allerdings, als ein paar Wochen später die Digipack-CD in einem Päckchen aus dem Hause Fleet Union im Briefkasten lag. Nun, bei Diet Cig wirken wie bereits erwähnt nur zwei Leute mit. Da wäre zum einen Gitarristin Alex, die auch gleichzeitig noch in einer Tonlage und mit einer Hingabe singt, die Dir alle Nackenhärchen wie bei einem Stromstoß hinstellen. Dann gibt es noch Noah an den Drums, der dem ganzen einen gewissen Drive gibt und auch schonmal richtig abgeht (Blob Zombie z.B.). Auf Swear I`m Good At This werden euch jedenfalls 13 spaßbringende Songs auf die Ohren gepackt, die man irgendwo zwischen Indie, Emo und Pop-Punk einordnen könnte. Unbedingt solltet ihr euch auch noch den Song I Don’t Know Her anhören, mit dem Video zu Tummy Ache könntet ihr euch noch näher an die Band herantasten. Nach ein paar Durchläufen bin ich jedenfalls total hin und weg, da mich das irgendwie an eine Mischung aus The Anniversary und der deutschen Band Ohios Favorite erinnert.


Employed To Serve – „The Warmth Of A Dying Sun“ (Holy Roar Records/AL!VE) [Stream]
Ich liebe solch apokalyptische Albumtitel! Diese vermitteln direkt, wo es musikalisch wohl langgehen wird. Im Falle des zweiten Albums der Band aus Woking/UK dürfte der Abgrund nicht mehr weit sein, in den ihr nach dem Hörgenuss fallen könntet. Düster und heftig kriechen die Gitarren aus den Lautsprechern, kräftig und mächtig bolzt das Schlagzeug Kerben in eure Gehörgänge, dazu brüllt sich die Sängerin den Hals klötzchenweise blutig. Die Jobs, in welchen sie und ihre Bandkumpanen tagsüber so arbeiten, dürften sicherlich dazu beigetragen haben, dass die zehn Songs so ultrabrutal angepisst klingen. Ihr kennt das sicher auch: da kommt man völlig fertig von einem beschissenen Tag heim und will nur entspannen. Zuhause läuft es aber auch nicht besser: Wohnung steht unter Wasser, es wurde eingebrochen oder man hat keine Internetverbindung. Dann hilft eigentlich nur eines: entweder man macht selbst Musik, die in die Richtung des Quintetts geht, oder man legt diese Scheibe hier auf und findet sich in Gedanken wieder, die sich darum drehen, ob man sein passives Dasein voller Stagnation wehrlos hinnehmen will oder endlich mal aus sich rausgeht und für das kämpft, was einem wichtig ist. Diese Band zeigt uns jedenfalls, dass man mit viel Wille und Kraft etwas auf die Reihe bekommt, von dem so mancher Erdenbewohner noch nicht mal was mitbekommen hat.


Gnarwolves – „Outsiders“ (Big Scary Monsters) [Stream]
Es klingt zwar doof, aber eigentlich ist das hier genau das, was mir bei den Gnarwolves aus Brighton/UK als erstes in den Sinn kommt: Hier weiß man in der Regel, was man zu erwarten hat. Nämlich schnellen melodischen Hardcore-Punk, der etwas näher am Melody-Punk dran ist, aber bei dem man noch genügend Schrammen abkriegt, weil man mit dem Sound im Ohr und auf dem Skateboard stehend meint, dass man immer noch 15 Jahre alt wäre und der eigene Körper eigentlich aus reiner Kautschuk-Masse bestehen würde, die allen Stürzen standhält. Autsch! Zehn Songs. Fans von neueren Lifetime, Good Riddance, Grey Area, Dillinger Four oder Blacktrain Jack dürften bei den Gnarwolves Pippi in die Augen bekommen. Mein Anspieltipp: Paint Me A Martyr.


The Heads Are Zeros – „Selftitled“ (DIY) [Stream]
Zwölf Songs sind auf dem Debut-Album dieser noch nicht so bekannten Band aus Baltimore zu hören. Bisher wurden zwei EPs veröffentlicht und der Laufzeit dieses Albums von gerade mal 23 Minuten nach würde man das hier in Post-Rock-Kreisen mit Sicherheit als eine etwas zu lange geratene Single bezeichnen. Wenn ihr auf totales Grind-Massaker mit keifender Frau am Mikro abfahrt, dann seid ihr hier genau richtig. Die Gitarren schrubben wie wahnsinnig, der Drummer wird wahrscheinlich nachts noch von Napalm Death-Live-Videos verfolgt. Kommt geil. Für Fans von Botch, Dillinger Escape Plan oder Converge. Das hier würde ich mir gern live reinziehen!


Worth – „Lacus“ (DIY Cat Life Records) [Name Your Price Download]
Bevor ich jetzt mit meinem nicht vorhandenen großen Latinum angebe, spanne ich euch nicht länger auf die Folter: der EP-Titel stammt nämlich aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie See, Gewässer oder Wasser. Ja, diese Übersetzung könnte passen, das liebevoll besiebdruckte Coverartwork bestärkt mich jedenfalls in der gegoogelten Bedeutung des Wortes Lacus. Die fünf Jungs aus Bonn haben sich mit ihrer ersten EP jedenfalls viel Mühe gegeben. Das ganze wurde in Eigenregie gestemmt, die EP wurde klassisch im Proberaum engeprügelt und ist in einer kleinen Auflage entweder als Tape oder als CD erhältlich. Mir liegt die CD vor, deren Label ebenfalls mit einem schönen schwarz-weißen Siebdruck beklebt ist, zudem gibts das Ganze zum Name Your Price Download auf der Bandcamp-Seite der Band. Schade, dass kein Textblatt beiliegt, aber die Texte der fünf Songs lassen sich wenigstens auf Bandcamp nachlesen. Nun, vom Sound her gefallen mir die fünf Bonner recht gut, auch wenn die Mischung aus Post-Hardcore, Melodic Hardcore, Punk und Emo keine außergewöhnlichen Überraschungen an Bord hat. Ich meine, solch einen ähnlichen Sound vor Jahren mal für die Seite Borderline Fuckup besprochen zu haben. Ja doch, On Elegance aus der Schweiz klangen ähnlich. Das soll jetzt aber nichts abwerten, denn das Songwriting ist in sich stimmig, es gibt immer wieder Parts die aufhorchen lassen und sofort ins Ohr gehen. Hier seien z.B. die mehrstimmigen Chöre und die melancholisch gespielten Gitarren genannt, die von flächig gespielten Melodic Hardcore-Gitarren bis hin zum leise verspielten Emopart schön abwechslungsreich sind. Und klar, der Sänger leidet auch ganz schön intensiv. Und zwischendurch gibts bei Amisk einen vertrackten Refused/Abhinanda-mäßigen Break-Part. Als Anspieltipp empfehle ich gerade das Titelstück Lacus/IV, denn in diesem Song zeigt die Band ihr ganzes Spektrum. Mir gefällt v.a. der rohe und noch nicht so glattgeschliffene Sound, da ist noch genügend Biss und Rotze dabei. Leute, die sich eine Mischung aus Touché Amore, As Friends Rust und Trembling Hands vorstellen können, sollten hier unbedingt mal reinhorchen.


 

Fake Off – „Boréal“ (Dingleberry Records u.a.)

Es ist gar nicht mal allzu lange her, als ich auf einer meiner Bandcamp-Surfeskapaden auf diese mir bis dahin unbekannte Band aus Lille/Frankreich stieß. Nachdem ich erstmal gierig vom Name Your Price Download Gebrauch nahm und mir alle drei Releases der Franzosen auf die Festplatte zippte, entdeckte ich die Vielzahl an Labels, die an dieser neuen EP beteiligt sind. Und siehe da, die Chancen standen gar nicht schlecht, mit dieser schicken 12inch physisch bemustert zu werden, da mit Dingleberry Records und koepfen gleich zwei nette Labels am Start sind, die regelmäßig Vinyl rumschicken. Insgeheim inständig hoffen klappt ja manchmal ganz gut, denn prompt lächelt mir das düster aber edel wirkende Albumcover beim Auspacken des letzten Plattenpakets aus dem Hause Dingleberry Records entgegen. Luftsprung! In solchen Momenten wird mir dann immer ganz schön warm ums Herz. Nun, neben den eben erwähnten Labels sind noch Backpack Records, BG Records, Dirty Slap Records, Don’t Trust The Hype Records, Emergence Records, I For Us Records, Inhumano Discos, KROD Records, Lonely Voyage Records und Mustard Mustache Records am Release beteiligt.

Und jetzt, beim Betrachten des Artworks auf Front-und Backcover wird das Zusammenspiel des EP-Titels und der Songtitel klarer. Bisher war mir Boreal nur als Begriff aus der Erdgeschichte im Zeitabschnitt des Holozäns geläufig. Aber wenn man erstmal bei Wikipedia stöbert, stößt man auf weitere Bedeutungen des Begriffs und erfährt auch vom borealen Nadelwald (Taiga), vom borealen Klima (Arktik) oder vom borealen Schild (Ökoregion in Kanada), so dass die Songtitel mitsamt den einfach gehaltenen skizzenhaften Zeichnungen langsam einen Sinn ergeben, zumal sich ein Blick ins Textblatt ebenfalls lohnt und sich ein gewisses Konzept erkennen lässt. Die fünf Songs tragen allesamt Namen, die mit verschiedenen Vegetationszonen im Zusammenhang stehen. Während des Hörens überlege ich, ob sich diese Vegetationszonen evtl. in den letzten Jahrzehnten durch umweltschädigende Einflüsse bzw. dem Klimawandel stark verändert haben. Jedenfalls sind die genreunüblichen Texte bildhaft und poetisch anmutend zugleich, zudem lassen sie reichlich Raum für Interpretationen, so dass man neben dem musikalischen Genuss die vielen Puzzleteile im Gehirn rotieren lassen kann. Und um dem Ganzen noch mehr Tiefe zu geben: das durchsichtige Vinyl mit den pinken Sprengseln hat auch irgendwie etwas erdgeschichtliches an sich.

So, aber jetzt endlich mal noch kurz zur Musik, denn diese ist ja der eigentliche Grund meiner Begeisterung. Knapp 18 Minuten dauern die fünf Songs. Wie? Nach drei Durchläufen soll wirklich schon knapp eine Stunde vergangen sein? Wie schön wäre es doch, wenn die Zeit auf der geliebten Arbeit so schnell vergehen würde! Aber Fake Off machen auf diesen fünf Songs auch alles richtig: fett klingende Produktion, die aber trotzdem authentisch, wütend, leidend und mit ganz viel Seele rüberkommt. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore mit emotive Screamo sind auch etliche Modern Hardcore und Melodic Hardcore-Passagen  mit an Bord, so dass man beim Hören einen Mischmasch aus Bands wie Shai Hulud, Aussitot Mort, State Faults, With Honor oder We Never Learned To Live im Ohr hat. Hört da unbedingt rein, es lohnt sich!

8/10

Facebook / Bandcamp / Dingleberry Records


 

Bandsalat: Belka, Gli Altri, Hafensaengers, The History Of Colour TV, King Slender, Mira, The Smith Street Band, Time As A Color

Belka – „Ermitage“ (DIY) [Name Your Price Download]
Diese erste, zum Name Your Price Download bereitstehende EP der Hamburger Band Belka wird wohl im Laufe des Jahres auch noch auf Vinyl veröffentlicht. Ja, bitte doch! Denn was die vier Herren, die zuvor in Bands wie Reasonist, Snakes & Lions (bzw. jetzt Shakers), Moro und See More Glass mitwirkten da fabrizieren, hat sehr viel Potenzial. Die sieben Songs sind schön satt abgemischt, die Songstrukturen wirken ausgefeilt und abwechslungsreich und was das wichtigste ist: die Seele stimmt. Die Gitarren braten auf der einen Seite scharf nach vorn, auf der anderen Seite kommen immer wieder gewisse melancholischen Momente zur Geltung, was nicht zuletzt auch noch vom herzzerreißenden Geschrei  von Sänger Dominik und den ab und zu auftretenden Gangshouts untermalt wird. Zwischen mitreißendem Post-Hardcore und emotive Screamo fahren die Gitarren auch mal einen Gang zurück und klingen fast gar postrockig. Klar, die Vorbilder dürften mit Bands wie Touché Amore oder La Dispute schnell gefunden sein, aber hier stimmt einfach das Gefühl. Beim Song Forellenzucht zeigt das Quartett, dass der Sound auch mit deutschen Texten hervorragend klappt, überhaupt sind die persönlichen Texte alles andere als oberflächlich. Als Anspieltipps empfehle ich die Songs Needles und Tristan Da Cunha oder ganz einfach die ganze EP!


Gli Altri – „Prati, Ombre, Monoliti“ (Dingleberry Records) [Name Your Price Download]
Diese fünf Herren kommen aus dem malerischen Städtchen Savona/Italien und machen ganz schön abgefahrene aber intensive Musik, die sich zwischen Emo, Post-Rock, Post-Hardcore und Screamo einpendelt. Gitarre & Bass + Schlagzeug, sehr geil produziert, dazu noch eindringlicher Gesang. Jetzt kommt etwas, für das ich mich absolut hasse. Ich liste im folgenden alle am Release beteiligten Labels auf, ohne dass ich sie verlinke, zudem ist dann nicht mehr viel Platz, um die geile Mucke der Italiener anzupreisen. Klickt auf Play, es lohnt sich! Also, hier mal die Labels:  Burning Bungalow, Lanterna Pirata, DreaminGorilla Records, Salterò Autoproduzioni, Scatti Vorticosi,  QSQDR, Smartz Records, Annoying Records, Taxi Driver Records, Vollmer Industries, É un Brutto Posto dove Vivere, CSA Next Emerson, Toten Schwan Records, Omoallumato Distro,  Messaggi/ERF, Strigide Records, Insonnia Lunare Records,  Greenfog Records,  Minoranza Autoproduzioni,  Screamore, Santavalvola Records, Brigante Records & Productions, Più Amici Meno Storie Records, Unbending Records,  Guglielmo Pendio Records,  Sound Town, Gustosissimo Records,  Bus Stop Press,  Mellow Club Distro, Wild Collective, Dingleberry Records , Ancient Injury Records, Rubaiyat Records,  Boripunk Asso,  Entes Anomicos, Désertion Records,  Ruffmo Records, The Screever Zine. Puh!


Hafensaengers – „Selftitled“ (DIY/Tunecore) [Video]
Als Nebenprojekt von Leuten der Bands Light Your Anchor und Coyotes wurde das gestartet, was nun den Namen Hafensaengers trägt. Auch wenn die Jungs in deutscher Sprache singen, erinnert der Sound an diesen Jahrtausendwenden-Hardcore mit Bands wie Grade oder alten Hot Water Music. Gefällt zumindest instrumental eigentlich ganz gut, allerdings ist der Gesang etwas zu sehr in den Vordergrund gemischt und an manchen Stellen klingt es, als ob ein paar Ableton-Effekte draufgeknallt wurden.


The History Of Colour TV – „Something Like Eternity“ (Cranes Records / Weird Books) [Stream]
Von manchen Bands erfährt man nur durch irgendwelche Promo-Anfragen, so auch im Falle dieses Trios aus Berlin, welches bereits seit 2010 existiert und schon zwei Alben und einige EP’s veröffentlicht hat, von denen ich bisher noch nix mitbekommen habe.  Diese elf Songs wurden irgendwann im Frühjahr 2016 mit Produzent Peter Deimel (Shellac, The Wedding Present) in Frankreich im legendären Black Box Recording Studio eingespielt und kaum ein Jahr später erscheinen die Songs sogar auf Vinyl in Form einer Doppel 12inch, die mir aber leider nur als Downloadbemusterung vorliegt. Denn der Sound der Berliner dürfte auf Vinyl seine ganze Schönheit entfalten. Zwischen gitarrenorientiertem Emocore, Post-Rock, Noise, Shoegaze, Indie und sogar etwas Drone bewegen sich die elf Stücke eher laid back, wissen aber durch entzückend gespielte Gitarren und dynamische Steigerung zu überzeugen. Dabei kommt den Songs zugute, dass sie live eingespielt wurden. In manchen Passagen kann man sich richtig verlieren, so eindringlich treten die Gitarren, das Schlagzeug, der etwas knarzende Bass und die weinerlich klingenden Vocals in Aktion. Da kommen dann so Bands wie Sunny Day Real Estate, The Close oder Pussybox in den Sinn, im Pressetext werden auch noch Radiohead und Sonic Youth als Vergleiche angeführt. Die Songs Broken Trip oder Wreck eignen sich perfekt, um vom Sound der Berliner angefixt zu werden, checkt das also an!


King Slender – „Selftitled“ (Parking Lot Records) [Name Your Price Download]
Bisherige bzw. aktuelle Mitglieder der Bands Carved Up, The Minor Times, The Sea The Sea, Nationale, Five Stars For Failure, Fighter Hayabusa und The Ideamen stecken hinter King Slender. Dass die Jungs schon reichlich an Banderfahrung gesammelt haben, kann man auf diesen ersten drei Songs zweifelsohne hören. Ihr bekommt jedenfalls genial treibenden Hardcore mit einer ordentlichen Portion Dreck und mit Versatzstücken von Emocore, Indie, Noise, Punk und Post-Hardcore auf die Ohren, dabei schreit sich der angepisste Sänger wütend in Ekstase. Daran könnten Menschen eine Freude haben, die Bands wie Comadre oder Battle Of Wolf 359 zu ihren Faves zählen. Ich steh jedenfalls drauf!


Mira – „Selftitled“ (mum says: be polite rec.) [Name Your Price Download]
Es ist noch gar nicht lange her, dass They Sleep We Live und Fljora das Zeitliche gesegnet haben. Dass die Auflösung beider Bands jeweils einen sehr großen Verlust darstellt, habe sicher nicht nur ich bemerkt. Nun, jeder Verlust, jedes Ableben, so traurig es auch für Angehörige oder Freunde sein mag, schafft auch neues Leben, das wiederum das Zeug dazu haben kann, uns zu glücklichen und ausgefüllten Menschen zu machen und das den Schmerz des Verlustes langsam verblassen lassen kann. Obwohl in den drei Songs auf diesem Release die melancholische und verzweifelte Seite mehr Tragweite zu haben scheint, zaubert die Musik und das ganze Drumherum neben der Gänsehaut auch ein befreiendes Lächeln ins Gesicht, hier stimmt einfach alles. Naja, außer vielleicht die kurze Spielzeit und der blöde Gesichtsausdruck, wenn man die 7inch aus dem Karton rausfischen will und ins Leere greift und dann „nur“ eine CD zum Vorschein kommt. Mogelpackung? Nee, mit Sicherheit nicht! Denn wenn man den von allen Seiten linolbedruckten dicken Karton aus der PVC-Hülle gefriemelt hat und im Inneren noch die Texte vorfindet, die ebenfalls gesiebdruckt und wie ein kleines Büchlein reingetackert sind, dann kriegt man schier den Mund nicht mehr zu. Und dann erst fällt eigentlich erst die CD ins Auge, die ebenfalls besiebdruckt ist und sich perfekt ins restliche Sternbild-Artwork integriert und auf eine Art Filzgleiter geploppt ist. Wie das Licht eines toten Sternbilds kitzelt Dich dann diese Musik an Stellen, an die sonst niemand ran darf. So fühlt sich 90’s Emo an, yeah! Roh, intensiv, zerbrechlich! Hier sind übrigens Leute der oben bereits erwähnten Bands am Start, zudem kennt man einige Bandmitglieder von Bands wie Manku Kapak und Ilill.


The Smith Street Band – „More Scared Of You Than You Are Of Me“ (Uncle M) [Stream]
Hach, wie ich mir doch den Sommer herbeisehne, wenn ich diese herzzerreißenden zwölf Songs des mittlerweile vierten Albums der australischen Punk/Emo/Indie-Band The Smith Street Band anhöre. Kraftvoller Gesang, der sich nicht darum schert, wenn mal nicht exakt der Ton getroffen wird, dazu Gitarren, die einerseits verträumte Melodien zum Besten geben und auf der anderen Seite aber trotzdem die Beinchen rhythmisch im Takt auf den Boden tröppeln lassen. Und dieser Bass, der unabhängig vom Rest der Band zu sein scheint und unerwartet stimmig dazu beiträgt, dass der Gesamtsound so rund klingt. Jack Shirley ist mal wieder für diese satte und lebendige Produktion verantwortlich. Geil auch, dass ab und zu Frauenchöre bzw. Frauenstimmen den nöligen Gesang des Sängers etwas aufpeppen. Hach, wie soll man diesen Sound zwischen Lebensfreude, Melancholie und Energie bloß beschreiben? Stellt euch vor, die Smashing Pumpkins (zur Siamese Dreaming-Phase) covern (ohne vorher Dope geraucht zu haben) Algernon Cadwallader-Songs und haben noch dazu diesen übriggebliebenen Typen von Nirvana (jetzt Foo Fighters) am Schlagzeug. Sehr schön!


Time As A Color – „X“ (Time As A Color) [Stream]
Gleich zwei Ereignisse werden mit diesem geilen Sampler gefeiert. Zum einen ist das der zehnjährige Geburtstag des Labels, zum anderen ist dieses Release die fünfzigste Veröffentlichung! Clap Your Hands And Say Yeah! Verbeugung und Gratulation! So geht DIY! Wenn ihr euch einen Überblick von den Bands machen wollt, die bisher auf time as a color veröffentlicht haben, dann ist dieses Release eine perfekte Gelegenheit dafür, wenn es auch unter den bisherigen 49 Veröffentlichungen etliches mehr zu entdecken gibt. Jedenfalls sind alle neun Songs bisher unveröffentlicht. Und das hier ist drauf: Carson Wells, Nebraska, Bail, Coma Regalia, Lorraine, Duct Hearts, Kumulus, Terraformer und ein live dargebotener Song von Grand Détour. Und wahrscheinlich ist es für euch knauserigen Geizhälse sicher eine Freude, den Big Anniversary Sale des Labels zu nutzen und ein paar Schmankerl zu erhaschen. Schlagt zu und unterstützt lieber kleine Herzblut-Labels wie time as a color bevor ihr beim Shit-Record-Store-Day für irgendwelche billig und lieblos produzierte Grütze Unsummen an Kohle rausschleudert. In diesem Sinne, Happy Birthday!


 

Bandsalat: AYS, Decibelles, Heim, Il Mare Di Ross, Mobina Galore, Start A Fire, Tides, Witness

AYS – „Worlds Unknown“ (End Hits Records) [Stream]
Es liegt an Veröffentlichungen wie der neuen Miozän-Scheibe oder Zeugs wie diesem hier, die Deutschland in Sachen Hardcore im Jahr 2017 Back On The Map bringen und selbst mich dazu anstiften, nervös zappelnd einen Live-Moshpit herbeizusehnen. AYS sind ja längst keine Unbekannten mehr, sie tingeln mittlerweile auch schon wieder seit 15 Jahren unermüdlich durch die Lande, unglaublich. Und diese Live-Präsenz, die sich zuletzt sogar auf Länder wie China, Indonesien, Malaysia und Singapur ausweitete, macht sich auf Worlds Unknown deutlich hörbar, inhaltlich wie musikalisch. Nach einem asiatisch angehauchten Intro klatscht Dir erst mal die brachiale Wucht des Openers die Emobrille von der Nase. Das Ding zerstört atompilzmäßig! Nach diesen zarten Intro-Klängen wird man unerwartet brutal mit fetten Drums und ultraderben Gitarren, die sofort mit dem wuterfüllten Gekeife von Sänger Schommer begleitet werden, an die Wand gedrückt. Die Lyrics handeln von Eindrücken und Gefühlen, die Schommer während einer Asien-Tour beschäftigt haben. Schade, die Texte hätte ich gern gelesen, aber leider war das nur eine Downloadbemusterung. Das Artwork kommt im 12inch-Format sicher auch geil. Jedenfalls Hammer! Dieser schleppende, im Midtempo angesiedelte Sound hat soviel Power an Bord, dass man schon nach dem ersten Song nostalgische Sternchen vor Augen hat und unweigerlich an Bands wie Strife (Frühphase), die metallastigen Cro-Mags (Best Wishes und so), Snapcase, Biohazard, härtere Life Of Agony, Path Of Resistance (die Victory Band), die Stuttgarter Band Sidekick (RIP – deren Sänger Jogges – mittlerweile Empowerment – hat übrigens auch einen Gastauftritt) oder auch neuere Bands wie Time’s Tide denken muss. Fuck, diese 12 Songs zerstören einfach alles und sind so genial, dass ich schon endlose Sätze mit Klammern schreibe. Bevor das hier in ner mathematischen Formel ausartet, solltet ihr dieses Hammerding unbedingt anchecken und der Band anschließend einen Besuch bei einer ihrer nächsten Shows abstatten!


Decibelles – „Tight“ (Kidnap Music) [Stream]
Obwohl die Decibelles auch schon wieder seit Bandgründung zwölf Jährchen auf dem Buckel haben, wurde ich erst vor kurzem auf die drei Damen aus Lyon aufmerksam und staunte nicht schlecht, als ich aufgrund der Promo-Meldung von Rookie Records bezüglich eines neuen Signings des Labels Kidnap-Music ein paar auf Youtube zur Verfügung stehende Videos der Decibelles betrachtete. Und kaum ein paar Monate später trudelt auch schon das neue Album Tight als Vorab-Promo-CD hier ein. CD in den Schacht und auf Play gedrückt, wird man auch schon direkt von diesen Songs in Beschlag genommen. Die zappelige Mischung aus Post-Punk, Noise und etwas Indie-Punk klingt äußerst charmant, obwohl stellenweise reichlich Wut, Power und Rotzigkeit im Sound der Französinnen an die Oberfläche schwappt. V.a. der Bass bröselt ordentlich, die Schlagzeugerin hat coole abgedrehte Moves und Rhythmen drauf und die Gitarre schrammelt ungehemmt, während der Gesang schön Riot-Grrrl behaftet ist. Auf der einen Seite sind also diese sperrig-noisigen Passagen, die mit zappeligen Rhythmen um die Ecke kommen, auf der anderen Seite kommen aber auch fast poppige und shoegaze-affine Züge mit rein, da wird sogar zuckersüß gesungen (z.B. das geniale Super Fish oder der Ohrwurm All Wet), aber auch schön gekreischt (Yeux Secs, Sick As Shit). Stellt euch eine Mischung aus Sleater-Kinney, frühen Le Tigre, frühen Lush, Primus, X-Ray-Spex, etwas At The Drive-In und  Shellac vor, das kommt so ungefähr hin. Die Decibelles sollen laut Presseinfo live übrigens richtig geil sein, nicht umsonst haben keine geringeren als die eben genannten Shellac die Band als Support für einige Shows der kommenden Europa-Tour eingeladen.


Heim – „Palm Beach“ (Tapete Records) [Stream]
Verdammt! Neulich kam eine lieb geschriebene Anfrage aus dem Hause Tapete Records in das elektronische Postfach geflattert, die neben einem Downloadlink dieses Albums auch noch auf eine Show der Band bei mir um die Ecke hinwies. Verdammt deshalb, da ich an diesem Abend verhindert war und leider nicht hingehen konnte. Ein wenig mit Tapete Records hin und hergeschrieben kam dann just an dem Tag des Konzerts die CD mit der analogen Post ins Haus geflattert und um mich zu quälen, legte ich die CD dann dooferweise auch noch direkt in den Schacht. So bitter! Denn Heim klingen auf Palm Beach so lebendig, dass man sich ausmalen kann, wie geil ein Konzert der drei aus irgendwelchen Käffern der bayerischen Provinz stammenden Slacker-Typen wohl sein könnte. Dass die acht Songs des Albums live eingespielt wurden, das kann man direkt fühlen. Erstmal sind da diese Gitarren, die alles in Grund und Boden rocken, dabei aber so verdammt gefühlvoll rüber kommen. Mal gehen sie fuzzy ab, dann schwirren sie Dir wie verliebt tänzelnde Schmetterlinge um die Ohren, um Dir im nächsten Moment die volle Breitseite zu geben. Das mit viel Crashbecken gespielte Schlagzeug und der knarzende Bass sorgt für den nötigen Noise-Faktor, der sich oftmals psychotisch ins Hirn hämmert. Und dann sind da noch die deutschen Texte, die mal gesungen und mal derb geschrien vorgetragen werden. Stellt euch vor, Dinosaur Jr., Shellac und Pavement jammen mit The Jesus Lizard und Drive Like Jehu, dazu holen sie sich noch ’nen Sänger, der wie eine durch einen Touch And Go Records-Filter gejagte Mischung aus dem Tele-Sänger und Udo Lindenberg klingt und zudem noch derbe schreien kann. Sehr sehr geil also. Mein Tipp: bestellt euch die Platte und packt Songs wie Das Alte Versteck oder Nicht Mehr Da auf euer nächstes Mixtape!


nullIl Mare Di Ross – „Nulla è per sempre neppure l’inverno“ (Dingleberry u.a.) [Stream]
Die Digi-Pack-CD kommt im schönen DIY-Papp-Stil mit eingestecktem Hochglanz-Booklet, die CD in Vinyloptik rundet das ästhetische Gesamtbild entsprechend ab. Denn im Booklet finden sich neben komplett schwarzen Seiten schön düstere schwarz-weiß-Fotografien, zudem sind die italienischen Texte nachzulesen. Allerdings ohne englische Übersetzung, was das ganze natürlich spannend macht, wenn man italienische Sprache nur im Zusammenhang mit Pizza gewohnt ist. Ich schließe mal aufgrund der düsteren Grundstimmung, dass die Textinhalte sich dem Gesamtbild anpassen. Der Sänger speit Gift und Galle, erstickt fast an seiner Verzweiflung, so dass man sich auch ab und an an ruhigeren Post-Rock-Passagen erfreuen kann, bevor wieder das Chaos ausbricht und die ganze Schwere der Musik aufs Gemüt drückt. Seit dem Split Tape mit Riten und Aperture (was machen die eigentlich?) haben die fünf Sardinier deutlich mehr Post-Hardcore/Post-Rock-Klänge in ihrem Sound verarbeitet. Würd ich gern mal live sehen!


Mobina Galore – „Feeling Disconnected“ (Gunner Records) [Stream]
Ich weiß nicht, woran es gelegen hat, dass ich das kanadische Duo bisher komplett ignoriert habe. Dementsprechend war ich positiv überrascht, als Feeling Disconnected per vorab-Promo-CD im Briefkasten lag und ich gespannt diesen verdammt intensiven zehn Ohrwurm-Hymnen lauschte, die dazu noch die nötige Portion Biss und Power im Gepäck haben. Auf der einen Seite sind diese eingängigen Hooks mit perfekt geschrammelten Gitarren und hymnenhaften Vocals, auf der anderen Seite hat das ganze noch genügend Rotze. Die insgesamt zehn Songs lassen keinerlei Langeweile aufkommen. Das ist eigentlich Wahnsinn, da hier ja nur Gesang, Schlagzeug und Gitarre zu hören ist. Laut Presseinfo handelt es sich bei Feeling Disconnected um eine Art loses Konzeptalbum, da die Songs sich allesamt mit dem Thema Trennung beschäftigen. Arschtretend und eingängig zugleich, das müsst ihr euch unbedingt mal anhören!


Start A Fire – „Schattenjagd“ (Twisted Chords) [Stream]
Dass Start A Fire eine Vorliebe für selbst gedrehte Musikvideos haben, lässt sich kaum verheimlichen. Zum neuen Album gab es deshalb im Vorfeld gleich drei neue Videos zu sehen. Ich bin gespannt, wann der Zeitpunkt kommt, an welchem die Jungs ein komplettes Album im Videoformat rausbringen, das wäre doch mal eine Überlegung wert. Die andere Leidenschaft, die die Band zu haben scheint, ist deutsche Lyrik. Nun, neulich zockten die Jungs im JuHa um die Ecke, weshalb ich das Angebot des Labels auf einen Gästelisten-Platz als alte asoziale Punkerzecke natürlich gern in Anspruch nahm, auch wenn man am Einlass dann doch peinlich berührt ist, dass der Eintrittspreis für 3 Bands gerade mal 4 Euro beträgt. Naja, egal. Dieser nette Abend mit vielen altbekannten Gesichtern begann mit Vorglühen wie in alten JuHa-Zeiten und entwickelte daher von Anfang an eine gewisse feuchtfröhliche Stimmung. Die Kohle, die beim Eintritt gespart wurde, ging also im Laufe des Abends für die zwei Kaltgetränke mehr drauf, die letzlich das Fass zum Überlaufen brachte und die dann dafür verantwortlich waren, dass ich anstelle mit dem Fahrrad heimzuradeln die Mitfahrgelegenheit eines Kumpels in Anspruch nahm und dadurch die letzten 3 Songs von SAF verpasste, aber wenigstens heil nach Hause kam. Nun, ich erwähnte es bereits im Review zur Mein Name ist Bedauern, dass Gitarrist Sebastian und meine Wenigkeit vor Jahrzehnten zusammen musikalisch aktiv waren und sich Sebastians technische Fähigkeiten im Vergleich zu den damaligen Kellercombo-Aktivitäten deutlich verbessert haben. Erstaunt war ich auch, als ich gerade dieses ellenlange Review zum Mein Name ist Bedauern-Album durchgelesen habe, das ich einst für Borderline Fuckup schrieb.  Aber eigentlich ist diesem Text in Bezug auf das neue Album nichts mehr hinzuzufügen, außer dass mir auf diesem Album irgendwie die Kreischeinlangen von Ex-Basserin Pana fehlen. Dafür dürfte der Gastauftritt vom WIZO-Sänger Axel beim Song Täterschmiede Zaubertrank für etwas mehr Abwechslung im Gesangsbereich sorgen.


Tides! – „Celebrating A Mess“ (Midsummer Records) [Video]
Das einzige, was ich an dieser CD auszusetzen habe, ist, dass im Booklet lediglich der Text zum Song Signals Southwest abgedruckt ist. Aber das ist auch schon alles, denn Tides! aus Saarbrücken machen ganz genehmen melodischen Punkrock, der v.a. im instrumentalen Bereich zu überzeugen weiß. Das Zusammenspiel der melodischen Gitarren und dem warmem, aber trotzdem treibenden Bassspiel könnte nicht abgestimmter klingen. Der Sänger hat obendrein eine angenehme Stimme, auch wenn man sich ab und an wünscht, dass er etwas mehr aus sich rausgehen könnte. Aber diesen Wunsch vergisst man schnell wieder, sobald die mehrstimmigen Chöre einsetzen. Neun Songs sind auf der mit einem hübschen Albumartwork gestalteten Debutscheibe insgesamt enthalten und man kann schon sagen, dass sich diese neun Stücke bereits nach dem zweiten Durchgang im Gehör fest einnisten, so dass man direkt Lust bekommt, die Band mit einem Bier bewaffnet live zu begutachten. Musikalisch erinnert das dann an die im Booklet gegrüßten Bands wie Hell & Back, Irish Handcuffs und Resolutions, es kommen aber auch so Bands wie z.B. The Wonder Years in den Sinn. Hey, und bei Stay Warm Part II (schaut euch das Video an!) wird die Band auch noch von Philipp Dunkel (MNMNTS, Finding Faith, Homestayer) unterstützt. Runde Sache!


Witness – „Seasons“ (DIY) [Name Your Price Download]
Mit der ersten EP Trials & Tribulations konnten die Kölner bei mir schon punkten, nun ist die zweite EP der vier Jungs erschienen, diesmal in Form eines Tapes bzw. einer Digitalversion, die zum Name Your Price-Download zu haben ist. Und Witness machen genau da weiter, wo sie mit der letzten EP aufgehört haben und bieten mitreißenden, melodischen Hardcore-Punk mit ein paar Emo-Einflüssen. Großer Pluspunkt ist das ausgeklügelte Zusammenspiel von Gitarre/Bass. Das Ding ist gut produziert, die drei Songs strotzen vor Spielfreude und sind schön abwechslungsreich arrangiert, so dass keine Langeweile aufkommt. Kann man nur empfehlen, ist live sicherlich nett anzusehen!


 

Videosammlung: Dust Moth, Microwave, Die Negation, It’s Not Not, Slow Bloomer, Wake The Dead

Dust Moth hab ich neulich bei Bandcamp entdeckt. Abgesehen davon, dass das neue Album Scale durchaus seine Reize hat, solltet ihr euch erstmal von dem Video zu A Veil In Between hypnotisieren lassen.


Falls ihr das Hammeralbum Much Love der Band Microwave aus Atlanta noch nicht kennen solltet, dann wird es spätestens nach dem Genuss dieses sagenhaften Videos Zeit, endlich mal reinzuhören. Mit das beste Musikvideo, das man in letzter Zeit so sehen konnte.


Bei Die Negation musizieren ja Mitglieder der Bands Heaven Shall Burn und Zero Mentality zusammen. Der Clip zu Scheusal von Oldenburg macht jedenfalls neugierig auf das Debutalbum namens Herrschaft der Vernunft, das Mitte Mai erscheinen soll.


Wie bitte? Ganze neun Jahre nach dem letzten Release veröffentlichen It’s Not Not ein neues Album. Und die Band, die sich aus Leuten von Dies Irae, Tokyo Sex Destruction, Standstill und The Unfinished Sympathy zusammensetzt, hat es immer noch drauf!


Slow Bloomer aus Leipzig setzen sich aus Mitgliedern von Reason To Care und Continents zusammen und machen schön eingängigen Indie/Emo. Das Debut Nudity erscheint als Co-Release der Labels Miss The Stars, Through Love, Flood Floorshows, Koepfen und Midsummer.


Wer auf melodischen und energiegeladenen Hardcore steht, der sollte sich mal das neue Video der französischen Band Wake The Dead reinziehen. Geht gut ab!


 

Bandsalat: Apartments, Algae Bloom, Blowout, Clearer The Sky, Dead Koys, Fossa, Idle Threat, Ingrina

Apartments – „The Only Thing That Keeps Me Here“ (Never Meant Records) [Name Your Price Download]
Das Cover, naja. Schönes Haus, kann man sicher was draus machen. Aber warum musste das ausgerechnet auf’s Cover? Keine Frage, mich würde so ein Häuschen wahrscheinlich auch am Arsch der Welt gefangen halten. Proberaum in den Keller, Pizzaofen in den Garten, Totenkopf-Fahne auf’s Dach, Spießbürgertum im neuen Gewand.  Nun, die Band kommt aus Irland und klingt etwas nach dem Emo/Post-Hardcore-Zeug, das man um die Jahrtausendwende so häufig hören konnte. Schrammelige Gitarren, schön angepunkt und mit einem schrägen Sänger. Dürfte Leuten gefallen, die mit Bands wie Clairmel, Lockjaw oder Couch Potatoes was anfangen können. Mir gefällt’s jedenfalls.


Algae Bloom – „I am everyone I’ve ever met“ (Wolf Town DIY) [Name Your Price Download]
Beim Bandcamp-Surfen entdeckt, aufgrund des Artworks umgehend reingelauscht und direkt angefixt. Nach kurzer Recherche im Netz kann ich folgendes offenbaren: Hier sind zwei Typen am Start, der eine spielt Gitarre und schreit, der andere spielt stehend Schlagzeug und schreit auch ab und an. Mich wickeln hier v.a. die Gitarren um den Daumen, die völlig eigenständig Melodien aus dem Ärmel zaubern, die absolut zeitlos und atemberaubend sind. Dazu dann das Schlagzeug, das sich auf diese Melodien einlässt, da hat man direkt zwei Freunde vor Augen, die schon seit der Grundschule zusammen sind und bis jetzt durch dick und dünn gegangen sind.


Blowout – „No Beer, No Dad“ (DIY) [Stream]
Immer diese skrupellosen Kunststudenten, die zwar bei jeder Tierrechtsdemo dabei sind, aber dann doch die Nachbarskatze für obskure Albumcover missbrauchen. Vielleicht war das aber auch wieder mal der besoffene Papa, der sich in einem unbemerkten Moment das Smartphone irgendeines Bandmitglieds geschnappt hat und wild in der Gegend rumgeknipst hat. Und anschließend wundert man sich über die gespeicherten Bilder und denkt sich: wow, ein Albumcover. Was kann einem besseres passieren, man hat ja schließlich schon genug mit der Musik um die Ohren. Zuckersüss sein strengt an. Denn so klingt die Band aus Portland, Oregon. Melodische, schrammelige Gitarren, Frauengesang, tolle bombastische Chöre, treibendes Schlagzeug. Pop-Punk mit Biss, liegt irgendwo zwischen Algernon Cadwallader, den Pixies, Saves The Day und Beach Slang, aber in rotzig.


Clearer The Sky – „Held In Merciful Light“ (Wolf Town DIY u.a.) [Stream]
Da ist erstmal dieses instrumentale Intro, über das man weg muss, das dauert 3:38. Aber danach fängt man direkt an zu strahlen, wenn man auf emotive Hardcore steht, natürlich mit Elementen aus Post-Hardcore, Emo, Screamo, Post-Rock und Melodic Hardcore. Nicht unbedingt neu, aber gut gemacht, zudem aus Schottland, was ja auch eher unüblich ist. Abwechslungsreich, schöne Instrumentierung, bei der jedes Instrument auch den eigenen Freiraum bekommt. Und ein keifender Sänger. Mir gefallen v.a. die ruhigeren Passagen, die etwas an Bands wie We Never Learned To Live erinnern. Dass die Jungs dieses Jahr auch schon wieder zehnjähriges Bandjubiläum feiern, das kann man zweifelsohne hören.


Dead Koys – „Wehringhausen“ (Antikörper ) [Stream]
Das, was die Band aus Dortmund hier abliefert, gefällt mir echt mal richtig gut. Die sechs Songs müssen dafür nicht mal ganz durchlaufen, bereits beim zweiten Song weiß ich, dass ich das hier total mag und die restlichen Songs garantiert auch in die gleiche Kerbe schlagen. Und wie zu erwarten war, ist das auch letztendlich so. Melodic Punkrock trifft auf 90’s Emocore, die Gitarren flirren und rotieren, während der Gesang zwischen Damien/As Friends Rust und dem Samiam-Sänger pendelt. Reinhören tut hier garantiert nicht weh!


Fossa – „Selftitled“ (DIY) [Free Download]
Ich zitiere mal aus der Mail, die dieser Download-only-Anfrage beigefügt war: Fossa kommen aus Portsmouth, UK und setzen sich aus einer Menge Mitglieder von in Portsmouth bekannten Bands zusammen. Weil die Jungs gern Zeugs wie pg.99 und American Football mögen, gehen die drei Songs plus Intro natürlich in eine ähnliche Richtung. Zwischen Emo, Screamo und Post-Hardcore entdeckt man dann immer wieder Sachen, die man irgendwie schon mal gehört hat, die aber trotzdem ganz nett sind. So erinnert mich der Gesang bei Under The Rose irgendwie an Damien von As Friends Rust, während die Chöre bei I’ll Set Sail an Bands wie I Love Your Lifestyle erinnern.


Idle Threat – „Grown Tired“ (DIY) [Stream]
Bandcamp rockt manchmal schon die Bude. Diese Band hier aus Nashville hätte ich niemals gefunden, wenn ich gezielt nach einer bestimmten Rock-Band aus Nashville gesucht hätte. Am Albumcover kann es nicht gelegen sein. Und wenn die Band den Song Ghost als Referenz gewählt hätte, dann hätte ich ruckzuck weitergezappt. Die oldschooler unter euch denken jetzt bestimmt aufgrund des Bandnamens an Bands wie Minor Threat und Teen Idles. Denkt schön weiter, Idle Threat könnten eher im Melodic Hardcore-Milieu Gehör finden.


Ingrina – „Selftitled“ (DIY) [Name Your Price Download]
Was ist das für 1 Anfrage, um es mal ganz primitiv auszudrücken, harr harr. Die Band Ingrina aus Frankreich scheint nicht viel auf Marketing und Promogedöns zu geben. Zwei Zeilen reichen, um das erste 3-Song-Release schmackhaft zu machen. Die hab ich aber auch erst durchgelesen, nachdem ich den Audiolink ausgiebig angecheckt hatte. Die Franzosen gehen vorwiegend instrumental zur Sache, also auch eher wortkarg. Post-Hardcore, etwas Post-Rock ist ebenfalls mit von der Partie. Die Gitarren flirren schön, kommen auch ab und an düster und wummig, dennoch überwiegt der freundliche Grundton. Schade, dass der Gesang so in den Hintergrund gemischt wurde, mehr dominierender und deutlich herausstechender Gesang wär der Burner. Aber für’s erste Release ganz geil, reinhören ist Pflicht.